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berlin: für sprachsäufer

“Berlin ist keine Stadt, sondern eine Stimmung“ meint Sloterdijk. Ja, in Berlin ist die Aufputschung in allem. Ich war als 17 Jähriger schon dort. Vier mal in der Ostzone (einmal bei einem „konspirativen“ Treffen bei einem DDR-Hochschul-Professor zu Hause, weil der eigentlich nur mal mit Schweizern reden wollte). Inzwischen wohl etwa 15 mal. Wir sind jedes Jahr etwa 2 Wochen in Berlin am Theatertreff. Meist ein grosser Aufreger. Ich meine jetzt nicht dieses Musical-Reichtagsgebäude-Berlin mit Neukölln-Burka und Kreuzberger-Nächte.  Auch gut für bluffrezeptive Gruppen. Aber heute gehts um mehr. Da kommt dieses Buch APOLLOKALYPSE – diese Woche auch im Literaurclub SF besprochen: fiebrig, aufgeladen, übergeschnappt und durchgeknallt. Ein Sex-Stasi-Liebes-Städteroman…so Thomas Pychon ähnlich.

Es ist eine Knallhoden- und Testosteronprosa mit verrückten Sprachbildern, dezidiert überdeterminiert.

„Berlin: nach der Katastrophe des braunen Vulkans, ausgelöscht von der roten Glut, dann konserviert von der grauen Asche der DDR…und schliesslich bewacht von den Penaten des Denkmalschutzes auf der einen und des Geldmangels auf der anderen Seite“ …schreibt Gerhard Falkner (ein Lyriker) kritisch in seinem neuen Buch „Apollokalypse“ – ein Epochenroman über die 80er und 90er Jahre. Dem Vergeuden von Jugend, der Ausschweifung jeglicher Couleur und der Hypermobilität stellt er einen rauschhaften Rückverzauberungsversuch der Welt entgegen. (hab’ ich jetzt abgeschrieben weil so pointend..) Auch das ist kein Buch sondern eine Stimmung. Es gibt zwar gegenwärtig grössere Aufreger in der Literatur-Avantgarde, aber das ist Sprachzauber und zwar einer der grösseren. „Ein mythologischer Roman von unvergleichlicher Sprachmächtigkeit“ nennt es die Süddeutsche. Von Bulgakows Meister bis Oskar Matzerath kommt da alles vor, alle Kunstanlehnungen hab’ ich nicht mal verstanden. Macht nichts. Die Hauptrolle spielt die Stadt Berlin selbst, haufenweise gehen Künstlerexistenzen an ihrer magischen Gestalt in die Brüche. Es ist eine Knallhoden- und Testosteronprosa mit verrückten Sprachbildern, dezidiert überdeterminiert. Manchmal ist  der Icherzähler so aufgepumpt, dass er die Füsse kaum mehr auf den Boden kriegt.

Und wenn die RAF sich über den BND mit der Stasi berührt, gerät die Zeitgeschichte unter das Messer der Psychiatrie. Am Schluss nimmt der Teufel leibhaftig das Heft in die Hand. „Für geflügelte Worte ist der Veterinär zuständig.“ sagt zwar der Autor. Er hat nebst Wortwitz ein historisches Trüffelschwein-Näslein für diese „ Melange aus dem Erbe der Sechziger, dem Raushauen dieses Erbes in den Siebzigern und schliesslich Dem-allem-noch-mal-eins-Drausetzen in den Achtziger Jahren“. Das ist Sprachsäufer-Soziologie vom Feinsten.

Faszinierend zu lesen, nicht immer in einfacher Sprache, aber quirlig, irre unterhaltend. Die Hauptperson „ Georg Autenrieth ist eine zwielichtige Gestalt in zwiegesichtigen Zeiten, immer wieder taucht er auf in Berlin, der Mann aus Westdeutschland, hält Kontakt mit der Szene, durchsucht die Stadt und zelebriert Laster, Lebensgier und Liebeskunst. – „Man muss es mir angesehen haben, dass ich von einem anderen Stern stamme.“ sagt er so beiläufig. Am Schluss flacht’s etwas ab, Falkner zerquatscht auch einiges aberja, einfach lesen…

Nicht für jedermann. Deshalb hab’ ich ja einen Blog, dort muss ja nicht ständig everybodies-darling auftauchen…

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