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high noon in haldenstein

 

Etwas mehr als in der Regionalpresse. Eine Dorfgeschichte. Oder: wie Corporate Governance auch Graubünden erreicht.Fast wieder amüsant.

Den Familien um Josias Gasser gehört seit zig Jahren ein Grundstück an der Bahnhofstrasse in Haldenstein. Sie wollten dies mal später nutzen im Rahmen ihrer Tätigkeit als Baustoff-Grossbetrieb, Windenergie- und Passivhaus-Entwickler – und wenn möglich die Nachbar-Parzelle der Gemeinde dazu kaufen.

Da gab’ aber andere: die wollten auch. Die einfache Gesellschaft von Jürg Zingg und Jürg Gasser, Bruder der Gemeindepräsidentin, der aufgrund des verwandtschaftlichen Beziehungsnetzes davon ausgehen konnte, die jetzt zur Abstimmung ausgeschriebene die Parzelle 106 für 785 Fr. pro Quadratmeter
günstig zu erhalten. Da wurde also  mit der Zusicherung der Gemeindebehörde gerechnet: „ihr kriegt das Grundstück schon“…Für die Nachbarparzelle wurde von Jürg Gasser  in diesem Zwist im voraus ein geschätzter Marktpreis von über Fr.1200.- pro Quadratmeter bezahlt– so auf Höhe Bondaquartier Chur.

Das alles  etwas intransparent und ohne öffentliche Ausschreibung…

Bis man sich wehrte. Einen Strich durch die Rechnung machte nun das neue visionäre Konzept der Gasser-Erbengemeinschaft um Josias Gasser. Die Gemeinde wollte ja schon immer eine attraktive, ortsbildgerechte Gesamtüberbauung in diesem Quartier. Die Erbengemeinschaft um Josias Gasser hat nun mit Experten für Generationenhäuser, Siedlungsplanern, Energie-Architekten wie Andrea Rüedi und Gartengestalter ein neues Projekt erstellt.

Da wurde viel reingesteckt. Ein Leuchtturm-Projekt für die Gemeinde und Energiestadt. Ein energieautarkes Gebäude soll’s werden; will heissen, man wird auch im Winter keine Energie für Wärme und Strom von aussen beziehen – durch Wasserspeicherung im Sommer. Bewiesen haben sie’s schon, dass sie’s durchziehen: das erste schweizerische Gewerbe-Passivhaus vor 20 Jahren. Das erste Windrad in GR. Es soll eine Solarsiedlung, eine attraktive Visitenkarte an der einzigen Zufahrtsstrasse nach Haldenstein werden.

Soso, so Wertungen sind ja immer subjektiv, und  Gemeindebehörden wohl etwas subjektiver.

Die kleine aber feine Mehrgenerationen-Siedlung soll Wohnungen für Singles, Familien, für alle Lebensphasen bis zur Alters- und Pflegewohnung haben. Öffentliche Räume, eine attraktive Gartengestaltung fördern die Gemeinschaft. Drei Mehrfamilienhäuser mit 25 Wohnungen. GünstigerMietraum in hochattraktiven Wohnungen.

 

Das ging dem Gemeindevorstand wieder gegen den Strich, der hat das bewertet. Fazit: „Der gewichtete Durchschnitt aller Punkte ergibt eine Gesamtbewertung von 8.8 für das Projekt der Erbengemeinschaft Lorenz, Georg und Josias F. Gasser und 9.1 für das Projekt der Einfachen Gesellschaft Hanfländer“ – Soso, so Wertungen sind ja immer subjektiv, und unter Gemeindebehörden wohl etwas subjektiver.

Gesamtbewertung also schlechter, obwohl das Josias-Gasser-Projekt besser wegkam. Der Bauberater der Gemeinde zum Projekt Jürg Gasser: “ gestalterisch ungenügend und renditeträchtig.“ Dazu rückten die Gemeindebehörden  im Vorfeld einfach nicht die Unterlagen raus. Nicht mal die Bewertung des für die Gemeinde zuständigen Bauberaters, Conradin Clavuot.

