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Im Juni, im Juni …do gits a neuia Muni

Seht sie Euch an. Letzte Woche sind sie sogar mit Skihelm angetreten. Jetzt treten sie wieder an zu politischen Ernst-Sportarten. Man spürt die Grundnervosität einiger Partei-Bündner: Regierungsratswahlen stehen an. Wir müssen die schwarzen Löcher hier oben füllen.

Die Wahlkampf-Strategen hypen sogar Leisegänger als laute Erektion unter den zur Verfügung stehenden Bündnern. (Bündnerinnen gibt’s nicht. Die schauen sich die Politik – wie ich – lieber mal von der Couch aus an.)

Da gehts dann zu und her wie beim Wettbewerb um den schönsten Geranientopf im Dorf. Die Wahlmanager stellen sich die Weltfrage: wie packt man diese Wähler am Schwanz, wo sich doch frei herumlaufen? (Ja, ich darf so böse reden, weil ich  auch schon mitfuhrwerkelte…)

Gut, bei den Tieren sagt man dann, sie hätten keine natürlichen Feinde mehr, bei der Regierungsratsauswahl ist das wohl auch so…

Jetzt entstehen wieder diese fein nuancierten und differenzierten Botschaften. – Gut, die meisten sind ein Remake, vielleicht mit  Wind-of-Change-Variationen.. So Regierungs-Konserven. Cavigelli und Rathgeb aus der Mengiardi-Anwaltsküche, Parolini aus der BDP-Baumschule für Pfeifen-Handschnitzer. Vier neue Blockbusters werden hochgezurrt: Peyer, Schlegel, Felix und Caduff .

Und wie macht man das? Meist genügt ja Rumantsch-Content und möglichst harmlose Selbstdarstellung. „Wie muss ein Bündner RR aussehen?“: Etwas Eklektizismus, Northface-Hemd oder Anzugtyp? Seriöswirkende Grimassenkomik und hüftabwärts simulierter Jägergang?

Lassen Sie mich subjektiv mal feststellen: Die Heisenbergsche Unschärfe-Relation auf das Parteiangebot bezogen – könnte man frei so formulieren: „Man man merkt zwar schnell, warum einer schlecht ist, aber nur viel schwerer warum er gut ist.“

Was sollen wir jetzt machen? Wir haben jetzt alles auf der Menükarte, etwas gutes Cholesterin und etwas böses Cholesterin…und können’s eh kaum mehr unterscheiden…Da wird dann wohl wieder reflektiert, wer jetzt mehr retro-romanisch oder räto-romantisch sei? Für die Surselva gilt immer noch, wer mehr KK sei, also gatholisch …und für die Prättigauer, wer mehr für Olympia war…und den Arosern kann man eh jeden Bären aufbinden.

Für alle Kandidaten gilt bevorzugt: altersbereinigtdurchschnittlich, weissmännlichhetero, füdlibürgeraffin, abnützungserscheinungsresilient, urbanländlichsimulierend. Und da die meisten Wähler diese Wort nicht ganz zu deuten verstehen, kommt’s eigentlich nur auf das Plakat an. Und das muss dann im Prättigau wirken wie in Chur West. Also so auswechselbare Kulisse, damit die Natur auch so wirkt, wie wir sie behandeln, wie ein denaturiertes, pflegeleichtes Bedeckungsgrün… Und seit bei der RHB jede Zugansage die Fahrgäste mit sprachabsurden Sprechakten bei Laune hält, darf da auch etwas Werbekomik mitspielen.

 

Ich bin zwar nicht gerade in der SVP assozialisiert worden, aber den Schlegel finde ich mal sympathisch. So eine moderne Polizist-Wäckerli-Variation. Wenn die Frau Martullo ihn mit dezidiertem Hau  vorstellt, da erschaudere ich vor Ehrfurcht. Der hat sicher ein mit Zirkel und Lineal konstruiertes Leben vor sich. Das ist der Führer, den wir schon lange suchen. Heute haben wirs ja eh besser, früher musste man noch für den Führer fallen, heute muss man in GR ja nur der Martullo gefallen…und jetzt alle mal den rechten Arm möglichst gerade hoch heben bitte, wer einverstanden ist. Kann uns mit rechtwinkligen Sätzen die Welt erklären. Auch gut für ein künftiges Regierungsmitglied.

 

Bei Cavigelli ist’s der Operettentherapie-Positivismus, der mir gfallt. Wie im Fledermaus-Chor: „glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist..“ So ein REpower-Remake halt.  Hat vielleicht sogar Big Business und Big Government begriffen, was ihm auch das Bündner Tagblatt attestiert. Aber dessen Bussiness-Kenntnisse sind ja auch ausbaufähig. Man sagt auch, dass bei Regierungsräten kein tieferes Fachwissen gefordert sei…man muss einfach über Geröll laufen können.

