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Wir haben keine Fehler gemacht

Am Montag den ganzen Nachmittag im Bündner Grossen Rat zugebracht. Kulturförderungsgesetz. Fast Parkinson vor Kopfschütteln. Alle wollen der Kultur helfen. Angefangen hat’s mit der Eröffnungsrede des Standespräsidenten. Einige Wiki-Sätze aus den 50er-Jahren, Soziale Marktwirtschaft, eine Wertung der Demokratie-Strömungen – längst überholt. Elitegebrabbel aus dem letzen Jahrhundert. Meint’s ja gut, will glaub’ ich den sozialen Frieden wieder herstellen. Gut, Olympia reloaded ist am Wochenende nicht so gut angekommen bei den Bündnern. Kein Wort darüber. Auch kein Wort, dass genau zur selben Zeit ein Bündner Bronze gewann und Erni Kombinationsweltmeister wurde. Am WM-Ort des Standespräsidenten.

Er steht die ganze Zeit potenzialarm mit gefalteten Händen vor seinem Manuskript, Kopf gesenkt, demütig wie bei Mozarts Requiem. Die Körpersprache Graubündens. Und da schreibt die SO heute: „Standespräsident Michael Pfäffli wächst in seinem Amt zu magistraler Grösse an. Einmal mehr hat sich seine Eröffnungsrede der Session gestern wohltuend abgehoben.“ Gut, der sonst sehr kompetente Journi ist im Grossen Rat domestiziert worden, vergleicht vielleicht  mit den früheren Standespräsidenten. Klar, wenn man jahrelang in dieser Filterblase Grosser Rat, in diesem  Biotop verbringen muss, glaubt man noch, dieses Rechts-Links-Landpomeranzen-Schema sei der Status quo.

Olympia gab den Bündnern ja die Gelegenheit über sonst nichts anderes nachdenken zu müssen. Jetzt können sie wieder über sonst nichts anderes nachdenken als über ein paar Kultur-Millionen. „Ob sie Kulturpolitik machen wollen, die vor lauter Politik die Kultur vernachlässigen wolle? “ fragte dann doch Frau Grossrätin Mani. Und im Grunde genommen geht’s um das Versagen des SP-Regierungsrates Jäger, der wohl mit etwas lockerer Hand als Projektverantwortlicher nicht den kleinsten Nenner an Konzeptvorgaben einbaute. Da haben wir ja Parallen zu Olympia. Da geht’s ums Versagen von Parolini. Ist doch immer wieder eine Win-Win Situation, wenn ein Paar Old-School Visionäre eine veraltete Vision als neu verkaufen. Auch hier nachvollziehbar, man macht am besten nicht viel,  ein lockerer Organisationsgrad wie bei Schülermeisterschaften kann ja oft genügen. Kann. Aber dort liegt ja die Krux der Kulturförderungsvorlage. Zuviel Kann-Formulierungen, nichts definiert, alles offen. Auch bei der Olympia-Vorlage machte dieses Nichtwissen eigentlich niemanden verlegen, auch Wieland nicht, sie spielen dann einfach so Fortschrittssimulanten. Diesmal leiden einfach die anderen darunter: die Kulturschaffenden.

Nachträglich sagen sie zu OS-2026: „Wir haben keine Fehler gemacht“ – Nachträglich muss man mit Dürrenmatt feststellen, dass die stillen 2026-Neinsager eines begriffen haben: „Der grosse Vorteil der Intelligenz ist , dass man sich dumm stellen kann.“ Das Volk hat sich lange dumm gestellt, gar nicht geantwortet, ist nicht erschienen. Nur jetzt behaupten sie noch, wir seien halt nicht reif für Grosses.

Elektrisiert von der strahlenden Zukunft „Make GR great again“ halten sie sich zwar für die Leader und Propheten. Diese seltsame Angst, dieses „Jo-Nüt-Falsch-Macha“ geht um, ich spür’s auch bei neuen Projekten. Beim Sport war’s dann diese neue Olympia-Mission mit irgendwelchen Funktionärs-Onkeln und einigen touristischen Dille-Tanten, die uns Potenzialarme berauschen wollten. Das Ja-Komitee hat die Pathologisierung des vermeintlichen Gegners vorangetrieben, und ja, man erspart sich keine Auseinandersetzung, wenn man alles, was einem aus guten Gründen nicht gefällt, als kollektive Angst, oder wie jetzt im Nachhinein als IOC-Furcht identifiziert… Nein, ihr seid unfähig und merkt’s nicht mal, das ist das Problem.

Nur, wir haben immer noch die gleiche Regierung, den gleichen Grossen Rat, der Jäger und Parolini nicht absetzt… Um’s mit Trump zu sagen – “You should try it – it’s fantastic.“ – Wir wären doch reifer für Grosses.

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2 Gedanken zu “Wir haben keine Fehler gemacht

  1. Göli schreibt:

    Guat gschriba, Livio. Heute Abend könntest du dann auch noch den Rathgeb dran nehmen, nach seiner Antwort auf die Anfrage Deplazes zum mehr als überbordenden Bürokratismus in Sache Langsamkeit, sprich Tempo 30.

    A schöna Tag

    Göli

  2. „Wir haben keine Fehler gemacht ???“ das ist aber nicht das was ich als früherer Olympiagegner und neu bekehrter Olympiakandidierer so wahrgenommen habe, auch unter den Olympiaturbos nicht. Da war man schon ziemlcih sauer auf die vielen Pleiten und Pannen in der Kampagne. Gleich gings übrigens ja auch in der USR3, dort ist es aber zusätzlich interessant, dass die Linke die Vorlage mit den SVP-Stammtisch-Wutbürgern versenkt hat. Wenn dort nur nicht ein Trump’sches Süppchen am Kochen ist, dass uns allen noch den Magen verderben wird….

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