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dings do…ebbä so dings

Den Bündner Kulturpreis sollte man dieses Jahr nur ihm vergeben: Hanspeter Lebrument. Seine Philosofie der „Dinglichkeit der Dinge“ ist weltberühmt. Und gleichzeitig sehr volksnah („so Dings so döt…“) Wie kein anderer brachte er es fertig mit diesem irgendwie totalen Volkstheaterduktus zum Kultperformer zu werden.

Gut, dass wegen des fortgeschrittenen Alters des Dings die Synapsen manchmal einige Dinge verwechseln, ist verständlich. Das Hirn ist halt das Ding mit dem ich vergesse. Aber vielleicht weiss er manchmal gar nicht mehr, was er vergessen wollte: „Wie heisst Dings so döt,  wo die Olympiade war, äääh, Dings schon wieder…?“–  Sein Dings sind als synaptale Übersprungshandlung entstanden, danach als Redeform kultiviert: „hüt hämer yo Dings, dass ma Dings…“. Und das Dings ist, dass da beiläufig eine neue Kunstform entstanden ist – was die Zürcher Kritiker natürlich wieder einmal nicht mal erfasst haben. Auf den ersten Blick mag dieser Dings-Ansatz trivial und unfreiwillig komisch klingen. Und ja, die GR-DRinglichkeit der Dinge wär’ ja vordringlicher. Aber weil es eben um Erinnerung und Gedächtnis geht, geht’s um mehr: um die Dekonstruktion von Fakten als Kult. Er verwechselt einfach Dinge sehr kultig, und Nein, natürlich geht’s nicht um dieses moderne fake-news.  Es geht nicht um Fakten, sondern einfach um die Performance.

Künstler sind ganz oben im Olymp angekommen, wenn sie als einzige im Raum Podiumsdiskussionen bestreiten dürfen. Dieses Privileg gebührt auch ihm. Vor allem wenn er laufend hochgradig anschlussfähige Sätze aussondert: Er beherrscht diesen Duktus mit dem Ostschweizer-Dings-Dialekt perfekt, führt überall Regie und verwechselt eloquent  die Masstäbe und Grössenverhältnisse. Eine Mega-Kunst: Er kann über etwas unfertiges fertig kommunizieren, im falschen Moment falsche Argumente hervorkramen…und dann mit „Dings“ einfach alles andere negieren. Dings sind bei ihm oft Dingsbums, oft Menschen, können aber auch Anlässe oder Orte sein. Allerdings sein Lieblings-Dings ist die Olympia-Bewerbung. Blindlings kann er da die Tragik banalisieren und zur Komödie verwandeln – auch dies hat er performativ gnadenlos eingelöst. Und wie. Und zwar so als müsste er neuerdings auch den Dings…hä?–  also auch den Kameras zeigen, dass er natürlich nicht an seinen eigenen Mehrwertigkeitskomplex glaubt.

Kein anderer Unternehmer hat soviele neue Arbeitsplätze geschaffen in Graubünden, sagt er. Das hat ihm den Ruf des Kult-Managers eingebracht.  Im Übergangsstadium von der Aufmerksamkeitsökonomie zu einer Desinformationsökonomie ist er der Topskorer. Kein Wunder er war mal Sportredaktor, dann Chefredaktor. Die NZZ schrieb am Jahresende für unsere medialen Bündner Begriffe etwas despektierlich: „…bis vor kurzem gab es in der Schweiz einen polternden Verlegerverbandspräsident, der die Welt schönredete und wissenschaftliche Beobachtungen von Journalismus für überflüssig hielt.“ Kein Ding ist da überflüssig.

Natürlich ist’s auch ein globalisiertes Phänomen: seit den amerikanischen Wahlen wissen wir, dass es simplem ideologischen Grenzziehungen und vulgärem Intellekt gut geht. Unser Kandidat beherrscht diese Klaviatur meisterlich. Das Zurschaustellen von Potenz, Verachtung für Verfeinerung und Differenzierung hat er perfektioniert.

Er ist omnipräsent und orchestriert den Chef-Populismus. In seiner Daseins-Grobmotorik fast unbeschreibbar. Bei einer Laudation müsste man sich schon übertriebene Mühe geben, eine Sinneinheit zu erfassen. Im High-End-Überforderungstheater der Bünder Wirtschaftsverbände ist er das Vorzeigesubjekt. Von der Presse als Haudegen betitelt, beherrscht er auch dies virtuos: Allerwelts-Plattitüden als Innovations-Kracher zu verkaufen. Genau das ist das Mysterium: diese fast alterslos unerwachsen wirkende Grundhaltung gegenüber der dargebotenen Komplexität rings um die Dings.

Den Bau eines skurrilen Teatrum mundi für komplizierte Media-Provinz-Verhältnisse ist nur eines seiner Verdienste. Gut, er verdient jetzt nun nicht mehr so viel wie früher, aber schliesslich bezahlen jetzt ja wir. Aber das ist beim Egomodell eines modernen Künstlertums normal.  Wieder mal die Zürcher machten publik, dass die Somedia jährlich 2.1 Mio Fr  kassiert „für die Verbilligung der Transportkosten“ und um die „Pressevielfalt zu sichern“ und wieder die Somedia  4.1 Mio Fr. für ihre Fernsehstationen vom Bund bekommt. Und demnächst eine Million mehr. Ganz zu schweigen vom beträchtlichen Mietzins den die HTW mit öffentlichen Geldern ans neue Medienzentrum zahlt.

Unentwegte Fortschreibungen seiner Dings-Aphorismen werden wohl in die Bündner Kunstgeschichte eingehen. Vielleicht dürfte erst später irgendwer sowas arthistorisch dokumentieren können: Alles fliesst. Jedes Dings. – Verlegen werden wir uns später der Tatsache erfreuen, dass er bereits in den frühen 90er Jahren das verlegerische Nordkorea betreten hat… Aber dort war ja Blocher auch schon…

 

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Ein Gedanke zu “dings do…ebbä so dings

  1. „Das Zurschaustellen von Potenz, Verachtung für Verfeinerung und Differenzierung hat er perfektioniert.“

    Das bringts auf den Punkt. Und wenn er seinen Journalisten nicht endlich beibringt, dass dies nicht das Erfolgsrezept für wirtschaftlichen Erfolg von Printmedien sein kann, dann werden wir wohl bald in 20 Minuten keine SO mehr lesen und den Blick in den Abend schweifen lassen.

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