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aufwachen–inszeniert

Chur hat ein Theater. Ab und zu sogar ein gutes. Das Theater ist der Versuch der vielschichtigen Stadt gerecht zu werden. Die gutvernetze und vielseitige Direktorin hat nur ihre liebe Mühe damit. Was machen?

Es allen recht zu machen, ist in Zeiten der Pluralisierung der Gesellschaft schwierig. Dass einige denken, dass die Gesellschaft so bleiben kann, wie sie ist…ist nicht unbedingt nur churerisch, aber trügerisch. Und auch eine Programmfrage. Der Typus des „Churers“ hat sich verändert; und sogar die Veränderung hat sich verändert…zu vielfältig, zu divers..

 

Chur… so eine Schweizer Normcore-Stadt. Macht vieles wie man’s halt macht. Hat sogar bald einen avantgardistischen Werbe-Turm von Bane. Auch der Milo Rau war schon hier…der der sogar Zürich als Welthauptstadt des postmodernen Kleinbürgers, als globalen Hauptort der Lebensfeindlichkeit bezeichnete.

„Sogar die Veränderung hat sich verändert…zu vielfältig, zu divers.“.

Ursina Lardi, Churs Starschauspielerin, heute in Berlin, hat ihn wohl bei ihrer grandiosen Aufführung von „Die Geschichte des Maschinengewehrs“ über ihre Heimatstadt aufgeklärt. Er, der meinte die Ideologie der Peinlichkeit, wie sie den Schweizer Geist beherrscht, sei dominant. Den Schweizern sei alles peinlich, was nur im Ansatz physisch oder sozial ist, im Endeffekt sei ihnen das Leben peinlich. Denn die grösste Angst der Schweizer sei natürlich, dass ihre Angst vor der Peinlichkeit selbst entdeckt werden könnte. Ursina Lardi musste in der grandiosen Darstellung einer Kongo-Geschichte dann auch noch ganz kontextuell begründet auf die Bühne pissen…irgendwie symbolisch. – (..Geht jetzt aber zu weit, dazu müssten Sie den intertextuellen und intergestischen Stücke-Kontext verstehen….sonst ist das jetzt nur destruktiv!)

In Chur will man vor allem Ruhe. Letzten Samstag war ich in einer sehrsehrmodernen Antigone-Interpretation der furiosen Performerin Ann Liv Young. Mit radikal die Grenzen von körperlicher, geschmacklicher und psychischer Strapazierfähigkeit austestenden Performance-Abenden hat sich die New Yorkerin inzwischen einen Namen gemacht. Als die am Ende ihrer Entladung ziemlich aggressiv die Zuschauer provozierte…war das vor allem das Zeichen zum abhauen. Die „kleine Tür“ zu finden, wie es bei Brecht heisst, durch die man in letzter Minute entkommt, war dann doch für die Mehrheit der Zuschauer angesagt.

Sie sind es gewohnt Nichts zu sagen.

Gut, die würdestarrenden Mitglieder einer grossbürgerlichen Kleinstadt-Society, die Damen in kulturschwarz oder sogar mal in altmädchenweiss, die Ganzaufgeschlossenen in Cashmere-Pullovern…Die  mit Konfirmandenkrawatte oder mit fetten Klunkern  behängten Oldies irren auch noch sporadisch umher; auch die letzten Liegeradfahrer und Staatskundelehrer im Jeansjäggli sind dabei, spontanisieren und sympathisieren auch noch ab und …es müssen aber  konventionelle Vorstellungen sein.

 

Sie sind es gewohnt Nichts zu sagen. Es ist als hätten diese Bürger sich damit abgefunden, dass ihr Leben den Rhein hinabtreibt, ohne dass sie selbst das Ruder in die Hand nehmen müssen. Eine gewisse Souveränität im Elegischen-Anpasserischen und eine Verlangsamung der Spielgeschwindigkeit ist ihnen inne. Sie konsumieren gerne, es muss dann aber nichts Aufregendes sein…

 

Lieber würden sie dort eh über die Form des Pinot-Glases reden. Aber die Churer-Theater-Beiz ist nun auch mal kein Vorzeigemöbel…Man sieht sich lieber an Weltcuprennen, Higa oder bei Nostalgie-Geschichten in Riom. – Das Einstweh ist unser Basiskrankheit…und unsere angeschlagene Tageszeitung beschäftigt sich vor allem mit Verfalls-Credo und bringt historisierenden Wichtigkeits-Ramsch. Gerne gegen die Scheibe der Zeit. So wählt man dann auch.

„Harmlose, akute Horizonterweiterungsallergie ist churerisch.“

In Chur muss man nicht Brecht spielen, wie man ihn heute interpretieren könnte, es genügt vorzuführen wie Brecht 1948 die „Antigone“ spielen wollte (das tat dann auch korrektbildungsbürgerjustiert das Ensemble aus Wiesbaden). Standing Ovations gab’s zur Spieleröffnung letzte Woche.

Chur hat lange vor Adorno beschlossen, dass es im falschen Leben kein richtiges gibt..Oblomow, der Mensch im Schlafrock, nicht gemacht fürs Vorwärts, könnte Churer  sein. Und solche Oblomowereien lieben wir eher, führen lieber Gespräche unter unseresgleichen. Harmlose, akute Horizont-Erweiterungsallergie ist unserem Ab-und-zu-Programm-Theater-Publikum gemeinsam.

Die Direktion bemüht sich das Dornröschen nach ihrem hundert Jahre währenden Schlaf etwas zu schütteln. Das Programm implodiert förmlich (man nimmts dann nicht mehr wahr), und manchmal explodiert es…wie im Falle unserer Berserker-Antigone, Ann Liv Young. Aber dann kommen nur 30 Leute. Der Folgeabend fiel sogar aus. Die Unbesuchtheit ist wohl auch eine Unbesuchtheit des wachen Geistes…

Eher schlussfordernd als schlussfolgernd sag ich da: Naja, irgendwann gewöhnt man sich gegen alles.

 

 

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