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Schimpfis

Da habe schon im 13. Jahrhundert ein westafrikanischer Kaiser seinen verfeindeten Stammesführern befohlen, einander so lange zu beschimpfen, bis sie sich krümmen vor Lachen, und dann zu überlegen, ob sie wirklich gegeneinander kämpfen wollen. Auf diese Weise sei „das erste afrikanische Großreich in Westafrika“ entstanden…lachend hat Pollesch, der Kult-Regisseur, mal diese Geschichte erzählt.

Gut, politische Lachanfälle gibt’s ja bei uns höchstens noch auf der Zuschauer-Tribüne im Grossen Rat. Oder auf dem WC. Wo kämen wir sonst hin. Unterhaltend kann’s dann im Grossrats-WC sein. Speziell wenn man da so Herren mit dem Ich-scheiss-hier-impfall-schon-seit-Jahren-Gesicht trifft – da gibt’s immer was zu lachen bei all diesen lippensynchronsprechenden, sitzpinkelnden Parteimitgliedern. Die reden ja auch lieber nicht über den Hunger in der Welt. Das Schlaraffenland macht eh dick. Darum reden die dann auch lieber sportlich über „Graubünden bewegt “ und das dazu passende Animatoren-Budget.

Gut, für eine Schafherde verhalten wir uns völlig in Ordnung.

Das Paradies erzeugt nun mal gebückte Haltungen – ein weiteres Zeitgebresten. Entsteht halt durch die häufigen oft langen Abwärts-Blicke aufs Smartphone. Dazu braucht’s bestimmt bald auch eine neue Präventions-Kampagne: „Graubünden sucht die aufrechte Position.“

Im Prinzip sollte man die Leute nur dezent kurieren – so mit Kochrezepten: „Mein Mampf“ oder so. Und all’ das immer subtil…sonst ist man schnell sub-tilt. Andere höflich zu beschimpfen ist eben eine politische Kunstform. Da kann man schon zu weit gehen…Sokrates musste sterben, weil er sagte, dass nicht Zeus den Regen bringt, sondern die Wolken.

Die Leute lieben gut geölte Geschichten mit einem schicken Optimismus. Wahrscheinlich bekommen wir schon bei der Geburt im Fontanaspital  so eine Depotspritze um uns positiv-rollatorend durchs Leben zu schunkeln. „Prokrastinieren“ ist wohl deshalb unsere Kernkompetenz in Graubünden. Also alles auf morgen verschieben. Wie die Kulturförderung. Oder lieber mal Tourismus machen unter Laborbedingungen. Vielleicht mal so tun, aber nicht gleich alles immer umsetzen wollen….Nur die Blinden reden von einem Ausweg. Wir sehen. Und zwar voraus: Was da noch kommen könnte – aus den Wolken.

Gut, für eine Schafherde verhalten wir uns völlig in Ordnung. (Die Angst vor den Wölfen kommt wohl daher, ihr Sehrverehrten.) – Als Metzgerssohn hab’ ich eben gelernt: man soll jedes Schwein beruhigen, bevor man es sticht. Das macht die Führungsriege meist pädagogisch gut mit uns. Wir müssen ja nicht immer gleich alles wissen wie die Kindergärtnerin Lara. Beim Spaziergang fragt der politisch korrekte Betreuer sie beim Waldhaus-Stall: „Was ist das?“ –  „Das ist ein Schaf, aber wie ich deinen Laden hier einschätze, siehst du da sicher eine Stimmbürgerin.“ Die Fünfjährige hätte mit ihren fünf wachen Sinnen ein „give me five“ verdient. Kein Schimpfis. – Manchmal ist nur die Wahrheit zum Lachen. Und bei uns wäre Sokrates ja noch am Leben. Weil wir an Wolkengutachten glauben.

