Kolumne

Serien-Neurose

Wenn man Serien schaut, ist man in unserer Alterskategorie nicht ganz…manche schauen dich dann an, als ob du soeben gebeichtet hättest, du seist pädophil. Da kannst du dann noch so lange sagen: “es ist gutartig..“

Klar, ich kann mir nicht so viel „Narcos“-Episoden anschauen, sonst verspüre ich den Drang wie Trump in Mexico einzumarschieren.„House of Cards“und „Homeland“ sind aber jetzt stubenrein, zwar etwas Publikumshuren, doch bestes schweizerisches Bürgerentertainment. In unserem Land mit unterentwickeltem Hochgefühl lassen wir uns doch von solch kummervollen Helden gerne inspirieren…und wenn wir in „Black Mirror“ den englischen Premier sehen, der um eine Princess zu retten, ein Schwein…ja dann wissen wir, dass man die Welt auch nicht so gschtabig unterhalten muss, wie die SRG es mit ihren Senioren-Furzkissen-Shows versucht.

…auch in Chaplins „Goldrausch“ gab’s das riesige Huhn, das goldene Eier legt. Wie in Davos…

Da können wir nur lernen. Nehmen sie mal Präsident Frank Underwood; vermutlich liess sich sogar Ständerat Schmid schon von ihm inspirieren… Script-Autoren sagen ja, dass man ca. 10 bis 12 Sende-Stunden hat um einen Charakter zu entwickeln. Stellen sie sich vor, einer unsere Politiker hätte nur so wenige Stunden um seinen Charakter… Das geht bei Darbellay etwa 9 Monate. – Ja, und auch bei der „Brücke“ hat die Heldin ein Asperger-Syndrom, bei „Homeland“ eine bipolare Störung und wir lernen sogar bei Ansprachen von Bundespräsidenten, dass jede noch so kleine Neurose ihren tieferen Sinn hat…

Durchgeknalle Identitäten sind ja eine neue Kunstform. Die kennen wir jetzt seit den US-Wahlen oder auch bei Erdogan oder Putin. So neu ist das dann auch wieder nicht. Hat ja schon Groucho Marx gesagt: „Das sind meine Prinzipien, aber wenn sie euch nicht gefallen, habe ich auch andere.“ Wie der TV-Präsident, der Francis. Oder (wegen der schau’ ich mir das alles an!) die First Lady „Claire“. Ihr Laufstil ist zwar surreal sexy. Die berührt den Boden kaum, wenn sie durchs Weisse Haus läuft.– Und da denk ich doch wieder: auch im richtigen Leben muss man mit Lügengeschichten klarkommen, und ja, mein Gehirn ist halt das zweitwichtigste Organ.

Beim Film nennt man den Orgasmus auch „closure“, das was wir suchen, das Gefühl der abschliessenden Befriedigung. Das gab’s schon bei Charly Chaplin in „Goldrausch“ in Form eines riesigen Huhnes das goldene Eier legt. Gibt’s auch in Davos oder bei unseren wiederkehrenden Olympiabewerbungen: meist so ein epischer Spannungsbogen mit den immergleichen Irrtümern. Die fordern dann auch bei uns schmerzvolle Erkenntnisprozesse – mindestens vor dem Einschlafen nach der Serie.

Der Widerstand gegen die Zumutungen des Alltags kann man eben auf verschiedene Weise ausleben –z.B. indem man nachhaltig wird. Im Südostschweiz-Mediacenter werfen die den Abfall ja auch nicht einfach weg, die machen Fernsehen daraus. So ist das. Und am Schluss wissen wir, ich freu’ mich auf morgen. Da schleicht bestimmt schon wieder die nächste Neurose um die Ecke. Da fühlt sich doch jede(r) individuell angezwinkert.

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Lieber Leser­briefe als Dorf­schlägereien

Oft kann ich kaum mit dem Kopfschütteln aufhören, wenn ich so Leserbriefe durchgehe. Gut, bestenfalls ist man versucht mitzufühlen. Zum Beispiel die Tatsache, dass es jetzt Wölfe gibt bei uns, ist ja fast immer ein Beweis für eine vollkommene Unhaltbarkeit der Welt. Populärwörternd werden dann plump alle Marschflugkörper-Programme abgefeuert.

Gut, man macht die Welt nicht besser, indem man sie umformuliert (muss ich mir manchmal auch sagen…). Der postfaktische Meinungschor braucht schon einige Disharmonien. Und unsere Medien brauchen bei abnehmenden Abo-Volumen diese Seiten dringend. Klar, diese populäre Parallelanlayse der Befindlichkeit unseres Kantons ist ein Must und solange immer noch Leitartikel verfasst werden, die wie Pressemitteilungen des Olympiakomitees 2026, des Grauen Hauses oder der Ems Chemie tönen…wirken Leserbriefe doch demokratiestiftend.

