Kolumne

Kunstplatti-tüden

Das Lebenswerk des Engadiners Jacques Guidon ist beachtens- und bewundernswert. Dem Allround-Künstler ist vieles gelungen, von seinen bekannten abstrakten Farbbild-Orgien bis zum Aphorismen-Buch, von Karrikaturen bis Kurzgeschichten. Diesen Sommer war sein 85. Geburtstag, und man staunte, was seine launigen Laudatoren alles ausgruben. So schrieb er schon vor Jahren über die „Eventitis“– eine neue Kunstform, die einem heute beschäftigen muss.

Das tolle an der „Eventitis“ ist : Die Demokratisierung der Kunst macht erfreuliche Fortschritte, die Kunstfrömmigkeit lässt etwas nach. Gut, ob etwas als Kunst wahrgenommen wird, hängt von der Setzung institutioneller, sozialer und kommunikativer Rahmen ab, hab ich mal gelernt….oder vielleicht ist’s einfach das Marketing. Trotzdem staunt man manchmal über die Kunstreflexe mancher Leute. Und allerhand Nachahmungs-Existenzen finden sich auch in unseren Gefilden.

Kunst ist auch Brot (und für viele hartes), für wenige auch Entrecôte.

Vernissagen an allen Orten. Das ist dann so, wie wenn man im Grümpelturnier auch tut wie Ronaldo. Ein Teil merkt das nicht, und oft merk’ ich, dass die virtuosen Kunst-Muezzins unserer regionalen Medien aus Pietätsgründen das auch gekonnt zu verschleiern wissen. Weil viele Betrachter ja eh nicht merken, dass sie das Arschgeweih sind unter den Kunst-Wichtigtuern.

Das stehen sie dann da, diese Art-Prolls mit ihrer dämlichen Begründungsprosa. Sie haben den neueren Kunstsprech-Ansatz auswendig gelernt, und reden dann an einer Kunst-Vernissage. – So erlebte ich kürzlich eine würdevolle Dame wie sie eine Version ihrer Selbstdarstellung „Tiefsinn-ist-eine-hohe Kunst“ – für uns comedyreif – zelebrierte. Ja, die Welt ist doch ein schöner Zusammenhang, gäll. Mehr neuer Inhalt, weniger Kunst, möchte ich da kunstvoll ausrufen, aber das hat auch schon Shakespeare vor mir gesagt…

Neuerdings gibt’s die auch in der Executive-Version. Die haben dann eine Kunstmanager-Schnellbleiche hinter sich und kennen auch die Standartsätze der Kunstschulen…so immerpassende Sätzli wie „Das Bild ist die Mutter des Wortes“. Ja und Marketing ist der Vater der Kunst-Tastemakers, sage ich da nur noch. Kunst ist auch Brot (und für viele hartes), für wenige auch Entrecôte. Oft ist sie ernährungstechnisch meist nur ein neuer Beitrag zur Wissensbulimie für Bildungsfresser. Karl Kraus hätte für einige Vernissagen-Redner diesmal das passende Sätzli: „Man darf nicht nur keine Gedanken haben, man muss auch unfähig sein sie auszudrücken“. –

So, Szenenwechsel: Regierungskunst, sagt man, ist die Kunst des Auswählens, und da haben wir (nebst dem Bündner Kunstmuseum und Luciano Fasciati) auch noch Lobenswertes. Regierungsrat Martin Jäger stand im Frühsommer dieses Jahres an einer Vernissage, wartend bis er auch dran kam am „Kunst-ist-was-du-nicht unbedingt-verstehen-musst“-Reigen und verkündete dann, dass er zwar eine Rede hätte, die er aber jetzt nicht mehr auf uns loslasse. Unschlagbar: Ein Regierungsrat als perfekter Minimal-Art-Künstler. Da war ich dann nur noch kunstplatt wie der Churer Theaterplatz.

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