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Innovations-Theater

Die Antwort ist Innovation. „Und was war noch mal die Frage?“, fragt man sich wenn man aktuelle Reports über den Tourismus liest. Ist doch schön – dieses Betulichkeits-Wort – und gut brauchbar für Tourismus-Generalversammlungen. Es brabbelt ja schon überall bald wie ein Stossgebet…

Gut, man kann dem Bündner-Credo zustimmen: „Kunst bringt nichts, wenn sie nicht dem Baumeisterverband nützt.“ – Noch effizienter ist’s aber, mal ins Theater zu gehen. Dort hat man immer die Möglichkeit beim Zuschauen und Zuhören zufällig auf eigene Erkenntnisse zu stolpern. Diese Mischung aus totaler Entspanntheit, fast Entrückung, dieses Eintauchen in kleine Zufälligkeiten, kann ganz brilliante Ideen hervorrufen. Serendipity heisst das, wenn man etwas ganz anderes gesucht, dann aber zufällig was innovativeres entdeckt. So wurde auch Amerika entdeckt, der Klettverschluss…oder Viagra. Mit der Innovations-Findung ist es eben meist so: such’ was anderes als du erwartest.
Kann man man auch im Theater. Letzte Woche wurde Leo Tuors Jagd-Roman „ Settembrini“ in der Churer Postremise gespielt. Ja, da merkt man, dass die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten meistens der Umweg ist – wie auf der Jagd. Das ausgezeichnete Ensemble hat ganz normale Brabbelsätze zu philosophischen Weisheit hochgejazzt: „Alles ist wie vor dem Schuss. Nichts ist wie vor dem Schuss.“ –  Und beiläufig meint der Onkel Gion Battesta zur Jagdprüfung: „Sie sollten aufhören, euch so Schwachsinn auswendig lernen zu lassen…“ Um gleich wieder praktisch zu werden: „ Die Böcke und die Leute werden immer älter.“ – „„Absurd. Die Schulen leeren sich und die Altersheime füllen sich.“

Einmal ins Theater – einfach mal anderes andenken, liebe Touristiker. Weil ja auch im Marketing gilt: Alle Wahrnehmung ist Differenzwahrnehmung. – Tourismus-Seminare waren für mich oft so eine Art muffige katholische Kirche der Innovationskastration. Ich kam mir vor, wie in dem Büro, dem die Formulare zum Nachbestellen der Formulare ausgegangen sind. Im Theater kann das Hirn endlos spazierenfahren. Und amüsant ist’s erst noch.

Wenn der Wildhüter „mit einem Gesicht wie der personifizierte Kanton Graubünden, der ja eine Einrichtung für die Ewigkeit sei“, meint,  dass nur Glanzvolles dem Untergang geweiht sein könne, nickt man mit. – Klar, Theater überfordert zwar oft mit einem Übermass an Bildern, mit der Simultanität von Aktionen oder Wiederholungen. Auch im aktuellen Tourismus ist man halt etwas überfordert. Genau dieses Nicht-Nachrennen ist ein Weg. Und „Settembrini“ strotz vor Marketing-Ratschlägen: „Auf der Jagd arbeitet man immer gegen den Wind…“

Durch so kulturelle Streifzüge wird man serendipisiert, wird neugierig und plötzlich kommt Neues auf. Alles Theater ist Innovation. Vieles ist nicht immer klar: doppeldeutig inszeniert, humorvoll, weltphilosophisch immer kippend. Da ist man spielend neugierig genau dort angelangt, wo eben heute auch der Markt ist – und nicht dort, wo das Hirn eine Einbahnstrasse ist.

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Kultur und Wirtschaft: 1 + 1 = 3

Ihr Sinn für Kultur durchfeuchtet selten einen Theater-Sitz. Sie hat ja auch andere Interessen. Eigentlich hat sie’s auch lieber, wenn der Verkehr störungsfrei abläuft und die Schneeräumung durch ein klares Regelwerke gelenkt ist. Wenn man sie fragt, was sie so an der Kultur liebt, sagt sie: „Wir waren doch grad in einem Musical in Hamburg.“ …und denkt : „Wer Kultur will, soll sie doch selber zahlen.“ Kultur geht an ihren sämtlichen Körperteilen vorbei…

Kultur in Graubünden, das ist wie Agrardebatten: nur mit weniger Geld und noch mehr Polit-Getöse.

 

Das sagt man aber nicht so. Auch nicht im Grossen Rat…und die vermeintlichen Kultur-Politiker, die man fast nie (oder höchstens zu PR-Zwecken) an einer Kultur-Veranstaltung sieht, sind auch noch eine Minderheit. – Und jetzt kommt da das neue Kulturförderungsgesetz: auch das geht an Einigen vorbei. Alle können zwar wieder mitreden, über ein Gesetzli schwadronieren oder einfach über Geld. – Kultur in Graubünden, das ist wie Agrardebatten: nur mit weniger Geld und noch mehr Polit-Getöse. Die Einen jammern, das Leitbild fehle (das Märchen für alles), die Andern jammern, dass das Geld fehlt (obwohl man zur Zeit argumentiert, wie wenig so 25 Millionen doch seien.) – Wunderbar , dass sich jetzt eine breite Kulturlobby breit macht. Und sie haben im Grossrats-Saal Chur mit einem Fest bewiesen wieviel Gemeinsames da brillieren kann. Laienchörli, Trachtentanz- und Theatergruppen und auch das Holzbläser Ferienlager brauchen Unterstützung, aber auch die Profi- Musiker, Schauspieler, Künstler.

