Kolumne

Schimpfis

Da habe schon im 13. Jahrhundert ein westafrikanischer Kaiser seinen verfeindeten Stammesführern befohlen, einander so lange zu beschimpfen, bis sie sich krümmen vor Lachen, und dann zu überlegen, ob sie wirklich gegeneinander kämpfen wollen. Auf diese Weise sei „das erste afrikanische Großreich in Westafrika“ entstanden…lachend hat Pollesch, der Kult-Regisseur, mal diese Geschichte erzählt.

Gut, politische Lachanfälle gibt’s ja bei uns höchstens noch auf der Zuschauer-Tribüne im Grossen Rat. Oder auf dem WC. Wo kämen wir sonst hin. Unterhaltend kann’s dann im Grossrats-WC sein. Speziell wenn man da so Herren mit dem Ich-scheiss-hier-impfall-schon-seit-Jahren-Gesicht trifft – da gibt’s immer was zu lachen bei all diesen lippensynchronsprechenden, sitzpinkelnden Parteimitgliedern. Die reden ja auch lieber nicht über den Hunger in der Welt. Das Schlaraffenland macht eh dick. Darum reden die dann auch lieber sportlich über „Graubünden bewegt “ und das dazu passende Animatoren-Budget.

Gut, für eine Schafherde verhalten wir uns völlig in Ordnung.

Das Paradies erzeugt nun mal gebückte Haltungen – ein weiteres Zeitgebresten. Entsteht halt durch die häufigen oft langen Abwärts-Blicke aufs Smartphone. Dazu braucht’s bestimmt bald auch eine neue Präventions-Kampagne: „Graubünden sucht die aufrechte Position.“

Im Prinzip sollte man die Leute nur dezent kurieren – so mit Kochrezepten: „Mein Mampf“ oder so. Und all’ das immer subtil…sonst ist man schnell sub-tilt. Andere höflich zu beschimpfen ist eben eine politische Kunstform. Da kann man schon zu weit gehen…Sokrates musste sterben, weil er sagte, dass nicht Zeus den Regen bringt, sondern die Wolken.

Die Leute lieben gut geölte Geschichten mit einem schicken Optimismus. Wahrscheinlich bekommen wir schon bei der Geburt im Fontanaspital  so eine Depotspritze um uns positiv-rollatorend durchs Leben zu schunkeln. „Prokrastinieren“ ist wohl deshalb unsere Kernkompetenz in Graubünden. Also alles auf morgen verschieben. Wie die Kulturförderung. Oder lieber mal Tourismus machen unter Laborbedingungen. Vielleicht mal so tun, aber nicht gleich alles immer umsetzen wollen….Nur die Blinden reden von einem Ausweg. Wir sehen. Und zwar voraus: Was da noch kommen könnte – aus den Wolken.

Gut, für eine Schafherde verhalten wir uns völlig in Ordnung. (Die Angst vor den Wölfen kommt wohl daher, ihr Sehrverehrten.) – Als Metzgerssohn hab’ ich eben gelernt: man soll jedes Schwein beruhigen, bevor man es sticht. Das macht die Führungsriege meist pädagogisch gut mit uns. Wir müssen ja nicht immer gleich alles wissen wie die Kindergärtnerin Lara. Beim Spaziergang fragt der politisch korrekte Betreuer sie beim Waldhaus-Stall: „Was ist das?“ –  „Das ist ein Schaf, aber wie ich deinen Laden hier einschätze, siehst du da sicher eine Stimmbürgerin.“ Die Fünfjährige hätte mit ihren fünf wachen Sinnen ein „give me five“ verdient. Kein Schimpfis. – Manchmal ist nur die Wahrheit zum Lachen. Und bei uns wäre Sokrates ja noch am Leben. Weil wir an Wolkengutachten glauben.

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