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fein- das bündnersein

Gut, ich hab’ immer noch Muskelkater von meiner Tourismus-Karriere. – Fazit: Wir Bündner trotten doch so vor uns hin wie ein Trainpferd, das weiss, dass der Trainsoldat schon weiss wohin, und dass der Hafer ja bereit steht und regelmässig vom Bund bezahlt wird. Wir sind halt geübt in der heiteren Gleichgültigkeit des Fortschreitens und Vergehens. Segantini hat uns das vorgemalt.

Es gibt so unheilbare Gemütskrankheiten wie das Bündnersein. Das ist ein eigener Topos. Da pocht einem einerseits diese kollektive Erzählung, der eingeimpfte Stolz in der Brust und anderseits dieses brandige Gefühl von Wir-Merken-halt-Nicht-Immer-alles.

So auch anfangs Dezember: die PUK des Bündner Parlaments hat festgestellt, dass der regionale Polizeikommandant beim Fall Quadroni einfach ein Wurschtli war, der mitgemacht hat. (und seine Einsatztruppe wie im Krimi mobilisierte). Und der kantonale Polizeikommandant hat dann auch nichts gemacht. –Aber erst eine emotionale Dok von SRF über den Whistle-Blower  mit Informationen, die man grösstenteils schon über ein Jahr wusste, hat dann was bewegt: „ Wenn ich das gewusst hätte…“ Auch Regierungsrat Parolini, der das immer wusste, hat vor einem Jahr so knirschend entschuldigend reagiert. Jeder hat eben seinen eigenen Gral.

…man gestaltet das Sein nach seinen Vorteilen, oder Vorurteilen.

Moderne Steinböcke sind Seinsböcke. Man gestaltet das Sein nach Seinen Vorteilen oder Vorurteilen. So Bündner-Bauunternehmermässig oder Regionalrichtermässig…Dazu haben wir diese überlebensfähige Illusion der Unverwundbarkeit, wahrscheinlich bei der Jagd emotionalisiert. Die anderen stecken wir einfach in die Psychiatrie. Und ja, die Behörden neigen dann dazu bei obselbigem durch beigängerisches Betragen auch den Rest des Volkes etwas zu manipulieren. Das Schulbeispiel ist die jahrzehntelange Bergbahn-Berichterstattung: „ Wir hatten wieder ein wunderbares Jahr. Nur letztes nicht.“

 

Unsere Methode der Weltaneignung ist simpel. Bringt der was? Kann man ihn ausweiden, zuerst noch abschiessen? Die realen Bewusstseinsströme werden von der täglichen SO-Information gelenkt. Dazu gibts Wanderwegtafeln, Hirschgeweihe, Bautafeln und Calanda-Bräu Billboards. Die ergeben dann unsere Konsenswolke. Das Wunder der Nebensächlichkeiten im Prozess der Verpöbelung ist gemeinsamkeitsfördernd, wenn auch manchmal begleitet von gedämpften Korruptionserscheinungen. Stärkt das soziale Bonding wie die gemeinsamen Sorgen um die Tageskarten-Preise oder die Hirschabschuss-Quote.

Wir pflegen doch diesen Steinbock-Pseudovitalismus, diese gepuderte Naivität mit dem unser Bergblick zu „Positivem“ angereichert wird. Gemessen an der Bedeutung der Dinge werden wir tagtäglich von einer Heimat-Presse weitgehend unverhältnismässig mit Kleinlichkeiten beschäftigt. Die hecheln dann auf den Fussspuren des Populären irgendwelchen lokalen Vorturnern nach. Die wiederum sind immer bemüht etwas für’s Schaufenster der Öffentlichkeit zu tun, während hinten im Laden die entscheidenden Transaktionen laufen…diese wiederum werden gerne durch diskreditieren, einschüchtern oder etwas Druck unter dem Deckel gehalten.

Unsere Methode der Weltaneignung ist simpel. Bringt der was? Kann man ihn ausweiden, zuerst noch abschiessen?

Dieses neumodische FOMO-Gefühl, fear of missing out, haben wir ja gottseidank nicht, wir haben selten das Gefühl etwas zu verpassen. Meist haben wir immer nur ein Fenster geöffnet auf dem Hirn-Computer. Genügt. Unsere Anhedonie –also die vordergründige Unfähigkeit für Freude– können wir ausleben – oder als Beizer und 3 Stern-Hotelier auch zelebrieren mit einer „tschera“– a Grind macha.

