Blog

Frag Arno…

Heute sollte ich am Bündner Tagblatt-Stammtisch sein. Eingeladen zum Talk über das neue Weissbuch zu Graubündens Tourismus. Ich hatte fast zugesagt. Als „Tourismuskritiker.“ Vielleicht so als Tatort-Reiniger oder Aufräum-Coach? Oder einfach als Beta-Blogger?

Vorweg das Unlustige: Das Weissbuch ist gut, vieles richtig analysiert…die richtigen Fragen werden gestellt: „100 Hotels erzielen konstant rund 50% der Übernachtungen. Was machen die anderen 630?“ Die Experten sind also mit dem grossen Besteck ran. – Und mit einer Schärfe von nahezu unergründlicher Klarheit kommen da all die Argumente aus dem Recycling-Werkhof.

Das Grundproblem der Bündner ist diese Mitmach-Blockade, ein lethargischer Mindset herrscht. – Aber wir wollen uns ja nicht die Laune verhageln lassen. (Man kann auch die Ohren zuhalten wie ein kleines Kind über die immergleichen Argumentationsmuster und Zudeck-Vokabulare.) Doch, Schmunzliges hat’s dann doch. Nur schon das Vorwort von Schneider-Ammann: da ist nichts falsch, er ist einfach der Falsche…Dieses ungelenke Bundes-Spast-Wort hätte es nicht gebraucht. Schliesslich wollt ihr uns doch endlich anturnen? Der Berner betont auch noch selbst, dass er früher Bergsteiger war, heute Wanderer. Genau wie Graubünden. Klingt fast wie so eine bitterböse Parabel.

Nun haben wir also so etwas wie einen mundgeblasenen Feldstecher für die Nahsicht ins Tourismus-Nirwana.

Und wollen Veränderung. – Gut, mit Thesen zum miesen Mindset in GRs Tourismus könnte man Wände tapezieren. Und das, was da drin steht, sagen einige seit der Jahrtausendwende. (Ich war mal kurz Vizepräsident von GR Ferien. Nur kurz, weil ich sah, was so eine managementbeflissene Skiclub-Attitüde alles anrichtete –das ist heute besser)

Das Problem ist erkannt. Das Problem ist ja, das sich niemand getraut diese kleinländlichen, kleinlädigen, verbeamteten Läden auszumisten…die Grossräte maulen zwar etwa mal, aber niemand hat so recht ein spektroskospisches Interesse an den Verdauungsprozessen der kantonalen Gelder. Und es liegt ja auch nicht am Kanton. Im Weissbuch ist kein Weissraum übrig geblieben für die Personen-Situations-Analyse, dieses Mischelmaschel an Mittelmässigem. Kurz: Die Berater sind nicht schuld, sucht endlich die Umsetzer…

Gut, AWT-Bashing kann inzwischen jetzt ja jeder. (Es sind wirklich nicht nur DIE.) Hoteliers, Bergbähnler und Fewo-Besitzer nehmt euch an der Nase. Jetzt weiss man nicht, ob man die dumme oder die gierig-schlaue Sorte (zum Beispiel die Valser-Türmebauer) schlimmer finden soll. Der Aufstand der Schlaueren, der Terror der Besseren, ein personelles Grossreinemachen wäre fällig. (Wir haben Hoteliers in diesen Gremien, die zwar über 70% Auslastung hinkriegen, also top sind, nur im internationalen Rating kaum bestehen würden.)

GR wird ja von oben politisch von einigen Churer Partei-Anwalt-Zampanos und ihrer Entourage geführt. Die haben kein Interesse am Tourismus. Höchstens mal an einem Verwaltungsratsmandat. So sind wir denn oft in der Lage auch im Zustand grösstmöglicher Saturierheit mitzuschlafen oder die wenigen Cracks noch zu beneiden. Und haben damit einen Grad von Verblendung erreicht, um den man uns schon fast wieder beneiden kann…

Jetzt weiss man nicht, ob man die dumme oder die gierig-schlaue Sorte schlimmer finden soll.

Und von unten? Der Bodensatz aus schlecht gelaunten Dorfbeizern, schmaler tretenden Gewerblern und Land-und-Lüüt- Zuschauern generiert auch nicht unbedingt einen neuen wertschöpfenden Geist. – Wir sind ja alle verlorene Dienstleister in einem umgekippten Markt. Und ein Übel lässt sich selten mit dem Gegenteil kurieren: alles umkippen? Also mit einer Aktion, die bottom-up (und gierfrei) uns wieder zu mehr gemeinsamer kommunitarer Aktion verführt. GRhome versucht das jetzt.

Wir sind ein mittlerer Anbieter auf dem Weltmarkt, mittelwichtig, mittelgewichtig, mit middle-of-the-road-Allüren. Gelebter Land-Durchschnitt. Das heisst wir machen immer etwas im Markt, wenn es andere auch schon gemacht haben (selbst die Walliser)…so funktioniert auch unser System. Jetzt sitzen wir da und sprudeln und zischen wie ein absitzender Autokühler.

Viel zu lernen du noch hast kleiner Yedi. – Vielleicht letzter Yedi.

Der BT-Stammtisch wird wahrscheinlich auch so eine Postauto-Konversation. Und tut das was alle Gehirne der Welt ständig tun: es sucht eine Erklärung. Geistige Sprengsstoff-Westen werden wohl kaum gebastelt. Gemach: In der Lokalpresse abgefeierte Sympathieträger wie Martullo werden uns dann bald wieder aufklären. Kennt sich ja immer aus, wohnt in Lenzerheide und plädiert auch für den abstiegsorientierten Asozialstaat. Gut, Vollrohr-Milliardäre brauchen kein Weissbuch…(sie hätte vielleicht eher ein Grünbuch nötig, aber das lassen wir…wir haben nun wenigstens eine neue, ganz gute Strategie: NATURMETROPOLE GR, aber die passt nicht ganz zu ihr.)