Man will das wenige Geld durch ein klares Regelwerk geregelt haben – kulturell herrscht zwar eher eine gewisse Obdachlosigkeit. Ein Beobachter vom Mars dürfte folgern: „Der paranoide Ordnungsfimmel um Kulturordnung ist das Ergebnis einer auf Machtdominanz zielenden Politik bei den einen und einer subtil unterschwelligen Gleichgültigkeit beim Rest…“. Zum Mitklatschen ist das nicht. – Gut, ein Grossrat aus dem Avers hat leider einfach weniger davon.

Früher war Kulturschaffen ja eine Spielart der Klugen gegen die Dummen. Heute ist es für alle eher ein prostituierendes Anschaffen. Es fehlen jährlich ca. vier Mio. zusätzliche Kulturgelder in Graubünden. Einige unserer Kulturevents vom Aroser Humorfestival, St.Moritzer Festival da Jazz bis Origen (und viele andere) befruchten unsere Volkswirtschaft. Und die sollte man mehr unterstützen.

Ein Vorschlag für eine mittelmässige Zufriedenheit: Nicht das Budget für Kulturförderung erhöhen. Dafür zusätzlich Wirtschaftsförderung-Gelder bereitstellen, die nach Wertschöpfungskriterien verteilt werden. Ja, das Amt für Wirtschaft und Tourismus könnte feststellen, wieviel so ein Event einer Region zusätzlich bringt. Und das Geld aus diesem Extratopf verteilt dann eine neue Extra-Wirtschafts–Kulturkommission. Einfach zusammenspannen, zuviel verlangt – zu aifach? Da hab’ ich’s dann mit den Monti Pythons: „ Always look at the bright side of life“. Kultur-Wirtschaftsförderung würde doch einige zusätzliche feuchtwarme Theatersitze und warme Logiernächte bescheren.

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Serien-Neurose

Wenn man Serien schaut, ist man in unserer Alterskategorie nicht ganz…manche schauen dich dann an, als ob du soeben gebeichtet hättest, du seist pädophil. Da kannst du dann noch so lange sagen: “es ist gutartig..“

Klar, ich kann mir nicht so viel „Narcos“-Episoden anschauen, sonst verspüre ich den Drang wie Trump in Mexico einzumarschieren.„House of Cards“und „Homeland“ sind aber jetzt stubenrein, zwar etwas Publikumshuren, doch bestes schweizerisches Bürgerentertainment. In unserem Land mit unterentwickeltem Hochgefühl lassen wir uns doch von solch kummervollen Helden gerne inspirieren…und wenn wir in „Black Mirror“ den englischen Premier sehen, der um eine Princess zu retten, ein Schwein…ja dann wissen wir, dass man die Welt auch nicht so gschtabig unterhalten muss, wie die SRG es mit ihren Senioren-Furzkissen-Shows versucht.

…auch in Chaplins „Goldrausch“ gab’s das riesige Huhn, das goldene Eier legt. Wie in Davos…

Da können wir nur lernen. Nehmen sie mal Präsident Frank Underwood; vermutlich liess sich sogar Ständerat Schmid schon von ihm inspirieren… Script-Autoren sagen ja, dass man ca. 10 bis 12 Sende-Stunden hat um einen Charakter zu entwickeln. Stellen sie sich vor, einer unsere Politiker hätte nur so wenige Stunden um seinen Charakter… Das geht bei Darbellay etwa 9 Monate. – Ja, und auch bei der „Brücke“ hat die Heldin ein Asperger-Syndrom, bei „Homeland“ eine bipolare Störung und wir lernen sogar bei Ansprachen von Bundespräsidenten, dass jede noch so kleine Neurose ihren tieferen Sinn hat…

