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Theatertreffen in Berlin

„Sehnsuchtsort Theatertreffen“ nennt man’s. Neun Aufführungen haben wir gesehen am Theatertreffen in Berlin. Die Auswahl war in diesem Jahr ziemlich ambitiös, verworren und nervös wie die Welt. – Ja, man kann sich freuen, einige gehen vielleicht bald mal auf Tournee in die Schweiz.

Sieben KritikerInnen haben im Auftrag der Berliner Festspiele im deutschsprachigen Raum zehn Inszenierungen auf deutschsprachigen Bühnen gefunden, die ihrer Meinung nach die „bemerkenswerten“ dieser Saison sind. Viele junge Regisseure, und nicht nur aus Metropolen. Ein klarer Trend ist aber nicht zu erkennen. Alles ist vielschichtiger, offener und durchlässiger denn je geworden.

Aus Bündner Sicht gefehlt hat eigentlich nur Ursina Lardi, Top-Schauspielerin der Schaubühne in Berlin. Die Bündnerin ist fast jedes Jahr in einer Produktion dabei. Letzten  Mittwoch hat sie nun in Lugano den mit 100’000 Franken dotierten Grand Prix Theater 2017 / Hans-Reinhart-Ring gewonnen. Lardi sei eine Schauspielerin, die nicht nur „Leichtigkeit und Leidenschaft“, sondern auch „Schwerelosigkeit und Radikalität“ miteinander verbinde, so BR Berset.

…selbst bei einem alten Heuler wie Tschechows „Drei Schwestern“, die immer vom Aufbruch träumen, aber nie aufbrechen, gelingt das Stone.

Beim Theatertreff war dann eine auch bei uns bekannte Schauspielerin dabei, Annett Sawallisch, man kennt sie vom Theater Chur und der Klibühni, Partnerin des Bündner Regisseurs Felix Benesch. Sie spielt grossartig in der Inszenierung des Wenderomans „89/90“ aus Leipzig: Eine Schulklasse aus dem letzten DDR-Juni 1989, dem letzten Sommer des Sozialismus. Mit den neuen Freiheiten und Demütigungen der Wiedervereinigung, eine dickbäuchige Puppentruppe, ein klassischer Leipziger Chor machen daraus zeitgemässes Theater.

Mit dabei auch das Theater Basel mit „Drei Schwestern“, Regie Simon Stone. Der Schweiz-Australier ist  ein Supertalent. Keiner versetzt zur Zeit die gutbürgerlichen Dramen aus dem vorletzten Jahrhundert so konsequent in die Gegenwart – selbst bei einem alten Heuler wie Tschechows „Drei Schwestern“, die immer vom Aufbruch träumen, aber nie aufbrechen, gelingt ihm das. Und das fast ohne Originaltext…eine Show zum Staunen.

Vom Theater Chur kennt man Tom Luz und Milo Rau. Luz, ein schräger ab und zu leiser Musik-Zauberkünstler. Er brachte „Traurige Zauberer“, vom Staatstheater Mainz zum klingen. Sein Talent – ist die Sehnsucht nach anderen Tönen und ein anderes Tempo jenseits unseres Alltags. Diesmal zeigte der 35-Jährige „eine stumme Komödie mit Musik“. Er vermittelte dass in unseren Parallelwelten mehr Wunderbares steckt als in allen heutigen Verführungen. Naja, für mich auch etwas abgestanden: seine Nebelmaschinen treffen dann aber doch noch den Theater-Nerv.

Milo Rau zeigte heuer „Five Easy Pieces“. Er widmete sich dem Fall des belgischen Kinderentführers, -vergewaltigers und -mörders Dutroux – und stellt dafür Kinder auf die Bühne. Sein Stück ist nicht nur ein Stück über Dutroux, sondern auch eins über die Macht und den Machtmissbrauch von Erwachsenen Kindern gegenüber. Wie immer gekonnt umgesetzt.

Mit dabei aus der Schweiz: das Konzert Theater Bern „Die Vernichtung“, Ersan Mondtag, Regisseur und Shootingstar im letzen Jahr, hat den Text von Olga Bach über eine „Gemeinschaft unterbeschäftigter Gutmenschen“ in ein grünwucherndes vermeintliches Paradies versetzt. Das ist neues Theater: man weiss nicht immer wieso; es entstehen ganz sonderbare Bilder, neue Sehweisen und neue Gedanken…

Es ändert sich was. Die Volksbühnen-Veteranen Marthaler, Pollesch und auch Castorf fehlten. Dafür war Herbert Fritsch dabei, mit „Pfusch“, Volksbühne Berlin, diesmal nochmal ein echter Fritsch: hochartifizieller, hochmusikalischer Vollspeed-Slapstick. – Alles Stücke oder Regien , die man wahrscheinlich als Bündner Theater-Freak auch gelegentlich im Theater Chur, TaK Schaan oder im Schauspielhaus Zürich sehen wird – hoffentlich.

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