Kolumne

Ein Schweizer Karriere-Sprung

So gehts einem doch: kleine Verhältnisse, enge Wohnung, viele Geschwister und immer arbeiten und immer Hunger. Ungeheizt auf dem Velo und immer Gegenwind, mit dem Geschmacksdiktat der Unterschicht ausgerüstet, muss man sich dann aufwärts rackern und hat eigentlich nur ein Lebensziel: ein Cordon-Bleu pro Tag im Hier und Jetzt.

Man entwickelt dann eine besonders affektierte hochgeschraubte Verbalität und erlangt auch noch einen MBA nach einem Fernkurs bei einer thurgauischen Fachhochschule. Jetzt kann man den Akademiker aus dem Hosenlatz raushängen lassen und ist bald Steuerhinterziehungsberechtigter. Ab und zu wird man auf seine Kinder angesprochen: „Wie alt sind denn die jetzt?“ – „Die Juristin ist drei, und der Investmentbanker geht im Herbst in die erste Klasse.“ Aber den Witz verstehen nicht alle Parteifreunde.

Gut, die Ueberakademisierung wird immer schlimmer, meinen viele. Aber gemach, man weiss aus Untersuchungen, dass gleichviele mit Master masturbieren wie ohne – ist also auch nicht staatsdestabilisierend. Und aus dem Handbuch der Illustrierten-Psychologie weiss man, dass so ein Bachelor auch nur in etwa Melanie Winigers Ausbildungs-Level erreicht.

So läuft dann das Leben weiter. Man ist seiner ersten Frau dankbar für den Erfolg, dem man die Zweite verdankt. Aber auch die Zweite fühlt sich dann nach 10 Jahren etwas übersext und unterf…ordert. (Madame Bovary wusste schliesslich auch nicht, wohin sie fahren wollte.) Frau fährt dafür oft und gerne ihren weissen Schützenpanzer aus der Garage, frühstückt meist nicht wegen der neuen Trennkost und fühlt: “…nach dem Frühstück so eine tiefe Leere in mir…“. Schliesslich hat sie sich gestern wieder die Bootsflüchtlinge in der Tagesschau ansehen müssen. Ein Lach-Yogakurs macht dann einiges wieder besser und bald hat sie wieder ihre innere Standleitung zur fröhlichen Stimme von Beatrice Egli.

„Schatz, bist Du glücklich?“ getraut sich der moderne Schweizer dann in diesen spärlichen Momenten zu fragen. Dramaturgisch dann überraschend die Antwort, dankend einfühlsam wie in den Gedichten der Frau Hohmeister in der Bündner Woche oder auf dem Kugelschreiber des Südtiroler Wellnesshotels: “Schön, dass es dich gibt.“ – Ob sie damit die Schweiz meint, weiss man nicht so genau, aber auf jeden Fall wär’ es eine schöne Geschichte, die man gestern doch allen Asylsuchenden hätte vorlesen können.

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