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„Blut vom Dehli Himmel“

…so etwa würde der Titel heissen, wenn ich auch so einen achsobeliebtenleichtlesbaren Krimi schreiben würde. Selbst erlebt, in kaum einer Grossstadt der Welt ist die Luft so schlecht wie in Delhi, besonders im indischen Winter, wenn die Kälte die dreckige Luft am Aufsteigen hindert. An manchen Tagen  übersteigt die Feinstaub-Konzentration die Grenzwerte der WHO um das Dreissigfache und mehr. Um das hunderfache überstiegen hat sich bei unsere Velotour durch Delhi wohl meine (doch relativ robuste) Toleranz gegen Metzgerei Abfälle. Ich bin Metzgersohn, schon als 4jähriger hab’ ich Schafsköpfe kennen gelernt. Und später immer häufiger.  Und dann in Dehli kamen sie plötzlich vom Himmel.

…würde Alexis Zorbas sagen. Als der tanzen lernte, gab’s noch keine lebendigen Drohnen mit blutiger Treffsicherheit.

 

Mit dem indischen Bikeguide morgens sehr früh durch die verschmutzt-verwinkelten Dehligassen…ein Albtraum an Trash-Möbilierungen, perfekte Kulisse für ein gutes Erlebnis: die Utensilien der Abfallwelt. Und touristisch natürlich vielversprechend, da vermeintlich sonst niemand dort hinkommt. Eine ganze Gasse nur Metzger und Schlachter. – Beschäftigt mit dem Bike, mit einer irritierten Nase (es stank fürchterlich, und vielviel Leute) so konnte ich keine Fotos schiessen, das ging alles zu schnell.. – Nach Geruchs- und Wahrnehmungsüberschüssen wie man sie so in Indien kennen lernt, wird man etwas langsamer. Also nicht in dieser Art wie viele heute auf langsam machen. Eher so als Überlebensstrategie gegen alle Eindrücke. – Als die Tour fertig war, schlug ich vor, zu zweit nochmals zu Fuss diese Metzgergasse zu suchen. Es war ja ein ganzes Quartier. Die Gasse war für indische Verhältnisse aufgeräumt, das morgendliche Markt- und  Metzgerbild schon abgeflacht, Rinderhälften, Lebern, Nieren, Kuttel- und Bauchstücke grossteils weggeräumt. Aber immer noch sehr expressionistisch.

Da Himmelsgeschosse. Plötzlich, schlagartig flogen Kadaver-Teile von obenauf uns… getroffen hat’s nur mich, auf und über Auge, Nase und Kinn. Wie entfesselt. So im schreckhaften Augenblick hab’ ich natürlich bemerkt, dass auch tote Augen dabei waren, getraute mich mal aufwärts zu schauen, im blutvollen Blickfeld dann irgendwelche schwarze Vögel…(Nicht Hitchcock;  kenn’ die ja nicht so gut, so wie unsere Kraken aber noch grösser.) Meine Frau erfasste mal die Situation und schaute rum, hat schon bald mal ein leichtes Lächeln. Ich wollte mich mal abputzen, da kam schallendes Gelächter aus einige Marktnischen. Die indischen Gassenschlachter hatten erfasst, dass diese Vögel, die wahrscheinlich immer die Abfälle schniffen, beim Wegfliegen Teile verloren, es sah aber aus wie Drohnen, die mich  mit ihren Eingeweide-Gulasch attackierten. Ich suchte schon Auswege, Fluchtwege…halb so schlimm, ausser dass ich zuerst mal wieder sehen musste, Blut über meinen Kopf rinnen sah und gute Miene zum Spiel machen wollte – einer dieser uneleganten Aspekte des Touristen-Daseins. Die Dehli-Butchers klatschten schon fast… „wouwou“ mit internationalen Aufmunterungsrufen. Meine kühlere Hirnhälfte fand, dass die Situation irgendwie zu einem Tatort-Zwischenschnitt oder in eine Tarantino-Inszenierung gepasst hätte. Und meine satirische Hirnhälfte begriff, dass das hier nicht auf meine Schulbuch-Weisheit reduziert werden konnte. Das Zeug stank, die Masse war glibberig an mir runter gerutscht und die Tempo-Tüachli reichten eigentlich nicht so recht um sauber zu werden. Ziemlich surreal. Weil wir ja sonst gewohnt sind, dass im Falle eines Druckverlustes die Sauerstoff-Masken von den Kabinendecken fallen, der Milchschäumer summt und die Minergie-Lüftung surrt. „ Hast du schon mal so einen tollen Volltreffer gesehen,“ würde Alexis Zorbas sagen. Als der tanzen lernte, gab’s noch keine lebendigen Drohnen mit blutiger Treffsicherheit. Aber er wusste, dass solche „Unfälle“ das Leben lebenswert machen.

 

 

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