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Die Welt ist ein Thermomixer

Wir haben das Experiment mitgemacht. Mit fast 50 (unbekannten) Freiwilligen vom Invaliden-Friedhof in Berlin zum Hauptbahnhof,  von der Theatergruppe „Rimini Protokoll“ mit Kopfhörern dirigiert. Vor dem Hauptportal des HB Berlins dann, wie immer huschte eine grosse Menge von Passanten in alle Richtungen. Die Hauptbahnhof-Besucher stutzten, als wir uns plötzlich synchron ANDERS bewegten. Wir mussten uns 180 Grad umdrehen Richtung Bundestagsgebäude in der Ferne…Und dann die Aufforderung : „ entferne dich langsam rückwärts “…rückwärts Schritt um Schritt (offensichtlich von der Politik). Die Vorbeirauschenden  hielten inne, musterten uns schon als irgendwie gelenkte Zombies. Auffällige. Eben Wir. Das Wir-Gefühl wuchs. Und damit die Zuversicht etwas Gemeinsames zu tun. In Zeiten des poltischen Chaos’.

So fällt von der Scheisse immer etwas runter. Bis wirs glauben – den
Wahrheits-Bias…

Genauso das zweite Experiment in der Kirche. – Nach einer meditativen Sitzphase, wurden plötzlich einige – aber nicht alle (vielleicht per Zufallsgenerator) – aufgerufen sich beim anderen Ausgang zu sammeln. Dort erfuhren wir, dass wir die die Ausgewählten seien, die Auserkorenen. Wir sollten den anderen nicht winken oder uns verabschieden (meine Frau blieb bei der anderen Gruppe, und wie sie mir später erklärte, wurde dieser Gruppe auf dasselbe eingeschworen, mit dem Zusatz uns noch zu winken… so gönnerhaft.) Unglaublich diese Manipulationswirkung, wenn man sie so 1:1 erfährt…

Entspricht doch genau den aktuellen Tweeds und posts, die uns aufhorchen lassen. Die FBundTwitter-Blasenintensität lässt uns nur erschaudern. Wo die beginnt das eigene Urteil? Mit der Faktenlage? Der Blasenidentität ? Mit neuer Information? Meist gute Fragen. Meist hast Du multiple  Choice.

Seit ich angefangen habe, nicht nur meinem „WIR“ (u.a. den Trump-Hassern) zu folgen, sondern auch die Statements der Klimaleugner zu lesen (auch die NZZ macht da slightly mit und die „wissenschaftlichen“ Studien dazu häufen sich ja auch exponentiell), sitze ich wieder auf dieser Kirchenbank mitten in Berlin Mitte. Und es brummt…

Klassischer Kontextirrtum steigert sich. Früher musste ich doch daran glauben, dass ein FDPler definitiv das neoliberale Abendland rettet. Oder ein Gewerkschafter die Büezer. Das Erklärungsmuster krankt immer mehr – schau nach Frankreich. – Wir gehen davon aus, dass Politik und Lebenshaltung so bleiben wie sie waren…Die Zukunft ist wohl anders, unserer Soziologie ist ihre Mutation in unendliche Glaubensvarianten: ein gigantischer Betonmischer. Firmen Religionen (apple). Cyber Religionen (Russia Today und NSA). Diät Religionen. Patchwork-Politik…Die Welt ist ein Thermomixer.

Und bei den posts, merkt man’s: die Kritikalität ist meist gutorganisiert, Sandkorn auf Sandkorn bis zur „akkumulierten Veränderungsbereitschaft“ sagen die Sozialwissenschafter. Bis wirs glauben. Jedes zusätzliche Sandkorn erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass eine ganze Kaskade von Sandkörnern ins Rutschen gerät. Da kann man uns dann die weltanschauliche Überlegenheit um die ungewaschenen Ohren schlagen wie die SVP bei der letzten Volksabstimmung.

Die Theorie des Trickle Down haben wir ja mal gelernt: also die Pferdescheisse-Theorie; stopft man genug Hafer in ein Pferd, so falle hinten irgendwann auch etwas auf den Asphalt, an dem sich die Spatzen gütlich tun können. Also könnten Wirtschaftswachstum und allgemeiner Wohlstand der Reichen nach und nach durch deren Konsum und Investitionen auch den Unterschichten was bringen. Trickle Down funktioniert heutzutage bestens bei den Social Media.

So fällt von der Scheisse immer etwas runter. Bis wirs glauben, den
Wahrheits-Bias, dem man automatisch unterliegt, weil man Worte immer wieder hört und sie schliesslich unbesehen für wahr nimmt..

Also, je verpeilter man ist, desto glaubwürdiger wird man offenbar…die BAZ und die Weltwoche lassen grüssen mit der Headline „Trump hat recht“…Die NZZ auch immer mehr. Sie  verbürgen für das grosse Vertrauen in die Politik, das wird nicht mehr haben.

In der Schweiz macht man das nicht so vulgär wie in Sachsen-Anhalt beim AFD ; bei uns ist alles etwas geschniegelter, istagramfähiger, ohne Springerstiefel und Glatzen…(hab’ soeben eine Velotour dort hinter mir). Köppel beherrscht die Klaviatur des Vulgär-Akademischen meisterlich. Dem Vulgären gehts auch hier gut.

Ja, ist ja so: Wenn die Bürger alle vier Jahre einen Namen aufschreiben müssen,  oder eine Frage mit Ja oder Nein beantworten können, dann ist damit zu rechnen, dass in solche Ja und Neins viel Irrationales einfliesst, was mit der Abstimmungsvorlage oder der Wahl nur am Rande etwas zu tun hat..

…und am Schlusse ist es wie bei den Meerschweinchen, jedes will mal gestreichelt werden. Und wenn wir Schwein haben, merken wirs überhaupt noch.

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