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Billag isch z’billig

„ Das Leben ist weder hässlich noch schön, es ist originell.“,  meint Svevo. So ist das. So hab’ ich mir mal die „Schweizerzeit“ angeschaut. Ein Polit- Stammtisch auf Schweiz 5. Die Schweizer Werte unter Beschuss.

„ Schön sindrda.“ So lustig beginnts. Im Vorspann noch der Ulrich Schlüer, der uns einstimmt auf seine Welt. – Ich muss schon sagen, die Sendung hat mich aufgestellt. – Da gab’s vor allem mal nur Männer, keine einzige Frau im „Haus der Freiheit“, also geopolitisch in Toni Brunners Beiz im Toggenburg.

Und es fätzt richtig. Komödiantenstadl, eine Chäs-Hörnli-Combo vom Feinsten. Gleich zu Beginn: „Ich muess en schluck Rote ha.“ So un-SRG-mässig. Grins. Wie weiland kurz nach dem Tellsprung. Die Idee: im vollaktivierten, leutseligen Stamm-Modus die Seinslage der Schweiz zu kommentieren. „De Tell hät ebbe no gschosse.“ „Meer mönd widr Bereitschaft ha.“

Meist sprechen sie auch noch mit der Faust, mit der Hand, so ein „dänne gämmers“-Schwung. „Geld und Angscht hämmer no nie kha…“, schmunzelschmunzel. „Alli kritisieret de Trump…eine vo de wenige, wo für sies Land wider ufstooht.“– (Das sind übrigens alles Originalzitate). Ja, sie sehen aus, als ob sie alle Toni heissen. Diese Bürgerwehr spielt fantastisch auf der Dorfbühne.

Sie spielen auch Wutbürger. In Achtungsstellung. Dieses Ewig-Marignano-auf-den-Deckel-bekommen, wie sich die Theatergruppe Krummenau das wohl so vorstellt. Dorfkäsperlende Schweizer Akademiker. Der Dr. Blocher als geistiger Script-Autor. Die Titel-Inserts zeigen: Am Tische auf der Frontreihe alles Dr., Dr. und Dr.-Täfeli. Vom Weltwoche-Chefredaggter bis zum Dokter Landmann (ja der Spion-Verteidiger).

Also so eine Kohärenz der Intelligenten. Auch eine lachgünstige Versuchsanordnung. Das zählt ja schon noch bei den milchverarbeitenden Schweizern…Die gscheiten Reichen spielen Meinungslöwen für die dummen Armen. So ein seelenkundlicher Boulevard: wie sich Gross-Hans vorstellt den kleinen Hansli über den Stammtisch zu ziehen.

„EU-Norm-WC-Deckel sind prima. Nur dörfed die nit übr dr Schwizer Verfassig stoh…“

Schön anzusehen, wenn sie so theaterwettern– wohl gegen obdachlose Studienabbrecher oder alleinerziehende Coop Verkäuferinnen. Aber wie gesagt, über Frauen reden wir jetzt nicht; mir gfallts. „Ich fand jene Dichte und Wärme des Lebens ausgestellt, die ich in mir selber fühlte.“ (Um auch etwas mit Canetti zu blöffen.) Sie denken zwar schon an die bessere Hälfte der StimmbürgerInnen: „ Wenn ame Alass Fraue vergwaltigt wärde…“Sie nehmen Zvolch ernst. Sagen wir mal so, einen kleinen satirischen Unterhaltungs-Ueberschuss ergibt dies immer wieder, mehr als bei Röbi Koller. „Linki Gwalttäter“, so im verstellten Pastoren-Ton tönt beim Herrn Anwalt wie eine Besänftigungsorgie….untopbar dargestellte Exzess-Spiessigkeit am staatsfördernden Stadl-Tisch.

 

Und diese Zerrbilder kommen an. Gefällt mir. Sie kommen auch aus dem nahen Osten, also dem ganz nahen Osten…also Alt St.Johann. Tönt dann auch wie altbacken… Sie erkennen dann oft auch gewisse Analogien zwischen ihrem Dasein als Chefredaktor und dem Plättlilegger wo zuhört – so als Amatörproblematiker und Antörn-Hampels. Vielleicht haben sie einige Züge von Wald-und-Wiesen-Credibility-Abgewandtheit. Aber das macht’s dann genau aus. Diese Melange aus Voralpen-Tragödie und Selbstdarsteller-Kommödie. Mit Verwechslungspotenzial zum Lachen. Der Umfaller der ersten Viertelstunde war dann: „Es git au so Lüüt in Krawatte..“ wo ihnen suspekt sind. „E Verluederig…“ – Steuerreform hin oder her: „D’ Wirschaft het schlecht abgschnitte…“ – Das sind die dramaturgischen Höhepunkte.

