Kolumne

Alles durcheinander

Der neue Roman der Erfolgsautorin Juli Zeh handelt in „Unterleuten“, einem (fiktiven) Brandenburger Dorf in der Nähe Berlins. Eine ausserordentliche Typenparade erwartet uns: ehemalige DDRler, ein melancholischer Bürgermeister, zugezogene Aussteigerpaare, davon eine junge Pferdetrainerin mit Erfolgsmanager-Allüren, ein in Geld schwimmender Unternehmensberater aus dem Westen. Ein Spannungsfeld zwischen mittelmässigen Wichtigkeitsdarstellern und verunsicherten Zeitgenossen…

Der Plot: ein Beziehungswirrwarr mit vielen schwelenden Konflikten. Eine Investmentfirma will einen Windpark errichten. Die Windräder erzeugen saubere Energie und treiben Idylliker in den Wahnsinn. Sie bringen Interessenkriege hervor, die antiken Tragödien das Wasser reichen können: Vogelschützer gegen Atomkraftgegner, Betrüger werden zu Betrogenen, Intellektuelle zu Schlägern. Bis die Idylle auch zur Hölle wird.

Das alles ist Breitleinwandliteratur, ein Gesellschaftsroman aus dem 21. Jahrhundert – schauerlich wie Twin Peaks. Der Stoff gäbe eine perfekte TV-Serie. Am Schluss ist niemand davongekommen und keine Figur mehr an ihrer Ausgangsposition. Man ist „unter Leuten“, wie im richtigen Leben – jeder glaubt, dass er immer Recht hat und jeder glaubt sich immerzu allein im Raum.

Und ich lese und lese…und in der gleichen Woche sprechen mich empörte Waldschützer an: diese Geschichte mit den Bündner Bäumen, da müsse man doch endlich einen Leserbrief schreiben, die Bevölkerung richtig aufklären, dass die Verjüngung des Bündner Waldes sehr gefährdet sei, zeigen, wie sich die Bissschäden durch Schalenwild auswirken…man hat keinen Platz mehr für die jungen Bäume, die uns vor Naturkatastrophen schützen – sie werden von Hirsch und Reh abgebissen…man müsste also mehr Wild schiessen. Aber das Schalenwild mit Jagdmassnahmen von 16’000 auf 10’000 reduzieren, das könne man nicht einfach so…. Die Jäger haben ja das Sagen, die wollen auch nicht so, das sind Stimmen für unseren Regierungsrat.– Die Jagdinitiativen drohen (auch das ist etwas aus den Fugen).

Jetzt muss ich mich plötzlich mit den wahren Geschichten auseinandersetzen…macht man nicht so gern in GR. Im Buch sind’s die Kampfläufer, eine Vogelart, die ausstirbt, die man vor den Amok-Wirtschaftsläufern schützen will; Totschlag inbegriffen. Und die Sätze von Juli Zeh tönen nach, wenn ich über die Attentate in Deutschland nachdenke…: “Der Konsumbürger schaute den Journalisten zu, wie sie den Politikern dabei zuschauten, wie diese der Wirtschaft beim Wirtschaften und den Katastrofen beim Eintreten zuschauten.“

Die Beizerin (also die im Buch) meinte, dass es komisch sei wie sich immer alles ändere und irgendwie trotzdem genau wie früher bleibe. Da sagte der Windpark-Projektleiter: „…Das ist völlig normal. Menschen werden immer nervös, wenn sich etwas ändert…“ Auf diese Weise erspare man sich das anstrengende Nachdenken über komplizierte Sachverhalte und behalte trotzdem das Recht, sich über Die-da-oben zu beschweren. – Den Roman hab’ ich fiebernd fertig gelesen, den Leserbrief halbfertig weggelegt.

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