Durchgeknalle Identitäten sind ja eine neue Kunstform. Die kennen wir jetzt seit den US-Wahlen oder auch bei Erdogan oder Putin. So neu ist das dann auch wieder nicht. Hat ja schon Groucho Marx gesagt: „Das sind meine Prinzipien, aber wenn sie euch nicht gefallen, habe ich auch andere.“ Wie der TV-Präsident, der Francis. Oder (wegen der schau’ ich mir das alles an!) die First Lady „Claire“. Ihr Laufstil ist zwar surreal sexy. Die berührt den Boden kaum, wenn sie durchs Weisse Haus läuft.– Und da denk ich doch wieder: auch im richtigen Leben muss man mit Lügengeschichten klarkommen, und ja, mein Gehirn ist halt das zweitwichtigste Organ.

Beim Film nennt man den Orgasmus auch „closure“, das was wir suchen, das Gefühl der abschliessenden Befriedigung. Das gab’s schon bei Charly Chaplin in „Goldrausch“ in Form eines riesigen Huhnes das goldene Eier legt. Gibt’s auch in Davos oder bei unseren wiederkehrenden Olympiabewerbungen: meist so ein epischer Spannungsbogen mit den immergleichen Irrtümern. Die fordern dann auch bei uns schmerzvolle Erkenntnisprozesse – mindestens vor dem Einschlafen nach der Serie.

Der Widerstand gegen die Zumutungen des Alltags kann man eben auf verschiedene Weise ausleben –z.B. indem man nachhaltig wird. Im Südostschweiz-Mediacenter werfen die den Abfall ja auch nicht einfach weg, die machen Fernsehen daraus. So ist das. Und am Schluss wissen wir, ich freu’ mich auf morgen. Da schleicht bestimmt schon wieder die nächste Neurose um die Ecke. Da fühlt sich doch jede(r) individuell angezwinkert.

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Lieber Leser­briefe als Dorf­schlägereien

Oft kann ich kaum mit dem Kopfschütteln aufhören, wenn ich so Leserbriefe durchgehe. Gut, bestenfalls ist man versucht mitzufühlen. Zum Beispiel die Tatsache, dass es jetzt Wölfe gibt bei uns, ist ja fast immer ein Beweis für eine vollkommene Unhaltbarkeit der Welt. Populärwörternd werden dann plump alle Marschflugkörper-Programme abgefeuert.

Gut, man macht die Welt nicht besser, indem man sie umformuliert (muss ich mir manchmal auch sagen…). Der postfaktische Meinungschor braucht schon einige Disharmonien. Und unsere Medien brauchen bei abnehmenden Abo-Volumen diese Seiten dringend. Klar, diese populäre Parallelanlayse der Befindlichkeit unseres Kantons ist ein Must und solange immer noch Leitartikel verfasst werden, die wie Pressemitteilungen des Olympiakomitees 2026, des Grauen Hauses oder der Ems Chemie tönen…wirken Leserbriefe doch demokratiestiftend.

Manchmal geht’s da zu und her wie in diesen Daunendecken-Werbespots von Ernst Fischer. Holprig aber irgendwie punktend. Das wird gelesen: das sind die Gegenstücke zu den sedierten Demokratiedarstellern im Grossen Rat, die mit ihren altbackenen Pamphletsprech der Demokratie-Schädigung nachhelfen…Klar, Leserbriefe ersetzen heute die Dorfschlägereien. Das ist die positive Potenz aus der postpolitischen Impotenz – also durchaus tolerabel. Wenn da ein Toni K. schreibt: „So muss sich unsere Gastrono­mie doch nicht wundern, wenn die Gäste wegbleiben und ihr Geld im nahen Ausland ausgeben…und immer nur dem starken Franken die Schuld geben.“ – Der spricht uns mitten im Beizen-Zmittag aus dem vollen Munde, sagt etwas  gegen diese schöngeschriebene touristische Postkartenidylle, die ja so tut, als würde tatsächlich noch jemand glauben, dass die Dinge grosso modo okay laufen und man nur ein bisschen am Schräubchen drehen muss, damit alles schön in Ordnung bleibt…und man dann so tun kann, als gäbe das alles einen Sinn.

Da brauchts dann dieses Paintball mit Worten, diese Meinungsathleten und Rambos der Sauertopffraktion.Da darf man die Ausgewogenheit mal von hinten rammen, zum Beispiel mit dem Substantiv „Jäger “, das man dann mit dem steifen Adjektiv „besoffene“ vermischt . Da ist man dann betroffen. Mit einem guten Leserbrief wird das Produkt dieser Unzucht zur personifizierten Störbarkeit – also schon wieder vergleichbar mit einem Wolfsrudel.