Und als der Architekt des Projektes von Josias Gasser (Andrea Rüedi ) als Haldensteiner Stimmbürger anfragte, ob er Einsicht in die Beurteilung der beiden Projekte und die Angebotsbeurteilung bekäme, sowie den Bericht des Bauberaters….wurde er abgewiesen, da kein schützenswertes Interesse erkannt werden könne. Dann flogen die Flublätter hin und her.

Klar, die Gemeindepräsidentin war im Ausstand. Also nix falsch. Josias Gassers Erbengemeinschaft offeriert zwar 30’000 Fr. mehr für das Grundstück. Das ist aber nicht unbedingt wichtig für den Gemeindevorstand. Der beantragt aufgrund des Bewertungs-Ergebnisses der Gemeindeversammlung vom 15. September 2017 die Baulandparzelle dem Bruder der Gemeindepräsidentin zu verkaufen…So läuft direkte Demokratie.

Und auch das ist korrekt: Die Initianten durften an der Gemeindeversammlung vom 15. September ihr Projekt nicht vorstellen. Nur 4 Folien wurden vom Gemeindevorstand gezeigt. (Sonst könnte man ja die qualitativen Differenzen der Projekte klar erkennen und feststellen, dass das Projekt von Josias Gasser eindeutig besser war) Die Projektentwickler durften nicht reden. –  Auch das ist nichts Krummes. Eben höchstens etwas intransparent….

Josias Gasser, der in Chur wohnt, durfte gar nicht teilnehmen. Die Anwälte haben vorgesorgt. Der Gemeindevorstand hätte beschlossen, „nicht ortsansässige Personen der Behandlung dieses Traktandums nicht beiwohnen zu lassen.“

Die Gemeindeversammlung in Haldenstein hat am letzten Freitag knapp entschieden, dass die Gemeinde die Parzelle am Dorfeingang vorerst nicht verkaufen will. Und so nebenbei: die Berichterstatterin der SO, die in Haldenstein wohnt, hat intensiv bei der Gemeindepräsidentin recherchiert, mit Josias Gasser nie geredet.

 

Und wenn Sie jetzt auf die dummekrumme, voreilige Idee kommen, da sei irgendetwas falsch gelaufen. Ja, sehen Sie’s demokratisch – die heissen dort ja alle Gasser. Also fast alles rund. Und wenn man erreicht hat, dass beide Projektverfasser jetzt zusammen kommen, wo möglich was gemeinsam machen und sich zusammenraufen, hat man doch Einiges erreicht. Und erst noch eine sensationell hohe Beteiligung an der Gemeindeversammlung.

 

 

 

 

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Ein Gedanke zu “high noon in haldenstein

  1. Peter Göldi, Architektur und Städtebau schreibt:

    Wie oft haben wir diese Geschichte schon gehört… Nicht genauso, aber ganz ähnlich, mit anderen Protagonisten und anderen Ortschaften irgendwo zwischen Haldenstein und Seldwyla. Alles vermutlich rechtlich korrekt, aber haarscharf an der Grenze, so dass dem Beobachter ein mulmiges Gefühl bleibt oder vielleicht die Faust im Hosensack. Verlierer sind aber meistens dieselben: die Mutigen, Unkonventionellen, die Visionären und oft auch diejenigen, die ihre Ideen klar und transparent verkünden.

    Im von Legislaturperiode zu Legislaturperiode ändernden politischen Umfeld der Gemeinden helfen Leitbilder und Entwicklungskonzepte, um für die Stimmbürger nicht nachvollziehbare politische Slalomkurse zu begradigen. Lassen wir uns von unseren Volksvertretern erklären, wie und wohin sie mit uns Gemeindebewohnern eigentlich wollen und messen wir sie dann an ihren Aussagen. Wenn dies gelingt, diskutieren wir über Strategien und nicht über Einzelinteressen.

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