Aääh, das ist Äääh, sehr wichtig

Man hat eingeladen zu einer wichtigen Energie-Informationsveranstaltung. Eine seriöse Vereinigung. Organisation der Wirtschaft für Erneuerbare Energien und Energieeffizienz: aeesuisse graubünden. Schweizerisch verankert. Eine Dialog-und Netzwerk-Plattform seit 2014. – Hat bei mir hohe Affinität, hohe Akzeptanz wegen der Klimaschutzziele.

Der Präsident – ein langjähriger Freund – zappelt auf der Bühne herum. Ääahms alle 10 Sekunden. Rhytmisches Nicken, rudert sich schwingend mit den Armen in Fahrt so im Predigermodus. Die Körpersprache zeigt, dass etwas mit ihm…irgendwie slapstickig…hampelpolitisch…out of time…eher grotesk.

Ich habe am Morgen noch mit ihm telefoniert; eines unserer gemeinsamen Projekt läuft aus dem Ruder, weil sich zuviele Berater honorarsteigernd und portemonnaieorientiert verhalten. Jetzt hat er’s auch gemerkt. Sein Eigentrost: „ wir müssen das halt wieder positiv angehen…“ – Positiv thinking bis zum Klimatod nenn’ ich das.

Aääh, abschweifend noch und noch. äääh.

Für mich ist sein wirres Zappeln, Hin-und Her, chaotisches politisches Rumkurven – ein Sinnbild der schweizerischen Klimapolitik.

Bei ihm kann man kann das im Alter auch rheumatische Unbeweglichkeit nennen. ER war mal first mover, irgendwie bröckelts…jetzt nur noch in wirren Endlosschlaufen.

 

Er liest aus dem Tagi vor: die Oasen in Nordafrika, gell, „die Welt…dieser Ukraine-Weizen“, wir haben halt eine Herkulesaufgabe. Darum immer wieder dieses Wippen-Zuckeln, dieses bucklige Rumkurven auf der Bühne – meine (fiese) Frage:

Vielleicht hat das Grünsein auch ein Mindesthaltbarkeitsdatum?

 

Originalton. „Aääh, die Wirtschaft muss ÄHHH (diesmal flachatmender) eingebunden sein.“

Guat, „ äääh, es ist ja grundsätzlich gratis, aber ich denke ääh Fr. 10. könnte man schon spenden…“ Guat, ist ja für den Apéro Riche, der ist bestimmt teurer. Hat, da jemand etwas nicht begriffen? Vielleicht die Reihenfolge? Bei Fundraising-Kampagnen bekommt man meist ja etwas Motivierendes vorgesetzt, ist dann überzeugt, dass das auch fürs Gemeinwohl…und spendet dann.

Der Apéro stösst schon auf.

Ich bekomme Sodbrennen vor soviel Wirtschaften mit heller ökologischem Zukunft. Vor soviel ÄHHS und WENNS und ABERS.

 

Highlight: Ein Referent mit hoher Kompetenz im Fachbereich Energiewirtschaft erläutert die schweizerische Strompreisentwicklung. Nur wegen ihm hat sich das Zuhören gelohnt…gute Schlussfolgerungen, gute Mathematik, gute Darstellung, gute Charts.

 

Seine Erkenntnis: wenn ihr Schweizer die 15 % Importstrom, die ihr im Winter braucht, auch selber mit Erneuerbaren erarbeiten würdet, wärt ihr nicht vom europäischen Strompreis abhängig– der notabene bis 10 mal höher als die schweizerischen Stromerstellungskosten. Der Referent (wahrscheinlich Nichtschweizer – er heisst: Dr. Adhurim Haxhimusa) und kann somit nicht stantepede die SVP-Souveränen mit ihrer persönlichen Ölbereicherungsstrategie mit Ölimport-Lobby und Zuger-Rohstoffhändlern angreifen. (Die Nebenerkenntnis war augenfällig im Diagramm sichtbar: europäische Ölpreise bestimmten auch den letzten (höchsten) Strompreis im ganzen 2022.)

 

Am Schluss der Vortrag eines jungen Wirtschaftsanwaltes. Guter Typ, intelligent und ehrgeizig, ich kenne ihn seit Geburt, früher ein Nachbarskind.“ we energize your taxes“…heisst sein Slogan laut chart. Dass man vielleicht nach der angekündigten Apokalypse mit angedrohten Bergstürzen und Überschwenmungen auch noch Steuern optimieren kann; ein Benefit, auch wenn der Apéro jetzt halt doch kostet….

