wortendgeil

Ich war kaum Dreissig. Hab’ mich zuerst kaum getraut, was zu fragen. Hab’ mal ein Bier getrunken mit ihm und sass neben ihm im Falken in Chur. Nach einer Lesung in der Kliibühni. Er war so ein Einfühlerich – munterte mich auf. Kurt Marti. Eben Pfarrer, aber einer der guten Sorte.

Für mich. Dichter, politisch engagierter Mensch…eine Schatzkiste von Wörtern, die einen zum Lachen und Denken bringen. Wörtersammler nennen sie ihn. Er hat unter vielen auch das Buch „Wortwarenladen“ geschrieben. Er hat u.a. auch mich noch mehr zum Lesen verführt. Zum Wörtersammler gemacht.

Ich lese viel. Auch Schrott.

Manchmal versteh’ ich nicht mehr, was da jetzt an diesen Büchern gut sein soll.

Was hab’ ich denn so im letzten Monat gelesen?„…wenn sie beide ausgestiegen sind, könnte ich glaube ich ein Buch darüber schreiben“, sagt der Taxifahrer in Christian Krachts neuem Buch „Eurotrash“– Könnte ich auch.

Über all die Bücher, die ich in den letzten fünf Jahren gelesen. Ich lese so meine drei bis vier Bücher pro Woche, habe seit 10 Jahren ein jährliches BOB – mein Buch der Bücher. Da sind meine Notizen, Wertungen, besondere Formulierungen herausgestrichen. Das sind so meist so 140’000 Zeichen pro Jahr.

Ich hab’ den hochgejubelten „Eurotrash“ parallel zu anderen hochgejubelten Büchern auch gelesen. Naja, mehr dazu unten. Interessiert? Zur Zeit lese ich „Dunkelblum“ von Eva Menasse, „Every“ von Dave Eggers, und „Crossroads“ von Jonathan Franzen.

Ich versuche meine eigenen DNA nicht nur zu lesen auch schreiben zu können. Die ist vielleicht beschwert von Büchern, aber das kann ja nicht schaden. Die intellektuellen Wörter schmecken mir auf der Zunge. So als Wort-Facharbeiter hat man halt auch seine Feinschmecker-Assets. Ausser wenn’s zum Generationen-Problem wird: dann wird immer klar, wir Alten wollen euch doch nur die Meinung geigen.

Auch in der Literatur ist es so wie in der Kultur: man muss nicht die Tutanchamun Ausstellung in der Maag Halle gesehen haben… meint,

Du musst nicht die Frauenkränzli-Bestseller-Liste-Anmutung begriffen haben, um weiterhin vom Lesen ergriffen zu sein.

Bei Männern meiner Payroll und Alterszugehörigkeit heisst’s auch oft: „ja ich lese viel. Am liebsten so Biografien. Hast du Bismarck, oder sogar Harari gelesen? OUNAI..bald lest ihr auch noch Laschet oder Schröder.

Ich gebe gerne zu, dass kein Tag vergeht ohne schreiben. Womöglich machen wir unsere Welt ja durch die Sprache, die wir haben um sie zu schreiben. Ich sowieso, schreib fast jeden Tag.

Ich bin so ein Schreibgebäugter.

Stimmt so nicht. (Ich lieg’ ja schon fast vor den Tasten, wenn ich mich nachhintengebäugt bequem ins Schreibland versetzte…hab’s dann aber schon blendend easi.)

Das Wenige wollen, das wenige wollen.

«Mega“ „Absolut Wau“ „einzigartig» „ein pageturner“ «Ein Meisterwerk.» «Das kühnste Debüt des Jahres.» so tönts in letzter Zeit immer mehr. „Hudler des Lobs“ nannte Kurt Tucholsky solches in grauen Vorzeiten. Ein unheilvoller Marketing-Sog waltet da. So James-Bond-Like.

Dass Romane, besonders aus dem anglofonen Raum, gerne mit Presse­schnipseln im Superlativ beworben werden, ist an sich nichts Neues. Ebenso wenig, wie austauschbar die Formeln dabei sind.
Die Welle der Begeisterung, mit der gerade mehrere internationale Roman­debüts auf den deutsch­sprachigen Buch­markt kommen, ist allerdings auch für Literatur­betriebs­verhältnisse bemerkens­wert. Auch die Themen und Figuren­konstellationen dieser Bücher. Aber selbst diese überschwänglichen Rezensionen, dieser Marketing-Hype treiben die Verkaufszahlen nur noch selten in die Höhe.

