Kolumne

alles real

„Wieso geht ihr eigentlich ins Theater?“, fragte unser Sohn leicht ironisch in der Berliner S-Bahn, „ das gibt’s ja alles hier…“, und zeigte auf den angetrunkenen Bahn-Rapper, der da virtuos rumwörterte. – So war’s auch am Theatertreff in Berlin: verblüffend und schräg. Zehn jurierte, ausgewählte Theaterstücke der deutschsprachigen Bühnen – ein Feuerwerk der Besten mit viel zeitgenössisch- postdramatischem Zündstoff: Doku-Theater, Diskurstheater oder Dramatisierungen von Romanen und Filmen.

Regieanweisung: Sie rühren sich nicht von der Stelle. (Das hat wohl Beckett in Graubünden geschrieben)

Die höchste Stufe von Doku-Theater erreichen heute die Regisseure Milo Rau oder Rael Ronen unter Einsatz von realen Exponenten. Das ist mehr als Theater: eingehende Kopfreisen. Umsetzungsperfekt auch anderes: die dada-ähnliche Schau „der die mann“, eine lautmalerische ästhetische Orgie und ein Gliederbiegen des heuer prämierten Regisseurs Fritsch. Ein Publikumsrenner dieses Jahr dazu Ibsens „Gabriel Borkmann“, mit einer umwerfenden Besetzung. – Furore machen heute das Faktentheater mit Unterhaltung auf hohem Level oder das aktuelle Migrations-Theater. Das ist dann so real, das einem der Atem stockt. Zum Beispiel im Stück „The Situation“ wird die hebräisch-arabische Migrationssituation in Berlin in bitterem Ernst mit Amüsement-Faktor gekonnt zerlegt.

Man kann im Theater nicht blättern, nicht nach vorn und nicht nach hinten. Wie im Leben. Das Verpasste kommt nicht mehr. Das Gefühl hat man manchmal auch im Theater Chur. Gibt’s da bald nur noch meine Alterskategorie: Damen, deren Wechseljahre bereits zu den Jugenderinnerungen gehören und Herren, deren Tschopen dem Schnarchmodus angepasst sind? Die Direktion versucht zwar mit Minibudget alles zwischen Avantgarde und Abgestanden, aber viele wollen da nicht mehr so mitklatschen…

Daneben eben gibt’s die (jüngere) Generation „Fake“, die Generation die Künstlichkeit eh schon zur Lebensform erklärt hat, die gar nicht mehr diese Bühne sucht; sie hat ihre Vergleichsbühne auf dem Internet. Sie probiert Meinungen wie neue Jeans und zelebriert ihr Kreativitätsgehabe mit käsigen Alphüttlis vor dem Theater. Es hypt mit hossahossa, unzunzuns oder motherfuckfuck…(auch die können’s). Weil ja bei denen alles künstlich ist, haben die genug Kunst…auch eine Realität.

Theater und Realität sind sich heute sehr nahe. Theater stellt den Link her zu anderen Welten, die glauben, kein Theater zu sein…wie unsere Unternehmer, und Politiker. Wir haben zwar in Chur Theater und Grossen Rat im gleichen Haus, welche Rollen sie manchmal spielen, scheint denen aber nicht so klar. Da bleibt doch oft das Gefühl:„ versteh’ ich nicht mehr alles, aber die wollen bestimmt nur das Welten-Puff etwas retten…“.

Lesen wir mal im Text von „Warten auf Godot“: „ Wladimir: Also? Wir gehen?“ „Estragon: „Gehen wir“. Regieanweisung: Sie rühren sich nicht von der Stelle. (Das hat wohl Beckett in Graubünden geschrieben) – Dochdoch, mein Sohn, im heutigen Theater gibt’s viel Reales…(auch wenn Woody Allen mal meinte, die Realität sei der einzige Ort, wo’s noch Steaks gibt…)

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