Kolumne

Innovations-Theater

Die Antwort ist Innovation. „Und was war noch mal die Frage?“, fragt man sich wenn man aktuelle Reports über den Tourismus liest. Ist doch schön – dieses Betulichkeits-Wort – und gut brauchbar für Tourismus-Generalversammlungen. Es brabbelt ja schon überall bald wie ein Stossgebet…

Gut, man kann dem Bündner-Credo zustimmen: „Kunst bringt nichts, wenn sie nicht dem Baumeisterverband nützt.“ – Noch effizienter ist’s aber, mal ins Theater zu gehen. Dort hat man immer die Möglichkeit beim Zuschauen und Zuhören zufällig auf eigene Erkenntnisse zu stolpern. Diese Mischung aus totaler Entspanntheit, fast Entrückung, dieses Eintauchen in kleine Zufälligkeiten, kann ganz brilliante Ideen hervorrufen. Serendipity heisst das, wenn man etwas ganz anderes gesucht, dann aber zufällig was innovativeres entdeckt. So wurde auch Amerika entdeckt, der Klettverschluss…oder Viagra. Mit der Innovations-Findung ist es eben meist so: such’ was anderes als du erwartest.
Kann man man auch im Theater. Letzte Woche wurde Leo Tuors Jagd-Roman „ Settembrini“ in der Churer Postremise gespielt. Ja, da merkt man, dass die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten meistens der Umweg ist – wie auf der Jagd. Das ausgezeichnete Ensemble hat ganz normale Brabbelsätze zu philosophischen Weisheit hochgejazzt: „Alles ist wie vor dem Schuss. Nichts ist wie vor dem Schuss.“ –  Und beiläufig meint der Onkel Gion Battesta zur Jagdprüfung: „Sie sollten aufhören, euch so Schwachsinn auswendig lernen zu lassen…“ Um gleich wieder praktisch zu werden: „ Die Böcke und die Leute werden immer älter.“ – „„Absurd. Die Schulen leeren sich und die Altersheime füllen sich.“

Einmal ins Theater – einfach mal anderes andenken, liebe Touristiker. Weil ja auch im Marketing gilt: Alle Wahrnehmung ist Differenzwahrnehmung. – Tourismus-Seminare waren für mich oft so eine Art muffige katholische Kirche der Innovationskastration. Ich kam mir vor, wie in dem Büro, dem die Formulare zum Nachbestellen der Formulare ausgegangen sind. Im Theater kann das Hirn endlos spazierenfahren. Und amüsant ist’s erst noch.

Wenn der Wildhüter „mit einem Gesicht wie der personifizierte Kanton Graubünden, der ja eine Einrichtung für die Ewigkeit sei“, meint,  dass nur Glanzvolles dem Untergang geweiht sein könne, nickt man mit. – Klar, Theater überfordert zwar oft mit einem Übermass an Bildern, mit der Simultanität von Aktionen oder Wiederholungen. Auch im aktuellen Tourismus ist man halt etwas überfordert. Genau dieses Nicht-Nachrennen ist ein Weg. Und „Settembrini“ strotz vor Marketing-Ratschlägen: „Auf der Jagd arbeitet man immer gegen den Wind…“

Durch so kulturelle Streifzüge wird man serendipisiert, wird neugierig und plötzlich kommt Neues auf. Alles Theater ist Innovation. Vieles ist nicht immer klar: doppeldeutig inszeniert, humorvoll, weltphilosophisch immer kippend. Da ist man spielend neugierig genau dort angelangt, wo eben heute auch der Markt ist – und nicht dort, wo das Hirn eine Einbahnstrasse ist.

Standard

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.