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das belladonna syndrom

 

Das kann ja nicht Realität sein, denkt man….Die Steinreiche wird von den potenzialarmen Bündner-Hang-Bewohnern gewählt. Uns fehlt’s eben an Kies. Gut, sie schätzt uns auch als tüchtige Mitmacher, eben Kiesmacher.

 

Die Schollenhüter und die Schwellenhüter der Bünder-Bau-und-Bankkonti lieben es. Das Scheff-Hafte der Zürcherin Martullo. Polit-Züchterin, mit wisserischer Befehls-Tonspur und der züriseegeborenen, gemütssimulierenden Ich-bin-doch-auch-etwas-molly-wie-ihr-Haltung. Ist doch auch gmüetli-schweizerisch: immer mehr fressen wollen, als man verdaut. Fast eine Allegorie, eine Soap-Figur für das Spiesser-Bündnertum. „Sie ist doch so erfolgREICH“ , die Frau, die in der Endlosschleife immer unzufrieden wirkt.

 

Momoll, das Haben für sie, das Sollen für die Wähler. Die Prekariatsfolklore wirkt auf jeden Fall. Die haben so eine „doppelte Buchführung“ würde ich das mal nennen: missbrauchen die Unterschicht um ihre Oberschicht-Ziele zu erreichen. Für ländliche Bündner, die sich zum nie erreichbaren, ersehnten Reichenbalkon noch eine Wohlhabenden-Terasse mit Umverteilungspool wünschen.

Als Heerlibergerin mit schwach geprägtem Sesshaftigkeitshintergrund ist sie vielleicht nicht gerade sprachintelligent, aber ihre sieben Zwergli haben ihre sieben Thinking-Steps schon verstanden.– Sie weiss: „Du darfst nie schlauer wirken als dein Wähler“. Das sagt wahrscheinlich auch ihr Umfeld: die Röschtis und Köppels. Auch doppelte Buchführung: der eine lliebundandundlüüttauglich, der andere hoch-fake-eloquent, sucht immer nach Eiterbeulen, wo auch makellose Haut ist. Ist für mich der Inbegriff der tiefsinnig komischsten Widersprüchlichkeit des Polit-Lebens.

Minderheiten-Geschädigte wie Graubünden sind derart mit sich selbst beschäftigt, dass sie das nicht merken, so dass sie halt anfällig sind. Partizipationsfolklore wirkt da schnell.

Wenn Mächtige tun, als seien sie machtlos. Wenn der Täter sich trumplike zum Opfer macht, die Kunst der strategischen Ausblendung und des schadlosen Überhörens beherrschend. Macht immer den Gärtner zum Bock – in Graubünden zum Steinbock. Führt dann den vermeintlichen Guerillakrieg gegen die Oberen, gegen Bern – und das als reichste Parlamentarierin.

Immer nach der geschmacklosesten, haarsträubendsten Position greifen, nur um andere zu skandalisieren. Edelgord nennt man das. Das sind jene Disputanten in Internetforen, die mit Trollen agieren und die grassierende Wutbürgerei von heute doch gut verkörpern. Schmöggt nach Stinggi. Minderheiten-Geschädigte wie Graubünden sind derart mit sich selbst beschäftigt, dass sie das nicht merken, so dass sie halt anfällig sind. Partizipationsfolklore wirkt da schnell.

Woher soll ich wissen was ich denke, bevor ich höre, was Frau Martullo in der SO sagt?

Und sie finanziert auch noch die Monolpresse mit, man siehts den Medien der Südostschweiz so klar an: Jeden Tag eine Hammerseite mit Martullo für die grössten Dumpfbacken. Im altersdebilen Bündner Tagblatt, da gehören ihr wenigstens die Titelrechte, aber auch in der infoschloddrigen, vertuschenden Südostschweiz mit Anhängsel wird ausnahmslos lobgehudelt. –

Die Bewirtschaftung von Zeitungspapier hat sich eben entschieden geändert. Martullo, als Sympath und Volksheldin versiegender Heimatgefühle mit pompös-hohlen Titeln wie „ Martullo obsiegt.“ Oderso. Für Bündner gilt: Woher soll ich wissen was ich denke, bevor ich höre, was Frau Martullo in der SO sagt?– Die wären ja auch vermutlich imstande ein Pilzbestimmungsbuch als Martullo-Innovation zu verkaufen..

Aber die Bündner haben eben keinen Spam-Filter eingebaut.

Hauptthema: Diese Begabung, die sich in der adäquaten Bündner Volksvertretung in Bern verschwendet und vergeudet…Die Obsiegerin war auf jeden Fall am Wahlabend unheimlich schlecht gelaunt. Die Performance der Unglücklichen (so heisst ein Buch von Simone Beauvoir). Jetzt muss sie wieder nach Bern…Die Arme, die so unsouverän, mit gesenktem Kopf müffelt, etwas zudeckt…diese stets traurig gekränkte Männlichkeit in einer Frau….Hat wohl einige biografische Narben. Benutzt Management-Brocken als Fake-Fast-Food für unbedarfte Gewerbler- und Boulevard-Leser-Wähler. Aber die Bündner haben eben keinen Spam-Filter eingebaut.

Würde man meinen Blog überhaupt lesen (ich weiss, viel zu lange), würde es jetzt schon wieder waschkörbeweise daumenrunter Leserbriefe der immergleichen Schreib-Bande der SVP hageln.…dabei möchte ich doch nur vorbeugen, dass Martullo noch zum Bündner Unwort des Jahres wird.

… so wie die blocherfinanzierten Südostschweiz-Medien die tägliche Martullo-Ration wie Belladonna-Tropfen den Bündnern einträufelt….

Ich glaube, da handelt es sich um das Belladona-Symptom. Vor vielenvielen Jahren war es ja bei Opernsängerinnen noch üblich, sich Belladonna in die Augen zu tröpfeln, die dann auf der Bühne mit Klarheit und einem Glanz erstrahlten, die darüber hinwegtäuschten, dass die Sängerinnen nichts mehr sahen. Die Belladonna-Tropfen liessen sie vorübergehend erblinden, und der durch sie erzeugten Anschein von vollkommener und perfekter Sicht, von glänzenden Augen, die dem Publikum eine gesteigerte Intensität und Einsicht signalisierten, verbarg den wahren Zustand der zeitweisen Behinderung.

Also in etwa so wie die blocherfinanzierten Südostschweiz-Medien die tägliche Martullo-Ration wie Belladonna-Tropfen den Bündnern einträufelt….so wie einige weitere Falschinformationen – Aber heute braucht man das ja nicht mehr…fake Tropfen sind wirksamer…und die meisten werden auch davon blind. Wählerblind.

Auf jeden Fall nimmt der Härtegrad des Wahnsinns massiv zu.. und die dumpferen Musikanten bedienen sich immer mehr der Polit-Sprachorgel…Intonationskunst mit subtilen Obertönen ist da nicht gefragt. Auch wenn der alte Blocher einfach seine letzte Hitze an jungen, coolen Grünen kühlen will, auf jeden Fall werde ich meiner Baby-Enkelin sagen:

„Ich werde zu Dir halten, wenn du zig Jungs ausprobieren wirst, ich werde dasein, wenn du am Freitag auf Klimademo gehst. Wenn du jedoch wirst wie diese Martullo, dann ist es aus zwischen uns…“– Abar gäll, auswandern bringt nichts, denn diese Kultur ist fatalerweise wie das Oktoberfest überall…

 

 

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kreuzfahrt-trotter(l)s

Heute könnte ich Bäume ausreissen. Nicht aus Wut, aus Freude. Aber das sollte man nicht. Es gibt eh schon bald zu wenig. Buchen und bald auch Fichten. Also nur kleine Bäume ausreissen, so ein Tannenschössling im Garten. Geht vielleicht noch. Der wäre zwar erst in 20 Jahren fähig, den Klimawandel zu mässigen.

Lassen wir das mal. Entschuldbar, die Zeit verändert die Skalen der Wertschätzung, dachte ich immer. – Nicht sicher: Kürzlich mischte ich mich in der Sportgarderobe bei einer Diskussion ein, die sich darum drehte, welche Kreuzfahrten noch zu toppen seien. Wir Alten wollen eben verwöhnt werden. Obwohl die Garderobe eher von männlichen Abgasen dominiert war, kam so ein Konsensduft auf. „Gell, das ist die beste Ferienform.“

„Einst lebten wir auf dem Lande, dann lebten wir in den Städten, und von jetzt an leben wir fast nur noch für die Kreuzfahrten.“

 

In dieser Goldgefärbtheit schwärmten sie von diesem Hochhinaus auf See, dieses Hochgefühl von Verwöhntwerden“…so tönt’s in der Reisebeilage, fast wie unser schweizerisch-gebärmütterliches Schaukeln im Überfluss. Vergnügen und Verwöhnung. Man weiss: Kreuzfahrten sind ökologisch verheerend, dafür oberflächlich und erlebnisarm.

Meine Kollegen steigerten sich dann auch im Mobilisieren von Superlativen zum kreuzfahrerischen Seinspotenzial („auch kulturell so interessant…“), wollten auch bei mir auf eine Verhaltensregulierung hinsteuern („waisch, diese Kreuzfahrten werden immer umweltfreundlicher“). Ja, in Kiel kann man diesen Sommer sogar auf eine „vegane Kreuzfahrt.“ Toll, wenn wieder 2000 Leute die Welt retten mit einem Diesel-Monster.

„Ich freue mich wenn es regnet, denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch.“ meinte ja schon Karl Valentin. Der hat es verstanden sogenannte kognitive Dissonanzen auszuloten. Er wusste, dass wir gerne schlau denken und dann doch gerne blöd handeln. Was hätte der wohl zur Klimadebatte gesagt? Gut, in den Tagen nach unseren Oktoberwahlen begegnete ich auch einigen dieser Senioren mit eingetrübtem Blick: „gell, schlimm diese Grünen gewinnen jetzt noch.“

Zurück zur Garderobe. Das war wohl alles im toten Winkel ihres Wissens. Etwas Alternativmathematik und Fake-Physik a la Trump und schon bist du der Kracher bei den Ignoranten…Leben als gebe es noch drei Erden im SUV-Kofferraum.

„Iss schön uf, damit mora d’Sunna schiint…“ mahnte meine Mutter immer. Und was hemmar jetzt davo? Ein SVP-Sünneli das etwas untergeht… Manche tun soviel für die Gesundheit, vor allem die der Nation, dass sie krank werden durch soviel geistige Selbstbestäubung.

Ja, all die kulturwiegesken Städte wollen doch auch noch rohölovertouristed werden

Dabei ist kreuzfahren eigentlich wie Bäumeausreissen. (Meine Belehrung punkto Rohöl- und Umweltschäden, die ich in der Dusche hielt: über Stickoxid, Schwefel und Feinpartikel. Fakt ist, dass noch die Mehrheit der KF-Schiffe mit Schweröl fahren. Rohöl, das mit einem Gehalt an Schwefeloxid, 1500 mal höher ist, als es im Diesel für Privatfahrzeuge toleriert wird. Dass zum Beispiel die Schiffe des amerikanischen Branchenleaders Carnival Corporation ebensoviel Schwefeldioxid an den europäischen Küsten produzieren wie 26 Millionen Autos). Und es nimmt zu: 2 Mio. Deutsche gehen jährlich auf Kreuzfahrt, das sind erst 8 % der Touristen, aber 34 Prozent wollen  bald mal auf eine KF laut Marktforschung.

Man müsste vielleicht auch mal erforschen, was bei all diesen Luxusfahrten absichtlich oder unabsichtlich über Bord geht: Plastik im Meer (darüber kann man sich ja dann im Feuilleton aufhalten..)

Und ja, die Schiffe verbrauchen täglich im Durchschnitt 150 Tonnen schwergiftiges Schweröl. Und das bei 500 Kreuzfahrt-Schiffen weltweit…Tendenz steigend. In Häfen wurden 500’000 Feinstaubpartikel pro Kubikzentimeter gemessen (an befahrenen Strassen in Berlin sind es nur 15’000.)

Für Kulturbeflissenheitsfregatten mit Weinreise-Gatten oder Kreuzfahrtstrottel mit Buffet-Polonaise…

„Finde ich nichts besonderes“, reisetalkend sagte mir kürzlich eine wohlbestallte, cruise-und sonstgeschmückte Dame aus dem Mittelstand, die ihre mittlere Wohlhabenheit mit Cruise-Talk aufwertete. Nach so einer Kreufahrt hat man wohl seinen eingebauten, schwingungsdämpfenden Quatschdedektor eingebaut. Sie war schon überall auf der Welt, meist per Kreuzfahrt. „Oman isch nit schpeziell“ fand sie zum Beispiel, kann man aber auch durch eine andere Destinationen ersetzen. Wie sich dann meist herausstellt, hatte sie auch hier nur die Hauptstadt 4 Stunden lange besucht. Maskat – in diesem Falle – deckte nicht ihre etwas eingenähte Weltsicht. Totale Genuss-Sättigung?

Ihre kleinbürgerlich hochgerüsteten Belanglosigkeiten („Ja, der Arktis-Forscher am Abend war ein ausserordentlicher Wissenschafter…“) erreichten dann den Massstab touristischer Seinserfüllung mit so Knallchargen-Sätzen: „und wissen Sie, all diese Kulturabende auf all den Schiffen…“. Geleitet vom Wissen um die Haus- und Gartenliteratur entstehen wohl so Weitwinkelsichten. Da endet man dann einvernehmlich zwischen Usuaia oder Singapur in Unterhaltungsshows für Superalte mit Röbi Koller. Floten an der Oberfläche. Dafür mit Panflöten.

Richtig juicy wird’s dann wenn sie die Schiff-Buffets beschreiben..Wenn sie ihren Schweizer-Mittelstands-Reichtum mit markanten Hinweisen auf Kochbüchervarianten und eigenem Weinkeller bekunden. – Ist wohl die Konvergenz zwischen unserem Grauen vor dem Tode – der Sargangst – und unserer Lust auf wenigstens gutes Essen. Da kann man dann die Grenzen des Essbaren immer erweitern („Gion, isst jetzt sogar Sushi…“) Der Unaufgeräumtheit des Lebens kann man ja mit einem hohen Anteil an vermeintlicher Virtualität begenen, dem Essen und Geniessen, das dann auch eine hohe Wichtigkeit bekommt. Kenne ich selbst. Die Konvergenz vom Wissen um den Welthunger, den Schlachtfeldern ethischer Einordnung und ihrem Bedürfnis nach Gutmenschentum ist erreicht. Gut, manchmal blitzt sogar das obligate Schamgefühlchen leicht hervor: „und all dia Arma.“

Ja, all die kulturwiegesken Städte wollen doch auch noch rohölovertouristed werden. Für Kulturbeflissenheitsfregatten mit Weinreise-Gatten oder Kreuzfahrtstrottel mit Buffet-Polonaise…Man will sich schliesslich nur vor dem Weltuntergang schützen. Noch einen Lebenssinn haben, bevor man klimaschonend kompostiert wird.

Ist wohl die Konvergenz zwischen unserem Grauen vor dem Tode – der Sargangst – und unserer Lust auf wenigstens gutes Essen.

Die Sammelgier der modernen Touristen ist mit Völlerei vergleichbar. Sie entsprechen prächtig dem Rentnergeschmack– die luxuriösen Altersheime auf Wellen. Die spiessigen Zeremonien einer alternden Gesellschaft mit Dinner,  Showprogramm leichter Klassikmusik und Spielautomaten… in Kreuzfahrt-Schifflounges klebend dem Tod entgegenfiebern..

So kommts mir vor. „Einst lebten wir auf dem Lande, dann lebten wir in den Städten, und von jetzt an leben wir fast nur noch für die Kreuzfahrten.“ In diesem erweckten Bewusstseinszustand erreicht man wohl ein gewisses Mass an Weltlosigkeit.

Das ist jetzt altersfeindlich. Aber ich bin ja auch einer. Sie werden aber immer jünger, die zweite Generation der Bildungseinsparungsmassnahmen ruft auch schon ahoi. Der Durchschnittskreuzfahrer ist schon unter 50. „Wir kaufen nicht was wir haben wollen, wir konsumieren was wir sein möchten.“, gilt wohl auch für diese Ferienform. Wusste ich ja aus meiner unrühmlichen Vergangenheit als Marketingberater. Denk daran, sagte ich immer in den 70er Jahren. „ Glücklichen Leuten kannst du nichts verkaufen…“ Ich war wenigstens noch nie auf einer Kreuzfahrt…

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Hü plappern. Und hott meinen…

Heut‘ ist es schon hot. Da kommt man dann schnell auf diese Fragen: „Es gibt doch jetzt diese Greta, diesen Wolf, diese Windräder und überhaupt… Darum müssen wir alle zusammenhalten…“– Waach, wie mitleidig sollen wir da noch dreinschauen? Meint da jemand sein Wille zur Gartenhag-Wohlhabenheit müsste geschützt werden? So einer, der seine Burschenüberlegenheit noch etwas geniessen möchte?

Irgendwann kommt da bei mir so Ignoranz-Müdigkeit auf. Was soll ich mich noch um die kümmern? Mich auf den Rückzug unter den Kopfhörer fokussieren?

In letzter Zeit will ja die FDP. „Die Schweiz will.“, steht mindestens auf dem Plakat. Oder doch nicht? Eigentlich wissen wir gar nicht was die FDP so will, vor allem nicht punkto Klimaschutz.

Die haben alle einen guten Kontostand, einen Gartenzaun und einen Schützenpanzer in der Garage zu schützen. Und Pestizide und das ganze Agrar-Willens-Programm.

Nix machen, einfach wegerklären. Und das mit atemberaubender Radikalität und Aufpolsterungstechnik.

Bei dieser Kaminvorleger-Glückseligkeit kommt dann das Paradebeispiel des Wunschdenkens ins Spiel, wie es für Menschen meines Alters typisch ist: „Es gibt doch sicher eine andere Gelegenheit mich fremdzuschämen…“Der nächste Winter ist bestimmt nicht so hot wie heute. Wir carven auch ins nächste Jahr. Vielleicht anders. „A long way down.“, würde Nick Hornby sagen. Aber der versteht vielleicht nicht viel von Schnee..

Die Arroganz der Ignoranz nimmt offensichtlich zu. Wenn die FDP Nationalräte sich gerne grün geben, uns immer noch in diesem fatalistisch liberalen Eigenverantwortungston belehren, dass wir viel realistischer an die Klimadebatte rangehen müssen. Will heissen: Nix machen, einfach wegerklären. Und das mit atemberaubender Radikalität und Aufpolsterungstechnik. Sag einfach Hot, wenn sie denken du sagst Hü….vom Klimaschutz reden und das Gegenteil machen.

Meist mit einem Gesichts-Ausdruck niederer Gerissenheit, wie man ihn von Engadiner-Bauleuten kennt. Achselzucken, Netflix gucken?

Ach, dieses Verdrehen. Augenverdrehen. Und das alles in diesem hinterhältigen Tonfall– wenn sie jemals gehört haben, wie ein Kind für etwas um Erlaubnis fragt, was es schon längst gemacht hat, wissen Sie, was ich meine…Meist mit einem Blick wie ein verlassenes RHB-Perron und dem Gesichts-Ausdruck niederer Gerissenheit, wie man ihn von Engadiner-Bauleuten kennt. Sie tragen schliesslich die Last der Banken-Industrie-Aristokratie und ihrer Inzucht. Amigogeschäfte – geschäftstüchtige Doppelpassspiele. Und, kaum zu glauben: meist sind sie nur einfache Land-Gewerbler, die auch nicht bei den berühmten 1% mitgarnieren dürfen.

Gut, das Rezept für dieses Klima-Omelett ist komplex, und man wird noch viele Eier zerschlagen müssen. Man kann nicht immer dieselben rigiden ideologischen Prinzipien, die früher in Fragen der Rechte, des Schutzes und des Gewerbes zum Tragen kamen, unverändert auf die Kapitalflüsse einer globalisierten Welt oder gar auf den Klimaschutz übertragen.

Ja , nein, abbrechen? Aber nicht den Wahlzettel fortwerfen…

Im Film kämen jetzt diese anschwellenden Streicher, sie peitschen ihre Saiten, spielen mit unserer Sargangst. Und dann führen alle diese gleich kreischenden Streicher zu einer imaginären Konsenswolke. Dem Wölkli auf dem Bild über unserem Nationalrat. Den dürfen wir ja wieder wählen. „Wer immer alles verpennt, gehört zum Polit-Establishment.“ hätten wir früher…Mal sicher zur SVP-FDP-Agrar-Mehrheit, können wir da getrost feststellen.

Sind sie jetzt sicher, dass sie das in den Papierkorb und den leeren wollen? Ja , nein, abbrechen. Aber nicht den Wahlzettel fortwerfen: Schauen Sie, dass wenigstens einige dieser heiligen, kalten Krieger im Oktober etwas verloren und restarrogant aussehen. Die Leichenstarre üben diese alten Männer eh schon lange. Vielleicht wird dann dem einen oder anderen wenigstens bewusst, dass auch er wie die Erde am Ende auseinanderfällt.

 

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ohne rechte hand

Jetzt hab’ ich doch die rechte Hand gebrochen. Bikeunfall. Die linke kann nicht mehr so recht mithalten beim tippen. Sh….Nun, lese ich halt mehr. Da kommen aber auch Zweifel, ob ich in meinem Leben nicht zuviel gelesen habe? Manchmal tauchen dann so Wortfetzen auf. Summend wie von einem Ohrwurm. Wie  Konstantin Weckers, unser aller Revoluzzer-Sing-Idol aus den 70ern: „…wenn der Sommer nicht mehr weit ist, und der Himmel violett, weiss ich dass das meine Zeit ist, und die Welt dann wieder breit ist, satt und ungeheuer fett..“ So was findet man heute auch beim youtübeln, gut dort gibts auch so Biedermeier-Konformitäts-Bestätigungs-Gschichtli wie man sie oft in unseren Senioren-Breitengraden hört: „Heute zum 100sten Mal auf dem Dreibündenstein.“

 

Guat Senior, tenggi, gleiche Hirn-Leistung ist bei fortschreitendem Alter eine Steigerung. – Aber nicht gleich über das Glück nachdenken. Man kann auch jeden Tag ins M-FIT und dann mit 80 aufs Spenderhirn warten. Danach kann man dann wieder unbeschwert Liegestütze im Kopf machen. Vierundzwanzig, fünfundzwanzig…achtundreissig….uff, aufschnaufen.

