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Havanna Kunstkult

Mal eine aufgewärmte tropische Kulturgeschichte. – Nach der Velotour: Wir spazierten recht touristisch beim Eindunkeln im November durch Havanna. Auffällig war da eine Schweizer-Vita-Parcours-Tafel an einem beleuchteten Haus. Emsig strömten neue Leute zu dieser Türe. Locker gekleidet, aber doch mit dem gewissen Etwas der Internationalität. Oder eher Kultis? Vorsichtig schaute ich mich um, ob da wohl wieder geheime Securitad dabei war. Nichts davon – die Türsteher musterten mich abschätzend: Shorts, Adilettes, T-Shirt… aber bei devisenbringenden Bikern ist man dort wohlwollend und zudem weiss man ja nie im Künstler-Umfeld… sie liessen uns rein. Und wir hatten ein gewaltiges Déja-vu: Vordergründig eine sehenswerte Ausstellung mit dem Titel “Despues del arte“. – After Art – mit namhaften Künstlern aus der ganzen Welt: Naumann bis Pistoletto – Lewis bis Rebecca Horn und dazu noch international bekannte Schweizer wie Roman Signer. Aber was hat das Vita Parcours Zeichen damit zu tun?

Wenn man’s kann ist’s keine Kunst, und wenn man’s nicht kann erst recht keine, hat doch Karl Valentin schon gesagt. Und über die schön ziselierten, hochnobiliterten Sätze, die uns vorgekaut werden, damit wir merken,  was Kunst ist, wundere ich mich schon längst nicht mehr. Aber diese wahre Geschichte hat alles geschlagen, was ich bisher unter Kunst kannte. Vielleicht sollte man auch mal den Kunstschaffenden zu erläutern versuchen, wo sich der auf der nach unten offenen Kulturförderungsskala der Grenzwert zur Nicht-Kunst befindet.

Du kannst jeden Scheiss aus dem Kontext verfrachten und klugscheisserisch untertexten heisst die Formel.

Für mich war Vita-Parcours der Churer Fürstenwald und Andreas Bärtsch.  Anfangs der 70er Jahre bauten wir mit seinen  Plänen den ersten Vita-Parcours in Chur.  Selber durfte ich auch schaufeln für das neu aufkommende Fitnesstreiben in den Wäldern.

Und jetzt waren diese blauen Tafeln mit schwarzen Nummern -– französisch beschriftet – als internationale Kunstinstallation nobilitiert. Nix anderes; einfach die Tafeln so aufgehängt. Und der Titel „Vita Parcours“. Internationale Kunst. Der internationale Schweizer Künstler Fabrice Gygi weise laut Katalog ironisch und subtil auf die schleichende Militarisierung unserer Körper in der Unterhaltungsindustrie hin und auch auf das Regime der Körper-Disziplin, dem wir uns heutzutage so gerne unterordnen würden.

Sprachlos war ich wohl nicht nur wegen meines rudimentären Spanischs; wohl eher wegen der neuen Kunsterfahrung. Du kannst jeden Scheiss aus dem Kontext verfrachten und klugscheisserisch untertexten heisst die Formel. Und schliesslich setzt der internationale Kunstmarkt ja inzwischen auch 56 Milliarden im Jahr um – ein Bankenbusiness. – Klar, Kunst liegt im Auge des Betrachters und wenn Du’s nicht checkst, hilft immer ein gut formulierter Katalog. Kulturverständnis ist eher von einem fehlgeleiteten elitären Gehabe geprägt. In Chur und Cuba ähnlich. Für die Erleuchteten oft eine geschützte Werkstatt, in der man selbstbezogen unter seinesgleichen rumhämmern kann. Wenn sich Andreas Bärtsch im Grabe auf dem Churer Friedhof noch freuen könnte: er würde schallend lachen. Genau das hatte er uns doch immer vermittelt. „Glaub doch nit jeda Saich.“

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