Die Senioren-Klappe

Da sich die Welt gerade ändert, schau’ ich einiges genauer an. Kürzlich ein aktuelles Foto der „Early Seventies“ der HSG. (also meine Alters-und Berufs-Gruppe, mein sozialer Marker). Irgendwie edgy. – Guat, die soziale Diät durch Corona hat mein soziales Sensorium vielleicht verfeinert, vielleicht auch verbiestert..

Zur Foto (oben) passend, sinnieren sie im dazu passenden Artikel von, „ wir müssen keine Karriere mehr machen.“ Guatso. – aber nichtsdestotrotz „sich in den Ruhestand begeben, das möchte ich nicht“ sagt der Präsi. Auch okay, so sehen sie aus.

Ich schau mir das Alumi-Heft an – war vor kurzem noch im Warteraum der Strahlentherapie im Kantonsspital an. OK, anderes Setting. Und sinniere nun auch mit Napoleon:“ „Was für ein Roman ist doch mein Leben!“ Nur hat’s der nicht ironisch gemeint. Er lag ja auch falsch, er hatte seine Biografie,“ Le Mémorial“ auf der Insel Sainte-Hélène geschrieben.

Die war dann genauso langweilig wie etwa eine Cassis-Bio rauskommen dürfte.– Eben: Alte-Männer-Biografie.

Schau sie an auf dem Foto. Sie haben ihren HSG-Filter auf die Welt gelegt, glauben offenbar an das Grundrecht, dass man an der Welt nicht allzuviel ändern sollte. Nungut, wenn die Frauen schwerer werden, wird das Leben leichter.

Sie sind alle noch busper, in ihren Augen glitzert noch das Vergangene, es schimmert noch auf der Hornhaut und vielleicht auch in den Neuronen…so meint man’s mindestens zu erkennen…Diese gestrickte Wiedererkennbarkeit. Dieses Gepose mit der sabbernden Erinnerung. (Zur dieser meiner Zeit: es gab noch kein AIDS, Vietnam am Anlaufen, Homosexuelle outeten sich noch spärlich…und der Ogi konnte damals nur gut skifahren..)

Ich war ja mit einigen von Ihnen in den frühen 70er oft an der HSG-Caffibar. Später wurden einige von ihnen so Buy-Low-Sell-High-Existenzen, die immer auf Achse waren. Mehrheitsfähig haben sie doch in der breiten Öffentlichkeit den Status einer universellen Anerkennungsinstanz erlangt und verdient. OK, ihre von mir jetzt vorprogrammierte Entwertung soll doch nicht zu einem gewaltsamen und traurigen Ende führen!

Sie haben wahrscheinlich die Schwall-Sunk Problematik des Lebens längst begriffen: zuerst ein Schwall von Überforderung und dann der Sunk ins Nichts.

Und sie wissen: Mit unserer Osteoporose haben wir eh nicht mehr so viel Knochen für die Sauce. Und vielleicht wissen sie sogar: im Alter nützt auch Torheit nichts. Die meisten von uns haben gelernt, sich in Restaurants im Allgemeinen für das Tagesmenu zu entscheiden. Würde sich ja nicht lohnen, darüber leidenschaftliche Diskussionen zu führen.

Sie sind Elitewillige (oder mindestens so Denkende), die sich jedes Jahr, der (mindestens angedachten) Hegemonie ihrer Organisation versichern müssen. Die Macht dieser Konnektivität strahlt doch so eine Solidarität innerhalb der eigenen Identitätsgemeinschaft aus.

Dunkler Anzug, helles Hemd…so eine toxische Positivität. Wie alle Genormten aus der neoliberalen Ecke, die jetzt bedauern, keine Kravatte mehr tragen zu können. Meine ich – sie aber nicht. Sie haben doch einen guten Kern, der sich einfach nach vor lauter NZZ in die falsche Richtung bewegte…Ich hoffe, ich weiß, dass sie glücklich werden.

Der Club der fast toten Manager. Mit Zugehörigkeitsbeweis.
Wer sich mit der HSG ins Bett legt, wacht mit einem dicken Portemonnaie auf. Man begehrt, was andere begehren, und zwar durch Nachahmung.

Ich weiss auch, es gibt furchtbar dumme Menschen, die an der HSG grandios abschneiden…aber auch umgekehrt.

Es ist wohl normal, dass sich ältere Menschen für Geschichte interessieren. Wie ich höre, lesen sie offenbar so gerne historische Biografien……vom Schicksal berühmter und manchmal mächtiger Menschen, die letztlich auch nur zu Staub geworden sind.

Eine üble Performance, aber sehr üblich.

 

Das relativiert doch unser Dahinscheiden. Das sind so Bemächtigungsversuche der Zeit. Wie ein leises Summen höre ich aus dem Foto schon das Betriebsgeräusch des ewigen Gleichweitermachens im vertraulichen Gemütlichkeitsecken.

 

Gedacht: Ob der Tod jetzt rumantsch grischun redet oder ein anderes Idiom, oder ob wir erst in der Nachjagd freigegeben werden, ob man uns mit einer Stromlücke Angst macht oder der Wolf uns frisst, ist wohl egal.

 

Und da kommt einem unwillkürlich der (wiederholte) Satz von Houllebecq in den Sinn: „Zum Schluss schüttet man ein bisschen Erde auf uns, und alles ist auf immer beendet.“ Die Beendigungsrituale und die Beerdigungsrituale sind es doch, die wir hinterfragen sollten. (also abfackeln kann man mich natürlich auch) Nach einer Gesellschaftskarriere mit Stress, Gepose und und einer hundsgewöhnlichen Aussichtlosigkeit hat man doch das Recht auf‘s standesgemässe Abgeschobenwerden, auf eine Abfertigungstonart für die vorauseilende Leere.

 

Jetzt wo die Babyklappe hinterfragt wird, fragt man sich ob eine Seniorenklappe nicht angemessener wäre.

Denn die soll im Grunde genommen verhindern, dass weiterhin unsere Generation – also die über 70 jährigen – als Zeremoniermeister noch weiterwursteln auf irgendwelchen Politsitzen oder Verwaltungsräten oder sich als lebensrettende Lebenskomiker sehen.

Beschafft uns einfach die Seniorenklappe und zwar subito. Deponiert uns in der Klappe .Wir wollen unsere Klappe und halten dann die Klappe.

 

 

 

 

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