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Literaturwege

„Heidi“ als Schnitzeljagd. Jürg Jenatsch redet mit dir auf dem fon, wenn’s sein muss auch chinesisch untertitelt. Thomas Mann auf Schneeschuhen, Camenisch auf dem Sessellift…Literatur erlebbar gestalten, das ist die Grundidee der neuen App BUX (www.bux-app.ch). Die gibt’s schon in Zürich, nimmt ihre Nutzer mit auf insgesamt elf multimediale Spaziergänge, begleitet von den Autoren. Die geben Einblicke in verschiedene Schauplätze ihrer Literaturwerke. Fast wie auf Pokemon… Frisch bis Dada. Martin Suter bis Philipp Tingler. Laura de Weck bis Thomas Meyer, Urs Widmer bis Anne Cuneo.

Fast wie auf Pokemon… Frisch bis Dada. Martin Suter bis Philipp Tingler.

Wir durften dabei sein. Letztes Jahr bei Test-Rundgängen. Die App ist  wegweisend für einige neue Tourismuswege. – Kopfhörer in den Ohren, das Smartphone in den Händen. Da läufst du starr fixiert durch die Bahnhofstrasse Zürich. Mitten in einer Geschichte von Martin Suter – ein Bankenthriller. Beim Paradeplatz auf dem Bänkli sitzend, wird’s wieder ernüchternd, ein Info-Video vom Kantonspolizei-Sachverständigen über gefälschte Banknoten und wie man sie erkennt. Beim Stadthaus wird der Schwan virtuell zum goldfauchenden Geld-Drachen. Und dazwischen taucht Martin Suter auf, der Autor, der dir in aller Seelenruhe erklärt wie er so schreibt, wieso er schreibt, wo er schreibt…

Oder man spaziert etwa von der Universität Zürich Richtung Schauspielhaus, da erzählt einem die Autorin Laura de Weck von Erlebnissen aus ihrer Jugendzeit, stets in Anlehnung an ihr Theaterstück «Lieblingsmenschen». Die App ist nach dem Prinzip einer Schnitzeljagd aufgebaut: Eine GPS-basierte Karte weist einem den Weg von A nach B. Kaum erreicht der Nutzer sein Teilziel, erhält er von einem Protagonisten der jeweiligen Geschichte per SMS oder Sprachnachricht Hinweise zum nächsten Treffpunkt. Mit dem Unterschied, dass bei diesem Literatur-OL im wahrsten Sinne des Wortes die Reise das Ziel ist.

Der Kanton Graubünden als Plattform, um die Nutzer durch literarische Geschichten zu führen? Könnte man das nicht auch in Graubünden? Ja klar, Spyris Heidi (dazu gibt’s unzähliges Material),  der Jürg Jenatsch, der Schellenursli, der Zauberberg oder Stefan Zweig. Fred und Franz von Camenisch. Settembrini von Leo Tour, soeben dramatisiert fürs Theater…Leta Semadenis „Tamangur“ oder Romana Ganzonis Geschichten. Und viele andere sind mehr als geeignet.

Sprachwanderungen mit Kick. Und was natürlich in GR noch viel spannender wäre: die Landschaft ist virtuell tauglich. Die Berge, Viadukte, die Sprachmischungen, die Gesichter. Die Zauberberg-Wanderung ist mit dem MTB kombinierbar, Tamangur mit der Schneeschuhvermietung. Vielleicht sind’s nicht nur alte Schaufenster-Puppen und Holzställe wie in Maienfeld ? Vielleicht braucht’s  etwas mehr das Original-Heidi besser zu vermarkten? Vielleicht sinds auch die neuen Medien, die Realität und Fiktion verschmelzen lassen, das ergibt Ferienerlebnisse. Und zwar ganz verschiedene: Hochkultur, Kinderkultur, Sprachkultur.

Eine neue Form der Erzählung soll die Verbindung von analoger und digitaler Welt ermöglichen und so Literatur für eine breit abgestützte Leserschaft erlebbar gestalten. „Augmented Reality“ heisst der Fachbegriff dafür. In interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Zürich Tourismus, der Universität St. Gallen, der Zürcher Hochschule der Künste ist das entstanden, als KTI-Projekt. Ich wüsste noch mehr dazu…

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