Kolumne

Häsch du gwachsa…!

Als Bub stand ich jährlich einmal im Kinderzimmer und machte einen Strich über dem Kopf auf die Türkante. Soviel schon gewachsen! Und als ich dann 1.83 m gross war hatte ich begriffen, dass jetzt wohl bald etwas anderes zählen würde. Wollte zwar wie Faust „zum höchsten Dasein immerfort streben“, aber immer wachsen kann’s auch nicht sein – mindestens volkswirtschaftlich. Man redet zwar vom Flugzeug, das einen bestimmten Schub brauche, sonst könne es nicht fliegen. In Graubünden redet man von 2% Wachstum, obwohl man selten was zum Fliegen bringt.

Wachstum ist bekanntlich wohl so etwas Begehrliches wie ein Décolleté: junge Damen bekommen davon einen Mann und ältere höchstens noch einen Schnupfen.

Und am WEF fliegen die Superschlauen mit dem Helikopter ihre Verlust-Angst ein und machen auf Grenzüberschreitung. Klar ist: Wachstum ist eine Art Menschenrecht. Fragt sich nur für welche Menschen? Gut, Entwicklungs- und Schwellenländer brauchen mehr Schub für Wirtschafts-Wachstum. Und wir Schweizer möchten aus Gewohnheit auch immer noch mehr, vor allem wenn unsere Komfortzone oder das Benzingeld für den BMW gefährdet sind – „Reich ist, wer weiss, dass er genug hat.“ meinte Laotse, war aber kein Schweizer.
„Allas tummi Siacha, tralalala“ könnte man da mitsingen wie in den Hockeyhallen. Die Sonntagsrede über die schnöde Konsumgesellschaft muss aber nicht sein – und Ecopop brauchen wir schon gar nicht. Dennoch: Braucht’s immer mehr Wirtschaftswachstum? Selbst die renommiertesten Ökonomen beginnen daran zu zweifeln und sprechen von «No-Growth». Die Wirtschaftswachstums-Frömmigkeit kann’s nicht mehr sein. Und vom Langlaufen wissen wir, dass immer nur waxen auch nichts nützt. Qualitativer trainieren würde mehr bringen. Qualitativer denken auch, lieber Olympiagewerbe-Verband. Aber es gibt eben kein Verblödungswachstumsbegrenzungsgesetz meinte schon Dieter Hildebrandt.
Ein Trost: In unseren Bündner Führungsetagen wachsen die Nullen, und die sind bestens geeignet für ein Nullwachstum. Man hat laufend weniger Schneesport-Gäste, baut dafür aber die Skigebiete aus. Oder man baut Zweitwohnungen auf Vorrat. Und dann lästert man über leere Hotels. – Die Schweiz muss ihr Wachstum dosieren, auch wenn das Begehren uns noch so umtreibt. Wachstum ist bekanntlich wohl so etwas Begehrliches wie ein Décolleté: junge Damen bekommen davon einen Mann und ältere höchstens noch einen Schnupfen. Helvetia ist da eher alters- und erkältungsgefährdet – aber wieso machen wir bei ihr immer noch den Strich an die Türkante?

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