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Kaschmir oder khaschmiar?

Eigentlich werden wir ja alle rücksichtslos an den Rand designt. Geschieht uns recht. Meine Generation hat’s ja dieses Design-Geduddel und Gedaddel erfunden. Und wir Marketing-Heinis haben da mitgemacht. Also, ich meine jetzt nicht die scheusslichen Churer Moloks…da meine ich nur noch zu hören: „Oh Molok, du gosch mar uf da Khurar-Sack“. Guat, das kann man auch mol lockerer sehen, die scharfrausgeputzten jährlich erneuerten Churer Bordsteinkanten kompensieren das wieder. – So Abfall-Gedanken kommen einem halt schnell, wenn man durch Chur churvt. Undja, Design Blogs sind eh ein stark vemintes Gelände – meine gefühlte Design-Obdachlosigkeit trägt da nicht allzuviel bei..

Ich getrau mich kaum mehr neue Ferienwohnungen von Bekannten zu besuchen, schon gar nicht neue Häuser. Vor so 30 Jahren als meine Freunde neue Häuser bauten, gabs da einige peinliche Szenen. Das sind jetzt keine erfundenen Geschichten: Besuch bei  so hoffnungsvollen Bonda-Quartier-Reservat-Bewohnern…Semientsetzte Peinlichkeit auf beiden Seiten: ich als Gast und die stolzen neuen Hausbesitzer über meine ungebetenen Ratschläge. Beim Architekten mit seinem nigelnagelneuen Haus rutschte mir raus: „ eine gute Baumaterial-Ausstellung.“ Beim Regierungsrat mit den goldenen Badewannen-Griffen: „ Gibts eigentlich auch einen Architektur-Lehrstuhl für solche Goldies?“

Und beim Anwalt mit den plakatgrossen Cheminée-Spruch auf grasgrün:„ Lasciate ohne speranza voi che entrate.“ Aber halt, der Dante-Spruch stand nicht an der Wand,  das war meine Bemerkung: neben dem Holzhaufen stand in einer gefühlten 350-Punkt-Schrift sowas wie: „Tra il dire ed il fare c’e in mezzo il mare.“ – oder sowas, er wollte auf jeden Fall zeigen, dass er ein Macher… Also eher eine peinliche Big-Daddy Nummer. Heutzutage, gealtert und bei den heute wieder aufkommenden Heidi-Dirndl-Phantasien, schaue ich ja meist lieber und gerne freundlich auf den Ausschnitt einer Gastgeberin um nichts sagen zu müssen oder gar noch einem Rolf-Knie-Bild zu begegnen.

Die neuste Episode eines nicht endenwollenden Schuhkauf-Dramas entsteht oft aus der Diskussion, ob der Gattenkörper ein upgrade vertragen könnte.

Da kommt einem doch schnell Aritstoteles-Lehrbuch hoch: “Sieh mich an und den Baum: bin ich nicht klein? Sieh mich an und die Maus: bin ich nicht gross?“ Versteh ich ja, wenn ich die etwas hölzigen Intarsien im Kulturbild der Churer Oberschicht ansehe, dass die sich nach einem Kultur-Leitbild sehnen. Nein, kein Verzweiflungsschnauben meinerseits…JedemdasSeine.

Meist sind es ja Armverlängerungen zur Vergrösserung des Ego-Aktionsradius der Zahnarzt-, Versicherungsbroker- oder Anwaltsgattinen. Die müssen sich ja vergleichen können. In unserer egalitären, liberalen, postreligiösen Welt funktioniert die Selbstdarstellung nur so – wissen wir. Und erhöht immer wieder die durchschnittlich nachgewiesene diffuse Unzufriedenheit unseres Bevölkerungsschnitts: „Schätzli, bisch glücklich?“– Diese Fragen sind ja heute südostschweiztauglich – kombiniert mit den Design-Lebensfragen.

Die Porsche-Ausführer und die Ferien-Foto-Exhibitionistinnen müssen sich eben fragen, ob sie sich mit einer Breitling oder einer Prada-Tasche ein Highclass-Image geben soll (Flüger-Uhren sind dann wohl etwas wertiger als Bahnhofsuhren, wenn ich kaum mehr ein SBB-Ticket lösen kann)… Hoffe nur, dass das nicht einen libidinalen Grund hat. Die neusten Episoden eines nicht endenwollenden Schuhkauf-Dramas entstehen oft aus der Diskussion, ob der Gattenkörper ein upgrade vertragen könnte. Weil der, was workout betrifft, bereits um Jahre zurück liegt. Beim Gattenbauch fällt eben numehr mehr diese kalorienwimmelnde Altlast, diese Zweimalsixpack—Verpackung auf. Und sein Tschopen darüber, der fällt dann eher in die Rubrik „Verzweifelte Improvisationen“.