Weil die rechte Hand jetzt chillt, ist so meterlanges unterschwelliges Kopflärmen angesagt – hat auch was. „Gute Nacht Freunde, es ist Zeit für mich zu gehn…sumsum… was ich noch zu sagen hätte…suumsuum… bleibt mir noch eine Zigarette…“ Das war dann der Reinhard Mey – Und da ich nicht rauche, könnt ihr auch diesen Text rauchen…ich geh’ noch nicht gleich.

…muss nicht mehr raten und haten, dissen und anderen ans Bein pissen.

Wenn ich so auf die Tasten haue, ohne dass die Finger erröten, ist mir wohl– jetzt halt etwas einhändiger. Auch eine Form von Glück. Ich muss dann gar nicht so viel auf FB, Twitter oder Instagram raten und haten, dissen und anderen ans Bein pissen…ist sowieso viel so sozialnarkotisches Plimplam.

Das fängt aber offenbar jetzt schon mit zwölf an. Offenbar so ein unberechtigter Vor-Bezug von Seniorentellern in Form von Posts. Is dann so, wie wenn Du aus lauter auffälligen Häufungen von nichtigen Nebensächlichkeiten kurz nach der besten Sendezeit an aufgeregten TV-Runden einschläfst…Heiliger Schlaf, hat auch was Gutes, oder doch nicht? Laut Media-Forschung sei das Hass-Aufkommen bei müdem Zustand, spätabends oder Nacht, anfangs Woche besonders hoch..

Ich kann viel anfangen mit schönen Sätzen und Worten. Nicht immer mit so schönen Seelen, wie sie oft auf Vernissagen auftauchen, wenn sie ihr sinnloses Abtrampeln von lokalen Audabei-Künstlern zelebrieren. Da gibt dann mein Betriebssytem den Geist auf…die Generalkunstanbrennung mit Verklärungsschimmer wie sie Theodor Fontane wahrscheinlich genannt hätte, beglückt mich nicht unbedingt mehr. Irgendwann hat man’s gesehen…oder eben gehört. Die Harmlosigkeits-Allüren führen dann zu Riesenzerknirschungen, wie eben der Theodor F. wohl subtil mitfühlen würde. Rumpelt da mein Neidappeal mit? „Ich hab’ ja auch keine schöne Kunst zu Hause, aber dermassen keine schönen Bilder wie der, hab’ ich nicht.“

Generalkunstanbrennung mit Verklärungsschimmer…irgendwann hat man’s gesehen…oder eben gehört.

Auch guat: das alte Testament wie so ein Comic-Script lesen, und den neidvollen Adam zitieren, der am Schlusse alles auf seine Frau schiebt: „uups, she did it again“, meint wohl mancher nach dem Hunderteinunzwanzigsten Galerie-Apéro…

Diese Provinz-Galerien-Flanierer könnte man auch mit Zizek wohl etwas sofisticateter, feuilletonistischer deuteln: Ohne Freiheit keine Sünde – so entstand ja die menschliche Moral– (mindestens die der FDP).

Man muss schon nicht jeden Provinz-Schtuss ernst nehmen. „Wer im Gebirge lebt, kümmert sich nicht um die Stechmücken der Ebene..“ (ist von Tomasi di Lampedusa und nicht aus dem NZZ-Leitartikel). Nimms einfach mit der heiteren Gelassenheit der Geranien am Langwieser Bahnhof. Auch wenn ich den Walter Tell (ja, der der sich für die Freiheit entschied) gerne ernst nehme:“ Vater, es wird mir eng in diesem Land..“ oderso.) Der schrecklich wohlproportionierte Urschleim der eigenen Dumpfheit kann auch moderner interpretiert werden…

Ich bin ja aus Chur. Chur ist oft zu klein für die grossen Gedanken. Nur Berge, das vermittelt dem, der dort aufwächst eine gewisse Sicht…man hat seine Hobbys in den Bergen, sieht oft nur Berge, ….aber eigentlich interessiert eher der Horizont…dort sieht man, was sich am anderen Ende befinden könnte, denkt man. Aber zwischen Hirn und Jetzt gibts viel mehr als man denkt. Wenn man aus dem Weltraum auf die Erde schaut, sieht man immer direkt das Obertor (meint ja auch unser Stapi.)

Ist Chur etwas zu tief positioniert für einen grossen Sog, für tiefschürfende Gedanken? Nai, je länger man da lebt, denkt man: meist ist’s nicht unangenehm hier, hier kann man die Gedanken in Form von ahnsehnlichen Höhenmetern anheben und dann auf 2000 Metern in einem Begeisterungsgebirge, schnaufend im Jetzt landen. Betrachte das aber nicht zu sentimental. Am Ende eines Lebens weisst Du’s wieder: „When life gives you a lemon, make lemonade.“ Unsere Zitronen sind die Berge. Unsere Wertschöpfung.

Um bei der Fruchtologie und bei den Glücksforschern zu bleiben: „Glaube nicht schöne Äpfel würden besser schmecken…“ ist ein altes lateinisches Sprichwort von Livius (für Insider: mein Übernahmengeber); und der hat mich nachdenken lassen: Bei uns ist doch alles immer noch besser als etwa in so einer Sub-Sahara-Nation. Diese unsere Schweizer-Komfort-Wurstel-Zone kann auch ein Sehnsuchtsort für das vollkommene Aufgehobensein sein…

 

Ja, manchmal streiten wir uns ja um Geschmack wie zwei Damen auf dem Strich ums Trottoir…OK, tut gut, zu hören was andere so gerne hören; wenn ich im Cycling so auf Velorädern Musik abstrample, da lern ich viel über „Diversity“ – wie verschiedene sind doch Geschmäcker und Perzeptionen.

 

Auch, eben einer dieser Ohrwürmer; diese Harmonie-Trigger, diese ewiggleiche Tonspur, die uns dann begleitet mit dieser energetischen Heiterkeit bis man sie nicht mehr abstellen kann, wie den Florian Silbereisen (den hat sie jetzt zwar abgestellt) , so atemlos wie bei der Helene Fischer, schön harmonisch plärr populärr, popuplärrend und und mainstreamig, aber auch irgendwie ergreifend…wohl eher passend zur akustischen Zerstreuung, die earfon- und sporthallenfüllend unsere Sinne betäubt….Dieser lange Atem wie bei den Heimatliedern hat so etwas gleichzeitige „Diversity“ in sich wie ein Art-Kuhfladen von Not Vital oder die richtigen Fläden auf der Ochsenalp.

Nach dieser Schwerelosigkeit suchen ja viele heutzutage, auf Kreuzfahrten, Zürcher-SVP-Parteiabenden oder anderen Schlangenbeschwörer-Events. Mit wogenden Klangsegeln oder ländleraffinen Jassgeräuschen. Klopf und Bamm. Rumpelt vielleicht leicht etwas, ist aber beglückend…diese gerontokratische Polytonalität. – Wie fast alles bei der Fast-Leichen-Generation. Wenn du Schwein hast in eine Moll-Harmonik verfallend, von hohem Schmelz und einer ergreifenden Melodie-Trunkenheit zum Sentimentalen balancierend. Gut, muss man auch hören können – ich zum Beispiel kann problemlos Musik hören ohne zu joggen…

Sie sehen, ich komme an die Grenze meiner Ausdrucksfähigkeit, bin ja höchstens ein sophister, ein Wortverdreher – die meisten verstehen mich dann in Kolumnen oder Glossen nicht mal – sagens dann aber nicht, gehen lieber mal ins Pissoir zum Augenverdrehen…Merke aber: Leute, die man am leichtesten versteht, sind meist Bullshitter oder Politiker.

Ich versuche meine eigenen DNA nicht nur lesen auch schreiben zu können. Die ist vielleicht beschwert von Büchern, aber das kann ja nicht schaden. Die intellektuellen Wörter schmecken mir auf der Zunge. So als Wort-Facharbeiter hat man halt auch seine Feinschmecker-Assets. Ausser wenn alles zum Generationen-Problem erklärt wird: Klar, wir Alten wollen euch doch nur die Meinung geigen.

Da kann die Wir-furzen-ja-auch-die-schönen-Löcher-in-die-Ozonschicht-Fraktion noch so lange in Heimat-F-Moll sprechen…

So wie die Sorte Schweizer, die alles auf der ersten Silbe betont (auch wenn am WEF inglisch spiikend) und gegen das Rahmenabkommen wettert. Wenns dann noch nach so einen netten Autokennzeichenklang nach SZ-SUV tönt, seh ich mich endgültig nach einem geistigen Präservativ um.

Meine Linke ist ja noch intakt. Da kann die Wir-furzen-ja-auch-die-schönen-Löcher-in-die-Ozonschicht-Fraktion noch so lange in Heimat-F-Moll sprechen und das volltönende, dunkle Agrar-Timbre für ein Gefühl der Geborgenheit sorgen. Diese Tubbel-Flüsterer wie Köppel sind mir einfach suspekt wie so eine gutverkaufende Tupperware-Party-Hausfrau. Da recke ich meine arthritischen Daumen schnell mal abwärts auf FB.

„Ach Louise lass, das ist ein zu weites Feld.“ würde  Fontane meinen. Gut, diese anal-verstockten autoritären Archetypen der Schweizer Politik, die die Klima-Jugend bekämpfen, sie haben ja diesen erfrischenden Hauch jener gschtabigen Macht, die die Welt beherrschen möchte. Die Welt, die ja auch schon bald einen Hirntumor hat…Da ist in meinem Alter so eine gebrochene rechte Hand fast wieder ein Geschenk…

 

 

 

 

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Achtung workshop

Meinem Alter entsprechend ist es meine Art so sonderbare Momente zu sammeln und wie ein Eichhörnchen in der Seele zu horten…

Kürzlich war ich an einem Workshop der HTW Chur, es ging um ein Churer Kulturprojekt. Da hör’ ich aus einer Workshop-Ecke, genialisch euphorisiert: „Ja, STADT-ERLEBNIS, genau das Wort brauchen wir….“ Jaa, brauchen wir für die Politik-Behörde, das hörte man dann auch noch mehrfach:“ Jaaa, brauchen wir…einen LEUCHTTURM.“ So Betulichkeitswörter muss man kennen. Die punkten. „WERTSCHÖPFUNG“ oder gar „KOMPETENZZENTRUM“ und „DIGITALISIERUNG“ sind da auch rankingtauglich und wahlgewinnend.

Die junge Workshop-Leiterin (könnte meine Enkelin sein…) redet dann den ganzen Morgen von „Profil schärfen“, verzwergt den Nicht-Hochschul-Betriebswirt zu einem Wicht. Ihr Raster der Konzeptentwicklung musste genauso angewendet werden, wie sie es in ihrem Schualbüachli hatte. Sie intervenierte dann mit Verve um ihr Weltbild auch durchzusetzen. Wir Verlorenen. Was heisst: brauche die immergleichen Wörter: Kulturaffine Zielgruppe/ Erlebnistouristen/Innovation /Businessplan…

Sie wollen ja auch Mit-Strippenzieher werden bei all den mittanzenden Idioten und Lacksaugern.

 

Eigentlich hab ich ja null Bock auf diese Kopfwixerei der Fachhochschulen, ist ja ähnlich wie in den Fitness-Studios…Was wissenschaftlich aussieht, ist meistens Szientismus aber keine Wissenschaft.

Gut, man muss doch auf die jungen Stimmen hören. Sie wollen ja auch Mit-Strippenzieher werden bei all den mittanzenden Idioten und Lacksaugern. Was aber, wenn sie so alt tönen, als könnten sie unsere damaligen Professoren sein? – Heute tönen viele Jungakademiker wirklich so, so wie Ende der 60er, anfangs der 70er Jahre…

Zurück zu unserem workhop: nun zelebrierten die Zentralgestirne die Feinheiten eines workshops, als handle es sich um eine Hochamtsliturgie am Ostersonntag. So ist es: Unsere Enkel tönen wie unsere Eltern (einfach noch etwas pseudo-akademischer). Inzwischen haben zwar einige Reizwörter gewechselt, aber zum Beispiel das „USP“ (Alleinstellungsargument) brauchen sie immer noch wie die Wirtschaftswunderer. Heutzutage formuliert man krankhaft eins. Damals war man einfach ein USP. Die besten Umsetzer sind doch einfach die „Umsatzer“, weil sie kommerziellen Erfolg haben…Die Nase haben, was läuft. Was ich verkaufe, soll funken und flacken, beissen und brennen, spontan und spicy sein, überraschend und erhellend…wieso soll ich Esel erfinden, die in Löwenhaut rumspazieren?

Kommt jetz der Absatz, wo ich aus meiner Angry-old-Man-Alterssicht über den Zuviel-Wandel, die Traditionsfeindlichkeit des Nachwuchses sauertöpfisch missbilligend, das Change-Moment nicht mehr verstehen will…? (Nanai, Hauptsache gesund, nicht auf die Uhr schauen, nicht seufzen, die Mundwinkel nach oben ziehen)

Leider ist es umgekehrt: Akademiker-Rookies reden heute wie mein Professor an der HSG anno 1968. …Damals dachten wir vor dem Einschlummern …“gutso, wenn das für das Licenziat reicht, soll’s recht sein.“ Es war dann auch so: meine prämierte HSG-Diplomarbeit (ja ein bisschen fremdschämen muss schon sein) hatte 1971 Chur’s Marketing zum Thema. Fazit: Chur als Alpenstadt zu positionieren. – Gut das ging dann einfach etwa 30 Jahre bis man das umsetzte.

In jeder Peinlichkeit wohnt ja eine Erleuchtung inne, meinte schon Enzensberger.

Gleichentags die Abend-News: die Hochschulabschlüsse in der Schweiz haben sich von 2007 bis 2017 verdoppelt. Ab 2030 wird rund jede(r) Zweite 25 bis 64 Jährige eine Hochschule oder eine höhere Berufsbildung absolviert haben. – Guat, jetzt haben wir also viele solch clevere Jungschweizer***…(einige MINTS fehlen zwar) aber im grossen Ganzen haben wir immer mehr solche tolle junge Leute, die die Verhaltenskodexe gut kennen, den Koran (nein, nicht den religiösen) kennen…und ebenso mittelmässig ehrgeizig wie unbegabt sind.

Der Gruppendruck wird also stärker: dieses etwas dumpfe, pyramidale Abkopieren von Harvard, der London School of Economics, der HSG und am Schlusse der HTW Chur…das ist die Ernährungspyramide. Es scheint, dass man mittlerweile nur das vordenken muss, was so vorgelabbert wird. Und dies oft mit einer merklichen Kruste der Austrocknung, die sich auf ihrer langen Entfernung von der Quelle der Eingebung gebildet hat…

Man muss nur Marketingoberflächen kennen, kein Produktinneres. Denk nicht nach – denke vor…?? Gilt wohl nicht mehr?? Gut, in jeder Peinlichkeit wohnt ja eine Erleuchtung inne, meinte schon Enzensberger.

Soweitsogut, da kommt dann doch noch mein innerer Einwand: die performen aber alle viel besser als Deine Generation. Ihre Show ist bedeutend besser. Sie wissen genau wieviele Worte pro Chart… OK, seit Trump kenne wir den Backfire-Effekt. Nicht alles was Du weisst auch noch einbringen…(Wenn Fakten das Weltbild des Gegenübers in Frage stellen, ist es sogar kontraproduktiv, sie zu erwähnen.). Gut, immer Rechthabenmüssen zermürbt vielleicht auch…

Ja, ist wohl so: Mäandernde Wortströme werden beliebig im Ausbildungsmarkt kanalisiert, frei flottierende Allerwelts-Charts suchen Bildungssammlungen als Ankerplätze. Nur hat der Wert dieser Konzepte gar keine reale Deckung mehr. Diese lokalen „Hochschulen“ tummeln sich gerne im Hochpreissegment der Wünsche, flott flottierend bildungssegmentbefriedigend, staats- oder elternfinanziert, politiksedierend und innovationssimulierend und ersparen es ihren Professoren, ihr Mittelmass an internationalen Massstäben zu messen.

Diese dysfunktional gewordene Hochschul-Simulation hat dann so ihre flankierenden Auswüchse. Ein erfolgreicher Altstadt-Lädeli-Besitzer dozierte dann auch noch am workshop (So wissenschaftliche Grabräuber gehören auch dazu…:-) :„ Wie die Hochschule Luzern in einer Studie herausgefunden hat, wünschen sich 60 % der Touristen Lebensmittel als Souvenir nach Hause zu nehmen..“ Als ob er dies nicht schon vorher gewusst hätte. – Well, die Amerikaner haben uns schon in den 70ern beibrachten: überall wo’s etwas Schönes zu watchen gibt, musst du Burgers oder Hotdogs salen…Deshalb ist ihr weitgereister Präsi wohl so dick…da gibts wohl bald eine Korrelationsanalyse dazu.

Halt wieder so ein workshop an dem ein blinder Veganer mir erklärt, wie eine Bein-Wurst auszusehen hat….

Apropos (nicht nur bei Trump): Reflexionen sind heute nicht immer gefragt. Immer ein Schrittli rückwärts, denke dumfpwärts schal und fad, langweilig und uninspiriert einfach mit der etwas moderneren Innovations-Lap Umgebung…Da kann man sich doch toll anlehnen an diese Screen-Wände, oder wie heissts: „Hinfallen ist wie anlehnen, nur später.“

Am Schlusse des workshops kommt der O-Ton des sympathischen Wirtschaftsförderers in dieser banalen Üblichkeit: „ Wir haben heute viel gelernt…die Learnings sind beachtenswert.“ – Hat er vielleicht was über Kultur gelernt? Wohl kaum über Problemlösungen. Und schon gar nicht gemerkt was für eine absurde Multiplikation des Aufwands da mitfliesst. Um 3 Kulturprojekte zu evaluieren, haben rund 20 Leute steuerbezahlt einen Tag mit Nonsens verbracht Der Apparat stand in keinem sinnvollen Verhältnis zur Produktiviät des Systems…

Die Kunst der strategischen Ausblendung und des schadlosen Überhörens…war am workshop dann bei mir etwas erloschen. Der Triumph der Form über den Inhalt brachte einige Materialermüdung…ich wurde so einfach ein Beispiel für die Koexistenz von lebhaftem Interesse und bescheidener Zurückhaltung.

 

Ja, so ein Workschop mit Partizipationsfolklore ist schon was..Und was sind die Learnings bei mir? Möglich: Weniger Altersstarrsinn oder weniger Abwehr von Neuerungen. Vielleicht mehr das Eingeständnis eines Zurückblickenden oder das Reuebekenntnis eines Erschlafften…Halt wieder so ein workshop an dem ein blinder Veganer mir erklärt, wie eine Bein-Wurst auszusehen hat….

 

 

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Die Bündner Rassentrennung

Ich bin noch mit inversiver Rassentrennung aufgewachsen. Die Schwarzen dominierten alles in den 50er und 6Oer Jahren. Die CVP hatte am meisten Beamte in Chur…ja die Schwarzen schrieben sozusagen politisch schwarze Zahlen…Die Dominanz-Disproportionaliät von katholischen Sursilvanern zu anderen Stämmen war augenfällig. Sie hatten das Sagen.– Die Kirche war noch die Volksbildungswaffe und wir konnten uns nie vorstellen, dass dieser katholische Machtblock auch irgendwann denen um die Ohren fliegen sollte…Es gab zwar keine Schilder „nur für Schwarze“, aber schwarze Tsunamis überall…

Die Regel nach der man in GR als Deutschbündner doppelt so gut sein muss als ein Romane, hat man uns subtil eingebleut. Rumantsch und CVP-Connections war schon mal die Hälfte des Erfolgs. Die serienmässige Inkompetenz der Schwarzen war höchstens ein Geraune, aber nicht so erkenntlich. Wenn sie dann mit Grossratsmiene durch die Reichsgasse liefen, wusste man: die Macht ist mit ihnen- heute würde ich’s so narcosmexicomässig nennen.

Sie rechneten immer mit Katastrophen und planten dementsprechend:  Bunker (wenn’s khömmand..), Mirages…auch mal Stauseen und Tageszeitungen. Auch das WEF Davos entstand damals. Gut, da konnte man sich gar nicht vorstellen, dass britische Journalisten heutzutage etwas so bekanntes so vergleichend beschreiben würden: „Wie Davos, nur mit Intelligenz und Poesie und ohne die Verpflichtung so zu tun, als würde man anderen helfen.“

Also: Die C-Connection. Es fehlte ihnen schon an Wirbelsäulenkalzium. Aber sie waren Meister der gelungenen Zudeck-formulierung. Bevor sie ihre Inkompetenz und Trostlosigkeit salonfähig dadurch ausdrückten, dass sie immer wieder olympische Winterspiele organisieren wollten und eine schollendynamische, wenig überzeugende Wir-habens-im-Griff-Attitüde kultivierten. Meist mit so einer Medien-Aura drittklassiger Polit-Chargenschauspieler und meist passte das Ende ihrer Sätze schon nicht mehr zum Anfang. Ideenlose, konservative CVP-Politiker bestimmten, wer Jobs bekam, schliesslich brachten sie auch die Subventionen aus Bern mit.

Unsere Basis-Schulung hat sich bewährt: halt einfach den Mund und sag bestenfalls etwas in rumantsch….

Wer würde bei solchem Schwachsinn nicht wütend werden? „GR, du machst mir Sorgen?“ Das war unsere 90Jahre-Frage. Beim Nachdenken über GR wurde einem halt schlecht im Auto Richtung Disentis – aber nicht wegen der Kurven…

Aber dann kamen Ablenkungen wie die antioxidative Schafhaltung der Potenzialarmen oder das Steinbock-Biofleisch aus der Gian-und Giatgen-Freilandhaltung und als Belohnung immer wieder neue Bewirtschaftungs-Prämien.  Immer die gleichen Konzepte. Unsere Basis-Schulung hat sich bewährt: halt einfach den Mund und sag bestenfalls etwas in rumantsch….

Der Tonfall eine Mischung aus Schollen-Selbstbewusstsein, Dominanz und glückseliger Unwissenheit getarnt durch eine ausgedehnte Beamten-Spreche wurde zum State of the Art. Unterstützt von Hat-nichts-mit-mir-zu-tun-Beamten, hatten sie immer noch eine bestimmte archaische Bündner-Würde. Aber man erreichte dann doch trotz Klimawandel-Ansage einen neuen Kältegrad. Das war vor der Jahrtausendwende manchmal fast unerträglich.

