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Bitte wenden

„Bitte wenden, bitte wenden…die neue Route wird berechnet“ nervt’s aus dem Navi. „Bin ich eigentlich der einzige Verrückte hier?“ – denke ich mir. Gut, ich bin grad am Theatertreffen in Berlin, da kommt immer die Hoffnung auf, dass die Welt ein bisschen weniger verrückt, korrupt, hysterisch und ungerecht werde. – Die Schweiz spielt auch etwas verrückt: Energiewenden? Ist schon lange notwendig. – Die etwas ranzigen Nein-Leserbriefe mit Brechstangenlogik bestärken mich. So wie die im Magen zerplatzenden Kohlesäurebläschen des Cola mir etwas aufstossen.

Auch bei der E-Wende geht’s um Kohle – also die im Portemonnaie. Die Meinungshupen der Strom-Garnierer versuchen jetzt das letzte Atom ihrer Kohle zu retten – um dann wie Karusselbremser elegant abzuspringen. Früher standen sie immer in der richtigen Kassen-Schlange, aber heute halt an der Kasse an der nie etwas weitergeht.

Guat, es geht nur noch bis Sonntag. Die neuronalen Erregungsleitungen brauchen bald Kühlung. Da ist’s eigentlich prima, dass wir danach kalt duschen können. „ Ihr wollt uns aber auch noch kalt rasieren“ sage ich mir. „Eure Angst vor dem Globalwirtschaftstotalitarismus habt’ ihr nun mit diesen selten bescheuerten Dusch-Angst-Pfusch-Plakaten abgedeckt.“ Aber da ist wenigstens Wasser auf dem Bild – also Wasserkraft, ist uns Bündnern heilig.

Windräder schauen eigentlich fast sexier aus als die Kühltürme der alten AKWs.

Die Energiewende ist für die Gegner wahrscheinlich so eine afro-lesbische, nordkoreanische, alleinerziehende, präoperativ transsexuelle Roma…oder sowas aus ihrem Feindbild. Also alles ausser Kontrolle. Ihre früheren Feinde sind nun die Freunde. Für 13 Milliarden importieren wir fossile Brennstoffe pro Jahr – von Arabern und Russen. Do-it yourself wär’ auch bei der Energieproduktion angesagt. Wahrscheinlich haben die im Spam-Mail von einer vermeintlich wissenschaftlichen Studie gehört, nach der Sicht-Kontakt mit Windrädern bei alten Männern zu Impotenz führen kann. Turnt euch wieder an…mit einem Energie-Porn. Windräder schauen eigentlich fast sexier aus als die Kühltürme der alten AKWs. Und Solarpanels könnten eure alten Lustenergien doch noch anwärmen.

Es geht darum den ganzen Mix zu verändern, einen Kompromiss  und die Klimafrage anzugehen. Sie verwenden aber immer noch copy-paste die Atomkraft-Argumente aus den 70ern. Die heizen wohl ihr Haus bald mit den Kohleresten des Viertelwissens eines halbzutodegefrorenen Warmduschers. Da wünscht man sich dann fast, dass es diesen Nein-ern geht wie der duschenden Dame in Hitchcocks „Psycho“.

Theatermässig ist die Energie-Schweiz jetzt halt so eine krachende Verwechslungskomödie mit totaler Verwirrung. Klar, das kennen wir von Ionesco: wir alle fürchten uns zu entdecken, dass wir in unserem Leben was „verpfuscht“ haben… geht wohl einigen Strommanagern und den SVP-ies auch so. Verpfuscht, vertuscht und dann abgeduscht?

„Noch so ein Leserbrief und dein Brett vor dem Kopf muss zur Holzauktion“, würde ich da am liebsten reinschreien. Aber jetzt fehlt  noch der  positive Verkaufs-Aufruf: Nein-Stimmer kaufen auch Elektroöfen.

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