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Der Sepp und der Schnell-Lesekurs

Nachdem diese midlife-crisis-Kolumnen so beliebt sind in der Sonntagszeitung, kann ich ja auch mal einen oldlife-crisis Blog schreiben…Vor etwas mehr als 40 Jahren während des Studiums war ich oft zur Sommerzeit Fitnesslehrer in Mallorca. An einer Seminarwoche anfangs 7oer Jahre gab’s da einen Schnellese-Kurs für das Nestlé Kader. 5 Tage. Der Seminarleiter, mir doch sehr zugetan, wollte mich auch in die Höheren-Sphären-Kenntnisse der Topleute einführen und animierte mich mehrmals da mitzumachen – ich musste ja sonst nur mit denen fithoppeln, schwimmen oder irgendwas eventiges veranstalten.

Gut, ich ging dann mal „Schnelllesen“ aus Anstand und Kollegialität…er meinte ein HSG-Student könne das doch gut gebrauchen,  wusste damals noch nicht, dass Woody Allen das schon längst abgehandelt hatte: „ Ich habe einen Kurs im Schnelllesen mitgemacht und bin nun in der Lage, Krieg und Frieden in zwanzig Minuten durchzulesen. Es handelt von Russland.“ – So ähnlich hab’ ich das auch gesehen. Und nach rund 50 Minuten Schnell-Lese-Schnell-Bleiche suchte ich dann nach Ausreden, um am Nachmittag nicht mehr kommen zu müssen. Da die Hotel-Sekretärin auch gerne kam zur Zimmerstunde, ging ich dann zu ihr. Mein Gehirn ist ja nur mein zweitliebstes Organ.(Dies auch laut Woody)

Szenenwechsel : Ihr wisst ja, der Urin macht zwar nur 1% des Abwassers aus, das in unsere Kläranlagen fliesst. Er ist aber wegen seiner Nährstoffe für einen grossen Teil der Verschmutzung verantwortlich. 85% des Stickstoffs im Abwasser stammen aus dem Urin, und die Umwandlung und Entfernung macht einen grossen Teil des Energieaufwandes in einer modernen Abwassserreinigungsanlage aus. Jeder Saich kostet eben Energie. Der Mist der Investmentbanker auch. Die gab’s ja zu meinen Uni -Zeiten noch kaum. Viellleicht meinte der St. Galler Professor Hans Binswanger dies, als er «die moderne Ökonomie als Fortsetzung der Alchemie mit anderen Mitteln» brandmarkte. Diese Abwasserreinigungs-Oekonomie, die wir heute haben. Man blickt zurück und folgert daraus nach vorne. Und reinigt und reinigt– zum Beispiel auch die internationalen Geldmengen und die nationale Schuldenfortschreibung. Wenn aber alles in Veränderung ist und wenig konstant bleibt, dann ist die Zukunft so vollständig anders als die Vergangenheit, dass die Ökonomie orientierungslos wird.

Da die Hotel-Sekretärin auch gerne kam zur Zimmerstunde, ging ich dann zu ihr.

Und wenn ich vielleicht Investmentbanker geworden wäre, wär’s das ja aufgegangen: alles möglichst schnell unreflektiert und unkontrolliert aufhäufen… Damals war ich mit Sep Ackermann (jaja, der 25 % Rendite-Joe von der Deutschen Bank) befreundet, der ein guter Leichtathlet war und schon ziemlich was auf dem Kasten hatte. Der war dann so klug, sich sofort im Finanz- und Bankingbusiness zu etablieren, obwohl wir Neunmalklugen in den 70er Jahren doch damals nicht ums Verrecken in so ein „Bank-Bünzli-Verwalter-Spiesser-Business“ wolllten. –  Times change. Aber ich glaube, dass der Sepp auch nie einen Schnellesekurs besuchte – auch nicht an die „unsichtbare Hand“ glaubte („Wir alle handeln in der Verfolgung unserer eigenen Interessen stets zum Wohl des gesellschaftlichen Ganzen“). Haha, said the clown – bullshit, das glauben  höchstens noch der Schneider-Ammann oder der Pressedienst der FDP Graubünden.

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