Blog

apropos Ferkeldeutsch

Da hab’ ich nicht schlecht gestaunt, da motzte ein Professor per Studie, dass bis 40 Prozent der Erwachsenen des Lesens und Schreibens so entwöhnt sind, dass sie normalen schriftlichen Kommunikationen nicht mehr folgen können. Diese Leute hätten zwar in der Schule die grundlegenden Lese- und Schreibtechniken erworben, nützen sie aber nicht mehr und verlieren sie dann….

Also, liebe Freunde, ihr besorgten Menschen, die ihr euch beklagt, dass die Populisten alles vereinfachen, alles unterkomplex sehen, in den sozialen Medien nur noch 140 Zeichen-Signale und so halbe Wörter vorkommen. Reduktion, Verflachung und Vereinfachung geschieht auch in euren Köpfen, ihr, die mir manchmal schonend beizubringen versucht, dass ihr die Sätze meiner Kolumne zweimal lesen müsst: vielleicht solltet ihr euch auch mal über eure sogenannte Lese-Skills Gedanken machen…

Als kleiner Einschub für Ungebildete: dieses ins Ritualhafte abgedriftete Ueberbleibsel einer einstmals berechtigten Unterschichtempfindsamkeit gegen das Postulat des abendfüllenden Akademiker-Wortschatzes kann schon seine Berechtigkeit haben. (Das sehen sie schon an diesem meinem Hirnschwurbel-Satz auf Spreizdeutsch.) Einige müssen einfach einen hohen Ton anschlagen um ihre geistige Kunstfertigkeit unter Beweis zu stellen. Und überhaupt: wenn man so schreibe, diskriminiere man ja den Mann von der Strasse und habe wohl ein reaktionäres Bildungsideal oder einfach einen Sprachdünkel. (Kann schon sein, aber platt schreiben ist einfacher, glauben sie mir, ich war ja mal in der Werbung…). Behutsam wieder an eine anspruchsvollere Denke heranzuführen, ist aber wie ich merke für die meisten viel zu anstrengend.

Die leichte Sprache eben ist’s, die ihr so gerne habt. Einfach ist es alles zu vereinfachen. Komplex ist nur wer einen Komplex hat. Man muss ja dann trotzdem nicht nur ausschliesslich die Bündner Woche als literarischen Briefträger anschauen. Minimalgeistigsein kann man ja auf alle möglichen Arten.
Auch Behörden sind inzwischen angehalten, in „leichter Sprache“ zu publizieren. Leichte Sprache sei eine seichte Sprache, sagt der Professor.  Gut, die „leichten Mädchen“ von der Strasse gibt’s heute auch nicht mehr ganz so, sind heute auch intellektueller, halt auch nicht mehr immer so leicht (und auch nicht mehr so oft auf der Strasse). Die heutigen Callgirls haben oder sind teilweise in einer universitären Ausbildung und sind als Studentinnen ihren Klienten wohl ausser ihren körperlichen Assets auch noch in der Sprache überlegen. Also nicht mehr nur Ferkeldeutsch, Jungs, vielleicht lohnt es sich wieder etwas mehr zu denken, alles etwas weniger unterkomplex anzugehen, um der Triebsteuerung etwas entgegenzukommen.

Doch aufgepasst. Das habt ihr dann doch nicht gern, wenn man euch alles verbietet. Eine leichte Sprache, das sind dann lauter Verbote: Nebensätze, Metaphern, Passivkonstruktionen und der Genitiv sind dann nicht erlaubt. Huara-kompliziert-Schreiben also ist nogo. Aber wegen dem Weltwoche haben wir ja auch gute Beispiele von Denkansätzen in leichter Form. Vielleicht zählt ja 2017 – dem Jahre Eins der Trump-Weltherrschaft –  doch: „You want low, we go high.“ Lohnt sich vielleicht wieder mal, sehen wir spätestens in vier Jahren. “

Standard

2 Gedanken zu “apropos Ferkeldeutsch

  1. Susi Senti schreibt:

    Kennst du den Unterschied zwischen einem Journalisten und einem Schriftsteller? Nun, der Journalist schreibt wegen dem Geld und der Schriftsteller schreibt wegen des Geldes.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.