Ich denke bündnerisch, also jammere ich… über Höhennachteile, Sprachminderheit und Agrarleiden, Wasserlassen beim Wasserzins…diese Seufzerfiguren hatten Erfolg. Gelernt ist gelernt. Randgruppen-Jammer-Marketing wurde zum Bündner USP – Was der Bauer mal kennt, frisst er dann jahrelang: Subvenzionsfood…bündneragrarische Unfähigkeit als Stilmittel.. es genügte wenn man die Stimmbürger mit Konzepten, Majorzdominanz und einer potenzialarmen Brachen-Verzweiflung zutextete und in Schach halten konnte.

Die geheimsprachlichen Diskurse der Sogenannt-Bürgerlichen (egal was, Hauptsache Baufirmen, Banken und Armee wurden zur politischen Essenz) hatte aber auch etwas liebevoll Verzauseltes, Verhuschtes, Verholpertes, Radebrechendes, Abgeraunztes.

So wurden wir domestiziert. So wurden wir dann auch verspätet zu Nachdenkern, sogar Spät-68er. – Das alternde Frühwarnsystem kam erst später, aber auch nur spärlich mit dem kraftvoll aufsteigenden Aroma der Schollennationalisten der SVP. Die Voll…ks-Partei. Die Renaissance der alten Feudalwerte – einfach durch eine andere Partei– war aufgegleist. Mit der (alten) SVP. (Ja, die vor der BDP. Und niemand sahs kommen: „Tu dormis, tu perdis…“Du pennst, du verlierst“– man konnte altfeudal weiterschlafen brauchte lange bis zur Bewusstseinserweiterung. )

Als Frühwarnsystem waren erst viel später die abstürzenden Immo-Preise, die Zweitwohnungsmisere und erst heute der Bauskandal im Engadin. Damit schloss sich der Kreis von der Surselva ins Engadin. Lebende nationale Peinlichkeiten wie Martullo haben dann später einem bereits sedierten Rechts-Wirtschaftsbürgertum endgültig das Hirn rausgerissen. Als Nachfolger und Zuchtstation für etwas unbewegliche Bündner kam dann die BDP mit ihren etwas beschränkten Weisheiten und Polit-Darstellern…

Gemischt mit den Ausdünstungen der Fremdenfeindlichkeit ergab sich so eine neue Zukunfts-Vision. Guat, Halt..man kann natürlich Historie auch anders begreifen (würde das Bündner Tagblatt meinen…)

Das muss man natürlich nicht so schwarzweiss sehen oder gesehen haben…meine Jahrgänge, die die echte Rassentrennung in den USA noch erlebt haben, finden’s wahrscheinlich übertrieben. Schwarze und weisse Schafe sind geblieben…

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in sein eigenes Körbli scheissen…

Alles nach dem Motto: Ein Vorurteil ist doch immer doof. Doofer ist’s, wenn man’s steigert mit 100 Social -Media-Posts.  Und danach führen 1000 Repetitionen zu „..eine Studie der Weltwoche belegt…“ – So belegt bin ich nun, und berieselt mit den Leserbriefen zur Selbstbestimmung.

Etwas von fremden Richtern schwafeln…etwas, was es auf der ganzen Welt nicht gibt: eine Verfassung, die über den Menschenrechten stehen soll. Dies nennt man bei der SVP Selbstbestimmung. –Eigentlich wollen sie abstimmen, dass man weiterhin zustimmt, dass sie künftig bestimmen sollen.  Soviel  Nonsens zu dieser Nonsens-Abstimmung.

Bald wird in der Schweizer Verfassung auch noch stehen, mit welchem nationalistischen Dumpfgrunzen wir kacken sollen.

Ja, klar bin ich gerne selbstbestimmt. Selbstbestimmung soll ein Menschenrecht sein (wie das eines Gehörnten Hörner zu tragen.) Darüber müssen wir jetzt abstimmen. Also so eine Selfie-Initiative. Selbstdarstellung als Selbstbestimmung.– Gut jetzt kann man sagen, Selfies liegen im Trend  (hornlos ja auch, hirnlos glaube ich auch….)

Wir sind gar nicht mehr in der Verfassung all die vielen intelligenten Sätze zu überblicken, die die intelligente SVP uns in die Verfassung diktiert. Wenn das so weitergeht, wird in der Schweizer Verfassung auch noch stehen, mit welchem nationalistischen Dumpfgrunzen wir kacken sollen.

Die Ersetzung eines Unsinns (wie die Moschee-Initiative) durch einen anderen Unsinn (wie die  Selbstbestimmungs-Initiative) hat schon Methode. Das ist Zocker-Demokratie: BIETE neue sinnlose Abstimmung (zwecks Parteioptimierung), LÖSCHE Demokratie. (Gut, diesmal scheint der Schuss hinten hinaus zu gehen…)

Wie kann man sich in einer Herde von Landwirtschafts-Ajathollas und Innenverteidigern der nationalen Requisitenkammer selbstbestimmt fühlen? Nur weil sie stierig und paranoig glauben schlauer zu sein als die Ochsen über der Grenze? Einfach konfuser Mehrfach-Denk mit verlogenem Mehrfach-Sprech: die Partei, die sich vermeintlich für Wirtschaft und Freiheit einsetzt, fährt sie selbstbestimmt an die Wand (und widerspricht dann völkerrechtlichen Verpflichtungen wie bei der Ausschaffungs-Initiative).

Die Argumente vieler Juristen, dass Menschenrechte übergeordnet seien, stimmt. Mehr mag ich jetzt nicht breitwalzen. Aber was führt dann immer wieder zu diesen Schwachsinns-Volksabstimmungen?

Das ist Zocker-Demokratie: Biete neue sinnlose Abstimmung,  lösche Demokratie.

Gut, das ist die neu Ideologie der Zeit: Selfie. Das ist der neue Kommunismus. Der Klassenkampf der neuen Europa-Zuchtmeister Salvini, Orban und Vogelschiss-Gauland. Die regulierte Hysterie. Eigenwixx: Selfie-Parteiparolen für Selfies in der Selbstoptimierung. Das ist politischer Photoshop.

 

Wirkt doch nett, so etwa wie die Blümchenmuster auf den Sennenhemdlis. Oder wie der Herr Föhn auf dem Pragelpass…und kommt der Nebel, kann man vielleicht auch nicht die Swastika, auch Hakenkreuz genannt, so genau von Gipfelkreuzen unterscheiden. Im fernen Asien ist die ja als Glückssymbol bekannt. So weltoffen sind die.

 

Wenn der Herr Nationalrat Föhn, so ein alerter Durchblicks-Moutathaler mit Mieselsuchtsfratze uns sagt, was los ist in Europa und erst beim Brexit, so glaube ich dem. Er repräsentiert ja auch den gedunsen-schlaffen Bauch unserer Gesellschaft. Der sieht hoch oben von seiner aufgeräumten Alp in die morbide Tiefe der (zugegeben nicht immer nebelfreien) EU-Ebene..Er kann als zwischen Hybris und Minderbegabung dahinstolpernder HuHu-Patriot seinen Bedeutungswind immer wieder neu anfachen. Immer wieder neue Dumm-Dimensionen anblasen. Damit wir mit Kleinsinn-Pedanterie wettmachen, was wir nicht verstehen…

 

Er schaut dann wie ein kleiner Abteilungschefs der nie mit der Arbeit der Kassiererinnen zufrieden ist. Nix mit Alpsegen. Eher so ein Stossgebet: „Kleinhirn an alle. Ich selbstbestimme, also bin ich.“

Die selbstbestimmten Ich-Präsidenten à la USA werden ja Vorbilder. Und das alles ohne grössere Reflexionsdämmerung. Von Hanna Arendt wissen wir, dass für den Aufstieg der totalitären Bewegungen in Europa wichtig war, „…dass ihre Mitglieder aus der Masse jener scheinbar politisch ganz uninteressierten Gruppen rekrutieren, welche von allen anderen Parteien als zu dumm oder zu apolitisch aufgegeben worden waren.“ Das erinnert an Kästners Fabian: „Alles was gigantische Formen annimmt, kann imponieren, auch die Dummheit.“

Die SVP hat 30%. „Alles was gigantische Formen annimmt, kann imponieren, auch die Dummheit.“

Da kommt einem immer wieder der Verdacht auf, dass wir Stimmbürger als noch die grösseren Arschlöcher eingestuft werden, als wir sind. Enden wir dann wie die Nutten, die ein Leben lang zurückzahlen müssen, was sie ihren Zuhälter gekostet haben? Oder wie ein Hund der in sein eigenes Körbchen scheisst – selbstbestimmt.

 

 

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kannittvarstaahn..

„Iii, halten Sie bitte Abstand!“ mit ausgestreckten Händen zeigte die Dame dem Zugbegleiter, dass sie nicht mit ihm in Körper-Kontakt treten wollte. Nein, keine metoo-Story, auch keine weitere dieser SBB-Kolumnen, eher so Alltag. Verblüfft schaute der Beamte umher. Deeskalations- und transaktionsgeschult, fügte er sich, streckte auch die Arme weitweit von sich und kontrollierte das e-Ticket.

„Wissen Sie hier ist alles voller Strahlung…“ meinte sie dezidiert.

„Ja, dann wäre der sicher schon tot..“, rief ich vom Nebensitz dazwischen mit Blick auf den Kondukteur. Und erntete stillschweigend männlichen Beifall.

„Nein, alles voller Strahlen, Sie merken’s nur nicht.“ versuchte sie den Faden wieder aufzunehmen, nachdem er schon rückwärts weiterlief. Mit der Angelschnur wohldosierter Sätze fischte sie nach Bestätigung bei mir….“Sie können sich das gar nicht vorstellen…“ (Hatte wohl gerade von 5 G gelesen. Wie sich 45 Zugsminuten später herausstellte, war sie sehr gläubig, aber man kann heute von den Leuten schliesslich nicht verlangen, an die Spiritualität von i-Phones zu glauben…)

Fast wollte ich sagen: „ihre technikbezogenen Fachkenntnisse wären ausbaufähig…“, liess es aber bleiben. Sie war wohl eher eine Versteherin aller Zusammenhänge. Fand ihre Chakren wohl total  harmonisiert…

So versteh’ ich das: Die Kondukteure verstehen die Fahrgäste immer weniger. Die Bürger verstehen die Politiker nicht mehr. Die Geiger die Pauker nicht mehr. Die Fleischfresser die Veganer nicht mehr. Und allle haben auch nur einen Gedanken im Kopf: die Parameter anpassen, mit denen sie ihre Feinde definieren…letztendlich wollen doch alle unter sich bleiben. Sich nur mit Leuten umgeben, die so sind wie sie sind.

Nana, ich versuche seine Verbal-Diarrhö zu stoppen

Wie kürzlich im M-FIT. Ich diskutiere in der Garderobe mit Fredi, ehemaliger SP-Grossrat, Gutmensch (ächter) ist oft in Nordafrika – Entwicklungshilfe-Projekte. Wir reden über Mali (seit der Unabhängigkeit in den 60ern), er weiss viel, hat viele Freunde dort, und versucht zu objektiveren, was ich ab und zu etwas hinterfrage. Da poltert ein etwas Schwerbeleibter – Ranzen, zu kurze Velohose im bayrischen Lederhosen-Imitat dazwischen: „Alles wegen dem Islamismus…gell.“ Eigentlich haben wir ihn nicht gefragt, aber er wusste – immer noch ungefragt– auch dass Sarrazin und Köppel das besser wissen: „Ich war am Vortrag von Köppel..“– Nana, ich versuche seine Verbal-Diarrhö zu stoppen, er versucht sich aber weiter als Faktenzeiger. Eine Kakofonie von Schwachsinn…

Guat, dem Körperbau nach ist er kein Athlet (rund 100 Kilo tiefschweizer Nazi-Treibsatz). Denkathlet schon gar nicht. Muss wohl sein Denkfett zuerst los werden. – Plötzlich reichts mir, sein rassistisches Geschwurbel muss ich mir auch nicht hier anhören. Die Konkurrenz von Wirklichkeiten reicht mir auf FB. Ziemlich laut rufe ich in die Garderobe: „Du musst mit gewaltiger Dummheit gesegnet sein…“

Uiuii, das macht man nicht, schon gar nicht im Fitness-Club. Ein Bekannter ruft dazwischen: „bitte keine Politik hier…“ Die unknown unknowns sind uns doch lieber. Das darf man in der Politik wohl nicht so sagen: „Das Grundproblem ist, dass mein Wert als SVPler in deinem Minderwert als Syrer liegt. Mein Mehrwert ist dein Prekariat.“

Ja so ist das, der Pessimist beklagt den Riss in der Hose, der Optimist freut sich über den Luftzug

Und wie ging die Geschichte im Zug – sie war  Musiklehrerin – weiter? Wir diskutierten dann von Landquart bis Zürich. Auch über Hoömopathie: „ich machs nur noch mit Globuli“. Da ich witzig sein wollte, erwiderte ich: „ Das ist doch die teuerste Form Zucker und Mehl zu sich zu nehmen.“ Auch ui,ui ui …wegen dem Zucker zickte sie dann noch heftiger… Ja so ist das, der Pessimist beklagt den Riss in der Hose, der Optimist freut sich über den Luftzug…aber so konkret durfte ich natürlich nicht argumentieren.

Dann ihr rascher Griff zum I-Phone: „… ich mach das alles  nicht mehr mit, wissen sie ich verweigere mich einfach dem Konsum“ (sie telefonierte aber mindestens eine Viertelstunde, dafür romanisch, also pc–politisch korrrekt)

Ist ja alles so selbstredend! Selbstredende Mitmenschen sind immer interessant. Interessant…bis man alle Bewohner aller Welttangenten kennengelernt hat. Selbstfahrende Ideologien gibts ja immer mehr. Den nächsten Weltkrieg werden wohl etwas über sieben Milliarden Feinde gegeneinander anzetteln.

Am Hauptbahnhof gab sie mir dann noch einen Flyer für ein Kirchenkonzert in der Martinskirche Chur…den geb ich vielleicht meinem übergewichtigen Fitness-Kollegen, der so gerne über den Islam psalmodiert ….

(Soziologen sagen zwar, im Paradigma der Diskriminierung gäbe es keine Interaktionen, keine Wechselseitigkeiten, dafür auch keine moralischen Dilemmata…)

An-streng-end-nichchchcht?

(Bitte im Falle einer faschistischen Machtergreifung diesen Blog sofort zerstören!)

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aufwachen–inszeniert

Chur hat ein Theater. Ab und zu sogar ein gutes. Das Theater ist der Versuch der vielschichtigen Stadt gerecht zu werden. Die gutvernetze und vielseitige Direktorin hat nur ihre liebe Mühe damit. Was machen?

Es allen recht zu machen, ist in Zeiten der Pluralisierung der Gesellschaft schwierig. Dass einige denken, dass die Gesellschaft so bleiben kann, wie sie ist…ist nicht unbedingt nur churerisch, aber trügerisch. Und auch eine Programmfrage. Der Typus des „Churers“ hat sich verändert; und sogar die Veränderung hat sich verändert…zu vielfältig, zu divers..

 

Chur… so eine Schweizer Normcore-Stadt. Macht vieles wie man’s halt macht. Hat sogar bald einen avantgardistischen Werbe-Turm von Bane. Auch der Milo Rau war schon hier…der der sogar Zürich als Welthauptstadt des postmodernen Kleinbürgers, als globalen Hauptort der Lebensfeindlichkeit bezeichnete.

„Sogar die Veränderung hat sich verändert…zu vielfältig, zu divers.“.

Ursina Lardi, Churs Starschauspielerin, heute in Berlin, hat ihn wohl bei ihrer grandiosen Aufführung von „Die Geschichte des Maschinengewehrs“ über ihre Heimatstadt aufgeklärt. Er, der meinte die Ideologie der Peinlichkeit, wie sie den Schweizer Geist beherrscht, sei dominant. Den Schweizern sei alles peinlich, was nur im Ansatz physisch oder sozial ist, im Endeffekt sei ihnen das Leben peinlich. Denn die grösste Angst der Schweizer sei natürlich, dass ihre Angst vor der Peinlichkeit selbst entdeckt werden könnte. Ursina Lardi musste in der grandiosen Darstellung einer Kongo-Geschichte dann auch noch ganz kontextuell begründet auf die Bühne pissen…irgendwie symbolisch. – (..Geht jetzt aber zu weit, dazu müssten Sie den intertextuellen und intergestischen Stücke-Kontext verstehen….sonst ist das jetzt nur destruktiv!)

In Chur will man vor allem Ruhe. Letzten Samstag war ich in einer sehrsehrmodernen Antigone-Interpretation der furiosen Performerin Ann Liv Young. Mit radikal die Grenzen von körperlicher, geschmacklicher und psychischer Strapazierfähigkeit austestenden Performance-Abenden hat sich die New Yorkerin inzwischen einen Namen gemacht. Als die am Ende ihrer Entladung ziemlich aggressiv die Zuschauer provozierte…war das vor allem das Zeichen zum abhauen. Die „kleine Tür“ zu finden, wie es bei Brecht heisst, durch die man in letzter Minute entkommt, war dann doch für die Mehrheit der Zuschauer angesagt.

Sie sind es gewohnt Nichts zu sagen.

Gut, die würdestarrenden Mitglieder einer grossbürgerlichen Kleinstadt-Society, die Damen in kulturschwarz oder sogar mal in altmädchenweiss, die Ganzaufgeschlossenen in Cashmere-Pullovern…Die  mit Konfirmandenkrawatte oder mit fetten Klunkern  behängten Oldies irren auch noch sporadisch umher; auch die letzten Liegeradfahrer und Staatskundelehrer im Jeansjäggli sind dabei, spontanisieren und sympathisieren auch noch ab und …es müssen aber  konventionelle Vorstellungen sein.

 

Sie sind es gewohnt Nichts zu sagen. Es ist als hätten diese Bürger sich damit abgefunden, dass ihr Leben den Rhein hinabtreibt, ohne dass sie selbst das Ruder in die Hand nehmen müssen. Eine gewisse Souveränität im Elegischen-Anpasserischen und eine Verlangsamung der Spielgeschwindigkeit ist ihnen inne. Sie konsumieren gerne, es muss dann aber nichts Aufregendes sein…

 

Lieber würden sie dort eh über die Form des Pinot-Glases reden. Aber die Churer-Theater-Beiz ist nun auch mal kein Vorzeigemöbel…Man sieht sich lieber an Weltcuprennen, Higa oder bei Nostalgie-Geschichten in Riom. – Das Einstweh ist unser Basiskrankheit…und unsere angeschlagene Tageszeitung beschäftigt sich vor allem mit Verfalls-Credo und bringt historisierenden Wichtigkeits-Ramsch. Gerne gegen die Scheibe der Zeit. So wählt man dann auch.

„Harmlose, akute Horizonterweiterungsallergie ist churerisch.“

In Chur muss man nicht Brecht spielen, wie man ihn heute interpretieren könnte, es genügt vorzuführen wie Brecht 1948 die „Antigone“ spielen wollte (das tat dann auch korrektbildungsbürgerjustiert das Ensemble aus Wiesbaden). Standing Ovations gab’s zur Spieleröffnung letzte Woche.

Chur hat lange vor Adorno beschlossen, dass es im falschen Leben kein richtiges gibt..Oblomow, der Mensch im Schlafrock, nicht gemacht fürs Vorwärts, könnte Churer  sein. Und solche Oblomowereien lieben wir eher, führen lieber Gespräche unter unseresgleichen. Harmlose, akute Horizont-Erweiterungsallergie ist unserem Ab-und-zu-Programm-Theater-Publikum gemeinsam.

Die Direktion bemüht sich das Dornröschen nach ihrem hundert Jahre währenden Schlaf etwas zu schütteln. Das Programm implodiert förmlich (man nimmts dann nicht mehr wahr), und manchmal explodiert es…wie im Falle unserer Berserker-Antigone, Ann Liv Young. Aber dann kommen nur 30 Leute. Der Folgeabend fiel sogar aus. Die Unbesuchtheit ist wohl auch eine Unbesuchtheit des wachen Geistes…

Eher schlussfordernd als schlussfolgernd sag ich da: Naja, irgendwann gewöhnt man sich gegen alles.

 

 

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Wuala, der Wahlkommentar

„Man tritt nicht zweimal in denselben Dreck“, hat Beckett mal gedeutelt. Irgendwie haben wir aber geahnt, dass die Bündner das doch gerne tun. Sie haben nachgedoppelt. Die Wahl-Resultate von heute reissen uns kaum aus allen Kostümen. – Waren wir nicht einer genuin bündnerischen (Miss-?)Gestimmtheit verpflichtet?

In süsser Benommenheit, inspiriert vom Trälleri Bardill, haben wir uns vorgenommen diesmal nicht alle diese Weichspüler wieder zu wählen. Wir wurden regelrecht animiert von diesem Wahnsinns-Überflieger mit diesem Ui-bini-luschtig-Stil mit Alt-68-Opakäppli in Rosa-Weltformat. – (Guat, seine Guat-Nacht-Gschichtlis scheinen beliebt zu sein…über 12’000 Stimmen: das kleine, unterentwickelte GR-Sensorium für grosse Zusammenhänge hat doch guat gepunktet.)

Wir wollten die bisherigen Epochenschänder mit ihrer Pseudo-Fortschrittsideologie, mit ihrem Hang zur Plausibiltät der Inprofitabilität einfach abwählen…Doch die schreckliche Rache der bisher Beiseitegelassenen ist nicht gekommen.

Man hat uns zwar bestohlen, aber wir wissen eh nicht was uns fehlt…

Sie kennen doch die Story von diesem Menschen, der aufwacht und feststellt, dass er sich in einen Käfer verwandelt hat? Wollten wir uns nicht ein neues Polit-Geschäftsmodell herbeisehnen? – Jetzt können wir Käferli mit dem Wahlresultat doch gut weiterschlafen. Die politgestaltende Bricolage wegreden.…Vorbei over mit den parolinischen Bastelnachmittagen im Grauen Haus?

Die Ausschüttung der Baukartell-Informationen in die Fassungslosigkeit der staunenden und erschrockenen Bündner Seelen war halt doch nur sowas wie eine Fiebermeldung: 37.8 Grad. OK. Etwas Temperatur. Nicht weiter schlimm. Man hat uns zwar bestohlen, aber wir wissen eh nicht was uns fehlt…

Und nun: gewählt sind die Bisherigen ohne Biss, plus Caduff  und PPeyer- zwei Hoffnungen. Doch die Jawollskis haben wieder übernommen. (Diese Wahlen sind doch so etwas wie eine Bewertungen von Reisekutschen durch Tripadvisor. Einfach etwas retro.) – OK, der Mangel an Erschütterbarkeit ist uns Steinböcken doch gegeben, die Moral des Hinnehmens haben wir gelernt. Wir wussten ja, unter Politikern kommt es halt zu Tumorbildung, da muss es ab und zu Geschwüre geben.

