Kolumne

Bündner Seele

„Gohn endli zuma Psycholog…“, sagte die Ehefrau von Gian nach dem Januar an dem er antriebslos an allgemeiner Lebenstrübung, Mattheit und Geistesarmut litt: „ du kannst nicht jahrelang nur mit dem Hund zum Vehdokter gehen, die Welt besteht auch nicht nur aus Hirsch- und Wolfproblemen – tuan öppis.“ Da ging er dann wohl oder übel, wissend zwar, dass in seiner Lieblingszeitung zwar auch meist nur über Wolf-Füllthemen und Wohlfühlthemen gesprochen wurde. „Das ist Presse Baby, da kannst du nichts machen.“ meinte seine Madlaina mit einem Humphrey Bogart-Spruch: „… wir sind doch real“.

…dass er in der Kleinklasse mit 4 Schülern im Oberhalbstein schon immer schlauer war als der Rest und wie belastend dieses Oberhalbsein für ihn gewesen sein muss.

Der Seelen-Dokter eröffnete ihm die volle Garnitur: dass Gian eher von leicht phlegmatischer Disposition, voller imitierter Lebensbewegungen, bestenfalls mit Aufwallungen ohne Tiefe sei, aber unter leichter Beschäftigungsneurose litt. Dass sein Leben so etwas wie auf Tempomat sei, doch leidlich gut funktioniere, wenn auch mit etwas viel Selbstablenkung – „ halt so wie vieles in ihrer Lieblingszeitung“. Gut, Social Climbing als Extremsport war nicht sein Ding. Er hätte eben „ so eine resignative Reife“. Gerne frönte er zwar alle 3 bis 4 Jahre seiner Sammelleidenschaft: Olympia-Dossiers sammeln. Das äussere sich dann doch in quälend unerträglichem Psalmodieren über Zukunftschancen oder im Strudelteig-Auswalken von Hochschulstudien.

Dass er bei aller äusserlichen Klugheit und Redlichkeit innerlich voller Partei-Vorurteile und Verbohrtheit stecke, vermerkte der Dokter dann nur nebenbei und etwas gedämpft. Gemeinsam therapeutisch rückwärts blickend fanden sie den Grund: dass er in der Kleinklasse mit 4 Schülern im Oberhalbstein schon immer schlauer war als der Rest und wie belastend dieses Oberhalbsein für ihn gewesen sein muss.

„Patschifig,“ meinte der Shrink: „ …sie sitzen im gleichen Boot wie Tausende von Bündnern, Herr Grossrat…“. Aber übervolll sei das Boot ja nicht, im Gegenteil eher vielleicht bald etwas unterbelegt. – So endete dann die Schlussbesprechung. Er solle jetzt vielleicht dieses fantastische neue Buch über Traumdeutung von Sesselbahn-Anlagen lesen. Eine vorübergehende Orientierungspause könne nicht schaden. – Reto, sein Freund, der unendlich viele Naturdoks gesehen hatte, meinte auch noch: „ Weisst du Gian, auch bei den Steinböcken dominieren im Grunde genommen die Geissen…“ – Da wusste er, dass er gar nichts mehr ändern müsse in seinem Leben.

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