Gleichentags stellt die Südostschweiz ja auch einen alternden Glücksexperten vor, der meint, Glück könne man lernen. Oder vielleicht mit einem neuen Ökolabel kaufen…

 

„Jetzt höre ich auf zu reden“, meint unser alternde Klima-Betriebssamkeitsritter,

 

weil es für ihn nichts mehr zu sagen gibt, obwohl es eigentlich viel zu sagen gäbe über das Nichtmitmachen.

 

Eine breite Wirtschaftselite macht da einfach lauwarm mit, beim CO2-Gesetz, oder beim Abschaffen von Ölheizungen.

Vielleicht hört er besser auf mit zappeln. Wir zappeln bald mal an viel Grööööööööserem…

Als 1972-Veteran, Club of Rome-Überlebender, surviver von x-Energietagungen frage ich mich nun, ob es das sei? Guat, vielleicht hab’ ich jetzt nicht mehr die Geduld mich fertig zu wundern. Wer haut das nun mediagerecht raus, lauter als die lauteren Rassisten, haut die Klimadrechsler und Verharmloser der Schweizer-Klima-Politik in die Pfanne?

Das macht man nicht. Darum wird man dann so zappelig.

Die Tagung war ein Erfolg. Viel mehr Zuhörer als erwartet, keine klimarelevanten Aussagen drangen an die Öffentlichkeit, und der Apéro (wahrscheinlich) guat (ich war ja nicht mehr dabei).

Man sah auch keinerlei Berichterstattung in den lokalen Medien.

Wenn das Klima ein Film wäre, würde man vor dem Hintergrund des grünleeren Bildschirms,während der Abspann läuft, einen Schuss hören. – Also: morgen beziehe ich meinen Kofpwehtag.

 

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Schwamm drübr

Schön, dass wir in GR nicht allzuviele Verschwörungstheoretiker haben. Mindestens augenfällige. Verschwammungs-Tendenzen haben wir aber viele.

Schwamm-Graubünden ist überall.

Wenn Skandale unterschwellig drohen, wird meist schwammig reagiert. Der Bündner Justiz-Apparat lässt grüssen. Meint auch, das sei alles nur Sensationsmache.

Angewandtes Schweigen ist in, eine gewisse Verdruckstheit spürbar. Ein Bündner will ständig besänftigt werden. Das ist fast kanonisch festgelegt. Geht meist mit einem Verstummungsfestival aller Beteiligten einher.

Die meisten sind an einer breiten Diskussion gar nicht interessiert…schon gar nicht die Leadmedien der Südostschweiz. Und im Rahmen unserer Kontaktstörungen wird dann auf TV Südostschweiz eine Talk-Show ausgestrahlt, die den Level einer Kita-Ringelreihe mit Media-Praktikanten hat.

Wir sind so eine Insel der Gemeinsamkeit. Der Engadiner Grossrat, der auch Bauunternehmer war, bevor er der Kartellgesetzbrecher-Bauunternehmer wurde, giftet mich an am Stammtisch (auf il Fuorn), wenn ich kartelliges verbreite.  Guat, er ist entschuldigt, wissen wir von Herakles, jeder wichtige Held muss mal kurz in die Unterwelt.

Vom Schellenursli haben wir ja gelernt, je grösser der Narr desto grösser die Schelle.

Darum kennt man vor allem Bündner wie den Unternehmer Stoffel oder den Raiffeisen Dunkel-Manager im Unterland. Sie gehen eben gerne in d’Schwämm. Ist ertragreich.

 

Umgekehrt, wenn ich in der Sportgarderobe in Chur einen Whistleblower in Schutz nehme, meint der neurechte Baulöwen-Anwalt beim Unterhosen-Hochziehen, das sei halt schwammig und mein Urteil wiedermal ebenso.

Sie gehen auch gerne auf die Jagd. Ist harmloser. Da Sie den grössten Teil ihres Lebens mit Steinbock-Witzen verbringen, sie sind ja zufrieden und halten sich für so kultiviert, wie es ihnen bei dem Kulturangebot überhaupt möglich ist.

Die meisten Bündner haben mittelmässige Jobs, sind glücklich, dass sie das nicht merken, und freuen sich auf die Jagd oder die Skisaison, wo sie dann Leberli essen (also nicht beim skifahren).

Aber es ist nie nur ein Leberfleck, sagt mir der investigative Journalist,

der leider zur „Republik“ musste, da seine Reports in GR meist nur mit „Schwamm drüber“ kommentiert wurden.