Am Besten sagen wir halt nur, was man am besten so sagt, sagte sich die Regierung…das ist wohl die Vielzweckwaffe der Bündner Politiker…So ein Bündner Hüttenwart-Stoizismus. Nullsprech-Prosa gewohnt.

„Hoffentlich wird es nicht so schlimm, wie es schon ist.“ sagte ja Karl Valentin…

Unser Kümmernisse wurden wohl nur so  zum Lüften aufgehängt und die aufzuhängenden Politiker eher locker durchgewinkt. Wie immer. So etwas in der Kommunikation Durchgeschleiftes wirkt ja auch meist. Wir haben ja keine Änderungskultur, eher so eine Bewältigungskultur.

Nichts ändert sich. Die Bündner sind schon in post-panischer Zeit angekommen. Sie sind nicht einmal mehr erschreckbar…. also so gesehen weit voraus. Und die Wieder-Gewählten ? Wir wollten sie ja modern etwas nudgen, also schubsen. Aber wohin eigentlich ? –

Sie bräuchten sich uns gegenüber nicht zu schämen, sagen sie wohl beim nächsten Regierungs-Apéro. Dr Ha-nüt-gmerggt ist dominant. Und wir konstatieren wieder mal mit altersmilder Serenität: „Probleme sind nicht wie grosse Bordeaux-Weine. Sie werden nicht besser, indem man sie lange lagert.“

Zwischenruf aus den hinteren Rängen: “Lang lebe der auf verlorenem Posten.“ – Das ist der Vorteil der Berglangsamkeit, man bleibt auf der Kreuzung stehen und wartet, bis man über den Haufen gefahren wird.

Sie können jetzt natürlich mit einer therapeutischen Leseart an diesen Text gehen, oder auch faktisch urteilen: die wenigen Anwesenden haben wieder mal die vielen Abwesenden überstimmt…

So endet dann die Wahlfänger-Story. Wie bei Moby Dick. Genauso sick. (Aber doch demokratisch) „Hoffentlich wird es nicht so schlimm, wie es schon ist.“ sagte ja Karl Valentin…

 

 

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Castorfs Benebelung

Vorbei ist das Theatertreffen in Berlin 2018. Wir waren wieder dabei, haben 8 Aufführungen gesehen. Viel Neues, Anderes, Highlights…einiges auch diskutabel.

Ein Wau, der 7stündige Faust (bingewatchen im Kulturmiliö: Toilletten-, Arsch- und für einige auch Rauch-Weh). Versaute uns sogar die nächtliche Rückkehr mit ÖV nach Brandenburg…Diese Woche stand im NZZ Feuilleton, das was man nicht überall sagen darf, schon gar nicht in Berlin: „..überdies wird in weiten Teilen Deutschlands um Castorf eine Art Kult betrieben, der irrationale Züge trägt…“

Stimmt – war mir schon dieses Jahr im Schauspielhaus Zürich aufgefallen bei der Vaudeville-artigen Inszenierung einer Dostojewski-Erzählung: „Die fremde Frau und der Mann unter dem Bett“, wo wir dann zu Dritt in der Pause ausklinkten…Joh, ein älterer Herr ist dieser Castorf also geworden, so ein übersexter Altersheim-Rocker, den wir so faszinierend fanden in den 90er Jahren, als wir noch an die Volksbühne pilgerten (ich war schon zu DDR- Zeiten 2 mal dort).

Er provozierte doch jahrelang so schön die konservativen Gemüter im Publikum…joh, passt für staunende und erschrockene Seelen, so prosecco-bedeutungsvoll. Aber heute kommt’s mir vor, als ob diese Bühnen-Klamauk-Lärm-Oppulenz (Der beleidigte Castorf kostete der Stadt Berlin allein für den Theatertreff rund eine halbe Million Euro Drehbühnenumbau weil er nicht mehr an der Volksbühne inszenieren wollte..) einfach ekstatisch durchbolzt. Der Osterspaziergang für rezidive Theatersesselfurzer, die jetzt auch noch Trash entdecken… Irgendwie ist das nur noch für alte Bildungsbürger gemacht…Man muss doch jetzt auch noch dabei gewesen sein. Das Genie ist aber weder altersweise noch altersmilde, einfach etwas altersblöde – tunggtsmi. Beeindruckungstheater mit Konformitätsdruck.

Gut, seine grossen Figuren wie Martin Wuttke, Sophie Rois, Alexander Scheer, Leute wie Fritsch und Pollesch aus seinem Ensemble sind heute unbestritten das Non-Plus-Ultra in der deutschen Theaterszene….und allein wegen Wuttke und Rois war’s wert (oder Valery Tscheplanowa, die für ihren Auftritt zur Schauspielerin des Jahres gekürt wurde: sie könnten auch den Wasserstand vorlesen, man hängt an ihren Lippen.)

Deshalb sollte man diesen Faust gesehen haben. Aber das ginge in 2 bis 3 Stunden. Der alte Berserker musste dann in den Zwischenstunden noch eine telenovela-artige Story aus Zolas „Nana“ im Algerienkrieg als Fremdtext-Einlagerung einbauen. (seine vielzitierten historischen Schichtungen?) Hat er jetzt auch noch von NarcosundCo, den Gewalt- und Netflix-Drehbuchschreibern abgeguckt? Auf jeden Fall ist seine Brüll-Sex-Material-Schock-Inszenierung altersheimreif…mit arg Abgegriffenem.

Ja, geblieben ist eine ganz eloquente Schaubühnen-Inszenierungen („Die Rückkehr nach Reims“/ Eribon) mit Nina Hoss…Dazu einen 1.Akt des Brecht Stücks „Trommeln in der Nacht“, der Original-1922 bühnensprachlich und kulissen-technisch umgesetzt wurde. (Der zweite Akt dann aktualisiert inszeniert) Unglaublich hat man damals so gesprochen, inszeniert? – Es mutet schon fast ironisch an? – Das sagt man wohl auch bald über Castorf…Ist das jetzt so ein Castorf -Jetlag den die haben?

Ja,Theater müsste eigentlich eine Reflexions-Umwälzanlage sein…ist es nicht mehr immer.

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geldopolitik

Dass Feldis zu Geldis wird, und Hinterrhii zu Hinterrüx und Lavin zu Schlawin ist nicht gerecht. Nicht alle Kleinen sind bei den Schweinen. Guat. Maienfeld zu Maiengeld (ja der Alt-Regierungsrat hockt ja dort), oder Chur zu Churleone (der Baumeisterverband und fast alle Anwälte), Celerina zu Zählerina dann schon eher…Ruedi Widmers Karrikatur „Willkommen in Baubünden“ im Tagesanzeiger von heute ist wunderbar.

Die „Republik“ bringt die Geschichte vom Engadiner Bauskandal. Jetzt tauts auch bis nach Oberhalbwelt. Nachdem sich bisher niemand so richtig aufregte zwischen Bonastutz und Chlütters.
Grossartig erzählt, gut recherchiert u.a. von Anja Conzett, Gion-Mathias Durband – mit menschlichen Emotionshappen, aber auch mit vorsichtig abwägenden Voten zum „Aufdecker“ des Skandals. (Auch der ist ja nicht gefeit gegen allfällige Verdachte.)

Alles Tradition: wasasliwas hat Parolinis Vorgänger Trachsel in seinen politischen Flegeljahren in Zählerina anderes gemacht als Immobilien- und Baustreiche…nennen sie’s so. Das hat Methode. So wie nach der jämmerlichen Mediakonferenz des Baumeisterverbandes in Churleone der Trost bleibt: „Vorhang zu und alle Lügen offfen…“

„Nai, glaubinit?“ war ja bisher so die Antwort der Bündner Normalos.

Insider schockiert da nichts. Bei Hotel- und Touristikbauten hab’ ich’s erlebt. Conrad (ja der von Foffa-Conrad aus dem Münzental, der 5 Mio. Busse von 7.5 Mio kassiert), den hab’ ich mal an einer Offert-Besprechung auf dem Offertenpass erlebt; es ging um einen recht kleinen Umbau. Als ich ziemlich direkt diesen tollen Tüüpp, bierzelttauglich und jägervereinaffin und mit allen fraternisierend, darauf aufmerksam machte, dass man wohl kaum mehr so baue, ausser zur Bauunternehmer-Gewinnmaximierung…hat der Beeindruckungspolitiker ziemlich zurückgepisst…

Das heisst in GR landet man dann auf eine Liste, auf der nichtgedruckten Gewerbe-Blacklist. Die geht dann von Ohr zu Ohr bis nach Chur…Und in Davos, also dort nicht nur in Klauenkirch gibts Baunetze, die linken ziemlich viele, oder sie machen Architektur-Wettbewerbe für Hotels oder Golfresorts (war selbst mal in einer Jury mit Peter Zumthor…) und bauen dann mit dem Bauzeichner, den man schon immer kannte…

Und meist läufts auch so ab: meistens haben sie einen Anwalt entspannt in der Ecke stehen, befreundet durch Wirtschaftsverbände, der genau weiss. „ mit irgendeinem formalen Quatsch oder verpasster Anmeldefrist lassen wir das Ding einfach an die Wand laufen….“ Die sind nicht bösartig, meistens wollen sie nur Ruhe im Karton.

„Nai, glaubinit?“ ist ja dann so die Antwort der Bündner Normalos. Sie reden dann lieber über Berlusconis- oder Glencores-Korruptheit. Klar sind unsere nicht korrupt: „Das hämmer schu immar so gmacht, jetz sin aifach die huara Submissionsvorschrifta kho…“

Festangestellte, auf ihrem Angstdrehstuhl getackerte Journalistenheinis wollten das ja bisher auch nicht wissen. Letzte Woche gab’s aber doch Nicht-SO-Journis, die an der Mediakonferenz nur noch von „Bschiss“ sprachen. Guat. Früher wollten bei der SO mehrere Infos meinerseits zu solchen Fakten gar nicht wahrgenommen werden in der Redaktion. Gion-Mattias Durband wurde u.a. gekündigt , einige mürbe gemacht… Die volle Lebrument-Dröhnung hab’ auch ich erfahren..Schliesslich wollte Parolini mit Lebrument ja gemeinsam mit olympischen Winterspielen ein Medienzentrum finanzieren. ( Jo Bauvolumen! Und erst die Zweitwohnungsabstimmung …)

Diese Zusammenhänge werden ungern gesehen. Das ist alles so schön abwaschbar, und zur Überbrückung gibts die Agro oder die Higa wo man dann für das Volch die Wirtschaftzusammenhänge mit Steinbock-Stofftier im Arm auf Bünder-Woche-Verständlichkeit trimmt…Nur so ist das leider dem gemeinen Volk zu vermitteln.

Soviel Geografie-Kenntnisse hab’ ich jetzt aber nicht: ob der Piz Cartel nur die Spitze des Eisbergs ist, oder in der Nähe des Lügenpasses??

Im Grunde genommen sind wir ja nur alle Probanden eines regionalen Experiments zur Self-Gewinnmaximierung – und das auch politisch. Die beteiligten Politiker Parolini, Conrad und Felix – oder auch Engler und Cavigelli – habens bestimmt nur gut gemeint. Sie sind einfach das subkutane Gegenmodell zu dieser Biedermann-Attitüde, diesen rundum wohlversorgten Wohlstandsbürgern, die dann auch solche wählen. Wir reagieren ja erst, wann die Weko (oder diesmal die Republik… ?) oder wann die Selbstkontrolle unserer ach so glaubhaften Provinzpolitiker verloren zu gehen scheint. Diese Hauptagonisten, von denen es nicht nur in der Nähe von St.Palermoritz einige gibt, gelten ja immer noch als Referenzsystem für die grau-blühende Gesellschaftsfähigkeit.

Lang lebe doch die Gewaltenteilung. Uns bleiben dafür noch zuverlässige Journalisten-Darsteller für die Kritik zum Haldensteiner Dorftheater…undja, die Republik: tangga. (und gut, gibts auch noch die SRG)

Jetzt kann man in Chur glauben, dass sich dort oben ein paar Provinz- Machos die Taschen voll gemacht haben, aber das wird dann schon wieder…Ein integrativer Kinderchor wird  in allen romanischen Idiomen „my way“ dazu singen … toll, wir haben ja so eine schollenideologiegesättigte Fertigkeit in jeder gefragten und geprägten Sprach-Nuancierung.

Soviel Geografie-Kenntnisse hab’ ich jetzt aber nicht: ob der Piz Cartel nur die Spitze des Eisbergs ist, oder in der Nähe des Lügenpasses?? Parolinis Füsse sind aber mindesten etwas im Sumpfgebiet.

 

 

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Raff-eisenkasse

Es gibt Leute, die beim Besitzanhäufen altern, andere raffen beim reifen und wiederum andere raffen’s einfach nie ….und andere wieder werden einfach reif. Wie die Raiffeisenkasse. Die sich dann aufrafft mal über die Unschuldsvermutung nachzudenken…

Da mieszürnen und bösepetern wir dann über den Raiffeisen-VINCENZ:: „ Ja genau, hab ich mir schon immer gedacht.“

Jetzt brausen und safarien, firefoxen und mausen alle herum…Ich les’ dann auf FB von einem Samir Forster: „Ich finde es sehr schade, dass nur immer die schlechten Sachen ausgeschlachtet werden. Wir sind doch alle so negativ-geil!“ Ja, nach der Verdrängung folgt meist die Hyperaktivität…wissen wir. Aber in diesem Falle ist’s ja wohl umgekehrt…

Ich seh’ das frei nach Faust so: „Erst haben wir ihn reichgemacht. Jetzt soll er uns amüsieren.“ Der meinte den Kaiser. Vielleicht hört der glückliche Pierin ja im Zürcher Untersuchungsgefängnis auch Bach – etwa wie beim Sechsilütte:„ Ich bin vergnügt mit meinem Glück..“

Wir Schweizer-Superdemokraten, wir vom Landadel der Gläubigen, der Dienstbeflissenen schauen  ja bestenfalls ab und zu dem Geldadel in der SI oder der Bilanz zu… und jetzt amüsiert uns zu Ostern bei Tische die Frage was der Pierin wohl dort zu knabbern kriegt… Wir Fadenscheinigen, Erbmarquisen von miststockadeligen Randerscheinungen schadenfreuen uns dann am Zwischenruf: “ Lang lebe der auf verlorenem Posten.“

 „Erst haben wir ihn reichgemacht. Jetzt soll er uns amüsieren.“

Doch jetzt soll die Bünder-Version gelten– immer die Vermutung der Unschuld:, „jo jezt, isch doch nit so schlimm…dä häts nu guat gmeint.“ So auch die therapeutische TV-Reportage von SF aus der Surselva. Der Pur Suveran betont, dass der Vater schon Subventionen und Skilifte… und der Ex-Graubünden-Ferien-Präsident, sieht im Freund nur freundliches. (Gut, auch der Freud glaubte schon, dass wir unsere kulturelle Vergangenheit in unserer Seele der Gegenwart ausleben…)

Im erwartetem Marketingspeach würde der Fryberg vielleicht sagen müssen, dass ungetreue Geschäftsführung  nicht das Alleinstellungsmerkmal sei…Sagt er aber nicht. Da fällt mir ein, dass Bakterien immer in einer Nährlösung leben müssen. Da muss man einfach mitschwimmen. Der geriet jetzt einfach in die Zone der verwischten, dysfunktionalen Kausalitäten. Das schien auch dem SF- Reporter passiert zu sein, der unbegründet Hausi Leutenegger dazu interviewte. Der redete dann von Golf und nicht von Geld… verwechselte wohl feinmotorisch mit grobnotorisch–prollig.

 

 

Vielleicht ist er ja jetzt rausgekommen. – Könnte ja auch so rauskommen wie die Geschichte vom Hecht und dem Kalb. Die Begründung beim Rechtsstreit: „Der Hecht hat Recht, aber das Kalb ist mehr als der Hecht, folglich hat das Kalb Recht.“ (Hab ich auch mal beim Bezirksgericht Dielsdorf erlebt: das Kalb war der Manager des Jahres; und ich fühlte mich kurz als Hecht) – AINAWÄG und tröstlich: Es gibt auch im Bankgeschäft wie bei den Elektrodingern so eingebaute Schwächen, die garantieren, dass das Ding nach einer gewollten Frist irreparabel verreckt.

War vielleicht auch bei Pech-Pierin so! Ein Einblick in die geldpolitische Erbarmungslosigkeit kann ja nicht schaden. Und gross und breit wie aus dem Calanda gehauen wird man ja nur wenn man so martullohaft weiterlebt: die Nerv-mich-nicht-mit-Peanuts-Haltung hat sich bewährt, und der Verarschungsdetektor ist in der Schweiz angesichts des ausgebauten Nachrichtendienstes etwas schwach…

„Der Hecht hat Recht, aber das Kalb ist mehr als der Hecht, folglich hat das Kalb Recht.“

Da wird mir jetzt klar aus welchem Stoff die Polsterung meines fehlgeleiteten Neids und meiner Ignoranz besteht…aus diesem prolligen, geschmacklosen Anpassungs-Konsensmüll, den wir immer meinen zu leben müssen. Aber so löst man Probleme eben nicht. Probleme muss man vincenzisch lösen: mit extraterrestrischen Due-Diligence-Checks, mit Gutachten für die Recyclingtonne…Gehe mit Yoda: „Mutig du gehen sollst wo noch kein Mann war zuvor.“ Erinnert mich an die Art zu denken, wie wir es in den Besinnungsaufsätzen im Deutschunterricht der Quader-Seki pflegten.

Und wir Sittsamkeitsmullahs und Recht-Ajatollas denken dann endlich so wie es die katholische Kirche komorbid schon immer in der Surselva verbreitete: „ Ihr seid noch nicht reif für die ganz erhabenen Themen“. Deshalb gibts die Raiffeisenkasse. Da kann man dann endlich Ordnung in der Handtasche fordern, liebe Damen…

Dazu gehört jetzt sicher noch ein letzter, neoliberaler Aufruf zur Begeisterung: „Fahrt das Ding gegen die Wand. Hauptsache ihr macht das mit Überzeugung.“ – (Zwar vom Regisseur Schlingensief, der war mindestens nicht kulturlos…)

Auf jeden Fall freue ich mich über ihren moralischen Reflexe…Die Regisseure der Geschäftswelt haben auf jeden Fall den Hunger der ausgelaugten Kleinbürger nach etwas Sühne stillen können. – Und Pater Benedetg würde sagen: “ Das Glück und das Unglück liegen halt manchmal so dicht beeinander wie Anus und Vagina. Tür an Tür.“

 

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knietief

„ Das ist doch jetzt Mode…“ meinte meine Nachbarin aus dem Mercedes lachend, sie wollte mich mit in die Stadt nehmen, da ich so mitleidheischend an Krücken kam…Ich zeigte ihr seufzend mein neustes Ding aus dem Ersatzteil-Lager: ein Knie.

Es ist immer so…irgendwann geht man schneesporteln, und dann hat man Kinder miteinander, dann sind die weg und man hat nur noch gemeinsam kaputte Knie.

Als postfüdlibürgerlicher Luxusbergler hatte ich jetzt auch so eines. Wir Senioren, die durch unsere hässliche Gegenwart turnen müssen und vor lauter Sachzwang keine Kniebeuge mehr machen können, sind dann gefordert. Der Distinktionswert in unseren Alterskategorien steigt. Wie beim konsumieren seltener Güter. Es gibt eben Strategien um die eigene „Seltenheit“ oder Besonderheit herzustellen oder zu erhalten. Ist das jetzt auch mit Prothesen so? Ja, man gewinnt gesellschaftlichen Wert wie mit einem Porsche oder einer Rolex. Wobei die neuen Knies offenbar ein höheres Ranking erreichen als „nur“ Hüften.

 

Und so ist es, kaum trägst du Krücken für 6 Wochen hörst du an jedem Ecken.: „Ich hab dann auch neue…“ – Ein seltsamer Gendefekt lässt uns Alte ja zu Hauf den Sonnenuntergang nur noch mit Arthrose-Knirscher am Knie erleben…Auch bei mir war’s so: Schluss mit Schuss auch beim Carven und Skaten. Dazu gehören neuerdings nicht nur Altsportler, auch ungeimpfte Bergmuttis mit dem Bewusstsein für regionales und Bio… Also irgendwie doch nicht so selten.

 

Und da die aussterbliche Spezies der schweizerischen Komfortbürger weiss, dass das Altwerden das bisher einzige Mittel ist, um lange zu leben…macht man da alles. Wenn man so ein frühstücksflockenpackungsmässiges Bild von sich hat, muss man dabei sein. Die Vereinnahmungstendenzen der Mehrheitsgesellschaft sind da unerbittlich. Wenn wir 70jährigen einen 80jährigen ansehen, dann subsumieren wir schnell mal :“ Der hat doch eh schon gewonnen…“

„ Jedes Knie ist ein Abgrund, es schwindelt einem, wenn man (an sich) hinabsieht.“

Mit der neuen Reparatur-Intelligenz des Menschen haben wir ja ungeheurlich viel gewonnen. Wenn ich so beobachte, was in der Klinik Gut in Fläsch alles durch den Service-Check wieder flottgemacht wurde, komme ich gutgelaunt zum Schluss, dass die Suche nach Anerkennung und Glück wohl über die Hüfte oder das Knie läuft. – So wie das Abgas zum Klima kommt, kommen wir eben zum Knie. Zur Selbstbestimmung der Silvergeneration gehört eben auch die Kniebestimmung, die Wahl des Remakes durch die Knie-Industrie…Und wenn das in einer tollen Klinik passiert, kann man nur sagen: „ Hier kommt ein neuer Glücks-Botenstoff für Euch…“ Irgendwie geht es darum, dass man all die Jahre immer nur mit demselben alten Ich gelebt hat– aber irgendwann reichts. Das Knie muss her.

„Wo man hinkt, da lass dich ruhig nieder. Krücken-Menschen sind meist miese Krieger.“

Schon Sokrates sagte gute Wörter seien solche, deren Klang und deren Bedeutung zusammen passen. Eben Kn Wörter kleine runde Dinge Knoblauch, Knolle, Knoten, Knospe – und KNIE… alles so richtige Aufsteller. Der medizinische Fortschritt und die Schönheit-Soziologie (und ein bisschen auch der Horror) umarmen sich in diesem Moment.

