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Algos machen sprachlos

Algos zu ahnen oder gar kontrollieren zu wollen, ist wie wenn man einen besoffenen Nicht-Biker mit verbundenen Augen auf die Speed Strecke von Brambrüesch nach Chur runterlässt. – Crash. Wir kontrollieren nicht mehr alles, die Algorithmen kontrollieren uns.

Manches durchschau‘ ich definitiv nicht, zum Beispiel die Algorithmen von Parship. Wie die so neue Paare zusammensetzen! Da denke ich mir manchmal wenn wieder ein gestandenes Paar so um die Vierzig etwas verspielt gesteht: „Wir haben uns im Internet kennen gelernt.“ Heureka, offenbar funktionierts ja.

Auch beim Hotelbuchen. Letzte Woche buchte ich ein Hotel in Costa Rica. Die hatten aber nur noch 1 Nacht (statt 3) zu horrendem Preis. Die buchte ich dann mal, und im billigen Hotel in der Nähe die nächsten zwei Nächte. Also wusste der Algo des Hotels, dass wir nicht unbedingt auf  das Hotel angewiesen waren. Zwei Tages später dann, war die zweite Nacht nun auch im teuren Hotel zum halben Preis zu haben.–  Als Gast brauchst du keine IT-Kenntnisse aber Menschenkenntnisse: man muss einfach ahnen wie die Hotel-Leute je nach Buchungsstand täglich mit der Preisgrenze gamen.

Bei uns in GR meistern einige Hotels das „dynamic pricing“ meisterhaft. Aber eben nicht ganz alle. Doch Graubünden Ferien steuert mit Klasse ins Zeitalter der Digitalisierung – vieles ist top. An der Januar-Einladung– Neujahrsapéro wurden alle Gästeeinladungen und -rückmeldungen mit Data-matrix-Codes versehen und elektronisch erfasst. Und die Auswertungen wurden sofort präsentiert: wieviele Gäste welchen Geschlechts kamen woher, assen zuvor Gipfeli, bevorzugen süsse oder salzige Häppchen?

Ich erhielt dann kurz nach dem Event noch ein Dankes-Feedback für mein Dabeisein mit der Angabe zu welcher Gipfeligruppe ich gehören soll. Toll. – NUR… ICH WAR GAR NICHT DORT, schwänzte an diesem Tag. Die Ausrede ist nicht algorithmisch aus meinem Wordprogramm generiert: Am 3. Januar wars einfach zu schön. Corviglia stahlblauer Himmel, perfekte Pisten, Kunstschnee…oben drauf eine weiche mittagssonnenerwärmte Führungsschicht zum Carven. – So ist das, selbst Top-Führungsschichten sind virtuell nicht vor Abstürzen gefeiht…und „„Wenn man viel Gas gibt, ist es unheimlich wichtig, dass man eine Bremse hat…“ sagt man doch, nicht nur auf dem Bike.

Und wir crashen immer öfter. Zum Beispiel beim Werbetexten. Früher haben wir drauflos getextet…die Flow-Begabten fanden dann so einen Groove mit eigenem Sprachfluss. Rhäzünser war eben gsünser, obwohl das keinen Sinn machte. Und die Ferienecke GR entstand  bei einem netten Zvieri als einer die Karte auf dem Telefonbuch-Titelblatt anschaute.

Furzlangweilig. Aber ich muss ja auch nicht allen das poetische Du anbieten.

Heute ist das anders. Google hat’s im Jahre 2000 mit seinem Adwords-Konzept eingeführt. Mithilfe von Schlüsselwörtern – sogenanten Keywords – kann ich auf der homepage des Hotels festlegen, welche Suchbegriffe entscheidend sind, oder welche auszuschliessen sind. Wir haben jetzt also einen Plan.

