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Das ist max

Mal eine meiner Kurzgeschichten. – Felix Benesch rief mich dieses Jahr an: „ Hast du Zeit? Du hast mir doch mal diese Story von diesem…wie hiess er eigentlich…in Uganda erzählt. Wär’ eigentlich noch geil mal ein Storyboard daraus zu machen…“ –

Ich nenn’ ihn mal Max. Nur sein Name ist fiktiv. Er lebt, ist ein Mensch von ca. 35 Jahren, schwarz auf den ersten Blick, eben Neger. Lebt am Äquator, an einem Salzsee in Uganda. Hat eine schwarze Uganderin als Mutter, einen Schweizer Bauführer als Vater. Beim genauen Hinsehen merkt man was aus diesem wahrscheinlichen One-Nighter entstand. Aber das will niemand so recht wissen.

Wir fielen auf, weil sich natürlich kein ausländischer Tourist in diese Gegend verfährt. Max kam kurze Zeit später mit einem Töff an den Katwe Salzsee, hatte im Dorf erfahren, dass zwei Weisse hier seien. Etwas mit ROKO Construction. Das war die grösste Generalunternehmung in Ostafrika. Raini Köhler hat sie aufgebaut, einige Kriege überlebt. Schweizer Bau-Abenteurer seit den 70er Jahren in Afrika, war ein Bigshot in Afrika. Ich hab’ schon mal über ihn geschrieben. Für mich die Mumifizierung der 70er und 80er Jahre-Oekonomie in Afrika. Er war 2014 über Achtzig. Kollege und Autor, Felix Benesch, schrieb damals ein Memoirenbuch über ihn.

Und ja, das Buch handelt von Köhlers mysteriösen Geschäften, von seinen Kontakten bis in höchste Regierungskreise, die teilweise auf skurrile Art zustande gekommen sind. Gut, in ROKOS Memoiren möchte ich lieber lesen, was er weggelassen hat, als was er hat stehen lassen.

Eigentlich ist er nur ein Halbneger, doch er ist der Neger. Max ist Analfabet, konnte uns seinen Namen nicht aufschreiben, englisch schon gar nicht…der Mensch hat vielleicht einen Hau…aber einen von der guten Sorte. –

Mit einem Anflug von Enthusiasmus versucht er uns mit Hilfe des Broken -English eines Helfers der lokalen Umweltbehörde sein Schicksal klar zu machen. Er war fast nie in einer Schule, hat nie etwas von seinem Vater erfahren…weiss aber trotz der 35 Jahre dazwischen seinen Namen recht klar.

Flashback: Im Nachgang zum Buch fliegen wir im Sommer 2013 nach Uganda, mit einem Freund, der vor rund 35 Jahren hier 7 Jahre als Bauführer war, fahren wir im Jeep nach Katwe – einem bilderbuchschönen Salzsee im Westen Ugandas. Hier in dieser idyllischen Landschaft gewinnen die Einheimischen seit Generationen Salz in unzähligen Salt Gardens nach dem Verdunstungsprinzip. Hier trefffen wir Max. Auch heute noch wie vor 200 Jahren holen sich die Leute noch das Salz per Hand aus dem verseuchten Salzsee. Die schwarzen Ugander tauchen hier ohne Schutz – auch noch im 2015 – holen sie sich Salzbrocken raus und flössen sie zum Ufer. Wie eh und je.

Kurtz, die Figur aus Joseph Conrads „ Das Herz der Finsternis“…kommt mir hoch. „Das Grauen, das Grauen.“ flüsterte Kurtz, ein Weisser, der sich im Kongo verschanzt hatte. Raini Köhler grauts nicht. Er hockt heute im Tessin und auf Menorca. Während er die angebackene saltimbocca-Kruste von seinem Teller kratzt, versuche ich dem ehemaligen Boss von Max’Vater die Geschichte schmackhaft zu machen. Ich möchte, dass er sich einsetzt für Max, den Vater sucht, vielleicht etwas Geld mobilisiert, das Netzwerk ist ja da…

 

In Katwe entstand ja 1977 für 80 Millionen Mark eine Salzgewinnungsanlage entstand, nach damals modernster Technologie. Mit Millionen der African Development Bank, rund 80 % der Gelder gingen zurück nach Deutschland an Grosskonzerne wie Thyssen und Co. und auch ROKO. 1979 wurde Idi Amin vertrieben, Musseveni der heutige korrupte Staatschef wollte nichts mehr vom Flop wissen. Die Anlage war nie in Betrieb und schaut aus wie eine Gespensterruine aus einer anderen Welt.