Thisse, ein altersgemässer Leidensgenosse hat dann – nicht ganz fehlerfrei – Woyzeck zitiert: „ Jedes Knie ist ein Abgrund, es schwindelt einem, wenn man (an sich) hinabsieht.“ Und wenn ich an all die Prothesen denke, die nach der Kremation noch zu Himmel steigen müssen…Also fast Science Fiction: Was uns nicht umbringt, das bringt uns wohl später um. Oder mindestens um die Himmelfahrt, weil wir mit soviel Metall zu schwer sein dürften.

Damit Sie jetzt aber nicht denken, „welche Medi haben sie dem gegeben?“ – Ich gestehe, als Direktbetroffener gelingt es mir beim besten Willen nicht, mich über Vorkommnisse wie diese zu amüsieren… Mein Besserungsfuror litt schon mal in den ersten 10 Tagen gewaltig unter dem Gesellschaftsdruck: „wieviel schneller bin ich dann wieder auf dem Bike?“ Und die Tipps der „Ich-hab-schon-zwei-Jahre-eins“-KollegInnen entfalten sich dann wie eine Folie des Grauens. Da brauchst du eine robuste Psyche…..und man stellt sich vielleicht die Frage: „ Da können sie auch die Bremsen ausbauen mit der Begründung sie könnten versagen…“–  Aber nicht verzagen.

Genug Schmerz ertragen, kommst du dann auf so Gedanken wie das 71. Wunder von Lourdes: „Stehe auf, hebe dein Bett auf und gehe heim! (Matthäus 9.6) Und danach bekommt dann das alles so eine metaphysische Glasur: „Wo man hinkt, da lass dich ruhig nieder. Krücken-Menschen sind meist miese Krieger.“

 

 

 

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NaJa, No Billag

Alle die ich mag, haben so ein NO-Bildli gepostet. NO zur No-Billag. Richtig. Ich mag euch ja. Und die SRG auch. Ich habe auch aufgehört mich zu fragen, was ich falsch gemacht haben könnte, dass ich kein NO-Bildli postete.

(Und so als Vorwort zum Weiterlesen: als Blog-Leser sollten Sie wissen, dass Sie sich trotz meiner Aussagen nicht bedroht fühlen sollten. Ich bin Ihrer Meinung: NO.)

Und alle schreien: „ This’ll be the day that I die.“….Die No-Billag-Debatte erinnert mich an Auseinandersetzungen wie bei „Olympia Gaubünden“. Die eigentliche Güterabwägung diskutiert da niemand, es wird bloss gehässig darüber gestritten, wer eins auf den Deckel bekommen soll. Zum Beispiel die SRG. Das ist die eine Seite. Die andere meint, die SRG sei kein Medienunternehmen sondern der Hort der Schweizer Demokratie. – Mediales Bullshit-Bingo, in den digitalen Wutbürgerkanälen auf Hochtouren. (Vielleicht gibt’s ja bald eine neue Facebook-Avatar-Software, die imstande ist, Erröten zu simulieren…)


Und alle schreien: „ This’ll be the day that I die.“….

Die Wellen gehen hoch. Bloss streiten wir uns nicht über hierzulande kaum relevante Existenzfragen, was rechts (heisst neuerdings libertär) oder links ist, sondern über eine wirklich relevante Institution. Die No-Billag-Debatte ist trotzdem von einer sachlichen Auseinandersetzung zu einem politischen Glaubenskrieg verkommen…

Klar sind dieser megapfostige Bigler und dieser blindlibertäre Kessler grenzwertig. Das alles dreht sich bis zum nächsten Wochenende nun im Kreise wie Wäsche in der Waschmaschine. Und nach dem regional-ethischen Graubünden-Thermometer sind wir alle mit den Herzen so auf 40 Grad. Die innerinterbündnerische Media-Nervosität steigt. (Da kann man Jane Austen – „Stolz und Vorurteil“ zitieren.) „Es gibt einen solchen Auftrieb, regt den Witz und Geist an, wenn man eine Abneigung mal gefasst hat.“

Ich hab’ auch grossen Respekt vor den Leuten, die sich da einsetzen, diesen Märtyrern und auch dieser genialen Verbreitungslogistik, die uns wahrscheinlich rettet. So wie Ladina Heimgartner, Frauen die neuerdings wie immer ans Steuer dürfen, wenn die Männer (wie Walpen mal) den Karren an die Wand gefahren…

Alles wurde jetzt so zum Mac Guffin. Die Lächerlichkeit der Politik, auch der Kunst, dass man hinter diesem Mac Guffin herhetzt, als könnte es einem ein für alle Mal erlösen…

Was jetzt aber abgeht, ist augenscheinlich…Sie homogenisieren uns….eine TV Anstalt ist ein Heiligtum, und diese Abstimmung eine Devotionalien-Schändung – Alles ist zu schützen…einfach an der gestrichelten Linie entlang schneiden und schon haben sie die perfekte Antwort: die heilige Billag. Dass hier einfach eine politisch-wirtschaftlicher Unsinn (und das ist die Billag als Gebühren-Einsammlungsfirma) bestraft werden sollte, ist gut. Aber geht’s jetzt um die ganze Demokratie, gleich die ganze SRG?

Es gibt eine grosse Diskrepanz zwischen dem was die „Bieridee-Erfinder“ für böse halten, und dem was jetzt entstanden ist.– Verdreht. Und diese unheiligen Allianzen auch: weil Lebrument es für böse hält, dass seine sehr mittelmässigen Medien vielleicht keine 8.6 Mio Franken mehr pro Jahr vom Bund erhalten motzen sie jetzt unter dem Vorwand unsere drei Kantonssprachen zu schützen…so ist das eher schizo. Wenn also die Larven des Media-Betriebs ihr Wohlbefinden durch Subventionen aufpolstern können…Die gleichen, die sonst gleichzeitig das libertäre „Ich melke jedes Gewissen, solange ich die Staatskuh melken kann.“ rufen…

Diese unheiligen Allianzen auch: weil Lebrument es für böse hält, dass seine sehr mittelmässigen Medien vielleicht keine 8 Mio Franken mehr pro Jahr Subventionen erhalten…

Dass der SRG-Mitarbeiter motzt, weil er seinen Jobverlust erahnt ist nicht böse. Und die Romanen und Italienischsprechenden kämpfen gegen das was noch kommt, auch nicht. Oder wir, die wir einfach jetzt schon erleben, was es heisst wenn Frau Martullo sagt, was ein Medium zu kommunizieren hat. (Und wer nicht mehr schreiben darf: auch ich wurde rausgeworfen…)

Es gibt also böse Rechts-Konservative und libertäre Jungcelebrities, die aus bösen Beweggründen Böses tun. Staatsfeinde. Aber auch gute Sprachschützer die aus guten Beweggründen gutes Tun. Gute Zusammenhalts-Schützer die aus guten Beweggründen vieles Tun: vielleicht eine recht überdimensionierte Staats-Media-Firma schützen…? (die es bisher nicht für nötig fand darüber nachzudenken wo sie sparen könnte). Die Wahrheit ist ja, dass der vielbeschworene Markt wahrscheinlich etwa rund 200 Fr. pro Jahr an Gebühren vertragen würde (also für all das, was wir brauchen: gute Infos, Minderheitensprachen, Zusammenhalt ).

Fazit: Man könnte differenzierter Meinung sein, sollte aber einfach nicht Ja stimmen.

Ein Nein ist ein Schritt in die richtige Richtung: nur etwas mit den Hintern nach vorn. Wir sollten uns danach umdrehen, uns vorwärts erinnern, denken und dann vielleicht auch mit der SRG was Neues angehen. Das erfreuliche am Zusammenschluss der NEIN-Stimmer, den Effort nutzen für ein  progressives Kollektiv. Dann wär’s fast ein Heils-Akt. (Dieses Wort müssen ja auch die Rechten lieben.)

 

Sonst ist dann das alles so wie verpuffter Sex.

 

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Im Juni, im Juni …do gits a neuia Muni

Seht sie Euch an. Letzte Woche sind sie sogar mit Skihelm angetreten. Jetzt treten sie wieder an zu politischen Ernst-Sportarten. Man spürt die Grundnervosität einiger Partei-Bündner: Regierungsratswahlen stehen an. Wir müssen die schwarzen Löcher hier oben füllen.

Die Wahlkampf-Strategen hypen sogar Leisegänger als laute Erektion unter den zur Verfügung stehenden Bündnern. (Bündnerinnen gibt’s nicht. Die schauen sich die Politik – wie ich – lieber mal von der Couch aus an.)

Da gehts dann zu und her wie beim Wettbewerb um den schönsten Geranientopf im Dorf. Die Wahlmanager stellen sich die Weltfrage: wie packt man diese Wähler am Schwanz, wo sich doch frei herumlaufen? (Ja, ich darf so böse reden, weil ich  auch schon mitfuhrwerkelte…)

Gut, bei den Tieren sagt man dann, sie hätten keine natürlichen Feinde mehr, bei der Regierungsratsauswahl ist das wohl auch so…

Jetzt entstehen wieder diese fein nuancierten und differenzierten Botschaften. – Gut, die meisten sind ein Remake, vielleicht mit  Wind-of-Change-Variationen.. So Regierungs-Konserven. Cavigelli und Rathgeb aus der Mengiardi-Anwaltsküche, Parolini aus der BDP-Baumschule für Pfeifen-Handschnitzer. Vier neue Blockbusters werden hochgezurrt: Peyer, Schlegel, Felix und Caduff .

Und wie macht man das? Meist genügt ja Rumantsch-Content und möglichst harmlose Selbstdarstellung. „Wie muss ein Bündner RR aussehen?“: Etwas Eklektizismus, Northface-Hemd oder Anzugtyp? Seriöswirkende Grimassenkomik und hüftabwärts simulierter Jägergang?

Lassen Sie mich subjektiv mal feststellen: Die Heisenbergsche Unschärfe-Relation auf das Parteiangebot bezogen – könnte man frei so formulieren: „Man man merkt zwar schnell, warum einer schlecht ist, aber nur viel schwerer warum er gut ist.“

Was sollen wir jetzt machen? Wir haben jetzt alles auf der Menükarte, etwas gutes Cholesterin und etwas böses Cholesterin…und können’s eh kaum mehr unterscheiden…Da wird dann wohl wieder reflektiert, wer jetzt mehr retro-romanisch oder räto-romantisch sei? Für die Surselva gilt immer noch, wer mehr KK sei, also gatholisch …und für die Prättigauer, wer mehr für Olympia war…und den Arosern kann man eh jeden Bären aufbinden.

Für alle Kandidaten gilt bevorzugt: altersbereinigtdurchschnittlich, weissmännlichhetero, füdlibürgeraffin, abnützungserscheinungsresilient, urbanländlichsimulierend. Und da die meisten Wähler diese Wort nicht ganz zu deuten verstehen, kommt’s eigentlich nur auf das Plakat an. Und das muss dann im Prättigau wirken wie in Chur West. Also so auswechselbare Kulisse, damit die Natur auch so wirkt, wie wir sie behandeln, wie ein denaturiertes, pflegeleichtes Bedeckungsgrün… Und seit bei der RHB jede Zugansage die Fahrgäste mit sprachabsurden Sprechakten bei Laune hält, darf da auch etwas Werbekomik mitspielen.

 

Ich bin zwar nicht gerade in der SVP assozialisiert worden, aber den Schlegel finde ich mal sympathisch. So eine moderne Polizist-Wäckerli-Variation. Wenn die Frau Martullo ihn mit dezidiertem Hau  vorstellt, da erschaudere ich vor Ehrfurcht. Der hat sicher ein mit Zirkel und Lineal konstruiertes Leben vor sich. Das ist der Führer, den wir schon lange suchen. Heute haben wirs ja eh besser, früher musste man noch für den Führer fallen, heute muss man in GR ja nur der Martullo gefallen…und jetzt alle mal den rechten Arm möglichst gerade hoch heben bitte, wer einverstanden ist. Kann uns mit rechtwinkligen Sätzen die Welt erklären. Auch gut für ein künftiges Regierungsmitglied.

 

Bei Cavigelli ist’s der Operettentherapie-Positivismus, der mir gfallt. Wie im Fledermaus-Chor: „glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist..“ So ein REpower-Remake halt.  Hat vielleicht sogar Big Business und Big Government begriffen, was ihm auch das Bündner Tagblatt attestiert. Aber dessen Bussiness-Kenntnisse sind ja auch ausbaufähig. Man sagt auch, dass bei Regierungsräten kein tieferes Fachwissen gefordert sei…man muss einfach über Geröll laufen können.

Meine Generation ist landwirtschaftlich schollenbezogen mit der Animal Farm von Georg Orwell aufgewachsen: Also :„all pigs are equal“ und das leben sie uns auch vor. Rathgeb ist ein sympathischer Demokrat, milchxund und apfelrund. Der schaut für uns ….sogar mit einem Gesundheitsprogramm für gebrechliche Leute wie uns. Leute, die übergewichtig unter ihrer luxuriösen Last fast zusammenbrechen. Und das mit der FDP kann man ihm nicht anhängen: die FDP Schweiz traktiert uns mit Neoliberalem bis keiner mehr draus kommt. Den kleinen Schweinen erzählt man, dass sie zu den Grossen gehören. Mit Steuerreduktionen für Konzerne undso. Und der Metzgermeister von Riein glaubt dann, dass er auch… Bei Orwell bekommen die grossen Schweine so die Milch und die Äpfel. Auch bei uns stimmen  dann die Kleingewerbler für Nestlé und Roche. Und das ist ja eigentlich das Pech der Bündner FDP: die haben ja gar keine skinnyfette, also halbfeiste Investmentbanker und Industriebarone in ihren Reihen, höchstens existenzringende Gewerbler…die müssen wir xund erhalten.

 

„Wo gehts denn hier nach Panama? fragte der kleine Bär. „ Nach links“, sagte die Kuh bei Janosch. Da will vielleicht auch Peyer hin. Kann nicht schaden. Obwohl rechts und links wohl kein Kriterium mehr sein sollte. Er kritisiert nicht kapitalistische Daseinsformen, er schaut höchstens mal für den Ausgleich zwischen den Tierarten. Eben, damit nicht gar einige Schweine – nach Orwell–  doch etwas allzugleicher werden… Das hat er schon im Kindergarten begriffen. Wird ihm jetzt vorgeworfen. Also gar nicht so meganega. Der passt doch gut auf diesen Spielplatz. Und bei the way: Lieber ein nichtüberforderter Kindergärtner als ein überforderter Förster….

Bei Cavigelli gilt der Operettentherapie-Positivismus. Wie im Fledermaus-Chor: „glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist..“

Diese Helden brauchen uns auch nicht langfristig. Höchstens mal kurz im Juni. Und wir brauchen auch keine Helden. Dafür ist unsere Demokratie nicht da. Sie sollen unsere trotz Gletscherschwund doch immer noch regierenden Wanderdünen bleiben. Mal so, mal so mäandernd. So als sozialverträgliche Gerstensuppe, etwas mit viel Wasser gestreckt…Gut, das wird auch nicht einfacher, nachdem RR Jäger mit Schwerbeschädigtenausweis und Frau Janom als letzte Amazonen-Terminatorin erfolgreich abgehen.

 

Und jetzt langsam mal zu Parolini. Selbst in bei uns handesüblicher, gemächlicher Geschwindigkeit betrachtet, wird er eher tempoarm überbewertet…Auch wenn der SO-Kommentator seine Windfrische so gerne sähe. Sein Motto „Tote Gäule reiten, ist die hohe Schule der Reitkunst“ stimmt auch durchaus  im Val S-charl…Auch für ihn gilt halt Goethes Wort: Altwerden sei ein Geschäft wie andere auch, man brauche Zeit um es zu lernen. Die wollen wir ihm doch gewähren…

Nun zum amüsanteren Teil: Der mischelnd Agilste ist wohl Felix, auftragsschiebend und baumeisterverbandsgeschult im Blindsehen. Auch er hat recht, mit seiner bannerschwingenden Hauptsache-Bau-Arbeitsplätze-Mentalität…nahe dran wie der Gewerbeverband bei No-Billag, könnte ja auch zum Schimmel-Flügel der FDP gehören. Deshalb durchaus wählbar. (siehe oben)

Alle könnten vielleicht mehr aus sich machen, aber alle sind interessant. Gut, wir haben ja noch Zeit bis Juni, und die provinziellen Sturm-im-Wasserglas-Geschichten werden ja noch folgen. Eigentlich könnte man alle Kandidaten in einen grossen Kessel werfen und umrühren…es kommt dann die gleiche Suppe raus – aber mit grundsolidem Gesichtsausdruck. Genau das bewundere ich und liebe ich an unserer Demokratie. – Diese Woche nehmen wir ja sowieso frei vom kritischen Wutbürger und schauen Olympia…Dort gibt’s auch Pfeifen – aber nur Schiedsrichter.

Und am Schlusse gilt für Wähler wie für Gewählte: überforderte Politiker gewählt von überforderten Wählern sind das Erfolgsgeheimnis unserer Megademokratie. Wir sollten zwar aus dem detailgenauen Wissen genug Anschauungsmaterial einer mittelmässigen Gesellschaft haben, um zu wissen wie eine gute aussähe. Aber genau dies würde uns überfordern…

Da kann man nur noch aus Dostojewskis Aufzeichnungen aus dem Kellerloch zitieren: „Ich schwöre Ihnen, meine Herrschaften, dass ich kein einziges, aber auch wirklich kein einziges Wörtchen von all dem hier Zusammengeschriebenen glaube.“ Also den Parteiparolen nicht und auch mir nicht.

Am Ende ist’s dann wie bei Moby Dick – alle erledigt, nur der weisse Wal kurvt weiter im Ozean.

 

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Frag Arno…

Heute sollte ich am Bündner Tagblatt-Stammtisch sein. Eingeladen zum Talk über das neue Weissbuch zu Graubündens Tourismus. Ich hatte fast zugesagt. Als „Tourismuskritiker.“ Vielleicht so als Tatort-Reiniger oder Aufräum-Coach? Oder einfach als Beta-Blogger?

Vorweg das Unlustige: Das Weissbuch ist gut, vieles richtig analysiert…die richtigen Fragen werden gestellt: „100 Hotels erzielen konstant rund 50% der Übernachtungen. Was machen die anderen 630?“ Die Experten sind also mit dem grossen Besteck ran. – Und mit einer Schärfe von nahezu unergründlicher Klarheit kommen da all die Argumente aus dem Recycling-Werkhof.

Das Grundproblem der Bündner ist diese Mitmach-Blockade, ein lethargischer Mindset herrscht. – Aber wir wollen uns ja nicht die Laune verhageln lassen. (Man kann auch die Ohren zuhalten wie ein kleines Kind über die immergleichen Argumentationsmuster und Zudeck-Vokabulare.) Doch, Schmunzliges hat’s dann doch. Nur schon das Vorwort von Schneider-Ammann: da ist nichts falsch, er ist einfach der Falsche…Dieses ungelenke Bundes-Spast-Wort hätte es nicht gebraucht. Schliesslich wollt ihr uns doch endlich anturnen? Der Berner betont auch noch selbst, dass er früher Bergsteiger war, heute Wanderer. Genau wie Graubünden. Klingt fast wie so eine bitterböse Parabel.

Nun haben wir also so etwas wie einen mundgeblasenen Feldstecher für die Nahsicht ins Tourismus-Nirwana.

Und wollen Veränderung. – Gut, mit Thesen zum miesen Mindset in GRs Tourismus könnte man Wände tapezieren. Und das, was da drin steht, sagen einige seit der Jahrtausendwende. (Ich war mal kurz Vizepräsident von GR Ferien. Nur kurz, weil ich sah, was so eine managementbeflissene Skiclub-Attitüde alles anrichtete –das ist heute besser)

Das Problem ist erkannt. Das Problem ist ja, das sich niemand getraut diese kleinländlichen, kleinlädigen, verbeamteten Läden auszumisten…die Grossräte maulen zwar etwa mal, aber niemand hat so recht ein spektroskospisches Interesse an den Verdauungsprozessen der kantonalen Gelder. Und es liegt ja auch nicht am Kanton. Im Weissbuch ist kein Weissraum übrig geblieben für die Personen-Situations-Analyse, dieses Mischelmaschel an Mittelmässigem. Kurz: Die Berater sind nicht schuld, sucht endlich die Umsetzer…

Gut, AWT-Bashing kann inzwischen jetzt ja jeder. (Es sind wirklich nicht nur DIE.) Hoteliers, Bergbähnler und Fewo-Besitzer nehmt euch an der Nase. Jetzt weiss man nicht, ob man die dumme oder die gierig-schlaue Sorte (zum Beispiel die Valser-Türmebauer) schlimmer finden soll. Der Aufstand der Schlaueren, der Terror der Besseren, ein personelles Grossreinemachen wäre fällig. (Wir haben Hoteliers in diesen Gremien, die zwar über 70% Auslastung hinkriegen, also top sind, nur im internationalen Rating kaum bestehen würden.)

GR wird ja von oben politisch von einigen Churer Partei-Anwalt-Zampanos und ihrer Entourage geführt. Die haben kein Interesse am Tourismus. Höchstens mal an einem Verwaltungsratsmandat. So sind wir denn oft in der Lage auch im Zustand grösstmöglicher Saturierheit mitzuschlafen oder die wenigen Cracks noch zu beneiden. Und haben damit einen Grad von Verblendung erreicht, um den man uns schon fast wieder beneiden kann…

Jetzt weiss man nicht, ob man die dumme oder die gierig-schlaue Sorte schlimmer finden soll.

Und von unten? Der Bodensatz aus schlecht gelaunten Dorfbeizern, schmaler tretenden Gewerblern und Land-und-Lüüt- Zuschauern generiert auch nicht unbedingt einen neuen wertschöpfenden Geist. – Wir sind ja alle verlorene Dienstleister in einem umgekippten Markt. Und ein Übel lässt sich selten mit dem Gegenteil kurieren: alles umkippen? Also mit einer Aktion, die bottom-up (und gierfrei) uns wieder zu mehr gemeinsamer kommunitarer Aktion verführt. GRhome versucht das jetzt.

Wir sind ein mittlerer Anbieter auf dem Weltmarkt, mittelwichtig, mittelgewichtig, mit middle-of-the-road-Allüren. Gelebter Land-Durchschnitt. Das heisst wir machen immer etwas im Markt, wenn es andere auch schon gemacht haben (selbst die Walliser)…so funktioniert auch unser System. Jetzt sitzen wir da und sprudeln und zischen wie ein absitzender Autokühler.

