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Hängearsch-Existenzen..

Graubünden mache einiges falsch, vieles richtig, aber das meiste zu langsam, schreibt heute Reto Furter. – Wir Bündner sind ja alle in irgendeiner Form Altersheim-Betreuer. Wir betreuen aussterbende Gäste-Segmente, niedergehende Skigebiete, untergehende Sprachen, zusammenfallende Maiensässe…und bauen uns daran noch irgendwie auf. Und wie sagte doch Thomas Mann im Davoser Zauberberg: dass wir….“sympathetischen Anteil daran nahmen und sich dem Taumel innerlich ebenfalls überließen.”

Das Kapitel heißt übrigens bei Mann: “Die große Gereiztheit”. Gereizt sind wir aber nicht. Ich habe aufgehört mich zu fragen, was ich falsch gemacht haben könnte. Ruhend wie Lincoln auf seinem Denkmalsthron im Vorspann von „House of Cards“ seh ich dem Ende entgegen. Das wird gut.

Ich rede da von meiner Generation. So ist’s gut dem Ende entgegenzusehen. Aber wieso sind die nächsten zwei auch so? Wir haben eigentlich alles im Überfluss. – Kann man natürlich sehen wie in der chinesischen Medizin: zu wenig Yin. Oder Yang? Eins von beiden.

Gut, man kanns auch stoisch nehmen: Stoiker denken nicht daran, was man alles noch nicht besitzt. Es sei besser, sich zu überlegen, wie stark man die Dinge, die man besitzt, vermissen würde, wenn man sie noch nicht besässe..

Wir werden zu so etwas wie einer abgegriffenen Reclam Ausgabe von Jürg Jenatsch. Nur der Himmel ist selten schlaff und eintönig. Oft siehts bei uns aus wie das, was ein Film-Location-Scout als zu kitschig abgelehnt hätte: Eine Landschaft zum Weinen schön. Zum Abklatschen Wir haben ein Bürgerrecht im Reich der schönsten Kalender-Aufnahmen…Instagram-Land at its Best. Ergänzt man das Ganze mit einem bisschen Wandergewimmel sowie etwas Arvenwälder sind wir ein Traumland für Absterbende.

Ein Steinbock geht eben nicht abends ins Theater um sein Leben reflektieren zu können.

Inmitten dieser obszön überteuerten Umgebung fühlen wir uns wohl. Und eigentlich kann ich mich an diesem absurden Bild gar nicht sattamüsieren. Wir, die Titelverteidiger dieses lauten alten Glücks als wir noch 30% mehr Logiernächte hatten.

Im Theater hab ich mal gelernt, dass tote Seelen unspannend seien – das glauben wir aber nicht. Denn selbst unser Kultur-Regierungsrat sieht immer so aus, als müsse man ihn aufbügeln. Wir machen da Vieles. Wir bauen allerorts Türme. Wir haben auch Readymades wie von Duchamps: Origin ist da unser Vorzeige-Werk. Allein weil es als Kunstwerk behauptet, und in einem Raum einer Umgebung gezeigt wird, die diesen Anspruch fordert, wird es zum Kunstwerk. Jesu Warnung der Maria Magdalena vor einem Tabubruch wird hier ernst genommen: Noli me tangere – rühr mich nicht an. Vor allem rühren wir hier nur Bibelthemen an. So im Stile: lassen wir es beim Alten. Ein Steinbock geht eben nicht abends ins Theater um sein Leben reflektieren zu können.

 

Der Verzicht auf das Alte ist zwar der Grundgestus der Moderne. Das sehen wir nicht so. Mit Moderne meinen wir das Traumland der Übergänge, Mehrsprachigkeiten, Ambiguitäten und des Ausgefranselten. Die Munggen und die Alpenrosen kommen und gehen. Wir bleiben. Wir haben so Plumps-WC-Seelen, die vertragen alles, was auf sie runter fällt.

