Kolumne

Perfekt

Graubündens ist doch die perfekte Demokratie. Ein Kanton, der die Apathie der Surselva und die Sturheit des Prättigaus subtil mit dem Höherwertigkeits-Syndrom der Engadiner kreuzen kann, ist schon ein Superkonstrukt. (Gell schön, soviele Vorurteile in einem Satz)… und nimmt man dazu noch die Churer-Beamten-Spiessigkeit als Fundament, sind wir eben megademokratisch ausgewogen perfekt.

Im Schweizer-Dialekt reden wir in der Vergangenheitsform ja immer im Perfekt, also: „ i han Capuns gässa“. Das Präteritum („Ich ass Capuns“) ist zwar kürzer und bündiger, gibt’s in Mundart aber nicht. Sag das mal im Dialekt: “ I ässt Capuns…“ – geht nicht, nichtperfekt können wir nicht, auch zum Beispiel bei Randsteinen, Gemeindefusionen oder Hirschabschüssen. – Auch unsere Vordenker, die Morgarten- und Marignano-Fraktion, kümmert sich rührenderweise perfekt um die Schweizer Neutralität. Die Heimatkümmerer sind zugegeben perfekte Volksverdümmerer.

…weil ein richtiger Schweizer sich oft sagt, es ist besser perfekt zu zögern, als unvollkommen anzupacken. Wir können eben abwarten bis alle Bootsflüchtlinge in Europa richtig durchnummeriert sind.
Wir sind zwar auch nur Menschen, teilen also 98% unsere Gene mit Schimpansen und Bonobos, die eng verwandt mit uns sind. Oha peinlich, auch wir Schweizer sollen zu achtundneunzig Prozent Affen sein? Gut, im Zusammenhang mit Morgarten lassen uns die Konfliktlösungen bei den zwei Affenarten Schimpansen und Bonobos etwas aufhorchen. Die Schimpansen lösen Konflikte mit Kampf und Gewalt, die Bonobos mit Sex, indem sie eine Beziehung zueinander aufbauen, also wie Didier Burkhalter und nicht wie Putin. Sinnlos zu sagen, dass wir also sogar noch von den Bonobos lernen könnten, andere nicht wie Schimpansen zu behandeln.

Eigentlich sind wir ja wie Bahnhofsuhren, der Inbegriff der Schweizer Perfektion. Darum verstehe ich auch, dass unser Credo „Immer zwei Schritte zu spät“ so Erfolg hat – wie zum Beispiel bei den Bilateralen. Weil wir dann eben genau abgezählt zwei Ticks zu spät sind, nicht drei. Die Schweizer Demokratie funktioniert halt perfekt, weil ein richtiger Schweizer sich oft sagt, es ist besser perfekt zu zögern, als unvollkommen anzupacken. Das gilt wahrscheinlich auch für unsere Asylpolitik. Wir können eben abwarten bis alle Bootsflüchtlinge in Europa richtig durchnummeriert sind. Davon nehmen wir dann perfekt immer noch viel mehr als alle anderen auf – mindestens relativ. Einige werden dann immer noch meinen, dies sei zu viel und zu früh und zu stressig. Aber wir sind eben auch perfekte Demokratie-Hinnehmer.

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