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kannittvarstaahn..

„Iii, halten Sie bitte Abstand!“ mit ausgestreckten Händen zeigte die Dame dem Zugbegleiter, dass sie nicht mit ihm in Körper-Kontakt treten wollte. Nein, keine metoo-Story, auch keine weitere dieser SBB-Kolumnen, eher so Alltag. Verblüfft schaute der Beamte umher. Deeskalations- und transaktionsgeschult, fügte er sich, streckte auch die Arme weitweit von sich und kontrollierte das e-Ticket.

„Wissen Sie hier ist alles voller Strahlung…“ meinte sie dezidiert.

„Ja, dann wäre der sicher schon tot..“, rief ich vom Nebensitz dazwischen mit Blick auf den Kondukteur. Und erntete stillschweigend männlichen Beifall.

„Nein, alles voller Strahlen, Sie merken’s nur nicht.“ versuchte sie den Faden wieder aufzunehmen, nachdem er schon rückwärts weiterlief. Mit der Angelschnur wohldosierter Sätze fischte sie nach Bestätigung bei mir….“Sie können sich das gar nicht vorstellen…“ (Hatte wohl gerade von 5 G gelesen. Wie sich 45 Zugsminuten später herausstellte, war sie sehr gläubig, aber man kann heute von den Leuten schliesslich nicht verlangen, an die Spiritualität von i-Phones zu glauben…)

Fast wollte ich sagen: „ihre technikbezogenen Fachkenntnisse wären ausbaufähig…“, liess es aber bleiben. Sie war wohl eher eine Versteherin aller Zusammenhänge. Fand ihre Chakren wohl total  harmonisiert…

So versteh’ ich das: Die Kondukteure verstehen die Fahrgäste immer weniger. Die Bürger verstehen die Politiker nicht mehr. Die Geiger die Pauker nicht mehr. Die Fleischfresser die Veganer nicht mehr. Und allle haben auch nur einen Gedanken im Kopf: die Parameter anpassen, mit denen sie ihre Feinde definieren…letztendlich wollen doch alle unter sich bleiben. Sich nur mit Leuten umgeben, die so sind wie sie sind.

Nana, ich versuche seine Verbal-Diarrhö zu stoppen

Wie kürzlich im M-FIT. Ich diskutiere in der Garderobe mit Fredi, ehemaliger SP-Grossrat, Gutmensch (ächter) ist oft in Nordafrika – Entwicklungshilfe-Projekte. Wir reden über Mali (seit der Unabhängigkeit in den 60ern), er weiss viel, hat viele Freunde dort, und versucht zu objektiveren, was ich ab und zu etwas hinterfrage. Da poltert ein etwas Schwerbeleibter – Ranzen, zu kurze Velohose im bayrischen Lederhosen-Imitat dazwischen: „Alles wegen dem Islamismus…gell.“ Eigentlich haben wir ihn nicht gefragt, aber er wusste – immer noch ungefragt– auch dass Sarrazin und Köppel das besser wissen: „Ich war am Vortrag von Köppel..“– Nana, ich versuche seine Verbal-Diarrhö zu stoppen, er versucht sich aber weiter als Faktenzeiger. Eine Kakofonie von Schwachsinn…

Guat, dem Körperbau nach ist er kein Athlet (rund 100 Kilo tiefschweizer Nazi-Treibsatz). Denkathlet schon gar nicht. Muss wohl sein Denkfett zuerst los werden. – Plötzlich reichts mir, sein rassistisches Geschwurbel muss ich mir auch nicht hier anhören. Die Konkurrenz von Wirklichkeiten reicht mir auf FB. Ziemlich laut rufe ich in die Garderobe: „Du musst mit gewaltiger Dummheit gesegnet sein…“

Uiuii, das macht man nicht, schon gar nicht im Fitness-Club. Ein Bekannter ruft dazwischen: „bitte keine Politik hier…“ Die unknown unknowns sind uns doch lieber. Das darf man in der Politik wohl nicht so sagen: „Das Grundproblem ist, dass mein Wert als SVPler in deinem Minderwert als Syrer liegt. Mein Mehrwert ist dein Prekariat.“

Ja so ist das, der Pessimist beklagt den Riss in der Hose, der Optimist freut sich über den Luftzug

Und wie ging die Geschichte im Zug – sie war  Musiklehrerin – weiter? Wir diskutierten dann von Landquart bis Zürich. Auch über Hoömopathie: „ich machs nur noch mit Globuli“. Da ich witzig sein wollte, erwiderte ich: „ Das ist doch die teuerste Form Zucker und Mehl zu sich zu nehmen.“ Auch ui,ui ui …wegen dem Zucker zickte sie dann noch heftiger… Ja so ist das, der Pessimist beklagt den Riss in der Hose, der Optimist freut sich über den Luftzug…aber so konkret durfte ich natürlich nicht argumentieren.

Dann ihr rascher Griff zum I-Phone: „… ich mach das alles  nicht mehr mit, wissen sie ich verweigere mich einfach dem Konsum“ (sie telefonierte aber mindestens eine Viertelstunde, dafür romanisch, also pc–politisch korrrekt)

Ist ja alles so selbstredend! Selbstredende Mitmenschen sind immer interessant. Interessant…bis man alle Bewohner aller Welttangenten kennengelernt hat. Selbstfahrende Ideologien gibts ja immer mehr. Den nächsten Weltkrieg werden wohl etwas über sieben Milliarden Feinde gegeneinander anzetteln.

Am Hauptbahnhof gab sie mir dann noch einen Flyer für ein Kirchenkonzert in der Martinskirche Chur…den geb ich vielleicht meinem übergewichtigen Fitness-Kollegen, der so gerne über den Islam psalmodiert ….

(Soziologen sagen zwar, im Paradigma der Diskriminierung gäbe es keine Interaktionen, keine Wechselseitigkeiten, dafür auch keine moralischen Dilemmata…)

An-streng-end-nichchchcht?

(Bitte im Falle einer faschistischen Machtergreifung diesen Blog sofort zerstören!)

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