Womit wir beim Wichtigsten wären: man muss schimpfen können, über diese Scheusslichkeiten, die Welt und diese Wurstel-Argumentationsketten, die wir uns gefallen lassen müssen…Denn in Wirklichkeit wollen wir Pseudo-Erbosten gar nicht viel ändern, höchstens selber gerne etwas mit der Macht kooperieren. Ist doch Serotonin für uns, wenn diese Motzerei wie Schokolade verfüttert wird. Das braucht’s auch, damit die Welt begreift, das alles unterkomplex ist.– Da endet man dann bald mal bei Rilke:  „Wer spricht von Siegen – überstehen ist alles. „  – auch beim Lesen. Das ist dann wie das Bündnerplättli nach der Beerdigung.

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Tourismus-Radschläge

Jetzt hocken wir am runden Tisch und hoffen, dass es nicht eck(l)iger wird. Dem Tourismus geht’s schlecht, ganz GR leidet an Konzentrationsstörungen. Früher meinten wir ja, dass jeder, der in freier Rede einen Dreisatz mit eine Relativsatz kombinieren könne, dürfe bei uns Volkswirtschaftsdirektor werden. Heute bemühen sich die Oberkrawatten noch schlau drein zu schauen, Schneider Ammann versucht uns aufzuheitern mit comedyreifen Nummern und einigen Blendraketen. Am erstaunlichsten sind die Berichte der Bündner Wirtschafts-Journalisten, die sich oft als wissende Oberkellner gebärden müssen – so wie man einem Spatz die Ornithologie erklären muss.

Wir wissen gar nicht mehr so recht wie, könnten uns auch von Andreas Thiel erklären lassen, dass der Koran schuld sei. Gut, der Bündner Tourismus ist nun mal der missglückte Versuch mit Imagewerbung das Mittelmass zu verdecken oder aus degenerierten Steinböcken scharmschäumende Österreicher zu machen. Dabei möchten wir doch gerne so freundlich sein, wie Tausende von Journalisten uns raten. Das schaffen wir schon: die Massen-Einwanderung von billigem Fleisch und willigen Kellnerinnen haben wir jetzt ja auch überwunden. Dazu kommt unser duales Bildungssystem in der Schweiz, das eben auch den Handwerkern Karrieren ermöglicht. Das wissen auch unsere Sanitärlehrlinge, die gerne mal bei einer WC–Reparatur solange mit der Scheisse diskutieren bis sie weg ist. Die Tourismus-Hochschulen haben dies erfolgreich übernommen.

Das nächste Thema am Wirtschaftsforum dürfte bestimmt heissen: „ Das Ende der Ueberakademisierung, am besonderen Beispiel der Wohlstands-Kompetenz- Orientierungskompetenz.“ Aufgelockert durch ein Weisswurstvertilgungs- und Biervernichtungs-Event haut das sicher hin.– Empfehlenswert ist aber auch abwartende Aufgeregtheit, die tiefgehende Ermüdung in unserem Kanton hätte jetzt halt auch die globale Börse beeinflussst und – wie so ein Flügelschlag der sogenannten Depressariidae, einer einheimischen Schmetterlingsart im Münstertal (nachschlagen, die gibt’s wirklich) – auf die Weltwirtschaft übergegriffen. Aber wir haben ja einen Tourismusrat der das Tourismusrad bestimmt neu erfinden wird. „Konnst net lernen, konnst net kaufen, konnst du nur hoben….“ sagte mir kürzlich ein Tirolerin. Ich dachte da an Innovationskraft, sie meinte eher Grips und Charme.

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Viva la crisa

Alle neuen Ideen werden zunächst bekämpft. Als die RhB erfunden wurde, fanden die Leute das auch noch nicht so gut. Dann kam das Frauenstimmrecht, dann die Südostschweiz mit dem neuen Layout dann der Kreisel Chur-Süd. Das ist immer so in Graubünden: die Leute wissen zuerst nicht, was sie wollen, dann sagen wirs ihnen, und sie merken, dass sie es gewollt haben. Dann denken sie endlich, was sie denken sollen.

