Kolumne

kostenlose Todesanzeigen

Man kann sein Leben mit dem endlosen Hören der Bach-Kantate „Ich habe genug“ bereichern. Oder man liest. Im Buch „Ein sterbender Mann“ von Martin Walser stösst man dann auf solche Sätze: “Die Todesanzeigen sind im Bündner Tagblatt kostenlos.“ – Walsers neuer Roman über das Altsein. Gut, der ist jetzt 89jährig. Liest der jetzt das Bündner Tagblatt? Kostet das jetzt tatsächlich nichts? Wir leben eh zu lange, da sind die Todesanzeigen eh noch das billigste und die Diesseits-Kosten auch egal, wenn man schon im Jenseits. „Der Tod ist das einfache. Sterben kann ein Idiot.“,  hat ja schon Heiner Müller gesagt. Heutzutage muss man sich wohl volkswirtschaftlich eher Sorgen machen über die angekündigte „Ära der Greise“.

…da älteren Herren in neuer Zweisamkeit mit jüngeren Damen doch oft ihre Filzpantoffelgemütlichkeit gesundheitsgefährdend konsequent ausgetrieben wird.

Ein Leben beginnt mit den Windelwechseljahren, dann kommen die Wechseljahre und später endet man dann wieder mit den Windelwechseljahren. So gepampert gehen wir durchs Leben. Babies oder alte Männer wie Walser schimpfen dann ja gerne altklug mit der Luft. Ist ja bald alles eine Bedrohung; und das denken nicht mal mehr nur wir Alten.

In Walsers Chat- und Briefroman meint die moribunde Hauptfigur, Leute seines Alters seien ihm jetzt zuwider. Jeden der ihn daran erinnere, wie alt er aussieht, würde er gerne aus dem Wege scheuchen. Er will im Zug die erste Klasse nicht mehr betreten, dieses fahrende Altersheim. OK, können wir nachvollziehen, der Tod ist eh die grösste Zumutung des Lebens…viel grösser als ein Zweitklass-Abteil voller Kleinkinder. Altersakustisch meint Walser dann auch noch, dass sein linkes Ohr (das meint er wohl kaum politisch) besser hört als sein rechtes. Das haben wir doch auch alle, dieses Bedürfnis zu erklären: „ich bin sonst normal, vertamminomal.“

Der Roman-Briefschreiber will dann sogleich einem Online-Suizid-Forum beitreten. Er hat den Wunsch mit allem Schluss zu machen, kommt dann auf tolle Einsichten: „Alte Chinesen sehen weniger chinesisch aus als junge Chinesen“. Also, Frau Martullo sieht nach ihren Englisch-Verhandlungen mit Chinesen sicher mal älter aus. Ob auch schweizerischer als ihr Vater? Gut, politische Correctness und mein Alter verbieten mir zu beurteilen wie Schweizer Businessfrauen um die 40 auszusehen hätten…In punkto Einschätzung fremdländischer Frauenakzeptanz hab’ ich wahrscheinlich auch ein Wahrnehmungsvermögen wie ein Steinbock für abstrakte Kunst. – Und dann unterstreich ich diesen Satz : „Wir dürfen uns nicht mit Jüngeren abgeben, das ist gesundheitsschädlich“. Das wiederum ist weise, da älteren Herren in neuer Zweisamkeit mit jüngeren Damen doch oft ihre Filzpantoffelgemütlichkeit gesundheitsgefährdend konsequent ausgetrieben wird.

Die Konsequenz einer Todesanzeige ist ja, dass du verbrannt oder vergraben wirst. Diesen Preis bezahlt man halt. Ohne Kostenfolge hab’ ich dann den Walser beiseite gelegt, in der Erkenntnis, dass auch früher bewunderte Schreib-Ikonen nahe dem Tode vom Gelehrtsein ins Geleertsein wechseln können.

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