Manchmal geht’s da zu und her wie in diesen Daunendecken-Werbespots von Ernst Fischer. Holprig aber irgendwie punktend. Das wird gelesen: das sind die Gegenstücke zu den sedierten Demokratiedarstellern im Grossen Rat, die mit ihren altbackenen Pamphletsprech der Demokratie-Schädigung nachhelfen…Klar, Leserbriefe ersetzen heute die Dorfschlägereien. Das ist die positive Potenz aus der postpolitischen Impotenz – also durchaus tolerabel. Wenn da ein Toni K. schreibt: „So muss sich unsere Gastrono­mie doch nicht wundern, wenn die Gäste wegbleiben und ihr Geld im nahen Ausland ausgeben…und immer nur dem starken Franken die Schuld geben.“ – Der spricht uns mitten im Beizen-Zmittag aus dem vollen Munde, sagt etwas  gegen diese schöngeschriebene touristische Postkartenidylle, die ja so tut, als würde tatsächlich noch jemand glauben, dass die Dinge grosso modo okay laufen und man nur ein bisschen am Schräubchen drehen muss, damit alles schön in Ordnung bleibt…und man dann so tun kann, als gäbe das alles einen Sinn.

Da brauchts dann dieses Paintball mit Worten, diese Meinungsathleten und Rambos der Sauertopffraktion.Da darf man die Ausgewogenheit mal von hinten rammen, zum Beispiel mit dem Substantiv „Jäger “, das man dann mit dem steifen Adjektiv „besoffene“ vermischt . Da ist man dann betroffen. Mit einem guten Leserbrief wird das Produkt dieser Unzucht zur personifizierten Störbarkeit – also schon wieder vergleichbar mit einem Wolfsrudel.

Womit wir beim Wichtigsten wären: man muss schimpfen können, über diese Scheusslichkeiten, die Welt und diese Wurstel-Argumentationsketten, die wir uns gefallen lassen müssen…Denn in Wirklichkeit wollen wir Pseudo-Erbosten gar nicht viel ändern, höchstens selber gerne etwas mit der Macht kooperieren. Ist doch Serotonin für uns, wenn diese Motzerei wie Schokolade verfüttert wird. Das braucht’s auch, damit die Welt begreift, das alles unterkomplex ist.– Da endet man dann bald mal bei Rilke:  „Wer spricht von Siegen – überstehen ist alles. „  – auch beim Lesen. Das ist dann wie das Bündnerplättli nach der Beerdigung.

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Tourismus-Radschläge

Jetzt hocken wir am runden Tisch und hoffen, dass es nicht eck(l)iger wird. Dem Tourismus geht’s schlecht, ganz GR leidet an Konzentrationsstörungen. Früher meinten wir ja, dass jeder, der in freier Rede einen Dreisatz mit eine Relativsatz kombinieren könne, dürfe bei uns Volkswirtschaftsdirektor werden. Heute bemühen sich die Oberkrawatten noch schlau drein zu schauen, Schneider Ammann versucht uns aufzuheitern mit comedyreifen Nummern und einigen Blendraketen. Am erstaunlichsten sind die Berichte der Bündner Wirtschafts-Journalisten, die sich oft als wissende Oberkellner gebärden müssen – so wie man einem Spatz die Ornithologie erklären muss.

Wir wissen gar nicht mehr so recht wie, könnten uns auch von Andreas Thiel erklären lassen, dass der Koran schuld sei. Gut, der Bündner Tourismus ist nun mal der missglückte Versuch mit Imagewerbung das Mittelmass zu verdecken oder aus degenerierten Steinböcken scharmschäumende Österreicher zu machen. Dabei möchten wir doch gerne so freundlich sein, wie Tausende von Journalisten uns raten. Das schaffen wir schon: die Massen-Einwanderung von billigem Fleisch und willigen Kellnerinnen haben wir jetzt ja auch überwunden. Dazu kommt unser duales Bildungssystem in der Schweiz, das eben auch den Handwerkern Karrieren ermöglicht. Das wissen auch unsere Sanitärlehrlinge, die gerne mal bei einer WC–Reparatur solange mit der Scheisse diskutieren bis sie weg ist. Die Tourismus-Hochschulen haben dies erfolgreich übernommen.

Das nächste Thema am Wirtschaftsforum dürfte bestimmt heissen: „ Das Ende der Ueberakademisierung, am besonderen Beispiel der Wohlstands-Kompetenz- Orientierungskompetenz.“ Aufgelockert durch ein Weisswurstvertilgungs- und Biervernichtungs-Event haut das sicher hin.– Empfehlenswert ist aber auch abwartende Aufgeregtheit, die tiefgehende Ermüdung in unserem Kanton hätte jetzt halt auch die globale Börse beeinflussst und – wie so ein Flügelschlag der sogenannten Depressariidae, einer einheimischen Schmetterlingsart im Münstertal (nachschlagen, die gibt’s wirklich) – auf die Weltwirtschaft übergegriffen. Aber wir haben ja einen Tourismusrat der das Tourismusrad bestimmt neu erfinden wird. „Konnst net lernen, konnst net kaufen, konnst du nur hoben….“ sagte mir kürzlich ein Tirolerin. Ich dachte da an Innovationskraft, sie meinte eher Grips und Charme.

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