Kolumne

„Wir haben wenigstens keine Lügenpresse“

So sollte das neue Drama heissen, das ich so gerne schreiben würde. Die Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist wie immer weit hergeholt. Das Stück „König Ubu“ von Jarry gibt’s zwar schon….ein Despot, der Krieg führt, weil er nie genug von Blutwürsten bekommen kann. Den könnte man noch übertrumpfen mit einer Bündner-Soap. Ueber einen, der den Jackpot trumpesk geknackt, das grosse Los gestohlen hat. – Nicht mal so schwierig, der Stoff aus dem die Schäume sind, umgibt uns ja.

Ein sogenanntes Gierspiel: der Hauptakteur und sein Umfeld, die polit-managende Ratlosigkeit vereint mit Bündner Politikern als seine Tanztruppe. Eulenspiegelnd hält er Grauenbünden im Zaum. Beiseiteschauer und Sichtaubsteller, sowie getürkte Erfolge sind in den Nebenrollen. Ein ständig wachsendes Heer von Anwälten, Imagekorrekteuren und herumstoffelnden Zukunfts-Darstellern arbeitet daran die Vorteile des Herrn uns immer und immer wieder vor Augen zu führen…

Die Hauptperson irrlichtert mit seinem Gefolge durch die Immobilien-Landschaft. Er sieht zwar aus wie ein von seiner Ehefrau nur mangelhaft aufgelockerter Buchhalter, aber oha, das erhöht die Dramatik. Mediencracks warnen, er lasse mindestens zehn seiner humorbefreiten Churer Anwälte von der Kette, sollte das Stück nicht aussehen wie er sein möchte. Ein Dorf spielt auch mit, zweigeteilt. Die einen lesen dort aus Glückskeksen, die anderen in Regionalzeitungen; in beiden steht nichts tiefgreifendes, selten unvorteilhaftes.

Es ist eine richtige antike Komödie beginnend auf Schulbänken, fortgesetzt mit Liebesgrüssen aus Moskau, etwas Armebuben-Romantik, dazu eine Kunstfälschungsgeschichte mit dem trumpierenden Ende eines Immoblien-Tycons. Dann würden wir mal so happyendtauglich schleichend dies einfliessen lassen:„Jööh“, er sei finalmente der Einzige seiner ehemaligen Schulklasse, der jetzt neidübersteigendes Taschengeld hat.– Eine erzählerisch interessante Gestaltungslinie werden die Bühnenkritiker finden: könne zwar nicht ganz wahr sein, wahrscheinlich „wegen der Tragik seiner Komik“. Die Figur hat sich den artgerechten Erhalt von obskuren Spielarten des Provinzmanagements gesichert, mit gerichtstauglichen Intermezzis ein Imperium zusammengeschraubt und den Rest zusammengestaucht. In den Scriptdialogen wird’s nicht reichen, wenn Nebenrollen einfach „Korruptnik“ zischen, obwohl etwas Dostojewski mitfliesst. Es wird wie immer noch besser enden. Wie in allen guten TV-Serien werden sich die Charaktere verändern – auch das ist hier zu hoffen.

Ein anderer Walser, der Robert, in seinem Wahn-Roman „Der Räuber“, würde da sagen: „Gott, wie sich diese Figürchen da mit Ermunterung ihres Autors wichtig nahmen.“…Was man nicht alles aus der Literatur lernen kann: positiv würde das Stück dann mit den erwarteten, sich selbst erfüllenden Prophezeiungen der nicht profitierenden Bündner enden, also mit gelebter Schadenfreude…und dabei haben wir noch gar nicht über den Anteil der Hauptfigur an der neuen Bündner-Architektur sprechen können.

 

Und dazu noch die Nachbemerkung zu den Nachbemerkungen: Rund die Hälfte der Bündner hat nicht bemerkt, dass es sich um ein realen Bündner Menschen handelt. Sein Nachname kommt als Adjektiv vor…

Standard

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.