Naja, komme mir so vor wie in diesen abgelutschten Vernissagen. Mit diesen so schönen Seelen, wie sie oft auftauchen, wenn sie ihr sinnloses Abtrampeln von lokalen Audabei-Künstlern zelebrieren. Da gibt dann mein Betriebssystem den Geist auf…die Generalkunstanbrennung mit Verklärungsschimmer wie sie Theodor Fontane wahrscheinlich genannt hätte, beglückt mich nicht unbedingt mehr.

Irgendwann hat man’s gesehen oder gehört, oder eben gelesen. Die Harmlosigkeits-Allüren führen dann zu Riesenzerknirschungen, wie eben der Theodor Fontane wohl subtil mitfühlen würde.

Rumpelt da mein Neidappeal mit? Kürzlich waren wir eingeladen. Bei einem Herrn, der antiquarisch Bücher sammelt – auf olympischem Niveau. Also mal ein Büchersammler statt ein Wörtersammler. Auch faszinierend.

Ja, ich weiss, Literatur ist, wenn man trotzdem schreibt..

Keine schönen Deckel und Drucke wie der, hab’ ich nicht. Dermassen viel Bildungsbürger-Show braucht man in unseren Zeiten nicht mehr. Also: ich hab gar keine schönen Bücher zu Hause. Alle verschenkt. Ich habe Bibliotheken nie gemocht, die Bücher schon… Fazit: wer alte Bücher sammelt, sammelt alte Haltungen. (Kann ja auch OK sein.)

Wenn du dich zum Beispiel in der deutschen Bundestagswahl (ist bei uns auch nicht besser, höchstens härziger) bei Politikerreden durch die Zwiebelschichten beissender Verlogenheit, falscher Narrative und Schein-Positionierungen durchgehört hast, bist du gleich weit.

Kann man auch Pathopornografie nennen. Wenn in diesen PR-Geilomaten alles zu einer guten Geschichte gewringt werden muss…

Unsere publicitygeile Gesellschaft, die sieben Tage in der Woche rund um die Uhr in einer Echtzeitsosse elektronischer Information mariniert wird, braucht das vielleicht.

„Reverse snobbery“ nennt man das – anstatt wie der Pöbel sich durch die Spiegel-Bestseller-Liste Distinktion zu erkaufen…kann man auch einfach lesen, was so kommt, kreuz und quer lesen…triviales bis erhabenes…“stöbern“, nannte das unser antiquarisch sortierte Schöngeist, der die Welt nur vor 1950 kennt.

Und: „In der Schule nicht beliebt gewesen zu sein oder Verdingkind gewesen zu sein berechtigt nicht die Veröffentlichung eines Romans.“ ist von Lebowitz. Könnte aber auch auf viele unserer neusten lokalen Bestseller Schriftsteller zutreffen..;-)

 

So was lernt man nur, wenn man allen Sprachmüll sortiert. oder wie Manfred Papst daraus Neues schafft: „…eben noch waren wir spatzenjung und gliederherrlich, jetzt sind wir höchstens noch altspitz und wackelsteif, zeitverbeult oder faltenäugig.“ Auch ein Wörtersammler.

Oder was hat Proust…gesagt?

„In Wirklichkeit ist jeder Leser, wenn er liest, ein Leser nur seiner selbst.“ Finde ich wortendgeil.

(In Wirklichkeit bin ich auch nicht so verkopft wie dieser Blog hier…)

 

 

 

 

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Städter und Ländler

„Ich verabscheue Leute, die Hunde halten. Das sind Feiglinge, die nicht genug Schneid haben, selbst zu beissen,“ meinte schon Strindberg.

Guat, ich sehe das anders. Ich umgehe Leute, die Katzen halten. Die können ja immer unbehelligt und unbeaufsichtigt in der Gegend rumscheissen, sich verstecken, müssen nie an die Leine gelegt werden, und werden sich immer hinter dem Image verstecken, dass Katzen so freiheitlich, eigenverantwortlich, unzähmbar, wild und undressiert sind, wie die FDP sein möchte…

Es gibt aber sicher genausoviele bezaubernd kultivierte Menschen mit Hunden. Jetzt können Sie mir so einen Ist-eh-nicht-so-Blick auf dem screen zuwerfen und denken: Der hat wieder so einen Wahnsinns-Schwenk im Hirni. Vielleicht weil ich als Metzger-Ausläufer-Bub auch von einem Hund gebissen wurde. (Der hatte zwar nicht die Tollwut, ich musste nur genäht werden). Aber wir waren später (mit unserer Tochter) stolze Hunde-Eltern eines Boarder-Collies. Dreizehneinhalb Jahre lang.

