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IZI ODER BIZI?

Les’ ich doch heute in der NZZ über „…die Vergötterung des Fahrrads in den rot-grün regierten Städten der Schweiz.“ Die „Staatsreligion“ sei daran, wie im Beispiel Bern, den Veloanteil am Stadtverkehr bis zum Jahr 2030 auf 20 Prozent zu erhöhen. Gut, auch der unverdächtige Autor meint dann, das Thema könne man auch auch etwas easier angehen.

Man kann auch anders. Izi, wie sich heute Velostädte positionieren. In den letzten drei Jahren haben wir – immer mit dem Rad– viele dieser Städte besucht. Von Berlin, Baiona, Leipzig, Bayreuth, Weimar, Wittenberg, bis zu den nordischen Städten. Oslo, Stockholm, Lübeck und Rostock. Amsterdam (letzte Woche) ist izi und gleichzeitig bisi, hübscher als die meisten anderen Städte, szenischer und lieblicher.

Auf dem Sattel versteht man: Kopenhagen ist gut drauf, hat einfach gute Laune.

In Amsterdam ist vieles auch infrastrukturell gut geplant. Doch die Stadthektik drückt irgendwie durch. Die Uber-Food Roller (ja die Take-out Lieferer) sind auf dem gleichen Fahrstreifen und fahren halsbrecherisch wie etwa die Kampfgümmeler in der Toskana. Oder die Schweizer-Ferien-Stress-Renner an der Costa Brava.

Am wohlsten fühlt man sich schon in Kopenhagen. Da ist die Infrastruktur smart geplant, die Leute herzlich, leutselig sogar und all das geht auf, ist irgendwie natürlich. Wenn du grinsend jemand den Vortritt lässt, reden sie meist dänisch mit dir: kannnitverstan genügt dann. Und englisch gehts weiter. Auf dem Sattel versteht man: Kopenhagen ist gut drauf, hat einfach gute Laune.

Man vergleiche mal: Zürich hat einen Veloanteil von etwas 8 % am Gesamtverkehr…Kopenhagen erreicht bald 48 %. Also nichts von Velo-Diktatur, liebe angeblich Liberale, wir sind einfach etwa 15 Jahre zurück. Und mein Touristikerauge ahnt, wieviel Wertschöpfung da mitfährt…das wär’ dann busi…

Izi muss mans nehmen, halt auch beim Stau, an der Königin Louise-Brücke stehen da schon mal bis 80 Meter Bikes an der Ampel. Die hintersten schaffens dann manchmal zur Rush- Zeiten nur bis zum nächsten Ampelrot. Aber alles ist entspannt. Der Anteil Frauen ist höher, da bei denen das hohe subjektive Sicherheitsempfinden entscheidend sein soll…Der Stresslevel sinkt, die Menschen bewegen sich entspannt auf den Fahrstreifen (auch mal gefährlich mit einem fon in der Hand). Da sieht man Bike-Girls mit einem Croissant in der einen Hand und einem Fon in der anderen, alternierend freihändig.

Freeflow. In der dänischen Hauptstadt ist’s offensichtlich: man bewegt sich mit Freude, die Leute beobachten einander, plaudern miteinander, flirten. Wie bei Robert Walser, der doch mal sagte, heute habe er einen wohligen, kleinen Spaziergang gemacht,  leicht und angenehm…und erst noch ein allerliebstes Mädchen gesehen. Radfahren schult die Achtsamkeit, bei strömendem Regen mal anders als bei sonnenpralliger Langstrecken-Fahrt…

Beim langsamen und systematischem Bewegungsablauf einer längeren (oft auch etwas mühsamen) Velofahrt wird ein anderer Einsatz erfordert, eine andere geistige Haltung. Fast meditativ. Etwas innere Einkehr. In der Amsterdamer Metro merkte ich erst nach einigem Hinhören den Unterschied, da wurden gurrende Tauben und das Frühlingssingen der Vögel über die Lautsprecher miteingespielt…Natur ist, wenn der Zaunkönig krispelt, die Schwalben zinzelieren, der Reiher giert und der Kuckuck fistelt, der Grünfink knätscht bist du in einer anderen Welt. (Keine Angst diese neuen Verben hab’ ich nicht erfunden, sie sind aus dem Handwörterbuch-Sprachschatz der Ornithologen..)

Eben, Velofahren hat eine ideelle Dimension. Man wird stoisch, erwartet das Unerwartete und ist dann hoch zufrieden wenn alles läuft, kein Unfall am Randstein, kein Schlauchwechsel. – Auch ein Däne, Kierkegaard, glaubte, dass die Bereitstellung von Hindernissen ein Beitrag zum Wohle der Menschheit sei…Der führt dann zum Hochgenuss des Rad-Daseins. Und das lernt man beim Veloreisen: „Wer nur sein Dorf kennt, kennt die Welt nicht, und wer nur die Welt kennt, kennt sein Dorf nicht.“ Gilt auch für Verkehrs-Ideologen.

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