Kolumne

Die anderen 52 Prozent

Jetzt haben sie wieder 1000 Leute befragt und dann so aufschlussreiche Umfrage-Ergebnisse publiziert. Wer Blocher wählt, ist gewissenhaft (daran hätte ich jetzt zuletzt gedacht). Wer Jon Pult wählt ist ängstlich (naja, punkto was?). Wer FDP wählt, ist kompetitiv (das ist doch hoffentlich jeder Gemüsehändler). Wer neugierig ist, wählt Grüne (deshalb haben wir wohl fast keine in Graubünden).– Schwer diese Media-Vereinfachungen zu begreifen. Gut, man erfährt dann noch die eigene Persönlichkeit sei genauso entscheidend für die Wähler-Neigung. Das denken wohl auch die über 50 Prozent, die nicht wählen.

Da verschlägts einem die Sprache, als würde man Frau Martullo küssen müssen…

Ich hab’ da auch so eine (sau-)komische Typologie: Grundsätzlich haben wir bei den Politikern nur die zwei Sorten: die klassischen Alpschweine, also die vom Land, und den Rest, die Rennpferde, also die urbanen Anwälte oder Oekonomen. Die haben dann wie der US-Präsident in „House of Cards“ eine Rudermaschine im Keller. Und ja, wie Kevin Spacey eine starke Frau und dazu noch einige Leichen im Keller. Die Frau ist meist nicht auf der Nationalratsliste und die Leichen wählt man ja nicht mit.

Die Bauern sind etwas übervertreten in Bern (wissen aber, wo man den Most holt). Auch erklärbar: das klassisch langweilige Alpschwein hat immer gut geschmeckt, Geschmacksexplosionen gibt’s selten. Hat man dies mal erkannt, kommt man zum genialen Alpschwein-Rennpferd-Rollenmuster der SVP Schweiz: Das speckig Lachende und bauernschlau Schnaubende des ländlichen Herrn Brunner gekoppelt mit dem verdreht intellektuellen Gelüge des urban-asketischen Herrn Köppel – macht zusammen eine faustische Erfolgsmischung. Die Drehbuchschreiber von  „House of Cards“ hätten es nicht besser hinbekommen. Da verschlägts einem die Sprache, als würde man Frau Martullo küssen müssen…

Bleibt aber immer Geschmackssache wie bei den TV-Serien. Man kann auch den „Bestatter“ mögen, der würde dann eher zur fröhlichen Auswegslosigkeit Graubündens passen. – Eines ist klar: in unseren Gefilden wünscht man sich ja immer die gleiche, langweilige Inszenierung. Cleverle bekommen meist nur Nebenrollen, wir Wähler ja auch. Aber das passt uns irgendwie. Bis zu den Nationalratswahlen im Herbst können wir uns dann wie Patienten im Kantonsspital fühlen und uns danach sehnen, dass die freundlichen Besucher endlich gehen, damit man wieder in Ruhe krank sein kann – bis zur nächsten Umfrage.

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