Man muss dann also einfach mehrere Begriffe kombinieren. Also fürs Hotel Eden in Ilanz: “ Zwei Unesco Weltkulturerbe, Laax-Flims, Vals…“etc. – Wenn ein Hotel in Ilanz gesucht wird, sollte es das Eden sein. Wenn ein Hotel gesucht wird, in einer Bikeregion oder Schneeregion wie Graubünden, dann sollte es das Hotel Eden in Ilanz sein etc. Bei Truffaut hab’ ich mal gelernt, die Kunst des Films sei es, die Kamera auf schöne Frauen zu richten. Aber schöne Worte genügen bei den Suchmaschine  (glaubi) nicht mehr.

Nix Sprachflirt. (Man kann auch nicht mit komplizierter Literaturtheorie an Touristikwerbung heran gehen…) Da geht’s also darum, wie man zuoberst beim Suchprogramm landet.– Damit der Content auch funktioniert und die Leser auch konvertieren, also auch buchen. Und wenn aus China oder Japan merken sie’s eh nicht.

Halt eher so zerbrochene Sonette für Clicks.

Kürzlich bekam ich eine gut gemeinten Leitfaden zum Texten, der offenbar die „Sichtbarkeit der Webseite im Suchnetzwerk, wie beispielsweise Google stärkt.“ Du schreibst also nicht mehr einen schönstimmigen Text sondern: „Das Hotel und Restaurant Eden heisst Sie in Ilanz als Gäste willkommen.“Oder: „Ihr Gastgeber lädt Sie zu folgenden Zimmerkategorien ein“. Furzlangweilig. Aber ich muss ja auch nicht allen das poetische Du anbieten. Ich muss auch nicht allen gleich sagen: „Sorry, ich sammle grundsätzlich keine Bonus-Punkte.“

Die Wörter werden semantisch entkernt und nach kommerziellen Gesichtspunkten neu gewichtet. So eine Allerwelts-Teflon-Sprache. Und nicht der Bedeutungsreichtum oder die emotionale (auch textliche) Qualität treiben die Wertigkeit des Angebotes in die Höhe, sondern dessen Häufigkeit als Suchbegriff, seine Eigenschaft als Klickfänger und seine werbliche Verwertbarkeit als Stichwortgeber der Cloud- Technologie. Das ist ja alles schön und gut. Irgendwie. Halt wie im Klische-Duden. Halt eher so zerbrochene Sonette für Clicks. Das ergibt dann Texte mit dem Charisma eines gefangenen Goldhamsters.

Da etabliert sich schleichend eine Grammatik des Geldes. Wer gehört, gelesen und wahrgenommen werden will muss sich als Begriffsbroker betätigen und semantische Konkjunkturen nutzen. Das sind als so Begriffsbörsen – mit erfolgreichen semantischen Trends und Kategorisierungen. Das gibt dann so eine umfassende sprachliche Wertschöpfungskette…Das nennt man „linguistischer Kapitalismus“. So für Leute, die nicht alle Tastatur-Zeichen im Schrank haben. Dafür müssen die Buchstaben nicht mehr tanzen können, ist ja sowieso uncool in Zeiten von Schnelllese-Kuhlness.

Die Drastik der Sprach-Kommerzialisierung nimmt zu. – Ich sehe da aber nicht den endgültigen Untergang des Schönen-Text-Abendlandes. Vielleicht sind es einfach einige Glückshormone, die in der Cloud verloren gehen…der mittlere literarische Durchschnitt merkt’s eh nicht…(und ich texte eh nicht mehr homepages.) Das ist wahrscheinlich wie beim Gletschereis das schmilzt. Da kann man uns einfach Eiscrème versprechen. Und auch wenn im Handy böses Coltan drin ist, das arme Kongolesen aus dem Boden kratzen, die Welt wird sich verändern und damit die Sprache.

 

Jaja, ha ha ich hab’s kapiert. Und schöne Texte lesen wir am Senioren-Nachmittag. Da lesen wir dann Schopenhauer: …der geistig beschränkteste Mensch sei im Grunde der glücklichste,…“wenn gleich keiner ihn um dieses Glück beneiden mag.“

 

 

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