Absatz. Trommelwirbel.

Aber eigentlich wissen wir seit Biller, dass die Bösen nicht rundherum schlecht sind, dafür sind die Guten auch nicht besser.

Aber sagen Sie das mal diesen tonnenschweren Satz einem Parteigänger mit Martullo-Gesicht. Kaum auszuhalten. Die stellen keine Fragen mehr, die brauchen keine Antworten mehr mit diesem abgenzend-enthemmten Gemeinsinn, den sie  rauszubellen pflegen.

Auch jeder Nazi hätte doch gesagt, er kenne einen guten Juden. Auch jeder Hundehater kennt doch einen guten Katzendisser. Diese schmutzabweisenden Antworten sind heute gefragt bei Talkshows, wo wieder viele Aushilfsnazis zum Quotenausgleich mittun dürfen.

Jetzt können Sie natürlich die Finger auf- und zuklappen, so als Geste für jedes Alltagsblabla…Echt jetzt? Hundegeschichten sind eh für die Katze. Oder für die innere Ruhe. Sie können mir auch so Seelensmarties aus Dr. Feelgoods Medizinschrank einkippen. Meine Parole: Tendenzfrieden unter Tierfreunden. Resultatorientiertes Stillhalten wie in der Schweizer Politik. Katzen und Hunde sind wie Städter und Ländler. Meine Befähigung zum Hörverstehen könnte da was nützen; Miauen und Bellen simultan erfassen, ein synästhetisches Von-den-Tieren-gelerntes-Sichverstehen.

Für geordnete Einfamilienhaus-Siedlungen sicher ein Verkaufsargument. Schliesslich sind die Geruchspartikel beider dieser Tier-Gattungen gleich störend wie Diesel- und SUV-Abgase. Und jede Verunrassung ist in diesen Zeiten eine zuviel. Im Sinne unserer monotheistischen Dominanzreligion, die auch immer mehr Dominanz verliert, plädiere ich für eine Hund-Katz-Ökumene.

Der Ausweg aus meiner Katz-Hund-Sackgasse ist wohl naheliegend. Reinrassige Inzuchtexemplare, die schon von der Muothataler-und-Börsen-Treichler-Fraktion gewünscht wären, könnten ja auch bei Hund und Katz auftreten. Einfach nur nicht mit pastunischen Berzgziegen kreuzen oder mixen.

Jeder humanoide Parteigänger müsste entweder hundmanoid oder katzoid sein. Also mindestens ein Tierliebhaber. Um einer frappanten Verletzung der Dummheits-Gleichstellungsverordnung
der Tiergegner zu entgehen. Das wär’s: Die attraktive, sinnliche Katzenhaftigkeit auf das Entzückendste mit den Insignien der stattlichen Hunde-Dünkels korrespondierend zu kreuzen.

Wuff-Miau. Das Leben ist eben Korrelation.

Meine ausgiebigen Kenntnisse der Manipulations- sowie der Kopulationstechniken können hier endlich mal zum Tragen kommen.
Also: Die Rüden wollen ja immer balgen, erst um die Coco und dann mit ihr…und das muss ich als Hündeler sagen: der noch so verkackteste Doggybag-Auswurf stinkt in etwa gleich wie ein katzenbebrunzter Spazierweg. Und wenn ich die modernen Damen-Hundesorten so anschaue, denke ich oft: Das ist doch kein Hündchen, das ist doch eine Feldmaus, die sich für einen Hund hält.

Ist auch bei der SVP so, das sind meist als Landlust getarnte Grossstädter. Die Grössenproportionen bei den Katzen sind wenigstens etwas weniger exzentrisch. Das ist dann wiederum wie bei den Politikern; unsere Bergspatzen halten sich ja oft auch für Adler.