Schon gut, wir kommen klar…das ist es ja! ….Schrieb mir doch kürzlich ein Berater-Kollege eine mail: „ Weisst du diese dummen Teilzeit-Pöschteli, wo sie wieder jemand sind und mit ihren mediokren Ideen und ihrem Maluns-Horizont jedes Projekt auf den Boden bringen. Oder unter den Boden.“ Da werden Naturparks, Velowege und IT-Verkabelungen  mit tantenhafter Überbetreuung entwickelt: wir bleiben stoisch. Haben uns ja an die onkelhaften Romanen auch gewöhnt, ihren Stil adaptiert: wir lassen uns das Aussterben bezahlen. So eine Art fröhliche Hängearsch-Existenz.

Da muss man nicht so speeden und rumfurzen.

So wie Darmwinde, die bekanntermassen Kettenreaktionen auslösen, also in hoher Frequenz auftreten können…entwickeln wir uns eigentlich nicht. Wir wissen, dass Erfolg und Misserfolg manchmal so dicht beeinander wie Anus und Vagina liegen. Tür an Tür. Da muss man nicht so speeden und rumfurzen…Wir haben Immobilien Heinis angezogen, wie Fliegen, wie gierige Dotcommer, neben denen unsere fresswütigen Bauunternehmer aussehen wie asketisch fastende Sonntagsschüler.

So gibts bei uns keinerlei Spur jener prätentiösen Allegorik, die einige unserer Züri-Freunde an den Tag legen. „Pacific“ dem Sonnenuntergang entgegen. Unser Baujahr ist ja älter. Die ganzen beschädigten und versauten Stadt-Leute sind ja froh haben sie uns. Die Zweitwohnungsbesitzer lieben uns:“ Sie brauchen sich uns gegenüber nicht zu schämen“, enthusiasmieren sie beim Holunderssorbet bei Caminada in Schauenstein.

Wir haben zwar  viel weniger Geld als die Leute mit denen wir zu tun haben, aber auch viel mehr Zeit als viele Leute, mit denen wir zu tun haben. Und manchmal …manchmal genügt uns die Wahl einer Emser Nationalrätin zum sofortigen Müdewerden. Sie richtet’s ja. Da muss man mal ein Auge zuklappen. Unsere Gemütsruhe hat die monumentale Stabilität des Fontana-Denkmals. Da kann man unbeirrbar und geschickt stehen bleiben, abwarten.

Und wenn wir, also die Rotte eingefleischter Graubündner-Grauköpfchen, einmal im Jahr das PS-Buffet der GKB stürmen, ist das meist keine Oktober-Revolution. Jo nu, an die Stelle der sogenannten gehobenen Gesellschaft ist bei uns ein bizarres Gemisch von Miststock-Politikern, Skifahrern, Radio-Moderatoren und Immobilien-Neureichen getreten. Auch hier ein Klassen-Ausgleich. Arbeiten ist ja auch eine sehr altmodische Art der Vermögensbildung.

Jetzt reden ja alle von schubsen, „Nudging“ – aber wohin? Ein Bündner lässt sich nicht schubsen…bestenfalls mal verschubsen aus Ems…Wir machen Innovationsseminare, deren Flipchards nach Jahren der Agonie meist als Schredderfötzeli noch im Staubsaugerbeutel enden. In dem Gewusel von perduegegang’nen Konzepten sind wir eben wie eine Festung, deren Kanonen in alle Richtungen zeigen, von wo sie meinen, dass der Feind kommt, und die eigentlich weiss, dass der Feind meist durch die Hintertüre kommt…das lässt uns kalt wie ein Hirsch-Kotelett aus dem Kühlraum. Da arbeitete der Verstand im Achtsamkeitsmodus.

 

„There is no such thing as no movement.“ meinte ja schon Robert Wilson. Erhaben, so wie ein Adler seine Ellipsen zieht im Nachmittagshimmel. The End.

 

 

 

 

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