Und da alles bald digital wird, müssen die Gäste auch nicht mehr nach Graubünden kommen. Analog kann man bestenfalls noch Calanda trinken vor dem Bildschirm.

Darum kann man heut’ pathetisch in den Grossen Rat rufen: „Viva la crisa“. Da sie eh meist nicht hinhören, verstehen sie wahrscheinlich: „viva la grischa“. Das ist nicht zuletzt der Schlüssel um die Hirnis im Grossen Rat zu bewegen. Begrenzte Güter wie Hirn oder Subventionen müssen eben optimal eingeteilt werden, weiss die Oekonomie, die Wissenschaft von der Allokation knapper Ressourcen. – Zugegeben, Kolumnisten minderer Güte würden sich jetzt über eine gewisse Hirntaubheit des Parlamentes punkto Wirtschaftsfragen genüsslich auslassen. Oder Händeringen über „einfache“ olympische Spiele und das sich dem korrupten Olympischen Komitee ausliefern, und Weiternölen über die Tatsache, dass sich olympische Investitionen noch nie auf der Welt ausbezahlt haben… – Aber Kolumnisten minderer Güte gibts nicht in dieser Zeitung.

Zugegeben, meine meisten wirtschaftlichen Auf- und Anregungen waren für nix. Das ändert nun, Olympia mit „Zürich 2026“wird grosses Kino. Jetzt wo die Zürcher noch fast ungefragt gerne alles mitmachen. Also in 10 Jahren, wenn wir uns gerade überlegen werden, ob wir unsere Enkel von einem digitalselbstfahrenden Auto überfahren lassen sollen, ist’s soweit. Und dank dem Grossen Rat wird Wandern bis dann auch noch zur Bündner Parade-Disziplin. Mit den Zürchern wandern unsere Grossräte bestimmt einem tollen Sonnenaufgang entgegen…

Und da alles bald digital wird, müssen die Gäste auch nicht mehr nach Graubünden kommen. Analog kann man bestenfalls noch Calanda trinken vor dem Bildschirm. Das ist wie mit den Chinesen, Russen und Amerikanern, die können auch zu Hause bleiben: ist ja schon lange unsere Tourismus-Strategie. Fast wie bei Zeitungen, die auch bald keine Texte mehr brauchen, nur noch Bilder. Hat eben alles zwei Seiten, wie das Gesäss. Da muss man halt ab und zu eine Backe hinhalten. Darum ist das die letzte Bündner-Kolumne in der „Schweiz am Sonntag“ — die aber voller Vorfreude auf die Zukunft. – Tangga, es hat Spass gemacht.

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Die anderen 52 Prozent

Jetzt haben sie wieder 1000 Leute befragt und dann so aufschlussreiche Umfrage-Ergebnisse publiziert. Wer Blocher wählt, ist gewissenhaft (daran hätte ich jetzt zuletzt gedacht). Wer Jon Pult wählt ist ängstlich (naja, punkto was?). Wer FDP wählt, ist kompetitiv (das ist doch hoffentlich jeder Gemüsehändler). Wer neugierig ist, wählt Grüne (deshalb haben wir wohl fast keine in Graubünden).– Schwer diese Media-Vereinfachungen zu begreifen. Gut, man erfährt dann noch die eigene Persönlichkeit sei genauso entscheidend für die Wähler-Neigung. Das denken wohl auch die über 50 Prozent, die nicht wählen.

Ich hab’ da auch so eine (sau-)komische Typologie: Grundsätzlich haben wir bei den Politikern nur die zwei Sorten: die klassischen Alpschweine, also die vom Land, und den Rest, die Rennpferde, also die urbanen Anwälte oder Oekonomen. Die haben dann wie der US-Präsident in „House of Cards“ eine Rudermaschine im Keller. Und ja, wie Kevin Spacey eine starke Frau und dazu noch einige Leichen im Keller. Die Frau ist meist nicht auf der Nationalratsliste und die Leichen wählt man ja nicht mit.