Guat, wenn die dann alle mal austherapiert sind, können sie ja wie im Hinduismus von Wiedergeburt zu Wiedergeburt, mal Hund mal Katze, mal SVP mal SP werden, zwischen verschiedenen Lebensformen und Kasten auf- und absteigen. Also mal Velofahren, mal John Deere fahren oder zur Abwechslung im ÖV steckenbleiben.

Wenn die Theorie also stimmt, dass Wehmut als politisch links, und Nostalgie als politisch rechts einzustufen ist, so können die sich alternativ als verschmuste trotzkige Wehmutskatze oder als Mein-Kampf-Sau-Hund durchs Leben bewegen…und ohne narzistische Kränkung überleben. Und wenn sich dann der Schäferhund mit seinem berühmten angespannten Adlerhorst-Blick des Führers zu einer schnurrenden …..Salonkatze morpht, ist das auch nicht weiter schlimm.

Als Metzgerssohn hab’ ich gelernt was abgeht, bis das Bolzenschussgerät kommt…da kommt meist nichts mehr.

So wär’ das lebensberatungmässig doch tauglich. Nicht nur normale Quartierbewohner, auch Politstrategen könnten mal diese Hundkatze-Positionierung hinterfragen.
Um mit Nazisprech zu bluffen: Werke von bleibendem Ewigkeitswert könnten so geschaffen werden, wenn sich Hund und Katze dann liebevoll küssend „Gute Nacht“ sagen…

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Otto – der Wohlstandsverwahrloste

Ich hab’ ihn im Rückspiegel kurz entdeckt. Er ist ausgestiegen aus seinem gutgefederten SUV. Im Parkhaus Mythenzentrum mitten in Schwyz an einem Sonntag. Mit einer Freiheitstrychler-Kutte. Genauso wie ich mir das vorgestellt habe. (die Begegnung  ist aber das einzig Wahre an dieser Geschichte…)

Ich öffne die Autotüre und rufe: „ Wuah, das Original…“ Das muss ich mir ansehen. Da kommt er schon sichtlich erfreut auf mich zu, da muss ich meine Anti-Schwyzer-Impfgegner-Haltung wegignorieren.

Nennen wir ihn Otto (er hat ja auf beiden Seiten etwas rundes, breites , gemütliches, anagrammhaftes.) Seine Innerschwyzer-Kleinbürgerlichkeit ist auf jeden Fall nicht gefakt. „Schön…“ sag ich, gemütlich lächelnd, weiss dann aber nicht mehr weiter. Jetzt hat ers wahrscheinlich gecheckt. „ Bist du geimpft?“, fragt er. Ich nicke, er ist sichtlich etwas irritiert, lässt den Laden runter, möchte aber doch noch etwas plaudern, begrüsst meine Frau freundlich, aber die kann normalerweise nichts mit solchem Talk-Aufstrich anfangen.

„ Jo, I bi jo xund.“, meint er, sich schon vorsichtig abwendend. Der Satzbrocken wurde zum Ritual nach Corona – auch für Leute wie ihn, die ja gar nicht impfen wollen. Weil er ja sonst nicht mehr viel zu sagen hat. Kann ja nur noch Schellen schwingen.

Also zum Bye-Bye mache ich ein „jo, halt nüt z’macha, bliib xund…“ Richtung Aargau wie die Autonummer zeigt. Und da stell’ ich mir vor, hoffe ich für ihn, dass er xund ankommt.

Wohlig schlummern die Kois im Bioteich vor seinem Hüsli.

Und nicht zum ersten Mal kam ihm, Otto der Gedanke, dass Gott die Erde ja vielleicht nicht für alle geschaffen hat.

Für ihn vielleicht schon eher. Der Rest der Welt ist doch schon eine ferne Favela, der es an Geld mangelt. Und was solls: Afghanistan ist ja weit weg und von Afghaninnen hält er eh nicht viel.

 

Er leidet auch nicht unter so einer Art akademischer Voreingenommenheit wie diese Zeitungs-Besserwisser. Seine blutwurstgeröteten Schwingergnick-Kollegen von seiner Partei bestätigten ihm das immer wieder.

Sie nehmen mit der Weltwoche an, dass sich Lügen (wie auch Anti-Impf-Argumente) unbeschwert vermehren lassen wie Fliegen um den Miststock – auch wenn sie von russischen Trolls kommen.

Diese Wissenschafts-Eminenzen, diese verluderte Politikermeute und diese Impf-Fans müssen doch mal etwas in die Schollentiefe versenkt werden.

