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Castorfs Benebelung

Vorbei ist das Theatertreffen in Berlin 2018. Wir waren wieder dabei, haben 8 Aufführungen gesehen. Viel Neues, Anderes, Highlights…einiges auch diskutabel.

Ein Wau, der 7stündige Faust (bingewatchen im Kulturmiliö: Toilletten-, Arsch- und für einige auch Rauch-Weh). Versaute uns sogar die nächtliche Rückkehr mit ÖV nach Brandenburg…Diese Woche stand im NZZ Feuilleton, das was man nicht überall sagen darf, schon gar nicht in Berlin: „..überdies wird in weiten Teilen Deutschlands um Castorf eine Art Kult betrieben, der irrationale Züge trägt…“

Stimmt – war mir schon dieses Jahr im Schauspielhaus Zürich aufgefallen bei der Vaudeville-artigen Inszenierung einer Dostojewski-Erzählung: „Die fremde Frau und der Mann unter dem Bett“, wo wir dann zu Dritt in der Pause ausklinkten…Joh, ein älterer Herr ist dieser Castorf also geworden, so ein übersexter Altersheim-Rocker, den wir so faszinierend fanden in den 90er Jahren, als wir noch an die Volksbühne pilgerten (ich war schon zu DDR- Zeiten 2 mal dort).

Er provozierte doch jahrelang so schön die konservativen Gemüter im Publikum…joh, passt für staunende und erschrockene Seelen, so prosecco-bedeutungsvoll. Aber heute kommt’s mir vor, als ob diese Bühnen-Klamauk-Lärm-Oppulenz (Der beleidigte Castorf kostete der Stadt Berlin allein für den Theatertreff rund eine halbe Million Euro Drehbühnenumbau weil er nicht mehr an der Volksbühne inszenieren wollte..) einfach ekstatisch durchbolzt. Der Osterspaziergang für rezidive Theatersesselfurzer, die jetzt auch noch Trash entdecken… Irgendwie ist das nur noch für alte Bildungsbürger gemacht…Man muss doch jetzt auch noch dabei gewesen sein. Das Genie ist aber weder altersweise noch altersmilde, einfach etwas altersblöde – tunggtsmi. Beeindruckungstheater mit Konformitätsdruck.

Gut, seine grossen Figuren wie Martin Wuttke, Sophie Rois, Alexander Scheer, Leute wie Fritsch und Pollesch aus seinem Ensemble sind heute unbestritten das Non-Plus-Ultra in der deutschen Theaterszene….und allein wegen Wuttke und Rois war’s wert (oder Valery Tscheplanowa, die für ihren Auftritt zur Schauspielerin des Jahres gekürt wurde: sie könnten auch den Wasserstand vorlesen, man hängt an ihren Lippen.)

Deshalb sollte man diesen Faust gesehen haben. Aber das ginge in 2 bis 3 Stunden. Der alte Berserker musste dann in den Zwischenstunden noch eine telenovela-artige Story aus Zolas „Nana“ im Algerienkrieg als Fremdtext-Einlagerung einbauen. (seine vielzitierten historischen Schichtungen?) Hat er jetzt auch noch von NarcosundCo, den Gewalt- und Netflix-Drehbuchschreibern abgeguckt? Auf jeden Fall ist seine Brüll-Sex-Material-Schock-Inszenierung altersheimreif…mit arg Abgegriffenem.

Ja, geblieben ist eine ganz eloquente Schaubühnen-Inszenierungen („Die Rückkehr nach Reims“/ Eribon) mit Nina Hoss…Dazu einen 1.Akt des Brecht Stücks „Trommeln in der Nacht“, der Original-1922 bühnensprachlich und kulissen-technisch umgesetzt wurde. (Der zweite Akt dann aktualisiert inszeniert) Unglaublich hat man damals so gesprochen, inszeniert? – Es mutet schon fast ironisch an? – Das sagt man wohl auch bald über Castorf…Ist das jetzt so ein Castorf -Jetlag den die haben?

Ja,Theater müsste eigentlich eine Reflexions-Umwälzanlage sein…ist es nicht mehr immer.

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Ein Gedanke zu “Castorfs Benebelung

  1. Susi Senti schreibt:

    Das ist mir jetzt zu hoch geschraubt. Simpel aber einfach war, was gestern Ursina Hartmann in der Kantonsbibliothek geboten hat. Sie las einen Text aus dem neuen Werk von Alt-Nationalrat Martin Bundi: „Molina“. Und wie sie das gelesen hat! Schön, dass man so etwas in Chur erleben kann. D.h. es muss nicht immer Berlin und Zürich sein.

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