Diese undiagnostizierte….Zwangsneurose wirkt dann bis zur  sinnlos überteuerten Rolex. (Klar, die brilliert, wenn Roger sie mit dem Wimbledon Pokal zeigt .)  Oder sinnlos teuren USM-Möbel.( Hat ja auch bis in die kantonale Verwaltung gewirkt.) Das sind ja tolle Möbel (hab‘ ich ja auch seit den 80ern), aber wieso muss jede Zweitfrau jetzt auch noch solche haben, die blufft ja sonst auch nicht mit ihrem „Prix Garantie“-Aufschnitt..

Guat, mangels Geschmacks-Talents des Besitzers musste noch fast niemand Konkurs anmelden. Geld zeigen ist ja auch nicht mehr so einfach in der heutigen Welt. Man muss halt das Gran des Glücklichen wie eine Monstranz vor sich her tragen. Da kommt doch in einem Ken Loach-Film dieser Mann und sagt: „E quello che no ho, che mi manca“. Wie kann man nur darauf kommen, dass einem nichts fehlt?

Inzwischen haben die internationalen Finanznews dies ja bestätigt. Glücksvergleicher brauchen als Kompensationsmittel den Demonstrationskonsum, den Tesla, eine neue Frau oder mindestens eine noch teurere Luxus-Kreuzfahrt. Oder ist Glück doch, wenn man kein nächstes Tessiner Ferienhaus braucht? Habe ich irgendwo mal mitgekriegt. Bei Romantik-Mangelerscheinungen gut anwendbar.

Und da wir neu uns auch in wolfintensivem Gelände bewegen, müssen wir uns diesem Wer-kann-höher-brünzeln-Wettkampf stellen. Dazu gehören kummuliertes Revierverhalten, und anständige Positionskämpfe im Designstatus. Jetzt, wo wir sogar farblich aufeinander abgestimmte Gemeinderäte und Altstadt-Bänkli haben.

Diese Unzufriedenheitstheorie bringt ja schliesslich unsere Wirtschaft in Schwung. Und so ein auskennerischer Aufführungs-Stil hilft dem Glück schon nach. Macht einem alles andere als unglücklich. Wenn man dann glücklich eine Frau bekommt, die ihr Versorgungsinteresse im Vordergrund hat, soll man das auch sehen. Und selbst Effi Briest würde zu ihrem Manne sagen: „O Gott , ich finde es furchtbar wie Sie recht haben“. Die hatten damals den Proll-Detektor ja noch nicht erfunden.

Der sichtbar begehbare Weinschrank und die neue selbstbrötelnde  Tepanjaki-Platte haben nicht von ungefähr Aufschwung. Das ergibt Image in der karmischen Rechnung. Und wenn der Rausch das Glück ersetzt, ist das nur in etwa das, was täglich geschieht. Ich nehme an, das wird heute auch an den Fachhhochschulen gelehrt: Form über den Inhalt, Diplome vor Bildung,  Profilierung ersetzt Persönlichkeit, Likes ersetzen Bezahlung, Kredite ersetzen Wohlstand, das Kuratieren ersetzt Kreativität, Influencen ersetzt Relevanz. (von M.Matuschek)

Gut, sie können jetzt immer noch sagen: „This land is my land“. Und dies Land ist auch mein Land, wie der Immo-Spekulant markant gerne immer wieder bemerkt, und auch gerne markiert. – Da haben wir auch so einen genialen Hund in Chur. Der reist von Turm zu Turm  und markiert dann das Gelände mit seinem Urin. Wohl ein  Rezept, das dank der Ordnung zur  kollektiven Stabilität führt, wie ein neoliberaler NZZ-Kommentar angesichts der brüchigen Gemütslage sicher feststellen würde.

Das  Problem gibts aber auch schon seit Aristoteles. Cut. – Um es mit Beckett zu sagen: „Die Sonne schien, da sie keine andere Wahl hatte, auf nichts Neues.“ Und ich, als Auch-Kaschmir-Träger sag’ dann auch mal „khaschmiar“…wir fahren dieses Jahr nicht nach Indien.

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