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Wir Globetrottel

Jetzt sind wir alle wieder auf Reisen. Und ein Business hat horrende Zuwachsraten: die Kreuzfahrten. – Ja, die Männer wollen ihre Ruhe haben und die Frauen den Schmuck austragen. Da hocken dann exquisit gekleidete, ältere Menschen und versichern sich gegenseitig, wie schön sie es haben. Die Glatzen glänzen mit dem Gold. Die Männer schwitzen, die Ü-65-Frauen frieren wieder, die Defibrillatoren sind diskret versteckt. Man ist ja seit zig Jahren so Mitte Vierzig. Auf Deck entstehen neue Kontakte, meist nur solange bis jeder weiss, was man so alles wann, wo und wie „gemacht“ hat.

Weiss nicht, war noch nie auf Kreuzfahrt, viel auf Fahrt…

Man nennt sie Globetrottel. Edelferienmeilen-Sammler, eher Spiesserseelen. Sie legen missionarischen Eifer an den Tag andern zu erzählen, wo man war. Und halten die anderen für noch globetrotteliger. Auf Kreuzfahrt, da sprudeln die Städtenamen, Angebertipps schweben durch den Äther– Mustsees wie Schaum auf der Bug-Welle. „Kennst du die Churrasceria in Buzio, best in Brasil?“ Man zeigt sein total gutes Leben vor. „ Gell, Schatz, super…und erst dieses Resti in Vietnam.“ Meist die gleichen Adressen vom Marco-Polo-Reiseführer: Meist alles inklusive, man braucht keine Supercard und Cummulus ist ja auch im Wolkenbild inbegriffen. Der Blick des eigenen Sehnens geht mit.

Gut, das gibt’s auch auf SAC-Hütten– vielleicht etwas wortkarger. Auch wenn sie keinen Höhengrat auslassen, die Berggänger sind etwa zurückhaltender mit ihren Lebensweisheiten. Das Leben arbeitet ja nun mit Verlangsamung, Zeitdehnung, ab und zu Stillstand. Der Berggänger kennt seine eigenen Überhänge im Massiv der Zeit. – Mal faltentief wie die „Sardona“-Überschiebung: er weiss, dass sich viele Lebensgeschichten übereinander schieben. Mal differenzierend wie auf dem Biancograt: alles könnte anders sein, und fast nichts mehr kann ich ändern.

Wir Senioren sind dem Hamsterrad und dem Schwitzkasten-Kapitalismus erfolgreich entronnen. Tolstoi hat’s irgendwie mal so gesagt: „ Jeder Mann über 60 sollte sich ins Dickicht zurückziehen“ … Und nicht zum Captains-Dinner. – Natürlich ist Reisen Eskapismus: wer in die Wüste geht, wird nicht derselbe bleiben, glaubten wir mal… Bis wir dann merken, dass auch Sisyphus und sein Stein rundlicher geworden sind. Trotz Diätversuchen. Etwas dicker geworden, schieben wir jetzt eine ruhige Kugel.

Wenn’s dann mal zum endgültigen Penaltyschiessen bei Petrus kommt, ists’ egal ob du auf Berghütten oder Kreuzfahrtschiffen warst. Ob du feingeistiger Bergasket oder hummeressender Krawattenproll bist. Oder umgekehrt fettwurstessender Berg-Rambo oder kosmopolitischer Weltgeist? – Weiss nicht, ich geb’s zu, ich war ja noch nie auf einer Kreuzfahrt, öfters auf Fahrt. Weiss aber, die Welt ist ein ungerechter Ort. Während die eine Hälfte der Menschheit hungert (sagt man), baut die andere Hälfte schon wieder die Küche um. – Aber es bleibt: Nur Reisen ist Leben, wie umgekehrt Leben Reisen ist, meinte Jean Paul.

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2 Gedanken zu “Wir Globetrottel

  1. Corinne Denzler schreibt:

    Lieber Hansruedi – wird Zeit, dass Du eine Kreuzfahrt machst. Du hast ein komplett falsches Bild davon. Vielleicht stammt es von einer Innenkabine aus dem Aldi Katalog in einem 3500 Betten Schiff….. Glaub mir, es hat gute Gründe, wieso diese Industrie so boomt und auch junge Leute anzieht. Wir Hoteliers täten gut daran, mehr von diesen Profis abzuschauen. Meine Tipps an Dich: Top Schiff mit internationaler Clientèle wählen, richtige Kabine mit grosser Terrasse aussuchen, interessante Route fixieren und los gehts!

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