Die Bauern sind etwas übervertreten in Bern (wissen aber, wo man den Most holt). Auch erklärbar: das klassisch langweilige Alpschwein hat immer gut geschmeckt, Geschmacksexplosionen gibt’s selten. Hat man dies mal erkannt, kommt man zum genialen Alpschwein-Rennpferd-Rollenmuster der SVP Schweiz: Das speckig Lachende und bauernschlau Schnaubende des ländlichen Herrn Brunner gekoppelt mit dem verdreht intellektuellen Gelüge des urban-asketischen Herrn Köppel – macht zusammen eine faustische Erfolgsmischung. Die Drehbuchschreiber von  „House of Cards“ hätten es nicht besser hinbekommen. Da verschlägts einem die Sprache, als würde man Frau Martullo küssen müssen…

Bleibt aber immer Geschmackssache wie bei den TV-Serien. Man kann auch den „Bestatter“ mögen, der würde dann eher zur fröhlichen Auswegslosigkeit Graubündens passen. – Eines ist klar: in unseren Gefilden wünscht man sich ja immer die gleiche, langweilige Inszenierung. Cleverle bekommen meist nur Nebenrollen, wir Wähler ja auch. Aber das passt uns irgendwie. Bis zu den Nationalratswahlen im Herbst können wir uns dann wie Patienten im Kantonsspital fühlen und uns danach sehnen, dass die freundlichen Besucher endlich gehen, damit man wieder in Ruhe krank sein kann – bis zur nächsten Umfrage.

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Kunstplatti-tüden

Das Lebenswerk des Engadiners Jacques Guidon ist beachtens- und bewundernswert. Dem Allround-Künstler ist vieles gelungen, von seinen bekannten abstrakten Farbbild-Orgien bis zum Aphorismen-Buch, von Karrikaturen bis Kurzgeschichten. Diesen Sommer war sein 85. Geburtstag, und man staunte, was seine launigen Laudatoren alles ausgruben. So schrieb er schon vor Jahren über die „Eventitis“– eine neue Kunstform, die einem heute beschäftigen muss.

Das tolle an der „Eventitis“ ist : Die Demokratisierung der Kunst macht erfreuliche Fortschritte, die Kunstfrömmigkeit lässt etwas nach. Gut, ob etwas als Kunst wahrgenommen wird, hängt von der Setzung institutioneller, sozialer und kommunikativer Rahmen ab, hab ich mal gelernt….oder vielleicht ist’s einfach das Marketing. Trotzdem staunt man manchmal über die Kunstreflexe mancher Leute. Und allerhand Nachahmungs-Existenzen finden sich auch in unseren Gefilden.

Kunst ist auch Brot (und für viele hartes), für wenige auch Entrecôte.

Vernissagen an allen Orten. Das ist dann so, wie wenn man im Grümpelturnier auch tut wie Ronaldo. Ein Teil merkt das nicht, und oft merk’ ich, dass die virtuosen Kunst-Muezzins unserer regionalen Medien aus Pietätsgründen das auch gekonnt zu verschleiern wissen. Weil viele Betrachter ja eh nicht merken, dass sie das Arschgeweih sind unter den Kunst-Wichtigtuern.

Das stehen sie dann da, diese Art-Prolls mit ihrer dämlichen Begründungsprosa. Sie haben den neueren Kunstsprech-Ansatz auswendig gelernt, und reden dann an einer Kunst-Vernissage. – So erlebte ich kürzlich eine würdevolle Dame wie sie eine Version ihrer Selbstdarstellung „Tiefsinn-ist-eine-hohe Kunst“ – für uns comedyreif – zelebrierte. Ja, die Welt ist doch ein schöner Zusammenhang, gäll. Mehr neuer Inhalt, weniger Kunst, möchte ich da kunstvoll ausrufen, aber das hat auch schon Shakespeare vor mir gesagt…

Neuerdings gibt’s die auch in der Executive-Version. Die haben dann eine Kunstmanager-Schnellbleiche hinter sich und kennen auch die Standartsätze der Kunstschulen…so immerpassende Sätzli wie „Das Bild ist die Mutter des Wortes“. Ja und Marketing ist der Vater der Kunst-Tastemakers, sage ich da nur noch. Kunst ist auch Brot (und für viele hartes), für wenige auch Entrecôte. Oft ist sie ernährungstechnisch meist nur ein neuer Beitrag zur Wissensbulimie für Bildungsfresser. Karl Kraus hätte für einige Vernissagen-Redner diesmal das passende Sätzli: „Man darf nicht nur keine Gedanken haben, man muss auch unfähig sein sie auszudrücken“. –

So, Szenenwechsel: Regierungskunst, sagt man, ist die Kunst des Auswählens, und da haben wir (nebst dem Bündner Kunstmuseum und Luciano Fasciati) auch noch Lobenswertes. Regierungsrat Martin Jäger stand im Frühsommer dieses Jahres an einer Vernissage, wartend bis er auch dran kam am „Kunst-ist-was-du-nicht unbedingt-verstehen-musst“-Reigen und verkündete dann, dass er zwar eine Rede hätte, die er aber jetzt nicht mehr auf uns loslasse. Unschlagbar: Ein Regierungsrat als perfekter Minimal-Art-Künstler. Da war ich dann nur noch kunstplatt wie der Churer Theaterplatz.

