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knietief

„ Das ist doch jetzt Mode…“ meinte meine Nachbarin aus dem Mercedes lachend, sie wollte mich mit in die Stadt nehmen, da ich so mitleidheischend an Krücken kam…Ich zeigte ihr seufzend mein neustes Ding aus dem Ersatzteil-Lager: ein Knie.

Es ist immer so…irgendwann geht man schneesporteln, und dann hat man Kinder miteinander, dann sind die weg und man hat nur noch gemeinsam kaputte Knie.

Als postfüdlibürgerlicher Luxusbergler hatte ich jetzt auch so eines. Wir Senioren, die durch unsere hässliche Gegenwart turnen müssen und vor lauter Sachzwang keine Kniebeuge mehr machen können, sind dann gefordert. Der Distinktionswert in unseren Alterskategorien steigt. Wie beim konsumieren seltener Güter. Es gibt eben Strategien um die eigene „Seltenheit“ oder Besonderheit herzustellen oder zu erhalten. Ist das jetzt auch mit Prothesen so? Ja, man gewinnt gesellschaftlichen Wert wie mit einem Porsche oder einer Rolex. Wobei die neuen Knies offenbar ein höheres Ranking erreichen als „nur“ Hüften.

 

Und so ist es, kaum trägst du Krücken für 6 Wochen hörst du an jedem Ecken.: „Ich hab dann auch neue…“ – Ein seltsamer Gendefekt lässt uns Alte ja zu Hauf den Sonnenuntergang nur noch mit Arthrose-Knirscher am Knie erleben…Auch bei mir war’s so: Schluss mit Schuss auch beim Carven und Skaten. Dazu gehören neuerdings nicht nur Altsportler, auch ungeimpfte Bergmuttis mit dem Bewusstsein für regionales und Bio… Also irgendwie doch nicht so selten.

 

Und da die aussterbliche Spezies der schweizerischen Komfortbürger weiss, dass das Altwerden das bisher einzige Mittel ist, um lange zu leben…macht man da alles. Wenn man so ein frühstücksflockenpackungsmässiges Bild von sich hat, muss man dabei sein. Die Vereinnahmungstendenzen der Mehrheitsgesellschaft sind da unerbittlich. Wenn wir 70jährigen einen 80jährigen ansehen, dann subsumieren wir schnell mal :“ Der hat doch eh schon gewonnen…“

„ Jedes Knie ist ein Abgrund, es schwindelt einem, wenn man (an sich) hinabsieht.“

Mit der neuen Reparatur-Intelligenz des Menschen haben wir ja ungeheurlich viel gewonnen. Wenn ich so beobachte, was in der Klinik Gut in Fläsch alles durch den Service-Check wieder flottgemacht wurde, komme ich gutgelaunt zum Schluss, dass die Suche nach Anerkennung und Glück wohl über die Hüfte oder das Knie läuft. – So wie das Abgas zum Klima kommt, kommen wir eben zum Knie. Zur Selbstbestimmung der Silvergeneration gehört eben auch die Kniebestimmung, die Wahl des Remakes durch die Knie-Industrie…Und wenn das in einer tollen Klinik passiert, kann man nur sagen: „ Hier kommt ein neuer Glücks-Botenstoff für Euch…“ Irgendwie geht es darum, dass man all die Jahre immer nur mit demselben alten Ich gelebt hat– aber irgendwann reichts. Das Knie muss her.

„Wo man hinkt, da lass dich ruhig nieder. Krücken-Menschen sind meist miese Krieger.“

Schon Sokrates sagte gute Wörter seien solche, deren Klang und deren Bedeutung zusammen passen. Eben Kn Wörter kleine runde Dinge Knoblauch, Knolle, Knoten, Knospe – und KNIE… alles so richtige Aufsteller. Der medizinische Fortschritt und die Schönheit-Soziologie (und ein bisschen auch der Horror) umarmen sich in diesem Moment.

Thisse, ein altersgemässer Leidensgenosse hat dann – nicht ganz fehlerfrei – Woyzeck zitiert: „ Jedes Knie ist ein Abgrund, es schwindelt einem, wenn man (an sich) hinabsieht.“ Und wenn ich an all die Prothesen denke, die nach der Kremation noch zu Himmel steigen müssen…Also fast Science Fiction: Was uns nicht umbringt, das bringt uns wohl später um. Oder mindestens um die Himmelfahrt, weil wir mit soviel Metall zu schwer sein dürften.

Damit Sie jetzt aber nicht denken, „welche Medi haben sie dem gegeben?“ – Ich gestehe, als Direktbetroffener gelingt es mir beim besten Willen nicht, mich über Vorkommnisse wie diese zu amüsieren… Mein Besserungsfuror litt schon mal in den ersten 10 Tagen gewaltig unter dem Gesellschaftsdruck: „wieviel schneller bin ich dann wieder auf dem Bike?“ Und die Tipps der „Ich-hab-schon-zwei-Jahre-eins“-KollegInnen entfalten sich dann wie eine Folie des Grauens. Da brauchst du eine robuste Psyche…..und man stellt sich vielleicht die Frage: „ Da können sie auch die Bremsen ausbauen mit der Begründung sie könnten versagen…“–  Aber nicht verzagen.

Genug Schmerz ertragen, kommst du dann auf so Gedanken wie das 71. Wunder von Lourdes: „Stehe auf, hebe dein Bett auf und gehe heim! (Matthäus 9.6) Und danach bekommt dann das alles so eine metaphysische Glasur: „Wo man hinkt, da lass dich ruhig nieder. Krücken-Menschen sind meist miese Krieger.“

 

 

 

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Ein Gedanke zu “knietief

  1. Susi Senti schreibt:

    Meine Voll-Knieprothese ist jetzt neun Jahre alt. Sie sagten im Spital, die hält zehn Jahre. Auf den Tag genau können sie es wohl nicht bestimmen. Und so hoffe ich, dank Muskeltraining, dass ich die Prothese nie auswechseln muss. Denn der Muskelaufbau nach der OP würde ja diesmal länger dauern…

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