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Achtung workshop

Meinem Alter entsprechend ist es meine Art so sonderbare Momente zu sammeln und wie ein Eichhörnchen in der Seele zu horten…

Kürzlich war ich an einem Workshop der HTW Chur, es ging um ein Churer Kulturprojekt. Da hör’ ich aus einer Workshop-Ecke, genialisch euphorisiert: „Ja, STADT-ERLEBNIS, genau das Wort brauchen wir….“ Jaa, brauchen wir für die Politik-Behörde, das hörte man dann auch noch mehrfach:“ Jaaa, brauchen wir…einen LEUCHTTURM.“ So Betulichkeitswörter muss man kennen. Die punkten. „WERTSCHÖPFUNG“ oder gar „KOMPETENZZENTRUM“ und „DIGITALISIERUNG“ sind da auch rankingtauglich und wahlgewinnend.

Die junge Workshop-Leiterin (könnte meine Enkelin sein…) redet dann den ganzen Morgen von „Profil schärfen“, verzwergt den Nicht-Hochschul-Betriebswirt zu einem Wicht. Ihr Raster der Konzeptentwicklung musste genauso angewendet werden, wie sie es in ihrem Schualbüachli hatte. Sie intervenierte dann mit Verve um ihr Weltbild auch durchzusetzen. Wir Verlorenen. Was heisst: brauche die immergleichen Wörter: Kulturaffine Zielgruppe/ Erlebnistouristen/Innovation /Businessplan…

Sie wollen ja auch Mit-Strippenzieher werden bei all den mittanzenden Idioten und Lacksaugern.

 

Eigentlich hab ich ja null Bock auf diese Kopfwixerei der Fachhochschulen, ist ja ähnlich wie in den Fitness-Studios…Was wissenschaftlich aussieht, ist meistens Szientismus aber keine Wissenschaft.

Gut, man muss doch auf die jungen Stimmen hören. Sie wollen ja auch Mit-Strippenzieher werden bei all den mittanzenden Idioten und Lacksaugern. Was aber, wenn sie so alt tönen, als könnten sie unsere damaligen Professoren sein? – Heute tönen viele Jungakademiker wirklich so, so wie Ende der 60er, anfangs der 70er Jahre…

Zurück zu unserem workhop: nun zelebrierten die Zentralgestirne die Feinheiten eines workshops, als handle es sich um eine Hochamtsliturgie am Ostersonntag. So ist es: Unsere Enkel tönen wie unsere Eltern (einfach noch etwas pseudo-akademischer). Inzwischen haben zwar einige Reizwörter gewechselt, aber zum Beispiel das „USP“ (Alleinstellungsargument) brauchen sie immer noch wie die Wirtschaftswunderer. Heutzutage formuliert man krankhaft eins. Damals war man einfach ein USP. Die besten Umsetzer sind doch einfach die „Umsatzer“, weil sie kommerziellen Erfolg haben…Die Nase haben, was läuft. Was ich verkaufe, soll funken und flacken, beissen und brennen, spontan und spicy sein, überraschend und erhellend…wieso soll ich Esel erfinden, die in Löwenhaut rumspazieren?

Kommt jetz der Absatz, wo ich aus meiner Angry-old-Man-Alterssicht über den Zuviel-Wandel, die Traditionsfeindlichkeit des Nachwuchses sauertöpfisch missbilligend, das Change-Moment nicht mehr verstehen will…? (Nanai, Hauptsache gesund, nicht auf die Uhr schauen, nicht seufzen, die Mundwinkel nach oben ziehen)

Leider ist es umgekehrt: Akademiker-Rookies reden heute wie mein Professor an der HSG anno 1968. …Damals dachten wir vor dem Einschlummern …“gutso, wenn das für das Licenziat reicht, soll’s recht sein.“ Es war dann auch so: meine prämierte HSG-Diplomarbeit (ja ein bisschen fremdschämen muss schon sein) hatte 1971 Chur’s Marketing zum Thema. Fazit: Chur als Alpenstadt zu positionieren. – Gut das ging dann einfach etwa 30 Jahre bis man das umsetzte.

In jeder Peinlichkeit wohnt ja eine Erleuchtung inne, meinte schon Enzensberger.

Gleichentags die Abend-News: die Hochschulabschlüsse in der Schweiz haben sich von 2007 bis 2017 verdoppelt. Ab 2030 wird rund jede(r) Zweite 25 bis 64 Jährige eine Hochschule oder eine höhere Berufsbildung absolviert haben. – Guat, jetzt haben wir also viele solch clevere Jungschweizer***…(einige MINTS fehlen zwar) aber im grossen Ganzen haben wir immer mehr solche tolle junge Leute, die die Verhaltenskodexe gut kennen, den Koran (nein, nicht den religiösen) kennen…und ebenso mittelmässig ehrgeizig wie unbegabt sind.