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„Wir haben wenigstens keine Lügenpresse“

So sollte das neue Drama heissen, das ich so gerne schreiben würde. Die Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist wie immer weit hergeholt. Das Stück „König Ubu“ von Jarry gibt’s zwar schon….ein Despot, der Krieg führt, weil er nie genug von Blutwürsten bekommen kann. Den könnte man noch übertrumpfen mit einer Bündner-Soap. Ueber einen, der den Jackpot trumpesk geknackt, das grosse Los gestohlen hat. – Nicht mal so schwierig, der Stoff aus dem die Schäume sind, umgibt uns ja.

Ein sogenanntes Gierspiel: der Hauptakteur und sein Umfeld, die polit-managende Ratlosigkeit vereint mit Bündner Politikern als seine Tanztruppe. Eulenspiegelnd hält er Grauenbünden im Zaum. Beiseiteschauer und Sichtaubsteller, sowie getürkte Erfolge sind in den Nebenrollen. Ein ständig wachsendes Heer von Anwälten, Imagekorrekteuren und herumstoffelnden Zukunfts-Darstellern arbeitet daran die Vorteile des Herrn uns immer und immer wieder vor Augen zu führen…

Die Hauptperson irrlichtert mit seinem Gefolge durch die Immobilien-Landschaft. Er sieht zwar aus wie ein von seiner Ehefrau nur mangelhaft aufgelockerter Buchhalter, aber oha, das erhöht die Dramatik. Mediencracks warnen, er lasse mindestens zehn seiner humorbefreiten Churer Anwälte von der Kette, sollte das Stück nicht aussehen wie er sein möchte. Ein Dorf spielt auch mit, zweigeteilt. Die einen lesen dort aus Glückskeksen, die anderen in Regionalzeitungen; in beiden steht nichts tiefgreifendes, selten unvorteilhaftes.

Es ist eine richtige antike Komödie beginnend auf Schulbänken, fortgesetzt mit Liebesgrüssen aus Moskau, etwas Armebuben-Romantik, dazu eine Kunstfälschungsgeschichte mit dem trumpierenden Ende eines Immoblien-Tycons. Dann würden wir mal so happyendtauglich schleichend dies einfliessen lassen:„Jööh“, er sei finalmente der Einzige seiner ehemaligen Schulklasse, der jetzt neidübersteigendes Taschengeld hat.– Eine erzählerisch interessante Gestaltungslinie werden die Bühnenkritiker finden: könne zwar nicht ganz wahr sein, wahrscheinlich „wegen der Tragik seiner Komik“. Die Figur hat sich den artgerechten Erhalt von obskuren Spielarten des Provinzmanagements gesichert, mit gerichtstauglichen Intermezzis ein Imperium zusammengeschraubt und den Rest zusammengestaucht. In den Scriptdialogen wird’s nicht reichen, wenn Nebenrollen einfach „Korruptnik“ zischen, obwohl etwas Dostojewski mitfliesst. Es wird wie immer noch besser enden. Wie in allen guten TV-Serien werden sich die Charaktere verändern – auch das ist hier zu hoffen.

Ein anderer Walser, der Robert, in seinem Wahn-Roman „Der Räuber“, würde da sagen: „Gott, wie sich diese Figürchen da mit Ermunterung ihres Autors wichtig nahmen.“…Was man nicht alles aus der Literatur lernen kann: positiv würde das Stück dann mit den erwarteten, sich selbst erfüllenden Prophezeiungen der nicht profitierenden Bündner enden, also mit gelebter Schadenfreude…und dabei haben wir noch gar nicht über den Anteil der Hauptfigur an der neuen Bündner-Architektur sprechen können.

 

Und dazu noch die Nachbemerkung zu den Nachbemerkungen: Rund die Hälfte der Bündner hat nicht bemerkt, dass es sich um ein realen Bündner Menschen handelt. Sein Nachname kommt als Adjektiv vor…

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