Er geht sicher nie ins Theater. Politik ist doch so etwa wie Theaterstücke, in dem grell geschminkte Darsteller unter idiotischen Verrenkungen ihm etwas vorspielen, das er gar nicht sehen will. Margrith, seine Gattin, sieht das anders; sie will ja ihren Schmuck ab und zu vorführen und versteht, dass man halt im Theater beim ersten Mal nichts versteht, nicht aber, dass Otto kein zweites Mal will.

 

Während man glaubte, alles sei noch in Ordnung, rätselte man schon im Innern, die Lähmung kam nun auch in äusseren Worten –welthinterfragend. „Gell, schu no…schräg?“ Man weiss, dass man einmal wusste wie es ging, doch jetzt, trotz angestrengten, krampfhaften Versuchens will es nicht mehr gelingen.

„Mach etwas, egal was…“ sagt seine innere Stimme. Obwohl er nie Beckett gelesen. Seine Bauchstimme kommt ganz bestimmt nicht von einem absurden Theatermacher. Absurd kam ihm höchstens mal der Stau am Walensee oder Gubrist vor. Und ja, zugegeben, für die Impfgegner-Demo war er eigentlich zu faul, aber seine Kollegen zu treffen war dann doch wieder belebend.

Die Rede über die Traumatisierung des Volkes während des Lockdown hat ja was. Irgendwas stimmt ja schon nicht. Auf Facebook häuften sich die Posts seiner „Freunde“ (waren ja keine, haha), die sich über die traumatische Leere ohne Fussball, Bier, Marco Rima und Thiel beklagten.

Er war ja in einem Haushalt aufgewachsen, der in vielem so beschaffen war, dass sich dort das Bürgertum in aller Breite und Zufriedenheit niederlassen konnte.

(Er konnte ohne Wimperzucken den Paola-Felix-Geburtstag auf dem linken SF 1 geniessen)

Gut, die Eigenverantwortungs-Trommler sind sein Ding. Obwohl, in letzter Zeit, sind plötzlich ganz andere Leute auch gegen das Impfen: da kommt er nicht mehr mit; so Körnli-Yoga-Tanten, und diese Globuli-Spreader. Sind das Perspektivendifferenzierungen ?(kannte er das Wort überhaupt?) SSS….sicher nicht. Er kann denken, findet es aber einfacher ab und zu einfach nicht zu denken.

Er hat ja noch glücklich drei Nerven zusammengescharrt, die ihm die Ausübung einer bescheidenen Sensitivität erlauben. Er glaubt nicht mehr alles, was ihm vorgekäut wurde. Vor allem im Bezug aufs Ausland. An diese QAnon-Ideen mindestens im Kern etwas zu glauben, war für ihn schon prickelnd. Diese furchterregende Lust am Unwirklichen.Und dieses etwas Ersatzreligiöse findet er absolut geil.

So wie er die Texaner, die Harley-Fahrer wie in Florida, die Bewohner des Enddarms des amerikanischen Ex-Präsidenten liebte. Einen (nur vermeintlich so belämmerten) Präsidenten-Säuglingen in Erwachsenengestalt zu erleben, war doch bestes Entertainment. Er schäckerte fast mit dieser Sehnsucht nach einem Trump-Leben in jener kitschigen Flitter-Marmor-und Seide-Schumrigkeit, die er sich so gerne in seine Oftringer Wohnung wünschte. (Was er aber dann nicht so sagt.)

 

Ja, und überhaupt, sein Stammtisch-Kollege, Anwalt, belehrt ihn, dass er seiner Margrith nur beibringen müsse, dass sich Erotik nur als als „zustimmende Überlassung der Sexualorgane zu wechselseitigem Gebrauch“ definieren lasse. Ein Seitensprung sei also bestenfalls so wie ein Kopfsprung im Freibad Möriken. Und die eingeklemmten Affekte sowieso spiessig.

Verklemmt wie ein Reisverschluss waren bestenfalls diese Linksintellektuellen, die zwar in den 70ern die freie Liebe propagierten, aber handkehrum jetzt alles regulieren wollen täten – vom Parkplatz bis zum Veloweg.

Otto hatte damals noch mit dem Töff Abziehbilder vom Grimsel, Furka und Susten gesammelt. Born to be wild auf wild (Hirschpfeffer liebte er auf jeden Fall.)