Der Gruppendruck wird also stärker: dieses etwas dumpfe, pyramidale Abkopieren von Harvard, der London School of Economics, der HSG und am Schlusse der HTW Chur…das ist die Ernährungspyramide. Es scheint, dass man mittlerweile nur das vordenken muss, was so vorgelabbert wird. Und dies oft mit einer merklichen Kruste der Austrocknung, die sich auf ihrer langen Entfernung von der Quelle der Eingebung gebildet hat…

Man muss nur Marketingoberflächen kennen, kein Produktinneres. Denk nicht nach – denke vor…?? Gilt wohl nicht mehr?? Gut, in jeder Peinlichkeit wohnt ja eine Erleuchtung inne, meinte schon Enzensberger.

Soweitsogut, da kommt dann doch noch mein innerer Einwand: die performen aber alle viel besser als Deine Generation. Ihre Show ist bedeutend besser. Sie wissen genau wieviele Worte pro Chart… OK, seit Trump kenne wir den Backfire-Effekt. Nicht alles was Du weisst auch noch einbringen…(Wenn Fakten das Weltbild des Gegenübers in Frage stellen, ist es sogar kontraproduktiv, sie zu erwähnen.). Gut, immer Rechthabenmüssen zermürbt vielleicht auch…

Ja, ist wohl so: Mäandernde Wortströme werden beliebig im Ausbildungsmarkt kanalisiert, frei flottierende Allerwelts-Charts suchen Bildungssammlungen als Ankerplätze. Nur hat der Wert dieser Konzepte gar keine reale Deckung mehr. Diese lokalen „Hochschulen“ tummeln sich gerne im Hochpreissegment der Wünsche, flott flottierend bildungssegmentbefriedigend, staats- oder elternfinanziert, politiksedierend und innovationssimulierend und ersparen es ihren Professoren, ihr Mittelmass an internationalen Massstäben zu messen.

Diese dysfunktional gewordene Hochschul-Simulation hat dann so ihre flankierenden Auswüchse. Ein erfolgreicher Altstadt-Lädeli-Besitzer dozierte dann auch noch am workshop (So wissenschaftliche Grabräuber gehören auch dazu…:-) :„ Wie die Hochschule Luzern in einer Studie herausgefunden hat, wünschen sich 60 % der Touristen Lebensmittel als Souvenir nach Hause zu nehmen..“ Als ob er dies nicht schon vorher gewusst hätte. – Well, die Amerikaner haben uns schon in den 70ern beibrachten: überall wo’s etwas Schönes zu watchen gibt, musst du Burgers oder Hotdogs salen…Deshalb ist ihr weitgereister Präsi wohl so dick…da gibts wohl bald eine Korrelationsanalyse dazu.

Halt wieder so ein workshop an dem ein blinder Veganer mir erklärt, wie eine Bein-Wurst auszusehen hat….

Apropos (nicht nur bei Trump): Reflexionen sind heute nicht immer gefragt. Immer ein Schrittli rückwärts, denke dumfpwärts schal und fad, langweilig und uninspiriert einfach mit der etwas moderneren Innovations-Lap Umgebung…Da kann man sich doch toll anlehnen an diese Screen-Wände, oder wie heissts: „Hinfallen ist wie anlehnen, nur später.“

Am Schlusse des workshops kommt der O-Ton des sympathischen Wirtschaftsförderers in dieser banalen Üblichkeit: „ Wir haben heute viel gelernt…die Learnings sind beachtenswert.“ – Hat er vielleicht was über Kultur gelernt? Wohl kaum über Problemlösungen. Und schon gar nicht gemerkt was für eine absurde Multiplikation des Aufwands da mitfliesst. Um 3 Kulturprojekte zu evaluieren, haben rund 20 Leute steuerbezahlt einen Tag mit Nonsens verbracht Der Apparat stand in keinem sinnvollen Verhältnis zur Produktiviät des Systems…

Die Kunst der strategischen Ausblendung und des schadlosen Überhörens…war am workshop dann bei mir etwas erloschen. Der Triumph der Form über den Inhalt brachte einige Materialermüdung…ich wurde so einfach ein Beispiel für die Koexistenz von lebhaftem Interesse und bescheidener Zurückhaltung.

 

Ja, so ein Workschop mit Partizipationsfolklore ist schon was..Und was sind die Learnings bei mir? Möglich: Weniger Altersstarrsinn oder weniger Abwehr von Neuerungen. Vielleicht mehr das Eingeständnis eines Zurückblickenden oder das Reuebekenntnis eines Erschlafften…Halt wieder so ein workshop an dem ein blinder Veganer mir erklärt, wie eine Bein-Wurst auszusehen hat….

 

 

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