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Wir sind doch retrofit

Es fällt einem gar nicht schwer, sich selbst zu überreden, schreib nicht darüber, über diese volatilen Meinungen über Graubündens Untergang, gehört doch nicht auf diesen Blog. Aber dann liegt man auf dem Sofa und das iPad liegt zehn Meter; da vergessen wir das eine wenn wir vom anderen reden. Zum Beispiel die vergessenen Maiensässe. – RETROFIT, heisst das Zauberwort im Tourismus heute, ein erfolgreicher Spar–Kult. Wenn zum Beispiel in einem Hotel oder Restaurant nicht von Grund auf erneuert, sondern nur auf möglichst originelle Weise aufgefrischt wird: Einrichtungen entrümpelt, alte Vorhänge weg, Steinbockgeweihe etwas besser beleuchtet. So baut man dann kostengerechte Realitätskulissen für unsere modernen Gäste. Nichts dagegen, wenn man aus einer Not eine Tugend macht, etwas verdienen muss man auch noch.

Ob das jetzt „Wahr, wohltuend und weitsichtig“ ist, weiss ich nicht. könnte aber werden – so für alle Arten von Gäste. Wen ich da in den  Oberengadiner Stüvas sitze und unsere deutschen Doppelgänger beobachte, ältliche Ehepaare, korrekt sportlich gekleidet, gebildet, mit Manieren, aber einfach langweilig, denke ich, die hätten unsere Retrofit-Angebote verdient, auf ihre alten Tage mal etwas aus dem Terror der Behaglichkeit ausbrechen, ein gut ausgebautes Maiensäss als zweiten Frühling erleben…und für junge Familien ist das sowieso die Stufe zum Himmel.

Kommt einem doch in den Sinn in so in einer Maiensäss-Sternennacht: „no hell below us, above us only sky“. Oder?

Retrofit machen auch wir Senioren im Fitness Center. Man macht halt das Nötigste, um nicht ganz zu verrosten – das kann man doch auch mit Maiensässen. Da gibts zwar wohl einiges an Missbrauch zu verhindern, aber sind das jetzt nur die üblichen Fronten der aufgebrachten Landschafts-Weltretter gegen die angeschlagenen Wirtschafts-Ideologen? Nein, eigentlich nicht. Man sollte das Umsetzen zwar nicht ganz der Bauwirtschaft überlassen oder dem Tourismus – der ist  ja eh so ein hermeneutischer Reparaturbetrieb geworden, aber etwas Hütten-Flickwerk , etwas modern umfrisierte Holz-Heimat der besonderen Art könnte da nicht schaden.

„In den Maiensässen  und Ställen Graubündens liegt ein riesiges Wertschöpfungspotenzial für naturverbundene, ruhesuchende Gäste, die die Einfachheit des Lebens mit einem Hauch von Abenteuer erleben möchten“ sagen die Initianten – und haben recht. Im Normalfall bezahlt man für ein Maiensäss mit 50 Quaddratmeter Wohnfläche etwa 400’000 bis 500’00 Franken. Bei Miete zahlt man zwischen 500 Fr. bis 1000 Fr. pro Woche bei einer Belegung von vier bis 9 Personen. Und die Leute sind meist begeistert.

Schon fürchte ich den Leser mit dieser Geschichte entsetzlich gelangweilt zu haben, aber da gibt’s ja gottseidank noch die alte Karl Valentins Himmels-Geschichte: „Schau, der wunderbare Tintenfisch da oben.“/„Des ist doch kein Tintenfisch, des is ja a Steinadler.“/ „Jaja, Steinadler wollte ich sagen, ich hab’ mich nur versprochen.“ – Versprochen hat man sich im Tourismus viel und hat man sich viel…dies ist nur ein Puzzle-Teil. Retrofit könnte auch geistig a bitzli meh ankurbeln im Land der potemkinschen Tourismuskultur.– Der Markt ist kein Abstraktum, liebe Strategen. Des langen Blogs kurze Sinnlosigkeit meint einfach: packt’s doch einfach an, probierts.  Kommt einem doch in den Sinn in so in einer Maiensäss-Sternennacht: „no hell below us, above us only sky“. Oder?

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