Und wenn dann immer mehr die Zwischensaison gähnt, und zwar mit offenem Mund, gähnt auch das Denken. Wir sind meist nicht die Typen, die sich fürs Spazierengehen wie Robert Walser („über das langsame Verstehen beim Spazierengehen“) eignen. Eher fürs Biken und Hiken. Aber selbst da, gäbe es da mitunter in unserer wunderschönen Landschaft auch Wege durch die Höhen und Farben hindurchzusehen oder zwischen den Zeilen der Wegbeschreibungen zu lesen. – Machen wir seltener.

Eigentlich haben wir dieses Hygge-Gefühl, also diese dänische Wohligkeit und das Lagom-Verhalten, diese schwedische Mässigung schon längst vorher erfunden und verinnerlicht. Nur waren wir zu faul um das auch noch zu vermarkten.

Dieses neumodische FOMO-Gefühl, fear of missing out, haben wir ja gottseidank nicht…

Nehmen Sie jetzt meine pejorativen Zuschreibungen nicht ganz so ernst. Wir sind in vielem auch extra-ordinär. Zum Beispiel im Immobilien-Porn. Ausserordentlich erfolgreich und ordinär. Das kommt wahrscheinlich davon, dass unsere Vorfahren alle Wilderer waren, die lebten nach dem Motto, dass Wildereien solange Rechtens seien, wie sie selber darüber wachen, dass sie keine Nachahmer finden.

Darum werden wir ab und zu von der WEKO besucht, und nun untersucht auch noch eine PUK, ein Extra-Auschuss, die Preisabsprachen bei Bauprojekt-Offerten.– Wir haben auch den Effort-Justification-Effekt dazu erfunden, die selbstgestrickte Begründung für einen erhöhten Aufwand: international der Ikea-Effekt. (Weil wir die Möbel selbst fluchend zusammen gebastelt haben, sind sie uns mehr wert.)

Eigentlich interessiert uns nur das Nacheinander von  Schneesportzeit, Januarloch, Higa, Bikezeit, Jagdzeit und Pilzzeit…So etwas Geordnetes muss sein im Zentrum unseres Gefühls-Kosmos.

Dazu müssen wir mit dieser Landflucht leben, diesem potenzialarmen Tsunami, der so überraschend über uns her kommt. Niemand sah das kommen. Die Ahnen hatten eben keine Ahnung. Deshalb haben wir seit rund 50 Jahren auch Entwicklungskonzepte für alle Regionen in allen möglichen Extensionen. Das gilt bei uns für jede noch so biraweiche Regionalförderungs-Politik. Die selbst geernteten Früchte schmecken einfach am besten. Eben dazu haben wir die staatliche Regionalprodukte-Vermarktung überdimensioniert aufgepumpt. Das alles nach dem doch religiösen Prinzip einiger Biker: „Ich will keine andere Marke als Scott.“

Wir wissen, dass wir nicht nicht leben können, als hätten wir drei Erden im Kofferraum. Deshalb haben wir einige hundert hausgemachte Konfis, viele Vermarktungsorganisationen, viel Käse und alle möglichen Würste. Ein Krachermoment in unsere Kantonsvermarktung. Und dann kommt so eine Quadroni-Sendung und macht uns zu uu-bösen.

„Regression zur Mitte“, wer hat’s erfunden? GR. Wenn etwas nicht mehr viel schlimmer werden kann, warte es ab, dann kann es nur noch besser werden.

Das alles kann man natürlich auch etwas farbenfroher formulieren. Aber wir sind sowieso zuvorderst in der Gemütlichkeitsrangliste. Wie Sie lesen, bin auch ich das lebende Gegenteil eines Motivationsspruchs. Ein Meme. Ein animiertes GIF gegen diese Beglückungsideen.

Dazu passt das Abendgebet unter uns Senioren: Oben klar und unten dicht, lieber Gott, mehr will ich nicht. Unser Himmel ist doch oft klar, und die Informanten dicht, mehr will ich nicht. – Jetzt steckt nur noch ein verlegenes Lächeln in meiner Luftröhre.

 

 

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