Heute sieht er sich als MeToo-Gegner. „Anbaggern wird man wohl noch dürfen: sehen ja nicht alle Frauen aus wie Martullo.“ Und ja, man muss ja nicht dauern seelisch unterkühlt die BAG-Media-News verfolgen.

Und diese pasteurisierte Wort-Verrenkungs-Gender-Neusprache: „Mitarbeitende, Verkaufende…“ hat ja sowas klemmendes. „Die lächerliche Flucht in den Partizipativ“ wie sein alter Deutschlehrer-Kollege aus der Männerriege meinte, sei ja auch nicht so erbauend. Wer gendert sei nett und links, wer es nicht tut, bös und rechts.

 

Kräftige Fallwinde unter dem Mythen gab’s schon immer. Vor allem abends wenn der Hormonspiegel steigt. Unter diesem Zacken beisst man sich halt ab und zu die Zähne aus.

So ists manchmal auch bei Margrith. Wenn dann auf der anderen Seite das Wolkengebirge gegen das Gebirge aufläuft, krachts, blitzts halt. Und wenn Margrit täubalet, nennt er sie Männin, vom Manne ist sie ja genommen, hat er als Messdiener gelernt.

 

Die Leute fluchen auch über die Tabakkonzerne während sie rauchen. Und ja, das Suchtpotenzial in Untertaillen-Hinsicht, nimmt ja eh ab mit dem Alter. Man passt sich unmerklich und merklich einander an. Wie die Taillenweite. Und von dem gutgelagerten Speck, über den man sich erhaben fühlen dürfe, könne man auch in so Corona-Lockdown-Zeiten noch was zehren. Falls die fünfte Welle wieder verhindert, dass die Alten in die Migros dürfen.

 

Otto ist ein Parvenue der Nachahmung. Er hat schon früh die Gesten, Worte, Autos, Essgewohnheiten der Macher kopiert. Vieles auch durchschaut. Auf seine Weise. So konnte er auch bei der SVP Delegiertenversammlung zu den höchsten Vorbildern schweizerischen Misstrauens vordringen: die Imarks, Glarners und Chiesas…Diese Grummelprediger sind ja auch unterhaltend. Zwar unnütz wie der Blinddarm und immer auf der Suche nach was, worüber sie pikiert sein könnten. Aber immerhin etwas gegen die akute Virus-Langeweile. So muss er sich auch nicht auf dem Rudergerät dem Herzinfarkt entgegenfoltern. Oder schwungvoll aus der Haut fahren. I bi jo xund.

Der Herr Blocher und die angestrengte Anti-Diktatur-Demos haben ihm imponiert, die Motzerei gegen die Städter. Und anderes. All dies nahm er amüsiert und mit der interessierten Gelassenheit eines Völkerkundlers zur Kenntnis. Das war nötig, wie die Türe seines Kühlschranks, die man zuwerfen musste, damit sie ordentlich schliesst, aber erst nach dem Futtern.

 

Das tölpische Vorzeige-Gezänk zum Zwecke des Stimmenfangs fasziniert ihn immer wieder.

Zum Beispiel das Agrar-Stöhnen der Bauern, wahrscheinlich gelernt von ungemelkten Kühen. Das alles imponiert zwar auch nicht mehr wie früher – hat er auch selber erfahren müssen: sein Rentner-Hängebauch und sein Aperol-Hauch sind auch nicht mehr so in.

 

Im Kielwasser seiner Gefühle kam er dann rasch zur Erkenntnis, dass er doch nichts ändern müsse. Älterwerden ist ja eh ein Prozess – schliesslich hatte er von den Politikern gelernt: Nicht das Erreichte zählt, sondern das Erzählte reicht.

Die einen lieben Milch. Und die anderen die Tochter des Hafermilch-Produzenten. Ja, das ist so mit dem Meinungspluralismus. Otto ist ja nicht blöd, aber es ist ihm einfach zu blöd. Er ist doch zufrieden und mit sich im Reinen, dass er nichts zu überstürzen braucht…nochmals an eine Samstags-Demo in so einem Khaff ? Kaum.

 

Genauso hab ich mir vorgestellt, ist das mit Otto an diesem Sonntag. Sein Gesicht hab’ ich noch in Erinnerung. Aber Otto könnte natürlich ganz anders sein…

 

 

 

 

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