Viel zu lernen du noch hast kleiner Yedi. – Vielleicht letzter Yedi.

Der BT-Stammtisch wird wahrscheinlich auch so eine Postauto-Konversation. Und tut das was alle Gehirne der Welt ständig tun: es sucht eine Erklärung. Geistige Sprengsstoff-Westen werden wohl kaum gebastelt. Gemach: In der Lokalpresse abgefeierte Sympathieträger wie Martullo werden uns dann bald wieder aufklären. Kennt sich ja immer aus, wohnt in Lenzerheide und plädiert auch für den abstiegsorientierten Asozialstaat. Gut, Vollrohr-Milliardäre brauchen kein Weissbuch…(sie hätte vielleicht eher ein Grünbuch nötig, aber das lassen wir…wir haben nun wenigstens eine neue, ganz gute Strategie: NATURMETROPOLE GR, aber die passt nicht ganz zu ihr.)

Aber zur Zeit sind das alles so Anstrengungen zum Vermeiden von Fehlern (aufgemacht in dieser Thesen-Putzigkeit), nicht sinnvoller als ein Hockeyspiel ohne Puck.

Einen Coach hätten wir nötig. Einer mit dem Zeugs zum Transition-Game , so einer wie Arno del Curt. Der kann perfekt umsetzen in diesem Chaos: wahnsinnig schnell umsetzen von Defense auf Offense….Im Tourismus sind’s zur Zeit alles so Anstrengungen zum Vermeiden von Fehlern (aufgemacht in dieser Thesen-Putzigkeit), nicht sinnvoller als ein Hockeyspiel ohne Puck.

No offense. Auch Leute wie ich tragen Schuld an den Zuständen, nicht die Langweiler in all den Organisationen, oder genau jene Anhänger in genau jener erwähnten notorischen Nörgler-Partei, die seit Jahren mit ihrer Missgunst und Kleinkarriertheit an den Fundamenten einer Vorwärts-Strategie graben. Bündner, die wählen, wählen Tranquillizer, die anderen wählen wohl nicht mehr. Einige Denkende haben längst aufgegeben. Wir wollen auch nicht immer nur als Kratzbürste und Beleidigungs-Nudeln dastehen. Da gerät man unweigerlich mit ins Schleppnetz der Verachtung. Das Resultat ist dieser langsamere Atem der Dinge. Early Adopter sein wollen und alle kritischen Leute abwürgen, passt eben nicht ganz.

Die Server sind halt etwas out of order, vor allem beim Service.

Wir sind so schwach, weil Tourismus so personenabhängig ist. Und der Hans macht immer was der Heiri. Da müsste man Leute auswechseln, wie es Arno jeden Dienstag, Freitag oder Samstag tun muss. – Die Hälfte der Gastgewerbler würden outgesourcet, nicht die Portugiesen und Sachsen, wohl eher die Bündner-Muffel meiner Führungs-Generation…Das wäre vielleicht die beste empathische Anschubfinanzierung. Die Server sind halt etwas out of order, vor allem beim Service. („Er hat die pampigen Capuns mürrisch auf den Tisch geknallt…“ steht dann in den Leserbriefen…)

Sortiert euch mal, liebe Touristiker. Aber nicht mit den Immergleichen…Freude macht eigentlich immer mehr die ganz junge Generation von aufgestellten Muntermachern denen man immer mehr begegnet, im Service, auf Bergbahnen. Sie sind vielleicht das neue Effizienzpacket.

Die Zeit ist reif für eine Veränderung – wissen alle. Und wie soll der Sturm der Erneuerung soll durchs Land fegen? Nehmen wir mal die Marke GR, wunderbar….mit dem ganzen Schmus drumrum. Die war auch mal notwendig als sich vor 15 Jahren dieses Corporate-Design-Getute  notwendig machte…Heute schaffen die Gäste die Hälfte des Branding – auch das negative. (Und der Steinbock hat mindestens schon ein Horn ab.) Val Müstair wollte eine neue Marke, das Engadin hat wieder zwei Neue, Davos-Klosters will wieder eine Neue. Das Cerebellum birst gerade vor Hyperaktivität. Und GR versuchts mit  festangestellten Markenmanagern, die immer wieder versuchen der leeren Flasche so ein Champagner Ejakulat zu entlocken.

Nehmen wir mal Dynamic Pricing/ Yield Marketing – das haben wir in den 90er Jahren in Kursen bei Airlines gelernt…bei den Bergbahnen will man’s jetzt bald einführen…“wenn ihrs nicht erfühlt, ihr werdet’s nicht erjagen“. Reichlich zu spät wie Goethe heutzutage. Aber immerhin kann man neuerdings 4 Stunden-Karten lösen auf den Bergbahnen. Einfach alls etwas  retardiert.

Der Steinbock hat mindestens schon ein Horn ab.

Nehmen wir mal die Kommunikation und Werbung: Graubünden hat da ein gutes Händchen. Man nimmt einfach immer eine der teuersten Schweizer Agenturen (die sich für viel Geld prämieren lassen) und kann dann auch belegen, dass man bei den Besten. (Glauben Sie mir, ich war auch dabei…funktioniert immer noch). Nur: wie wichtig ist das noch im heutigen Medienmix auf internationalen Märkten?

Nehmen wir Kultur: wie kann man einen tollen Turm auf dem Julier finanzieren, in dem nur EINE Kunst stattfindet: die von Giovanni? Darum geht’s: Jeder macht was er will, keiner was er soll. Aber alle sollen mitmachen beim Umsetzen des Weissbuches.

In diesem Buch sitzt jedes Wort zwar genau wo es hingehört. Wir haben jetzt die besseren Argumente um die Hände in den Schoss zu legen. Wir haben’s ja schwarz auf weiss (was die andern alles tun sollten). Da bleibt dann kein Weissraum übrig um mehr über Personen zu reden. Über die Veränderung in uns. Gönnt den jetzigen Gremien vielleicht mal eine Auszeit…Vielleicht könnt ihr, liebe Experten, auf der Spielerbank euch selber den Vertrag künden…Oder einfach Arno fragen…

 

 

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Hängearsch-Existenzen..

Graubünden mache einiges falsch, vieles richtig, aber das meiste zu langsam, schreibt heute Reto Furter. – Wir Bündner sind ja alle in irgendeiner Form Altersheim-Betreuer. Wir betreuen aussterbende Gäste-Segmente, niedergehende Skigebiete, untergehende Sprachen, zusammenfallende Maiensässe…und bauen uns daran noch irgendwie auf. Und wie sagte doch Thomas Mann im Davoser Zauberberg: dass wir….“sympathetischen Anteil daran nahmen und sich dem Taumel innerlich ebenfalls überließen.”

Das Kapitel heißt übrigens bei Mann: “Die große Gereiztheit”. Gereizt sind wir aber nicht. Ich habe aufgehört mich zu fragen, was ich falsch gemacht haben könnte. Ruhend wie Lincoln auf seinem Denkmalsthron im Vorspann von „House of Cards“ seh ich dem Ende entgegen. Das wird gut.

Ich rede da von meiner Generation. So ist’s gut dem Ende entgegenzusehen. Aber wieso sind die nächsten zwei auch so? Wir haben eigentlich alles im Überfluss. – Kann man natürlich sehen wie in der chinesischen Medizin: zu wenig Yin. Oder Yang? Eins von beiden.

Gut, man kanns auch stoisch nehmen: Stoiker denken nicht daran, was man alles noch nicht besitzt. Es sei besser, sich zu überlegen, wie stark man die Dinge, die man besitzt, vermissen würde, wenn man sie noch nicht besässe..

Wir werden zu so etwas wie einer abgegriffenen Reclam Ausgabe von Jürg Jenatsch. Nur der Himmel ist selten schlaff und eintönig. Oft siehts bei uns aus wie das, was ein Film-Location-Scout als zu kitschig abgelehnt hätte: Eine Landschaft zum Weinen schön. Zum Abklatschen Wir haben ein Bürgerrecht im Reich der schönsten Kalender-Aufnahmen…Instagram-Land at its Best. Ergänzt man das Ganze mit einem bisschen Wandergewimmel sowie etwas Arvenwälder sind wir ein Traumland für Absterbende.

Ein Steinbock geht eben nicht abends ins Theater um sein Leben reflektieren zu können.

Inmitten dieser obszön überteuerten Umgebung fühlen wir uns wohl. Und eigentlich kann ich mich an diesem absurden Bild gar nicht sattamüsieren. Wir, die Titelverteidiger dieses lauten alten Glücks als wir noch 30% mehr Logiernächte hatten.

Im Theater hab ich mal gelernt, dass tote Seelen unspannend seien – das glauben wir aber nicht. Denn selbst unser Kultur-Regierungsrat sieht immer so aus, als müsse man ihn aufbügeln. Wir machen da Vieles. Wir bauen allerorts Türme. Wir haben auch Readymades wie von Duchamps: Origin ist da unser Vorzeige-Werk. Allein weil es als Kunstwerk behauptet, und in einem Raum einer Umgebung gezeigt wird, die diesen Anspruch fordert, wird es zum Kunstwerk. Jesu Warnung der Maria Magdalena vor einem Tabubruch wird hier ernst genommen: Noli me tangere – rühr mich nicht an. Vor allem rühren wir hier nur Bibelthemen an. So im Stile: lassen wir es beim Alten. Ein Steinbock geht eben nicht abends ins Theater um sein Leben reflektieren zu können.

 

Der Verzicht auf das Alte ist zwar der Grundgestus der Moderne. Das sehen wir nicht so. Mit Moderne meinen wir das Traumland der Übergänge, Mehrsprachigkeiten, Ambiguitäten und des Ausgefranselten. Die Munggen und die Alpenrosen kommen und gehen. Wir bleiben. Wir haben so Plumps-WC-Seelen, die vertragen alles, was auf sie runter fällt.

Schon gut, wir kommen klar…das ist es ja! ….Schrieb mir doch kürzlich ein Berater-Kollege eine mail: „ Weisst du diese dummen Teilzeit-Pöschteli, wo sie wieder jemand sind und mit ihren mediokren Ideen und ihrem Maluns-Horizont jedes Projekt auf den Boden bringen. Oder unter den Boden.“ Da werden Naturparks, Velowege und IT-Verkabelungen  mit tantenhafter Überbetreuung entwickelt: wir bleiben stoisch. Haben uns ja an die onkelhaften Romanen auch gewöhnt, ihren Stil adaptiert: wir lassen uns das Aussterben bezahlen. So eine Art fröhliche Hängearsch-Existenz.

Da muss man nicht so speeden und rumfurzen.

So wie Darmwinde, die bekanntermassen Kettenreaktionen auslösen, also in hoher Frequenz auftreten können…entwickeln wir uns eigentlich nicht. Wir wissen, dass Erfolg und Misserfolg manchmal so dicht beeinander wie Anus und Vagina liegen. Tür an Tür. Da muss man nicht so speeden und rumfurzen…Wir haben Immobilien Heinis angezogen, wie Fliegen, wie gierige Dotcommer, neben denen unsere fresswütigen Bauunternehmer aussehen wie asketisch fastende Sonntagsschüler.

So gibts bei uns keinerlei Spur jener prätentiösen Allegorik, die einige unserer Züri-Freunde an den Tag legen. „Pacific“ dem Sonnenuntergang entgegen. Unser Baujahr ist ja älter. Die ganzen beschädigten und versauten Stadt-Leute sind ja froh haben sie uns. Die Zweitwohnungsbesitzer lieben uns:“ Sie brauchen sich uns gegenüber nicht zu schämen“, enthusiasmieren sie beim Holunderssorbet bei Caminada in Schauenstein.

Wir haben zwar  viel weniger Geld als die Leute mit denen wir zu tun haben, aber auch viel mehr Zeit als viele Leute, mit denen wir zu tun haben. Und manchmal …manchmal genügt uns die Wahl einer Emser Nationalrätin zum sofortigen Müdewerden. Sie richtet’s ja. Da muss man mal ein Auge zuklappen. Unsere Gemütsruhe hat die monumentale Stabilität des Fontana-Denkmals. Da kann man unbeirrbar und geschickt stehen bleiben, abwarten.

Und wenn wir, also die Rotte eingefleischter Graubündner-Grauköpfchen, einmal im Jahr das PS-Buffet der GKB stürmen, ist das meist keine Oktober-Revolution. Jo nu, an die Stelle der sogenannten gehobenen Gesellschaft ist bei uns ein bizarres Gemisch von Miststock-Politikern, Skifahrern, Radio-Moderatoren und Immobilien-Neureichen getreten. Auch hier ein Klassen-Ausgleich. Arbeiten ist ja auch eine sehr altmodische Art der Vermögensbildung.

Jetzt reden ja alle von schubsen, „Nudging“ – aber wohin? Ein Bündner lässt sich nicht schubsen…bestenfalls mal verschubsen aus Ems…Wir machen Innovationsseminare, deren Flipchards nach Jahren der Agonie meist als Schredderfötzeli noch im Staubsaugerbeutel enden. In dem Gewusel von perduegegang’nen Konzepten sind wir eben wie eine Festung, deren Kanonen in alle Richtungen zeigen, von wo sie meinen, dass der Feind kommt, und die eigentlich weiss, dass der Feind meist durch die Hintertüre kommt…das lässt uns kalt wie ein Hirsch-Kotelett aus dem Kühlraum. Da arbeitete der Verstand im Achtsamkeitsmodus.

 

„There is no such thing as no movement.“ meinte ja schon Robert Wilson. Erhaben, so wie ein Adler seine Ellipsen zieht im Nachmittagshimmel. The End.

 

 

 

 

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Billag isch z’billig

„ Das Leben ist weder hässlich noch schön, es ist originell.“,  meint Svevo. So ist das. So hab’ ich mir mal die „Schweizerzeit“ angeschaut. Ein Polit- Stammtisch auf Schweiz 5. Die Schweizer Werte unter Beschuss.

„ Schön sindrda.“ So lustig beginnts. Im Vorspann noch der Ulrich Schlüer, der uns einstimmt auf seine Welt. – Ich muss schon sagen, die Sendung hat mich aufgestellt. – Da gab’s vor allem mal nur Männer, keine einzige Frau im „Haus der Freiheit“, also geopolitisch in Toni Brunners Beiz im Toggenburg.

Und es fätzt richtig. Komödiantenstadl, eine Chäs-Hörnli-Combo vom Feinsten. Gleich zu Beginn: „Ich muess en schluck Rote ha.“ So un-SRG-mässig. Grins. Wie weiland kurz nach dem Tellsprung. Die Idee: im vollaktivierten, leutseligen Stamm-Modus die Seinslage der Schweiz zu kommentieren. „De Tell hät ebbe no gschosse.“ „Meer mönd widr Bereitschaft ha.“

Meist sprechen sie auch noch mit der Faust, mit der Hand, so ein „dänne gämmers“-Schwung. „Geld und Angscht hämmer no nie kha…“, schmunzelschmunzel. „Alli kritisieret de Trump…eine vo de wenige, wo für sies Land wider ufstooht.“– (Das sind übrigens alles Originalzitate). Ja, sie sehen aus, als ob sie alle Toni heissen. Diese Bürgerwehr spielt fantastisch auf der Dorfbühne.

Sie spielen auch Wutbürger. In Achtungsstellung. Dieses Ewig-Marignano-auf-den-Deckel-bekommen, wie sich die Theatergruppe Krummenau das wohl so vorstellt. Dorfkäsperlende Schweizer Akademiker. Der Dr. Blocher als geistiger Script-Autor. Die Titel-Inserts zeigen: Am Tische auf der Frontreihe alles Dr., Dr. und Dr.-Täfeli. Vom Weltwoche-Chefredaggter bis zum Dokter Landmann (ja der Spion-Verteidiger).

Also so eine Kohärenz der Intelligenten. Auch eine lachgünstige Versuchsanordnung. Das zählt ja schon noch bei den milchverarbeitenden Schweizern…Die gscheiten Reichen spielen Meinungslöwen für die dummen Armen. So ein seelenkundlicher Boulevard: wie sich Gross-Hans vorstellt den kleinen Hansli über den Stammtisch zu ziehen.

„EU-Norm-WC-Deckel sind prima. Nur dörfed die nit übr dr Schwizer Verfassig stoh…“

Schön anzusehen, wenn sie so theaterwettern– wohl gegen obdachlose Studienabbrecher oder alleinerziehende Coop Verkäuferinnen. Aber wie gesagt, über Frauen reden wir jetzt nicht; mir gfallts. „Ich fand jene Dichte und Wärme des Lebens ausgestellt, die ich in mir selber fühlte.“ (Um auch etwas mit Canetti zu blöffen.) Sie denken zwar schon an die bessere Hälfte der StimmbürgerInnen: „ Wenn ame Alass Fraue vergwaltigt wärde…“Sie nehmen Zvolch ernst. Sagen wir mal so, einen kleinen satirischen Unterhaltungs-Ueberschuss ergibt dies immer wieder, mehr als bei Röbi Koller. „Linki Gwalttäter“, so im verstellten Pastoren-Ton tönt beim Herrn Anwalt wie eine Besänftigungsorgie….untopbar dargestellte Exzess-Spiessigkeit am staatsfördernden Stadl-Tisch.

 

Und diese Zerrbilder kommen an. Gefällt mir. Sie kommen auch aus dem nahen Osten, also dem ganz nahen Osten…also Alt St.Johann. Tönt dann auch wie altbacken… Sie erkennen dann oft auch gewisse Analogien zwischen ihrem Dasein als Chefredaktor und dem Plättlilegger wo zuhört – so als Amatörproblematiker und Antörn-Hampels. Vielleicht haben sie einige Züge von Wald-und-Wiesen-Credibility-Abgewandtheit. Aber das macht’s dann genau aus. Diese Melange aus Voralpen-Tragödie und Selbstdarsteller-Kommödie. Mit Verwechslungspotenzial zum Lachen. Der Umfaller der ersten Viertelstunde war dann: „Es git au so Lüüt in Krawatte..“ wo ihnen suspekt sind. „E Verluederig…“ – Steuerreform hin oder her: „D’ Wirschaft het schlecht abgschnitte…“ – Das sind die dramaturgischen Höhepunkte.

 

Eine kalkulierte Effekt-Dramaturgie haben die sich schon ausgedacht. Spiesser-Akademiker besprechen Büezer-Sorgen, bemühen sich büezerisch zu reden. Deshalb wirkt’s auch so amüsant. „Die moralische Überlägeheit vo dene Chaote, Studente, Beamte, Professore, Sozialhilfebezüger….allas viil zvill..“ Im gleichen Topf und Satz „di Linke Siite, di islamistische Extremiste.““

“on the long run fahrsch besser wenn z volch öppis z’säge het.“

Saustark, die fast so wahabitsche Chäserugg-Koalition. Diese Darsteller bauernschläulicher Provinzrechtschaffenheit generieren reine Unterhaltungs-Power. Sie sprechen immer mit der Faust, mit der Hand mit waagrechtem Schwung „dänne gämmers“. – Mit ähnlicher Körpersprache: „I de Tageschuele werded Chinder hüt abgrichtet.“ Das Polit-Sorgerecht gehört uns.

Ab und zu ein tütscher Ausrutscher: „Hoch die Tassen.“ Das tönt dann nicht wie im Heimatfilm. Aber im Grossen und Ganzen mag das aber doch eine gewisse Schweizer-Service-Public-Oeffentlichkeit herstellen in einem etwas ländlichen U-Schichten Bereich. So ein Modus der Bestärkung der eigenen Identität. Vor allem wegen der permanenten Spannung die way over netflix is…. Sie haben so ein gefälliges schmiedeisernes Aschenbecher-Zeichen für ihre Sendung, das ja immer wieder schmiedeiserne Gedanken-Stränge erlauben und einfliessen lassen kann: „EU-Norm-WC-Deckel sind prima. Nur dörfed die nit übr dr Schwizer Verfassig stoh…“ Zum Rauchen. In welchem Abreisskalender liest man das? Sie haben für alles fast eine Selbstschussanlage, bringen Stimmung wie bei Andy Borg.

 

Um den allgemeinen Dauerernst zu unterminieren muss der Herr Chefredaggter dann schon mal etwas winglisch, also Weltwoche-Englisch einfahren: ..“on the long run fahrsch besser wenn z volch öppis z’säge het.“ Dem kommt jetzt eine bohrende Aufmerksamkeit zu: „ idr Schwizz chömmer üs no rode.“ sagt der Anwalt mit dem roten Kopf, unterlegt mit einem Soundtrack von falsch betontem korrektem Schwizertütsch, untermalt mit blutdruckfunkelndem Teint und so einer Biedermeier-Schnute. aber alles mit der Begeisterung eines Grossis für ihren Enkel…Guet, die Krawatte machts aus. Die immergleiche grüne Uhr zeugt von auserlesenem Geschmacks-Bashing der Requisiteurin.(Aber wahrscheinlich gibts da auch nur einen Dekorateur: männlich und viel billiger als bei der SRG.) Sein betörender Ostschweizer-Sprach-Sound verspricht Gutes…eine Hymne für sinnfreies Juristen-Gedaddel für die Bauern-Fraktion: „Do häscht du en ganz wunde Punkt aagschproche.“

 

Das kennen wir von den Screwball-Comedies. Verrücktheit ist eine Reaktion auf eine Ueberdosis Normalität. Und Stammtisch ist nie Aktion, immer Reaktion. Sie seifen sich gegenseitig ein mit zuammengeschnorrten Banal-Sätzen und duschen sich ab mit nationalistischen Hoffnungen bruderklausiger, ländlicher Weitläufigkeit.

 

Bevor sie dann aufstehen, eine zweitletze Einstellung, wenn Toni Brunner so fast als Schlusswort meint.“ Wir wollen die Hände falten, Hannibal will über die Alpen tschalpen…“ Hahaha. Dazu eine Art Kurt Felix-Geissbocklächeln mit Spitzbuben-Blick…und bitte noch spenden…

Ich hoffe, Sie erhöhen nach dieser wohlwollenden Medienkritik gewaltig die Einschaltquote dieser Sendung…weil wo dann die No-Billag angenommen wird, haben wir dann söttig gueti Unterhaltung. Wo man beim Spendenaufruf anfängt zu weinen und den ganzen Tag Toggenburger Kägi-Fret naschen möchte.

 

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Algos machen sprachlos

Algos zu ahnen oder gar kontrollieren zu wollen, ist wie wenn man einen besoffenen Nicht-Biker mit verbundenen Augen auf die Speed Strecke von Brambrüesch nach Chur runterlässt. – Crash. Wir kontrollieren nicht mehr alles, die Algorithmen kontrollieren uns.

