Kolumne

Lieber Leser­briefe als Dorf­schlägereien

Oft kann ich kaum mit dem Kopfschütteln aufhören, wenn ich so Leserbriefe durchgehe. Gut, bestenfalls ist man versucht mitzufühlen. Zum Beispiel die Tatsache, dass es jetzt Wölfe gibt bei uns, ist ja fast immer ein Beweis für eine vollkommene Unhaltbarkeit der Welt. Populärwörternd werden dann plump alle Marschflugkörper-Programme abgefeuert.

Gut, man macht die Welt nicht besser, indem man sie umformuliert (muss ich mir manchmal auch sagen…). Der postfaktische Meinungschor braucht schon einige Disharmonien. Und unsere Medien brauchen bei abnehmenden Abo-Volumen diese Seiten dringend. Klar, diese populäre Parallelanlayse der Befindlichkeit unseres Kantons ist ein Must und solange immer noch Leitartikel verfasst werden, die wie Pressemitteilungen des Olympiakomitees 2026, des Grauen Hauses oder der Ems Chemie tönen…wirken Leserbriefe doch demokratiestiftend.

Manchmal geht’s da zu und her wie in diesen Daunendecken-Werbespots von Ernst Fischer. Holprig aber irgendwie punktend. Das wird gelesen: das sind die Gegenstücke zu den sedierten Demokratiedarstellern im Grossen Rat, die mit ihren altbackenen Pamphletsprech der Demokratie-Schädigung nachhelfen…Klar, Leserbriefe ersetzen heute die Dorfschlägereien. Das ist die positive Potenz aus der postpolitischen Impotenz – also durchaus tolerabel. Wenn da ein Toni K. schreibt: „So muss sich unsere Gastrono­mie doch nicht wundern, wenn die Gäste wegbleiben und ihr Geld im nahen Ausland ausgeben…und immer nur dem starken Franken die Schuld geben.“ – Der spricht uns mitten im Beizen-Zmittag aus dem vollen Munde, sagt etwas  gegen diese schöngeschriebene touristische Postkartenidylle, die ja so tut, als würde tatsächlich noch jemand glauben, dass die Dinge grosso modo okay laufen und man nur ein bisschen am Schräubchen drehen muss, damit alles schön in Ordnung bleibt…und man dann so tun kann, als gäbe das alles einen Sinn.

Da brauchts dann dieses Paintball mit Worten, diese Meinungsathleten und Rambos der Sauertopffraktion.Da darf man die Ausgewogenheit mal von hinten rammen, zum Beispiel mit dem Substantiv „Jäger “, das man dann mit dem steifen Adjektiv „besoffene“ vermischt . Da ist man dann betroffen. Mit einem guten Leserbrief wird das Produkt dieser Unzucht zur personifizierten Störbarkeit – also schon wieder vergleichbar mit einem Wolfsrudel.

Womit wir beim Wichtigsten wären: man muss schimpfen können, über diese Scheusslichkeiten, die Welt und diese Wurstel-Argumentationsketten, die wir uns gefallen lassen müssen…Denn in Wirklichkeit wollen wir Pseudo-Erbosten gar nicht viel ändern, höchstens selber gerne etwas mit der Macht kooperieren. Ist doch Serotonin für uns, wenn diese Motzerei wie Schokolade verfüttert wird. Das braucht’s auch, damit die Welt begreift, das alles unterkomplex ist.– Da endet man dann bald mal bei Rilke:  „Wer spricht von Siegen – überstehen ist alles. „  – auch beim Lesen. Das ist dann wie das Bündnerplättli nach der Beerdigung.

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