 

Ich lege die Gabel nieder…und schaute erwartungsvoll. Interessiert Köhler eigentlich nicht, diese Geschichte die ich ihm gutgläubig erzählte, als ich von Uganda zurück kehrte…Für uns spannend, irgendwie surreal, für ihn wohl alltäglich. Da würde Arte mindestes zwei Filme daraus machen oder drei.

Er sagt nicht viel, mit ironisch verzogenen Mundwinkeln hört er zu.
sitzt meist breitbeinig da, schaut wohl selten über den Tellerrand seiner eigenen Befindlichkeit raus. Es entstand nicht mal ein ein ungelenker Diskurs über die Entwicklungshilfe-Selbstdarstellung von Kolonialisatoren…er brummte einfach etwas unverständliches.

Nicht mal eine eine blauäugige Übung in Verleugnung. Nein, das war so etwa eine Antwort wie: „nai, ich will kei Gelato, nachem risotto“. Später leuchten seine Augen doch noch auf, als er Anekdoten vom Ruedi, „ eine Riesenmaschine, guter Bauführer, und ein Pfundstyp…“ erzählt. Eine andere Art die Story zu sehen. Jetzt können wir natürlich kollektiv etwas Sarkasmus reinbringen, können auch aus dem Buch Hiob (40.16) zitieren: „Siehe, seine Kraft ist in seinen Lenden, und sein Vermögen in den Sehnen seines Bauches. Sein Schwanz streckt sich wie eine Zeder.“

 

Aber was wissen wir schon vom Sozialverhalten millionenschwerer Bau-Abenteurer in Afrika. Da brummt wohl einfach Unverständliches in unserer Mind-Blase. Mein Freund erklärte mir dann später wieder in Chur, dies sei so, einfach so ein Verhaltenskodex zum Überleben in Afrika: Sich nicht um alles kümmern. Das sei halt nicht wie bei uns. – Und ich wollte doch die Welt retten. grins. I’am not responsible for my dick, stupid.

Wir könnten auch mit den Augen rollen, eine elaborierte Diskussion über die gesellschaftlichen Unterschiede und Feinheiten des Sexualverkehrs führen…Oder so Locker-Talk führen…mit etwas Frivolität. Die modernen Frauen dieser Investoren regen sich doch bestimmt auf über Trumps Frauenbild?? Aber ich glaube einfach, ich habe nix verstanden, gar nix. Ich dachte, es wäre eine grossartige Geschichte, weil doch wahr ist , was drinsteht; wenn sich am Ende aber herausstellt, dass nicht, wäre es noch grossartiger…

Und jetzt fehlt noch diese obligatorische SF-Happy-Day-Szene mit Röbi Koller…Max trifft dank uns seinen gealterten Bauführer-Vater in der Schweiz, und mit dem männlichen Geräusche übertriebenen Rückenklopfens mit der flachen Hand wie auf afrikanischen Trommeln feiert man das Wiedersehen.

 

Nach dem Mittagessen im Tessin sank angesichts dieser Luftblasennummer mein zusammengekratzter Gutmenschen-Trieb wie ein angeschnittenes Soufflé zusammen. So eine Wohlfühl-Story ist wohl nicht das, was man nach 50 Jahren Afrika-Business den Schweizer-Expat-Schimpansen selbst unter höchstem Bananeneinsatz beibringen könnte. Oder frei nach Brecht brummeln: „ Was sind das für Zeiten, in denen ein Gespräch über einen unehlichen Neger schon fast ein Verbrechen ist.“

 

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