Manches durchschau‘ ich definitiv nicht, zum Beispiel die Algorithmen von Parship. Wie die so neue Paare zusammensetzen! Da denke ich mir manchmal wenn wieder ein gestandenes Paar so um die Vierzig etwas verspielt gesteht: „Wir haben uns im Internet kennen gelernt.“ Heureka, offenbar funktionierts ja.

Auch beim Hotelbuchen. Letzte Woche buchte ich ein Hotel in Costa Rica. Die hatten aber nur noch 1 Nacht (statt 3) zu horrendem Preis. Die buchte ich dann mal, und im billigen Hotel in der Nähe die nächsten zwei Nächte. Also wusste der Algo des Hotels, dass wir nicht unbedingt auf  das Hotel angewiesen waren. Zwei Tages später dann, war die zweite Nacht nun auch im teuren Hotel zum halben Preis zu haben.–  Als Gast brauchst du keine IT-Kenntnisse aber Menschenkenntnisse: man muss einfach ahnen wie die Hotel-Leute je nach Buchungsstand täglich mit der Preisgrenze gamen.

Bei uns in GR meistern einige Hotels das „dynamic pricing“ meisterhaft. Aber eben nicht ganz alle. Doch Graubünden Ferien steuert mit Klasse ins Zeitalter der Digitalisierung – vieles ist top. An der Januar-Einladung– Neujahrsapéro wurden alle Gästeeinladungen und -rückmeldungen mit Data-matrix-Codes versehen und elektronisch erfasst. Und die Auswertungen wurden sofort präsentiert: wieviele Gäste welchen Geschlechts kamen woher, assen zuvor Gipfeli, bevorzugen süsse oder salzige Häppchen?

Ich erhielt dann kurz nach dem Event noch ein Dankes-Feedback für mein Dabeisein mit der Angabe zu welcher Gipfeligruppe ich gehören soll. Toll. – NUR… ICH WAR GAR NICHT DORT, schwänzte an diesem Tag. Die Ausrede ist nicht algorithmisch aus meinem Wordprogramm generiert: Am 3. Januar wars einfach zu schön. Corviglia stahlblauer Himmel, perfekte Pisten, Kunstschnee…oben drauf eine weiche mittagssonnenerwärmte Führungsschicht zum Carven. – So ist das, selbst Top-Führungsschichten sind virtuell nicht vor Abstürzen gefeiht…und „„Wenn man viel Gas gibt, ist es unheimlich wichtig, dass man eine Bremse hat…“ sagt man doch, nicht nur auf dem Bike.

Und wir crashen immer öfter. Zum Beispiel beim Werbetexten. Früher haben wir drauflos getextet…die Flow-Begabten fanden dann so einen Groove mit eigenem Sprachfluss. Rhäzünser war eben gsünser, obwohl das keinen Sinn machte. Und die Ferienecke GR entstand  bei einem netten Zvieri als einer die Karte auf dem Telefonbuch-Titelblatt anschaute.

Furzlangweilig. Aber ich muss ja auch nicht allen das poetische Du anbieten.

Heute ist das anders. Google hat’s im Jahre 2000 mit seinem Adwords-Konzept eingeführt. Mithilfe von Schlüsselwörtern – sogenanten Keywords – kann ich auf der homepage des Hotels festlegen, welche Suchbegriffe entscheidend sind, oder welche auszuschliessen sind. Wir haben jetzt also einen Plan.

Man muss dann also einfach mehrere Begriffe kombinieren. Also fürs Hotel Eden in Ilanz: “ Zwei Unesco Weltkulturerbe, Laax-Flims, Vals…“etc. – Wenn ein Hotel in Ilanz gesucht wird, sollte es das Eden sein. Wenn ein Hotel gesucht wird, in einer Bikeregion oder Schneeregion wie Graubünden, dann sollte es das Hotel Eden in Ilanz sein etc. Bei Truffaut hab’ ich mal gelernt, die Kunst des Films sei es, die Kamera auf schöne Frauen zu richten. Aber schöne Worte genügen bei den Suchmaschine  (glaubi) nicht mehr.

Nix Sprachflirt. (Man kann auch nicht mit komplizierter Literaturtheorie an Touristikwerbung heran gehen…) Da geht’s also darum, wie man zuoberst beim Suchprogramm landet.– Damit der Content auch funktioniert und die Leser auch konvertieren, also auch buchen. Und wenn aus China oder Japan merken sie’s eh nicht.

Halt eher so zerbrochene Sonette für Clicks.

Kürzlich bekam ich eine gut gemeinten Leitfaden zum Texten, der offenbar die „Sichtbarkeit der Webseite im Suchnetzwerk, wie beispielsweise Google stärkt.“ Du schreibst also nicht mehr einen schönstimmigen Text sondern: „Das Hotel und Restaurant Eden heisst Sie in Ilanz als Gäste willkommen.“Oder: „Ihr Gastgeber lädt Sie zu folgenden Zimmerkategorien ein“. Furzlangweilig. Aber ich muss ja auch nicht allen das poetische Du anbieten. Ich muss auch nicht allen gleich sagen: „Sorry, ich sammle grundsätzlich keine Bonus-Punkte.“

Die Wörter werden semantisch entkernt und nach kommerziellen Gesichtspunkten neu gewichtet. So eine Allerwelts-Teflon-Sprache. Und nicht der Bedeutungsreichtum oder die emotionale (auch textliche) Qualität treiben die Wertigkeit des Angebotes in die Höhe, sondern dessen Häufigkeit als Suchbegriff, seine Eigenschaft als Klickfänger und seine werbliche Verwertbarkeit als Stichwortgeber der Cloud- Technologie. Das ist ja alles schön und gut. Irgendwie. Halt wie im Klische-Duden. Halt eher so zerbrochene Sonette für Clicks. Das ergibt dann Texte mit dem Charisma eines gefangenen Goldhamsters.

Da etabliert sich schleichend eine Grammatik des Geldes. Wer gehört, gelesen und wahrgenommen werden will muss sich als Begriffsbroker betätigen und semantische Konkjunkturen nutzen. Das sind als so Begriffsbörsen – mit erfolgreichen semantischen Trends und Kategorisierungen. Das gibt dann so eine umfassende sprachliche Wertschöpfungskette…Das nennt man „linguistischer Kapitalismus“. So für Leute, die nicht alle Tastatur-Zeichen im Schrank haben. Dafür müssen die Buchstaben nicht mehr tanzen können, ist ja sowieso uncool in Zeiten von Schnelllese-Kuhlness.

Die Drastik der Sprach-Kommerzialisierung nimmt zu. – Ich sehe da aber nicht den endgültigen Untergang des Schönen-Text-Abendlandes. Vielleicht sind es einfach einige Glückshormone, die in der Cloud verloren gehen…der mittlere literarische Durchschnitt merkt’s eh nicht…(und ich texte eh nicht mehr homepages.) Das ist wahrscheinlich wie beim Gletschereis das schmilzt. Da kann man uns einfach Eiscrème versprechen. Und auch wenn im Handy böses Coltan drin ist, das arme Kongolesen aus dem Boden kratzen, die Welt wird sich verändern und damit die Sprache.

 

Jaja, ha ha ich hab’s kapiert. Und schöne Texte lesen wir am Senioren-Nachmittag. Da lesen wir dann Schopenhauer: …der geistig beschränkteste Mensch sei im Grunde der glücklichste,…“wenn gleich keiner ihn um dieses Glück beneiden mag.“

 

 

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es facespuckt

(Wer ist jetzt der schwarze Peter ?)…Das sollte ich wirklich posten, dachte ich. Wenn so einer seine Wörterhorde in Gang bringt. (jetzt bitte festhalten, ich schwöre Originaltext aus Facebook): „Dia chön üs umloh, bomba lega in da ubahna,mit lastwaga in menschamengena fahra….und i söt wega somana bild RASSISTICH SIIII…Wo bini eigentlich????Das huara Dreckpack…..wenn schu denn schu…Dia chön üs umloh, bomba lega in da ubahna, mit lastwaga in menschamengena fahra….und i söt wega somana bild RASSISTICH SIIII…Wo bini eigentlich????Das huara Dreckpack…..wenn schu denn schu…“ – Fehlt nur der Audio-Mischnitt.

Wo bini eigentlich????Das huara Dreckpack…Dia chön üs umloh, bomba lega in da ubahna…

Alles wörtlich und copy paste. – Sturmgewehr in Anschlag, Schuss frei. Ein Höllentober. Wie ein Trommelwirbel. – Die AfD ist zwar weit weg. Er ist aus Untervaz, aber mit einem Bein schon im Gau-Land. SVP-Mitglied ist er wahrscheinlich auch nicht. Und hat wahrscheinlich nur in der SO gelesen, dass die Deutschen sich keinen Ski-Urlaub mehr leisten können. Sich ausgedacht, dass das wahrscheinlich im Koran so angelegt…..

Im richtigen Leben wird er so daher-malunsern. Er bezahlt die Miete pünktlich. Und für eine Kreuzfahrt reichts alleweil – wie man auf FB sieht. Gehört nicht zur sozialen Schicht der Punchingbälle, Fussabtreter oder Pissoires. Das ist gerne und gut schweizerisch. Notdürftig polierte Land-Society mit Übergewicht (wie Profilbild zeigt: Dicke Männer fordern gerne einen schlanken Staat.) Fazit: Also völlig tolerabler Durchschnitt.

Nur brauchen die jetzt auch die neuen digitalen Megafone. Dafür gab’s doch den Stammtisch…Da war man unter sich, redete laut, nicht immer stubenrein, wütete…ohne Konsequenzen, es kam ja auch niemand auf die Idee, dass das öffentlich sei.

– Weiter in der FB-Geschichte. Vorsichtige „Frage“ einer Dame: „Du bisch scho a Rassischt. „ Mein FB-„Freund“ dann: „Miar isch jeda usländer willkomma..abee eba nit dia!!!!“ (Ausgangspunkt war eine satirische Foto mit einem Schwarzen)

Da kann man nicht mehr im gestelzten Maturandendeutsch antworten. Das ist FACEBOOK: Noch ist die Schweiz keine Mobokratie. Es gibt zwar schon zuviel Leute, die nicht mehr alles erreichen können…:“Wir gehen unter…“ Da heulen sie dann den schwindenden Mond an. Irgendwie absurd. Ist aber schon ein Gedankengut, das wächst: „Die fremden Horden übernehmen uns.“ Wie bei der Reichsbürger-Ideologie. Dazu wimmelt es wieder von Rassismus-Fouls. Da sind ja Mohrenköpfe direkt noch süss.

Und vor lauter Lippenschmink-Beraterinnen mit  ihren Blogs  geht das dann auch unter,  dann ist ja alles schön und gut und süss, irgendwie. Man will ja auch keine Revolution, die Leute wollen eher ein I-Phone.

Da hashtagundnachtet es…twittert und postet es. Lebende Hasspostings en masse. Die derzeitige politische Diffamierungskultur steigt weltweit. Und die BAZ klärt uns Hinterwäldler auch auf, wie es aussieht auf der richtigen Welt: „Trump hat Recht I+II “ …Als Nicht-BAZ-Weltwoche-Leser erhalte ich das alles meist schnell von meinen FB-„Freunden“ sofort auf den screen.

Facebook ist die beste soziale Devianzforschung. All diese besonderen Typen aus all diesen Milieus zeigen sich. Vielfältig und unflätig. Und ihre Schlagkraft wächst reziprok zur geistigen…

Und jetzt kommt’s: HEUTE SONNTAG……hat mein „Freund“ gepostet: „Nach 30 tägiger sperri bini wider voll im FB,aber dia herra vum FB hän der astand nid kha und miar schriba WARUM????trotz mehrmaliger schribarei!!!
Eine Rose fragt: „Warst du zu rassistisch?“
Antwort: „Kei ahnig, FB hät nia Antwort geh..i und Rassischt..LG“

ICH UND RASSIST?

Diese Heimatkundler und Entertainment-Verwahrlosten haben wohl eine riesige Verdrängungsleistung….merken’s gar nicht mehr. Da zieht man schnell den schwarzen Peter. – Anscheinend sei die Summe der Intelligenz eine Konstante, leider wachse die Bevölkerung …Gut, redet man da von irgendwelchen Obergrenzen.

 

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AAAH….WEEEH….Tee

 

Graubünden hat etwa 190’000 Seelen und ca. 300’000 Wirtschaftsexperten…Da gab’s jahrelang ein Gemunkel, dass viel zu viele Aufträge des kantonalen Amtes für Wirtschaft und Tourismus (AWT) ins Unterland gingen. Ein Schrei nach Transparenz und Übersicht. Grossrätin Vera Stiffler ist jetzt sicher beruhigt: wir haben endlich eine Excel-Tabelle.

Die Liste ist einsehbar auf: https://www.gr.ch/DE/institutionen/verwaltung/dvs/awt/Dokumente/AWT-Drittauftr%c3%a4ge_2012-2016.pdf – Gut so, nit kompliziert.

Die Ergebnisse vorneweg: auf 10 Seiten erfährt man wie das AWT zwischen 2012 und 2016 genau 5’187’684.61 Franken auszugeben im Stande war.
Ja, auf 61 Rappen genau.

Schneisen haben sie keine hinterlassen, aber Dürrenmatt würde fragen: „Klara, ist denn überhaupt alles Prothese an Dir?“

Und für Insider ist es eigentlich kalter Khaffi. Einige Schmunzler mag’s einem entlocken: eine Rob Nicolas Gmbh Rhäzüns (nie gehört) entwickelte „Studien und Konzepte“ für Fr. 30’000 zur Abklärung für die olympischen Winterspiele 2026. Offenbar erfolgreich. Wie alles, das dann mit Drucksachen, Broschüren und viel Präsentationsaufwand aufgebretzelt wurde.

 

Die üblichen Verdächtigen sind alle schön dabei. Oft sind sie geniale Kompilierer von Beratungsplatitüden. Schön gleichmässig megademokratisch- medioker wurden an alle Aufträge verteilt. Von Hanser und Partner bis zur Trimarca, von Forster/Wergenstein bis Küng Chur, von der HTW bis zur Grischconsulta. Mag sein, dass alle zu kurz kamen, weil sie ja alle nur mikrige Aufträgli erhielten. Ganz zu schweigen, von all den Kleinstbetrieben (Einfrau-Beratung), die alle auch was… Ausser Vera Stiffler sind fast alle auf der Tabelle.

 

Im 2013 gab’ s auch noch eine BeraRtung (wörtlich) zur Kommunikation Tourismus Programm für 13’122 Fr. – Ja, verkünstelt wurde da viel.

Dass sie nur EINE Zweitmeinung für Fr. 11’340. genau zur Marktbearbeitung der Märkte China, Brasilien und Russland bei der raw consulting ltd. in Zürich einholten, war vielleicht ein kleiner Fehler. Die waren eben limitiert.

Alle durften mitschellen. Dem tollen Schellenursli hat die Rütter Soceco nachträglich mit einer Langzeit-Studie Monitoring für 130’000 Franken nachgewiesen, dass das ein erfolgreicher Film war. Das hätten auch Kids am Kinoausgang gesagt…

Ein gerngesehener Gast war auch Dr. Daniel Fischer und Partner aus Niederwangen. In Graubünden beliebt bei allen Behörden. Der entwickelt meist Strukturen bevor er das Markt-Problem löst. So ein Dokter macht immer Eindruck in Graubünden. (Wenn das dann wenigstens mit Tarmed abgerechnet würde…) Kürzlich las ich in  der Presse über eine seiner Studie für „Klosters 2018“: „Verliert seit 10 Jahren Marktanteile. Es fehlt touristische Leadership. Verantwortung wieder selbst übernehmen. Wenig Momentum und Drive…“ – ja stimmt doch. (Touristiker, die das nicht selber merken, müssten halt irgendwo ins Unterland ziehen).. Hatte ich vor 20 Jahren auch schon bemerkt. Aber  kein 90’000 fränkiges Konzept dazu geschrieben.

Man merkt’s irgendwann kam die Erleuchtung, dass man die Leuchtürme – ein Beraterbegriff aus dem letzten Jahrhundert – auch umsetzen müsste. Dann kam die Messung der Erfolge „Marke Graubünden“. Die Agentur Interbrand AG Zürich kassierte nach einigen Marken-Hunderttausendern dann auch noch mal 74’604.04. Die 4 Rappen waren wahrscheinlich für die damit verbundene sprichwörtliche Ataraxie, also die Seelenruhe, der Gleichmut, unsere „Patschifigness“. Jo, was die Volkswirtschaftsdirektoren meist machen, würde Kant „das uninteressierte Wohlgefallen“ nennen.

Meist ist das alles nicht daneben aber auch nicht durch Gedankenschwere angekränkelt – und vieles papieren geblieben. Insider erkennen immer wieder die doch filzigen Zusammenhänge. – Wenn ein Pontresiner 3 Stern Hotel im Jahre 2017 Kantonsgelder zum Neubau erhalten soll, ist das doch vielleicht das Voraus-Bezahlen des Schleuderkurses vor wirtschaftlichem Aquaplaning.

Die Tabelle ergibt einfach eine interessante Transparenz. Das musss man jetzt mit derselben kontemplativen unschuldigen Aufmerksamkeit betrachten. Einfach reinziehen. Zusammengefasst ist das ganze vielleicht eine wirkmächtige Schilderung der Tragik des Wollens. Das ist der mittlere wirtschaftliche Durchschnitt eines Kantons, dem seine Probleme nicht ans Lebendige gehen, sondern höchstens ans Gemütliche…und solange die Zuger und Zürcher uns Geld schicken, dürfen doch auch Berater von dort kommen.

Die Idee dieser Vergaben, der ganzen Konstruktion ist, dass die Volkswirtschaftsdirektoren  nicht belangt werden. Der Berater kann dann ausgewechselt werden, kommt aber im Turnus alle zwei bis drei Jahre wieder dran. Die Ohrenbläser auswechseln und dann „more of the same.“

Schneisen haben sie keine hinterlassen, aber Dürrenmatt würde fragen: „Klara, ist denn überhaupt alles Prothese an Dir?“– Wer sagt da noch, das sei nicht Wirtschaftsförderung. Wirtschaftsförderung in Graubünden ist ja eigentlich keine Amtshandlung, eher eine Amtshaltung, eine Verhaltensauffälligkeit von Seifenblötterlern, so geistlos wie eine Seifenblase, aber doch unzerstörbar. Das erledigen sie dann nach dem Arpagausschen Imperativ: „Handle stets so, dass niemand die Diskrepanz  zwischen deinem nach aussen gestülpten Fortschrittsglauben und deinem inneren Rückwärtsgang erkennt.“

 

Einen Hirsch zu spiegeln bringt noch keinen Jagderfolg.

 

Fazit: Keine Sensation, nichts zu motzen. So schliessen wir denn heute mit einem Song: „ hey, hey, hey, ther’s nothing left to say.“ Und über den Amtsinhaber sagen wir schon seit Jahren nichts mehr.

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DAS ALTER–VERSTEHEN BEIM GASSI–GEHEN

Letze Woche wurde ich 69…Wenn so ein  Pro-Senectute-Progressiver mit einem Happy-Day-Samschtig-Jasser auf der Strasse chattet, dann reden wir schnell mal staatsstragend dreinschauend und schwerschnaufend von den Anderen. – Moi, immar in Gamba? Was machsch so…? Wir sind in der Darbietung klassischen Bündner Verhaltens unterwegs…mit Standard-Churerfest-Grinsen und Allegra-Zahnstellung…

Wia alt bisch jetzt aigantli? – Wenn ich dann so mit umflorter Stimme meinen Geburtsjahrgang genüsslich einfliessen lasse, und ahne, dass der Andere – etwas aus dem Leim gegangen – eh ebensoalt ist wie ich… Dann reden wir vom Reto,  diesem M-Fit-Turnschuh, der noch immer aufs Fürhörnli speedet und einer betagten-Grey-Wedding-Planerin nachsteigt. Sonst halt so ein Schneider-Ammann-Rhetoriker – aber dann doch mit seinem E-Bike die Welt  verändern wollen!– Jo nu, man könne aber auch nicht den ganzen Tag mit dem Velo rumfahren…sonst erhält man in der Neid-Wertung mehr Rotten Tomatoes als Likes.

Jo, gnau…ma isch so  jung wia ma noch tenggt.  Obwohl man ja wisse, dass der Reto eigentlich eher so ein platonischer Bei-Watcher sei, also nur noch von Maitli-Beinen träume, lieber nur noch zuschaue, bestenfalls zuhöre wie so ein Oberländer-Chorleiter, der seine Basis-Lebensgrundsätze von den Senioren-Ohrenbläsern des Bündner Tagblattes hat oder sogar immer noch bei Bischof Huonder finde. Kommt halt aus der Zeit, wo man schaute, wer die prächtigeren Kathedralen baute.

Undja, als runtegerockte-Bündner-Wirtschaftsforum-Experten hätte man ja auch nichts mehr zu lachen…

Durch den freudig rotierenden Fleischwolf der staatstragenden Bündner Medien aufgeschreckt und -geweckt, sind wir dann schnell beim überteuerten Churer-Stadtfest-Zigeuner. Nein, die Fleischigen, die kommen ja nicht aus Rumänien, oder von Ungarn. Seit die Mauer dort…. sei alles teurer, sogar die Roma-Bettler seien ja jetz indrschwiz so zu Bonus-Pünktlern mutiert.

Das alles ohne jedes moralisches Tremolo. Das khönnt ma schu säga…Überhaupt: Integration sei jetz das Zauberwort. Jeder Syrer und Eriträer habe wohl das Recht als Wirtschaftsflüchtling das volle Boot zu kentern. Obwohl man kein Alters-Schlimmfinder sei: die Behööörden hätten da abr zu lange zugeschaut.

 

Toleranz habe man halt beim Wirtschaften gelernt, wo man als Bitcoin-Fast-Investor fast reich geworden wäre, wenn nicht der FDP-Sohn, dieser Startup-Fehl-Starter den Furor zum Libor der Altersreform falsch verstanden hätte….eben. Undja, als runtegerockte-Bündner-Wirtschaftsforum-Experten hätte man ja auch nichts mehr zu lachen, diese Skilift-Reparier-Strategen und verspäteten Zweitwohnungsbauer-Gruftis ghören halt auch zu den bilanzgeschädigten Wasserkraft-Stau-Maurern, die jetzt mit den verbliebenen-Grossrats-Gläubigern…ja, die wollen auf 12O bleiben – also nicht der obere Blutdruck sei da gemeint, mehr der Wasserdruck auf die Gefässe, auf die 66+Sportler-Gesässe…Die Mumie kehrt halt zurück.