Ein lauwarmer Konsensstrom durchströmt uns. Nicht erst beim Baukartell-Skandal. – Schliesslich wollte man ja nicht alte schlechte Systeme durch neue schlechte Systeme austauschen…

 

Wir haben auch einen Kulturminister, der die Kartell-Debatte eher als Unkultur auffasste. Und immer wieder gewählt wird. Schliesslich wird er nobilitiert durch Bildungsbürger-Förderungs-Kultur wie Origen. Hauptsache sind  dort Themen, die nichts mit uns zu tun haben sollten. Wie biblische Geschichten und der Tanz ums goldene Kalb.

Und sogar das WEF kalbert neuerdings etwas schwammiger…

Dort haben wir eigentlich nichts zu sagen, bezahlen aber die Sicherheit. Das gab uns bisher immer so einen internationalen Pelzmantel-Groove. Dieses Bodyguard-Fragrance-Lüftli…Hier ist St.Moritz zwar der Tenor (der Gemeindepräsident ist sogar einer), die Abkassier-Arien singen aber die Davoser.

 

So ist das bei uns. Diesem ebenerwähnten Regierungsrat Parolini für die Wiederwahl zu gratulieren ist kein Kompliment, sondern eine Zweitmeinung. Das meinen wir dann schwammig wie er, schwenken schnell in seinen Vallader-Kirchenlehrerton. Er meint’s ja nur gut, und das erst noch in romanisch. Ex Oriente lux, ex Occidente frux. Aus dem Osten das Licht, aus dem Westen die Frucht, heisst’s doch so schön. Auch etwas schwammig, meine Anspielungen. (Parolini kommt aus dem Osten GRs…und ist nicht unbedingt ein Licht.)

Schwamm-Dummheit geniesst leider den Vorteil immer in der Mehrheit zu sein. Angewandte Schwarm-Intelligenz sehen wir dann eher in Grossanlässen wie Hockey-Matchs. Wir besitzen eine gewaltige Ausdauer und seelische Stumpfheit uns über Monate und Tage an Olympia-Wünschen und Weltcup-Events zu vergnügen…feiern dann so einen Redlichkeitsfestival. Fairness. Gibt inneren Frieden.

Meist wird unterreagiert, selten überreagiert.

Guat, im Sport ist’s etwas anders. Kampfsportler haben wir mehr als Denksportler. Meist zählt dann am Schluss die Skiclub-Hockey-Club-Monarchie. Das kenn’ ich aus meiner Zeit im Oberengadin, die Arbeitgeber geben dir Arbeit, und sagen was politisch statthaft ist. (aktuell: Als SP-Lehrerin solltest du also nicht irgendwelche eigenen Gedanken und dann noch zu einem Flugplatz haben..)

Unsere selbst definierte Zugehörigkeit zu einer Sprach-Minderheit erlaubte es uns auch Förderungsgelder für alles zu verlangen –

 

…so nach dem vom WEF gelernten Prinzip: lächeln, lügen, lachsfressen. (aber subventioniert)

 

Gegen alles nichtschwammige sind nonkommunikative Aktionen in der Tagesordnung. So sehe ich dann oft Leute, die wegen mir die Strassenseite wechseln in der Churer Altstadt. Nur in der Obergasse, wo ich aufgewachsen, ist das etwas schwierig. Halt eng. Da ist es sowieso schwieriger abzuschätzen, ob dir jetzt gute oder weniger gute Menschen begegnen. Die haben nunmal einfach ihre Welten im Kopf. Demokratisch ausweichend.

Und die Nicht-Debatten-Unkultur ist ja unsere Form von Demokratie. So sprengt man auch nicht den Freundeskreis wenn’s doch so eng ist. Und ja, Schlammschlachten gibt’s selten bei uns. Abtrainiert. Systemsprenger? Bestenfalls beim Jagdgesetz.

Sie haben halt ihre eigenen Reinheitsgebote wie der Raiffeisen CEO aus der Surselva oder der Churer Stadtpräsident. Der Erste war mal gegen das Grundeinkommen, sah für sich aber eher so ein bedingungsloses Grundeinkommen in atemberaubend schwammiger Höhe.

Der Zweite rettet die Welt mit seinen FDP-Eigenverantwortungssprüchen und etwas undefinierbaren Führungs-Gelabbere.

Überall etwas Filzität.

Man muss eben gehen können wie ein Kamel, von dem es heisst, es sei das einzige Tier, das beim Gehen noch einmal durchkaut. Kauen ist auch seine Devise, er braucht für alles einen teuren Berater.