Aber zur Zeit sind das alles so Anstrengungen zum Vermeiden von Fehlern (aufgemacht in dieser Thesen-Putzigkeit), nicht sinnvoller als ein Hockeyspiel ohne Puck.

Einen Coach hätten wir nötig. Einer mit dem Zeugs zum Transition-Game , so einer wie Arno del Curt. Der kann perfekt umsetzen in diesem Chaos: wahnsinnig schnell umsetzen von Defense auf Offense….Im Tourismus sind’s zur Zeit alles so Anstrengungen zum Vermeiden von Fehlern (aufgemacht in dieser Thesen-Putzigkeit), nicht sinnvoller als ein Hockeyspiel ohne Puck.

No offense. Auch Leute wie ich tragen Schuld an den Zuständen, nicht die Langweiler in all den Organisationen, oder genau jene Anhänger in genau jener erwähnten notorischen Nörgler-Partei, die seit Jahren mit ihrer Missgunst und Kleinkarriertheit an den Fundamenten einer Vorwärts-Strategie graben. Bündner, die wählen, wählen Tranquillizer, die anderen wählen wohl nicht mehr. Einige Denkende haben längst aufgegeben. Wir wollen auch nicht immer nur als Kratzbürste und Beleidigungs-Nudeln dastehen. Da gerät man unweigerlich mit ins Schleppnetz der Verachtung. Das Resultat ist dieser langsamere Atem der Dinge. Early Adopter sein wollen und alle kritischen Leute abwürgen, passt eben nicht ganz.

Die Server sind halt etwas out of order, vor allem beim Service.

Wir sind so schwach, weil Tourismus so personenabhängig ist. Und der Hans macht immer was der Heiri. Da müsste man Leute auswechseln, wie es Arno jeden Dienstag, Freitag oder Samstag tun muss. – Die Hälfte der Gastgewerbler würden outgesourcet, nicht die Portugiesen und Sachsen, wohl eher die Bündner-Muffel meiner Führungs-Generation…Das wäre vielleicht die beste empathische Anschubfinanzierung. Die Server sind halt etwas out of order, vor allem beim Service. („Er hat die pampigen Capuns mürrisch auf den Tisch geknallt…“ steht dann in den Leserbriefen…)

Sortiert euch mal, liebe Touristiker. Aber nicht mit den Immergleichen…Freude macht eigentlich immer mehr die ganz junge Generation von aufgestellten Muntermachern denen man immer mehr begegnet, im Service, auf Bergbahnen. Sie sind vielleicht das neue Effizienzpacket.

Die Zeit ist reif für eine Veränderung – wissen alle. Und wie soll der Sturm der Erneuerung soll durchs Land fegen? Nehmen wir mal die Marke GR, wunderbar….mit dem ganzen Schmus drumrum. Die war auch mal notwendig als sich vor 15 Jahren dieses Corporate-Design-Getute  notwendig machte…Heute schaffen die Gäste die Hälfte des Branding – auch das negative. (Und der Steinbock hat mindestens schon ein Horn ab.) Val Müstair wollte eine neue Marke, das Engadin hat wieder zwei Neue, Davos-Klosters will wieder eine Neue. Das Cerebellum birst gerade vor Hyperaktivität. Und GR versuchts mit  festangestellten Markenmanagern, die immer wieder versuchen der leeren Flasche so ein Champagner Ejakulat zu entlocken.

Nehmen wir mal Dynamic Pricing/ Yield Marketing – das haben wir in den 90er Jahren in Kursen bei Airlines gelernt…bei den Bergbahnen will man’s jetzt bald einführen…“wenn ihrs nicht erfühlt, ihr werdet’s nicht erjagen“. Reichlich zu spät wie Goethe heutzutage. Aber immerhin kann man neuerdings 4 Stunden-Karten lösen auf den Bergbahnen. Einfach alls etwas  retardiert.

Der Steinbock hat mindestens schon ein Horn ab.

Nehmen wir mal die Kommunikation und Werbung: Graubünden hat da ein gutes Händchen. Man nimmt einfach immer eine der teuersten Schweizer Agenturen (die sich für viel Geld prämieren lassen) und kann dann auch belegen, dass man bei den Besten. (Glauben Sie mir, ich war auch dabei…funktioniert immer noch). Nur: wie wichtig ist das noch im heutigen Medienmix auf internationalen Märkten?

Nehmen wir Kultur: wie kann man einen tollen Turm auf dem Julier finanzieren, in dem nur EINE Kunst stattfindet: die von Giovanni? Darum geht’s: Jeder macht was er will, keiner was er soll. Aber alle sollen mitmachen beim Umsetzen des Weissbuches.

In diesem Buch sitzt jedes Wort zwar genau wo es hingehört. Wir haben jetzt die besseren Argumente um die Hände in den Schoss zu legen. Wir haben’s ja schwarz auf weiss (was die andern alles tun sollten). Da bleibt dann kein Weissraum übrig um mehr über Personen zu reden. Über die Veränderung in uns. Gönnt den jetzigen Gremien vielleicht mal eine Auszeit…Vielleicht könnt ihr, liebe Experten, auf der Spielerbank euch selber den Vertrag künden…Oder einfach Arno fragen…

 

 

Standard

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.