Kolumne

Die Algos kommen

Eigentlich wollen wir das nicht so genau wissen: Wenn ich als Tourist einen Tag lang durch London schlendere, haben die nach 24 Stunden rund 300 Kamerabilder von mir. Gefährlich sind aber nicht die Bilder sondern die Auswertung, die Algorithmen, das sind die mathematischen Entscheidungsprozeduren, Ordnungs- und Such-Schemas für ziemlich alles: die Algos. Die können zum Beispiel Finanztransaktionen mittlerweile in Lichtgeschwindigkeit von 740 Nanosekunden zwischen der Londoner und der New Yorker Börse bewegen. Wenn ich also nasenbohrend in ein Bankfenster in Chur sehe, ist das dann so, als schaue ich auf einen Aktienkurs aus der Steinzeit.

… und welche Sexseiten. Google Analytics weiss also mehr über mich als meine Frau.

Algos sind wie Algen, überall und ständig wuchernd. Gut, Algen kann man wenigstens essen als Sushi. Und die werden auch nicht ständig intelligenter wie die Algos. Die versuchen nämlich permanent in meinen Kopf einzudringen um Geschäfte zu machen. Die sehen immer mehr, was ich mache und ich werde ich immer mehr zur Summe meiner Algos. Adwords zum Beispiel, die statistische Erfassung des gesamten Suchmaschinenraums ist sehr mächtig. Die wissen welchen Deo ich mir kaufe, welche Hotels ich mir ansehe und welche Sexseiten.

Google Analytics weiss also mehr über mich als meine Frau. Bevor ich fertig getippt habe, haben die schon erste Ergebnisse. Und dazu gibt es noch die neue Tastatur, SwiftKey,  die mehr weiss als ich selbst. Die kann den Wortschatz simulieren und sich an Stil, Sprache und Interessen des Nutzers anpassen. Schreibt also angenommen Nationalrat Jos Gasser dem Nationalrat Heinz Brand ein SMS zur ENERGIEWENDE, so hat das Algo bereits dessen  Nutzerdaten ausgewertet und personalisierte Vorschläge unterbreitet. Dann steht da wahrscheinlich „Energiew–ENDE“, weil das dem Brand besser passt. Schade, die Algos sind dann meist noch schneller als die CO2-Emissionen.

Die Algos sind schneller als alle Algerier, und auch Eriträer, Syrer und so… Algos  müssen eben nicht über Grenzen, die dringen in den Kopf rein. Die digitale Masseneinwanderung hat schon längst stattgefunden. Die Welt-Unordnung ist jetzt halt im ganzen globalen Dorf, auch in Lü und Lohn. Da kann man noch so fremdeln – nützt nichts. Gegen Algos nützt auch die SVP-Algebra wenig. Da kann die Grenzwache ihren Job noch so gut machen. Kommt da vielleicht bald eine neue Initiative zur Verlangsamung der Algos im Toggenburg?

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