Kolumne

Happyender

Unsere Gesellschaft macht Fortschritte, einige in meinem Alter lesen  zum ersten Mal Meienbergs-Kanti-Texte und fühlen sich dann mit 70 endlich selbstbestimmt und ohne harte Zwänge – frei nach Marx. Gut, wenn man sich als Senior mit einer Hand die Glatze streichelt, sich mit der anderen abwechselnd  auf die Schulter klopft oder in der Nase grübelt und zum Denken keine Hand mehr frei hat, kommt man oft auf eine befriedigende Lebensbilanz. Wir kommen aus Staub, wir werden zu Staub, und viele meinen, es müsste in der Zwischenzeit darum gehen, viel Staub aufzuwirbeln. Aber das legt sich dann meist im Alter.

…und damit auch noch bei den Jungen punktet. Bei denen ist’s aber vielleicht auf die kapuzenbedingte Verengung ihres Gesichtsfeldes zurückzuführen.

Wenn dann Senioren wie ich in grosser Häufung Kolumnen schreiben, brauchen die Jüngeren dann schon etwas Contenance, was heute wiederum Coolness heisst, und ja nicht unbedingt eine Krankheit sein muss. Heute bekommt man ja schon im Kindergarten einen Burnout. Dafür wird man dann wohl Neunzig. Unseren Kindern bleibt da also reichlich Zeit zum Nachdenken. Das kann man natürlich auch beim Lesen der Bibelfüllsprüche neben den Todesanzeigen.

Das Leben ist eben keine permanente happy hour –obwohl Facebook-Freunde in unserem Alter auch pflegeleicht sind: die Altersflecken sind ja schon fotoshopbearbeitet und die Grillfotos kann man mit einem Daumenup bedienen…Gut, grob gibt’s bei uns Senioren die Gell-nur-noch-geniessen-Fraktion gegen die Ich-schaff-halt-immer-noch-sehr-viel-Typen. Dazwischen sind die Suffizienz-Menschen: „Ich brauch das alles nicht mehr.“ Das kann man dann ganz schlau als Hinterfragen der Konsumgesellschaft interpretieren…aber dagegen hat Novartis bestimmt bald ein neues Medikament.

Doch vieles gleicht sich auch aus: Wer hätte geglaubt, dass die Schweiz sich zur Alters-Mobokratie entwickeln würden, also so ein Ue-70-jähriger von der Goldküste uns Hinterwäldlern die Welt erklärt und damit auch noch bei den Jungen punktet. Bei denen ist’s aber vielleicht auf die kapuzenbedingte Verengung ihres Gesichtsfeldes zurückzuführen. Da wünsch’ ich mir dann manchmal nach wenigen Minuten alles vergessen zu haben… hat da nicht Novartis auch eine Krankheitsbezeichnung dafür ? – So kokettiert halt jeder auf seine Art. Ich bin eben nicht mehr ein Zwölfender, eher ein Happyender. Aber auch da hob kürzlich mein Arzt den Zeigefinger: “Es ist kein Zeichen von Gesundheit, an eine von Grund auf kranke Gesellschaft gut angepasst zu sein.“

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