Meine Generation ist landwirtschaftlich schollenbezogen mit der Animal Farm von Georg Orwell aufgewachsen: Also :„all pigs are equal“ und das leben sie uns auch vor. Rathgeb ist ein sympathischer Demokrat, milchxund und apfelrund. Der schaut für uns ….sogar mit einem Gesundheitsprogramm für gebrechliche Leute wie uns. Leute, die übergewichtig unter ihrer luxuriösen Last fast zusammenbrechen. Und das mit der FDP kann man ihm nicht anhängen: die FDP Schweiz traktiert uns mit Neoliberalem bis keiner mehr draus kommt. Den kleinen Schweinen erzählt man, dass sie zu den Grossen gehören. Mit Steuerreduktionen für Konzerne undso. Und der Metzgermeister von Riein glaubt dann, dass er auch… Bei Orwell bekommen die grossen Schweine so die Milch und die Äpfel. Auch bei uns stimmen  dann die Kleingewerbler für Nestlé und Roche. Und das ist ja eigentlich das Pech der Bündner FDP: die haben ja gar keine skinnyfette, also halbfeiste Investmentbanker und Industriebarone in ihren Reihen, höchstens existenzringende Gewerbler…die müssen wir xund erhalten.

 

„Wo gehts denn hier nach Panama? fragte der kleine Bär. „ Nach links“, sagte die Kuh bei Janosch. Da will vielleicht auch Peyer hin. Kann nicht schaden. Obwohl rechts und links wohl kein Kriterium mehr sein sollte. Er kritisiert nicht kapitalistische Daseinsformen, er schaut höchstens mal für den Ausgleich zwischen den Tierarten. Eben, damit nicht gar einige Schweine – nach Orwell–  doch etwas allzugleicher werden… Das hat er schon im Kindergarten begriffen. Wird ihm jetzt vorgeworfen. Also gar nicht so meganega. Der passt doch gut auf diesen Spielplatz. Und bei the way: Lieber ein nichtüberforderter Kindergärtner als ein überforderter Förster….

Bei Cavigelli gilt der Operettentherapie-Positivismus. Wie im Fledermaus-Chor: „glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist..“

Diese Helden brauchen uns auch nicht langfristig. Höchstens mal kurz im Juni. Und wir brauchen auch keine Helden. Dafür ist unsere Demokratie nicht da. Sie sollen unsere trotz Gletscherschwund doch immer noch regierenden Wanderdünen bleiben. Mal so, mal so mäandernd. So als sozialverträgliche Gerstensuppe, etwas mit viel Wasser gestreckt…Gut, das wird auch nicht einfacher, nachdem RR Jäger mit Schwerbeschädigtenausweis und Frau Janom als letzte Amazonen-Terminatorin erfolgreich abgehen.

 

Und jetzt langsam mal zu Parolini. Selbst in bei uns handesüblicher, gemächlicher Geschwindigkeit betrachtet, wird er eher tempoarm überbewertet…Auch wenn der SO-Kommentator seine Windfrische so gerne sähe. Sein Motto „Tote Gäule reiten, ist die hohe Schule der Reitkunst“ stimmt auch durchaus  im Val S-charl…Auch für ihn gilt halt Goethes Wort: Altwerden sei ein Geschäft wie andere auch, man brauche Zeit um es zu lernen. Die wollen wir ihm doch gewähren…

Nun zum amüsanteren Teil: Der mischelnd Agilste ist wohl Felix, auftragsschiebend und baumeisterverbandsgeschult im Blindsehen. Auch er hat recht, mit seiner bannerschwingenden Hauptsache-Bau-Arbeitsplätze-Mentalität…nahe dran wie der Gewerbeverband bei No-Billag, könnte ja auch zum Schimmel-Flügel der FDP gehören. Deshalb durchaus wählbar. (siehe oben)

Alle könnten vielleicht mehr aus sich machen, aber alle sind interessant. Gut, wir haben ja noch Zeit bis Juni, und die provinziellen Sturm-im-Wasserglas-Geschichten werden ja noch folgen. Eigentlich könnte man alle Kandidaten in einen grossen Kessel werfen und umrühren…es kommt dann die gleiche Suppe raus – aber mit grundsolidem Gesichtsausdruck. Genau das bewundere ich und liebe ich an unserer Demokratie. – Diese Woche nehmen wir ja sowieso frei vom kritischen Wutbürger und schauen Olympia…Dort gibt’s auch Pfeifen – aber nur Schiedsrichter.

Und am Schlusse gilt für Wähler wie für Gewählte: überforderte Politiker gewählt von überforderten Wählern sind das Erfolgsgeheimnis unserer Megademokratie. Wir sollten zwar aus dem detailgenauen Wissen genug Anschauungsmaterial einer mittelmässigen Gesellschaft haben, um zu wissen wie eine gute aussähe. Aber genau dies würde uns überfordern…

Da kann man nur noch aus Dostojewskis Aufzeichnungen aus dem Kellerloch zitieren: „Ich schwöre Ihnen, meine Herrschaften, dass ich kein einziges, aber auch wirklich kein einziges Wörtchen von all dem hier Zusammengeschriebenen glaube.“ Also den Parteiparolen nicht und auch mir nicht.

Am Ende ist’s dann wie bei Moby Dick – alle erledigt, nur der weisse Wal kurvt weiter im Ozean.

 

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