Eng haben’s auch die Bergbahn-Manager, die am emsigen Mahlen der Kieferknochen erkennbar sind, neuerdings erkennt man sie eher an den Restless-Legs. Verzweifelt parkinsonisch rudernde Tourismus-Manager, die immer wieder Erfolg vorkauen müssen.

 

Zum Schluss: Wenn ich den Eindruck erweckt habe, ich würde da an Bekümmernis zu Grunde gehen…ist nicht so. Ich sehe das auch schwamm-ig, Schwämmeln heisst bei uns auch Pilze suchen. Einige davon sind einfach giftig, wie ich.

Ich habe einen Heidenspass an der Verschwammung, in guten wie in schlechten Tagen. Wir haben ja bald wieder gute. Und in einer guten Demokratie wird alles so zu einer Sosse. Mit einer guten Sosse ist fast alles immer geniessbar.

 

 

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Was Putin nicht gelesen…

Eine Verbesserung der Lebensumstände geht oft mit einer Verschlechterung der Lebensinhalte einher, meint Houellebecq in seinem neuesten Buch „Vernichten“. So im Sinne: Wirst du reicher, mächtiger, wirst du wohl eher blöder, einfältiger, vielleicht auch neurotischer.

 

Putin: So ein Menschen von dem es kaum vorstellbar ist, dass er sich selbst achtet, der aber ziemlich gut zu schlafen scheint, scheint ja wahrscheinlich auch keine Bücher zu lesen.

Bei uns lesen immerhin 95 % nix. Und von den 5 Prozent, die lesen, lesen achtzig Prozent Bestseller. (Nebenbei: bleibt also noch etwa 1 Prozent, die irgendeinen Lerneffekt haben.)

Putin will vielleicht zur Zeit auch nur seine Lebensumstände etwas verbessern, oder verhindern, dass sie sich verschlechtern. Guat, dazu könnte er auch einfach mehr lesen – wohl besser nicht die Strategie-Berichte seiner Geheimdienst-Analphabeten.

OK, vielleicht hat er wenigstens bei Tolstoi die napoleonischen Kriege mal durchgekaut?

Sieht aber nicht so aus. Oder er hätte beiläufig bei der Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk mitbekommen können, dass Menschen, die an einer Psychose leiden, fast vollständig ihre Lesefähigkeit verlieren. Hat er wahrscheinlich auch. Aber fast sicher bin ich, dass er sich kaum bei Thomas Mann von der Schwindsucht kurieren lassen konnte.

Guat, ihm als Deutschkenner, damals in Dresden stationiert, würden wir natürlich liebend gern den jungen Werther Goethes empfehlen. Der gab ja den Impuls für einen Selbstmord. Aber wahrscheinlich hat ihm Bussi-Freund Schröder da auch nicht aufgeklärt.

Alles Deutsche ist dann doch wieder nicht lesenswert. Aber er, als Petersburger, kennt er vielleicht noch die Hitlersche Direktive zu seiner Heimatstadt: „Der Führer hat beschlossen, die Stadt Petersburg vom Antlitz der Erde zu tilgen.“ Die Geschichte wiederholt sich gerne. Mariupol lässt grüssen.

Er liebt vielleicht lieber den Text über den Wolf, der sich als das Rotkäppchen ausgibt…Aber wahrscheinlich haben die ihm die Antidepressiva und die grossen Erektionshelferlein klein gemacht und unter seinen Borscht gemischt.

OK, der übergrosse Kreml-Verhandlungstisch hat vielleicht ein schlechtes Literatur-Karma und keine Leselampe.

Der Tisch ist noch nicht, wird aber vielleicht auch noch Literatur. Vielleicht wie die letzte Aufzeichnung seiner Herzmaschine vor dem finalen waagrechten Strich nach dem Kriegsverbrecher-Tribunal im 2024.

So gesehen, nützt dann lesen nix. Die Lebenskompetenz aufpeppen, kann man ja mit Menschen-Verlustrapporten kaum…

Wahrscheinlich gibts eh nach der feuchtmuffigen Schutzbunker-Zeit eine neue Art von Literatur, so aus dem unansehnlichen Voll-Verwüstungs-Zonenrandgebiet der russischen Literatur: die Paralympic-Trophy für T-72-Besatzungen, den Integrationsbambi für abgesetzte Russische Generäle oder auch den Friedens-Literatur-Preis für Lavrow….

Ja klar, alles beginnt immer mit der Sprache. Russisch mit Kaputthintergrund gibts jetzt auch bald.

 

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