 

Eine kalkulierte Effekt-Dramaturgie haben die sich schon ausgedacht. Spiesser-Akademiker besprechen Büezer-Sorgen, bemühen sich büezerisch zu reden. Deshalb wirkt’s auch so amüsant. „Die moralische Überlägeheit vo dene Chaote, Studente, Beamte, Professore, Sozialhilfebezüger….allas viil zvill..“ Im gleichen Topf und Satz „di Linke Siite, di islamistische Extremiste.““

“on the long run fahrsch besser wenn z volch öppis z’säge het.“

Saustark, die fast so wahabitsche Chäserugg-Koalition. Diese Darsteller bauernschläulicher Provinzrechtschaffenheit generieren reine Unterhaltungs-Power. Sie sprechen immer mit der Faust, mit der Hand mit waagrechtem Schwung „dänne gämmers“. – Mit ähnlicher Körpersprache: „I de Tageschuele werded Chinder hüt abgrichtet.“ Das Polit-Sorgerecht gehört uns.

Ab und zu ein tütscher Ausrutscher: „Hoch die Tassen.“ Das tönt dann nicht wie im Heimatfilm. Aber im Grossen und Ganzen mag das aber doch eine gewisse Schweizer-Service-Public-Oeffentlichkeit herstellen in einem etwas ländlichen U-Schichten Bereich. So ein Modus der Bestärkung der eigenen Identität. Vor allem wegen der permanenten Spannung die way over netflix is…. Sie haben so ein gefälliges schmiedeisernes Aschenbecher-Zeichen für ihre Sendung, das ja immer wieder schmiedeiserne Gedanken-Stränge erlauben und einfliessen lassen kann: „EU-Norm-WC-Deckel sind prima. Nur dörfed die nit übr dr Schwizer Verfassig stoh…“ Zum Rauchen. In welchem Abreisskalender liest man das? Sie haben für alles fast eine Selbstschussanlage, bringen Stimmung wie bei Andy Borg.

 

Um den allgemeinen Dauerernst zu unterminieren muss der Herr Chefredaggter dann schon mal etwas winglisch, also Weltwoche-Englisch einfahren: ..“on the long run fahrsch besser wenn z volch öppis z’säge het.“ Dem kommt jetzt eine bohrende Aufmerksamkeit zu: „ idr Schwizz chömmer üs no rode.“ sagt der Anwalt mit dem roten Kopf, unterlegt mit einem Soundtrack von falsch betontem korrektem Schwizertütsch, untermalt mit blutdruckfunkelndem Teint und so einer Biedermeier-Schnute. aber alles mit der Begeisterung eines Grossis für ihren Enkel…Guet, die Krawatte machts aus. Die immergleiche grüne Uhr zeugt von auserlesenem Geschmacks-Bashing der Requisiteurin.(Aber wahrscheinlich gibts da auch nur einen Dekorateur: männlich und viel billiger als bei der SRG.) Sein betörender Ostschweizer-Sprach-Sound verspricht Gutes…eine Hymne für sinnfreies Juristen-Gedaddel für die Bauern-Fraktion: „Do häscht du en ganz wunde Punkt aagschproche.“

 

Das kennen wir von den Screwball-Comedies. Verrücktheit ist eine Reaktion auf eine Ueberdosis Normalität. Und Stammtisch ist nie Aktion, immer Reaktion. Sie seifen sich gegenseitig ein mit zuammengeschnorrten Banal-Sätzen und duschen sich ab mit nationalistischen Hoffnungen bruderklausiger, ländlicher Weitläufigkeit.

 

Bevor sie dann aufstehen, eine zweitletze Einstellung, wenn Toni Brunner so fast als Schlusswort meint.“ Wir wollen die Hände falten, Hannibal will über die Alpen tschalpen…“ Hahaha. Dazu eine Art Kurt Felix-Geissbocklächeln mit Spitzbuben-Blick…und bitte noch spenden…

Ich hoffe, Sie erhöhen nach dieser wohlwollenden Medienkritik gewaltig die Einschaltquote dieser Sendung…weil wo dann die No-Billag angenommen wird, haben wir dann söttig gueti Unterhaltung. Wo man beim Spendenaufruf anfängt zu weinen und den ganzen Tag Toggenburger Kägi-Fret naschen möchte.

 

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