Joo, niemals hätte man soviel gelogen wie in unseren Tagen…Wir schimpfen dann noch etwas über die Ich-bin-impfall-nicht-gegen-die-Rentner-FDPler, die Laktose-Intoleranz gegenüber den Mist-Produzenten und die Gluten beim Männerriege-Grillabend. Die Agrar-Freihandels-Neurotiker vom Bauernverband seien halt auch nicht mehr so Top-of-the-World wie unser Jahrgänger Danuser, und die Sessellift-Vermehrer um Parolini auch nicht mehr die besten Jäger inpunkto Cash. Was jetzt gar nichts mit Regierungs-Kultur zu tun habe, schliesslich sei uns da Hinz was Kunz.

Und wie in den guten 70er Jahren könne man auch nicht zwischen himmelblauen Atem-Büchern und pastellfarbenen Achtsamkeitsübungen den Klimawandel einfach auf uns einströmen und die Dinge auf uns wirken lassen. Da bräuchte es dann einen James Bond für Bondo.

Ein Schwatzheini sei er nicht…Guat, Zinseszinsen gibts ja auch nicht beim chatten.…Auf die habe er noch Hoffnung, falls die dann wieder steigen wie der Murgang, dann hätte man ja noch eine gute Zeit in der Rentnerhotels. Die Commander Kirche sei ja jetzt auch schon Sechzig und seit sie gläubigerschonend benutzt wird, hat sie noch Chancen auf Abwrack-Prämien. Religion sei auch kein Business mehr wie zu Zeiten der Ablass-Prämien. Vertrauen versauen könne man halt auch wie diese Diesel-Verkäufer.

Und seit TV Rumantsch immer diese Senioren-Versteher-Filmli bringe, verstehe man alle Ü-75-Kolumnisten im Bündner Tagblatt doch etwas besser. Die Welt sei besser. Die Einflüsterin der Emser Werk oder deren Vater von der Goldküste hätten ja auch was Gutes…Erklären uns, dass wir, die wir auch im Sommer in der Winterbrache seien, doch besser nichts für den Klimaschutz…jetzt hebt er die Arme und lässt sie wieder fallen. Das wird jetzt nur noch so eine halblaute elyptische Diskussion.

Ja die Zeit, fast wie die Religion, fast so wie bifunktionales Klopapier, für alles brauchbar und doch behandelt man es wie wir die Politiker. Dabei hätten wir ja die beste aller Demokratien: soviel schöne Bergspitzen, Seeli und Bächli – hat der oberste Bündner auch gesagt. Doch kann dann Urs kaum den Namen des Kultur-Regierungsrates über die Lippen bringen, ohne ihm Geiferndes beizumischen oder zu unterstellen…Das schmeckt dann schnell so nach verbrannter Erde, oder mindestens so nach angedichteten Frauengeschichten…

Als die Post noch PTT hiess und keine Gewinne machen musste..hatten wir auch ein anständiges Gebüü am Postplatz…und jetzt nur noch Grosses-Kino im Westen. – Wenn ich dann die Schlichtheit des Belanglosen nicht mehr von der Einfachheit des Schönen unterscheiden kann, höre ich auf zuzuhören, schaue auf meine nicht vorhandene Protzarmbanduhr und denke, dass wir Senioren wohl oft mit etwas Wichtigtuerei unsere individuelle Altersreform etwas retardiert haben. Die Überlebensucht bleibt. Die anderen zahlen ja. Aber schu sicher: das Abendprogramm beim Jahrestreffen der Festungswächter-Witwen könnten wir noch alleweil bestreiten…altersgemässe Gruppenumarmungen inbegriffen.

 

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high noon in haldenstein

 

Etwas mehr als in der Regionalpresse. Eine Dorfgeschichte. Oder: wie Corporate Governance auch Graubünden erreicht.Fast wieder amüsant.

Den Familien um Josias Gasser gehört seit zig Jahren ein Grundstück an der Bahnhofstrasse in Haldenstein. Sie wollten dies mal später nutzen im Rahmen ihrer Tätigkeit als Baustoff-Grossbetrieb, Windenergie- und Passivhaus-Entwickler – und wenn möglich die Nachbar-Parzelle der Gemeinde dazu kaufen.

Da gab’ aber andere: die wollten auch. Die einfache Gesellschaft von Jürg Zingg und Jürg Gasser, Bruder der Gemeindepräsidentin, der aufgrund des verwandtschaftlichen Beziehungsnetzes davon ausgehen konnte, die jetzt zur Abstimmung ausgeschriebene die Parzelle 106 für 785 Fr. pro Quadratmeter
günstig zu erhalten. Da wurde also  mit der Zusicherung der Gemeindebehörde gerechnet: „ihr kriegt das Grundstück schon“…Für die Nachbarparzelle wurde von Jürg Gasser  in diesem Zwist im voraus ein geschätzter Marktpreis von über Fr.1200.- pro Quadratmeter bezahlt– so auf Höhe Bondaquartier Chur.

Das alles  etwas intransparent und ohne öffentliche Ausschreibung…

Bis man sich wehrte. Einen Strich durch die Rechnung machte nun das neue visionäre Konzept der Gasser-Erbengemeinschaft um Josias Gasser. Die Gemeinde wollte ja schon immer eine attraktive, ortsbildgerechte Gesamtüberbauung in diesem Quartier. Die Erbengemeinschaft um Josias Gasser hat nun mit Experten für Generationenhäuser, Siedlungsplanern, Energie-Architekten wie Andrea Rüedi und Gartengestalter ein neues Projekt erstellt.

Da wurde viel reingesteckt. Ein Leuchtturm-Projekt für die Gemeinde und Energiestadt. Ein energieautarkes Gebäude soll’s werden; will heissen, man wird auch im Winter keine Energie für Wärme und Strom von aussen beziehen – durch Wasserspeicherung im Sommer. Bewiesen haben sie’s schon, dass sie’s durchziehen: das erste schweizerische Gewerbe-Passivhaus vor 20 Jahren. Das erste Windrad in GR. Es soll eine Solarsiedlung, eine attraktive Visitenkarte an der einzigen Zufahrtsstrasse nach Haldenstein werden.

Soso, so Wertungen sind ja immer subjektiv, und  Gemeindebehörden wohl etwas subjektiver.

Die kleine aber feine Mehrgenerationen-Siedlung soll Wohnungen für Singles, Familien, für alle Lebensphasen bis zur Alters- und Pflegewohnung haben. Öffentliche Räume, eine attraktive Gartengestaltung fördern die Gemeinschaft. Drei Mehrfamilienhäuser mit 25 Wohnungen. GünstigerMietraum in hochattraktiven Wohnungen.

 

Das ging dem Gemeindevorstand wieder gegen den Strich, der hat das bewertet. Fazit: „Der gewichtete Durchschnitt aller Punkte ergibt eine Gesamtbewertung von 8.8 für das Projekt der Erbengemeinschaft Lorenz, Georg und Josias F. Gasser und 9.1 für das Projekt der Einfachen Gesellschaft Hanfländer“ – Soso, so Wertungen sind ja immer subjektiv, und unter Gemeindebehörden wohl etwas subjektiver.

Gesamtbewertung also schlechter, obwohl das Josias-Gasser-Projekt besser wegkam. Der Bauberater der Gemeinde zum Projekt Jürg Gasser: “ gestalterisch ungenügend und renditeträchtig.“ Dazu rückten die Gemeindebehörden  im Vorfeld einfach nicht die Unterlagen raus. Nicht mal die Bewertung des für die Gemeinde zuständigen Bauberaters, Conradin Clavuot.

Und als der Architekt des Projektes von Josias Gasser (Andrea Rüedi ) als Haldensteiner Stimmbürger anfragte, ob er Einsicht in die Beurteilung der beiden Projekte und die Angebotsbeurteilung bekäme, sowie den Bericht des Bauberaters….wurde er abgewiesen, da kein schützenswertes Interesse erkannt werden könne. Dann flogen die Flublätter hin und her.

Klar, die Gemeindepräsidentin war im Ausstand. Also nix falsch. Josias Gassers Erbengemeinschaft offeriert zwar 30’000 Fr. mehr für das Grundstück. Das ist aber nicht unbedingt wichtig für den Gemeindevorstand. Der beantragt aufgrund des Bewertungs-Ergebnisses der Gemeindeversammlung vom 15. September 2017 die Baulandparzelle dem Bruder der Gemeindepräsidentin zu verkaufen…So läuft direkte Demokratie.

Und auch das ist korrekt: Die Initianten durften an der Gemeindeversammlung vom 15. September ihr Projekt nicht vorstellen. Nur 4 Folien wurden vom Gemeindevorstand gezeigt. (Sonst könnte man ja die qualitativen Differenzen der Projekte klar erkennen und feststellen, dass das Projekt von Josias Gasser eindeutig besser war) Die Projektentwickler durften nicht reden. –  Auch das ist nichts Krummes. Eben höchstens etwas intransparent….

Josias Gasser, der in Chur wohnt, durfte gar nicht teilnehmen. Die Anwälte haben vorgesorgt. Der Gemeindevorstand hätte beschlossen, „nicht ortsansässige Personen der Behandlung dieses Traktandums nicht beiwohnen zu lassen.“

Die Gemeindeversammlung in Haldenstein hat am letzten Freitag knapp entschieden, dass die Gemeinde die Parzelle am Dorfeingang vorerst nicht verkaufen will. Und so nebenbei: die Berichterstatterin der SO, die in Haldenstein wohnt, hat intensiv bei der Gemeindepräsidentin recherchiert, mit Josias Gasser nie geredet.

 

Und wenn Sie jetzt auf die dummekrumme, voreilige Idee kommen, da sei irgendetwas falsch gelaufen. Ja, sehen Sie’s demokratisch – die heissen dort ja alle Gasser. Also fast alles rund. Und wenn man erreicht hat, dass beide Projektverfasser jetzt zusammen kommen, wo möglich was gemeinsam machen und sich zusammenraufen, hat man doch Einiges erreicht. Und erst noch eine sensationell hohe Beteiligung an der Gemeindeversammlung.

 

 

 

 

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Die 68er in GR – ein neues Buch

Morgen erscheint das Buch und wird der Presse vorgestellt. Werner „Mausi“ Caviezel hat in zweijähriger Arbeit ein Buch über die 68er Bewegung in Graubünden verfasst.  Es ist ein spannendes und persönliches Zeitdokument. Mit 31 Stimmen und Portraits von Weggefährten der Bewegung–  mitgestaltet, mitkommentiert und mitgefühlt. Dazu erhöhen zeitgeschichtliche Fotos den emotionalen Kontext. Die Erinnerungs-Bilder sind eingefügt und machens richtig lebendig und süffig. „Ha, hät dä so usgseeh…?? – isch dä au dabi gsii?“

 

Werner Caviezel, Dr. iur. mit Anwaltspraxis in Chur, war in den „wilden 1968er Jahren“ politisch sehr aktiv, vor allem in Graubünden: in der Studentenpolitik, in der ausserparlamentarischen Opposition, aber auch in der SP und in der Gewerkschaft, im Mieterverband, in Umweltschutzorganisationen sowie als Parlamentarier und Richter. Er hat die 68er Bewegung in Graubünden massgeblich geprägt.

Ich war kein 68er… und bin doch…

Der Autor, selbst 68er an vorderster Front, geht auf Spurensuche, sieht sich nicht als Historiker, sondern als Aktivist. Wann und wie wurde auch der Kanton Graubünden von dieser gewaltigen Strömung erfasst? Werner Caviezel blickt hinter die Kulissen und nähert sich der 68er-Bewegung – analytisch aber auch sehr persönlich. Was geschah in Graubünden? Wer war dabei? Was war das Besondere?

Die 68er-Bewegung hat als internationales Phänomen die Nachkriegszeit nachhaltig verändert. Als Rebellion gegen
die bestehende Gesellschaftsordnung und deren Werte – vielleicht die wichtigste soziale Bewegung im letzten Jahrhundert. Neue Klänge und
Modeerscheinungen, Rock- und Popmusik und viele neue Verhaltensformen entstanden aus ihr.

1968 ist eine vielschichtige Chiffre. Sie umfasst Politik und Kultur sowie eine neues Lebensgefühl und einen neuen Lebensstil. Der 68er- Generation wird ein vielfältiger und zum Teil nachhaltiger Einfluss nachgesagt. Und angesichts der heutigen Verwerfungen in Politik und Gesellschaft besteht guter Grund, sich historisch mit der 68er-Bewegung in Graubünden zu befassen.
Klar hat sich in GR nichts allzu spektkuläres ereignet. Caviezel gibt zu, dass nicht selten auch bei den 68ern das kritische Denken versagte. Aber bei wem nicht?

 

Die Anekdoten von Ruedi Albonico, Fortunat Anhorn, Romedi Arquint, Felix Bertogg, Gallus Cadonau, Anna Tina Campell, Armin Capaul, Bernard Cathomas, Christian Crottogini, Leza Dosch, Peter Egloff, Mario Florin, Mario Giovanoli, Andrea Hämmerle, Hanspeter Hänni, Jürg Hartmann, Chris Hassler, Martin Jäger, Claudio Lardi, Anna Ratti, Clà Riatsch, Kaspar Schuler, Hanspeter Seiler, Silva Semadeni, Jürg Simonett, Christian Thöny, Rudolf Trepp, Georg Weber, Hans Weiss, Mario Zulauf und mir sind es schon wert mal reinzugucken.

 

Ich war kein 68er… und bin doch…Als HSGler hatte man damals nur einen Churer-Wochenend-Bezug zu den Bündnern in Zürich. Mit vielen befreundet, auf Reisen oder später in einem Kultur- oder Aktionskomitee. Von der Klibühni bis zu Olympia-Abstimmungen. Und was bleibt mit fast 70? Die vielen Leute, mit denen man schon befreundet war (Jürg oder Peter Hartmann u.a.), einem damals schon imponierten (Andrea Hämmerle) oder man später kennenlernte (Bernard Cathomas, Peter Egloff), die immer noch ausserirdisch kommunizieren (Chris Hassler) oder sich völlig unprätentiös als Top-Berufsleute etablierten (Hans Weiss/ Rudolf Trepp), sie haben alle etwas gemeinsam – sie haben für etwas gekämpft, das man nicht so einfach in ein Schlagwort „68er“ biegen kann.

 

Sie haben einem manchmal vom Tunneldenken befreit, sind nicht in der eigenen kulturellen Komfortzone geblieben und haben auch ihre Selbstprofilierung verlassen können (mindestens mal einige…) Und denkt man dann so aus eigener Sicht: „ Wieso sollte aus dem etwas geworden sein? Aus mir ist schliesslich auch nichts geworden…“ erkennt man, dass wenigstens einige tolle Freundschaften geblieben. Einige 68er-Gedankentransporte haben stattgefunden.

Die Flügelspannweite ist vielleicht nicht so gross geworden, wie die Ikarus-Träume an der Kanti, wo wir uns im Kantonsschülerturverein zuerst trafen, vielleicht nicht unbedingt „sozialisierten“. Aber man kann ja Politik nicht am Barren vorturnen – doch die wenigsten mäanderten wenigstens nicht gleich nach der Uni in all die opportunistischen Gesellschafts-Vorturner-Cliquen. Man erkennt ja den Spiessbürger – haben wir mal gelernt – daran, dass er die Kennzeichen randständiger Subkulturen usurpiert, diese als seine eigenen umdeutet und sie entseelt…(so sehe ich auch mich als 68er.) – Danke Werner Caviezel für deinen Effort zu diesem Buch.

 

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Kaschmir oder khaschmiar?

Eigentlich werden wir ja alle rücksichtslos an den Rand designt. Geschieht uns recht. Meine Generation hat’s ja dieses Design-Geduddel und Gedaddel erfunden. Und wir Marketing-Heinis haben da mitgemacht. Also, ich meine jetzt nicht die scheusslichen Churer Moloks…da meine ich nur noch zu hören: „Oh Molok, du gosch mar uf da Khurar-Sack“. Guat, das kann man auch mol lockerer sehen, die scharfrausgeputzten jährlich erneuerten Churer Bordsteinkanten kompensieren das wieder. – So Abfall-Gedanken kommen einem halt schnell, wenn man durch Chur churvt. Undja, Design Blogs sind eh ein stark vemintes Gelände – meine gefühlte Design-Obdachlosigkeit trägt da nicht allzuviel bei..

Ich getrau mich kaum mehr neue Ferienwohnungen von Bekannten zu besuchen, schon gar nicht neue Häuser. Vor so 30 Jahren als meine Freunde neue Häuser bauten, gabs da einige peinliche Szenen. Das sind jetzt keine erfundenen Geschichten: Besuch bei  so hoffnungsvollen Bonda-Quartier-Reservat-Bewohnern…Semientsetzte Peinlichkeit auf beiden Seiten: ich als Gast und die stolzen neuen Hausbesitzer über meine ungebetenen Ratschläge. Beim Architekten mit seinem nigelnagelneuen Haus rutschte mir raus: „ eine gute Baumaterial-Ausstellung.“ Beim Regierungsrat mit den goldenen Badewannen-Griffen: „ Gibts eigentlich auch einen Architektur-Lehrstuhl für solche Goldies?“

Und beim Anwalt mit den plakatgrossen Cheminée-Spruch auf grasgrün:„ Lasciate ohne speranza voi che entrate.“ Aber halt, der Dante-Spruch stand nicht an der Wand,  das war meine Bemerkung: neben dem Holzhaufen stand in einer gefühlten 350-Punkt-Schrift sowas wie: „Tra il dire ed il fare c’e in mezzo il mare.“ – oder sowas, er wollte auf jeden Fall zeigen, dass er ein Macher… Also eher eine peinliche Big-Daddy Nummer. Heutzutage, gealtert und bei den heute wieder aufkommenden Heidi-Dirndl-Phantasien, schaue ich ja meist lieber und gerne freundlich auf den Ausschnitt einer Gastgeberin um nichts sagen zu müssen oder gar noch einem Rolf-Knie-Bild zu begegnen.

Die neuste Episode eines nicht endenwollenden Schuhkauf-Dramas entsteht oft aus der Diskussion, ob der Gattenkörper ein upgrade vertragen könnte.

Da kommt einem doch schnell Aritstoteles-Lehrbuch hoch: “Sieh mich an und den Baum: bin ich nicht klein? Sieh mich an und die Maus: bin ich nicht gross?“ Versteh ich ja, wenn ich die etwas hölzigen Intarsien im Kulturbild der Churer Oberschicht ansehe, dass die sich nach einem Kultur-Leitbild sehnen. Nein, kein Verzweiflungsschnauben meinerseits…JedemdasSeine.

Meist sind es ja Armverlängerungen zur Vergrösserung des Ego-Aktionsradius der Zahnarzt-, Versicherungsbroker- oder Anwaltsgattinen. Die müssen sich ja vergleichen können. In unserer egalitären, liberalen, postreligiösen Welt funktioniert die Selbstdarstellung nur so – wissen wir. Und erhöht immer wieder die durchschnittlich nachgewiesene diffuse Unzufriedenheit unseres Bevölkerungsschnitts: „Schätzli, bisch glücklich?“– Diese Fragen sind ja heute südostschweiztauglich – kombiniert mit den Design-Lebensfragen.

Die Porsche-Ausführer und die Ferien-Foto-Exhibitionistinnen müssen sich eben fragen, ob sie sich mit einer Breitling oder einer Prada-Tasche ein Highclass-Image geben soll (Flüger-Uhren sind dann wohl etwas wertiger als Bahnhofsuhren, wenn ich kaum mehr ein SBB-Ticket lösen kann)… Hoffe nur, dass das nicht einen libidinalen Grund hat. Die neusten Episoden eines nicht endenwollenden Schuhkauf-Dramas entstehen oft aus der Diskussion, ob der Gattenkörper ein upgrade vertragen könnte. Weil der, was workout betrifft, bereits um Jahre zurück liegt. Beim Gattenbauch fällt eben numehr mehr diese kalorienwimmelnde Altlast, diese Zweimalsixpack—Verpackung auf. Und sein Tschopen darüber, der fällt dann eher in die Rubrik „Verzweifelte Improvisationen“.

Diese undiagnostizierte….Zwangsneurose wirkt dann bis zur  sinnlos überteuerten Rolex. (Klar, die brilliert, wenn Roger sie mit dem Wimbledon Pokal zeigt .)  Oder sinnlos teuren USM-Möbel.( Hat ja auch bis in die kantonale Verwaltung gewirkt.) Das sind ja tolle Möbel (hab‘ ich ja auch seit den 80ern), aber wieso muss jede Zweitfrau jetzt auch noch solche haben, die blufft ja sonst auch nicht mit ihrem „Prix Garantie“-Aufschnitt..

Guat, mangels Geschmacks-Talents des Besitzers musste noch fast niemand Konkurs anmelden. Geld zeigen ist ja auch nicht mehr so einfach in der heutigen Welt. Man muss halt das Gran des Glücklichen wie eine Monstranz vor sich her tragen. Da kommt doch in einem Ken Loach-Film dieser Mann und sagt: „E quello che no ho, che mi manca“. Wie kann man nur darauf kommen, dass einem nichts fehlt?

Inzwischen haben die internationalen Finanznews dies ja bestätigt. Glücksvergleicher brauchen als Kompensationsmittel den Demonstrationskonsum, den Tesla, eine neue Frau oder mindestens eine noch teurere Luxus-Kreuzfahrt. Oder ist Glück doch, wenn man kein nächstes Tessiner Ferienhaus braucht? Habe ich irgendwo mal mitgekriegt. Bei Romantik-Mangelerscheinungen gut anwendbar.

Und da wir neu uns auch in wolfintensivem Gelände bewegen, müssen wir uns diesem Wer-kann-höher-brünzeln-Wettkampf stellen. Dazu gehören kummuliertes Revierverhalten, und anständige Positionskämpfe im Designstatus. Jetzt, wo wir sogar farblich aufeinander abgestimmte Gemeinderäte und Altstadt-Bänkli haben.

Diese Unzufriedenheitstheorie bringt ja schliesslich unsere Wirtschaft in Schwung. Und so ein auskennerischer Aufführungs-Stil hilft dem Glück schon nach. Macht einem alles andere als unglücklich. Wenn man dann glücklich eine Frau bekommt, die ihr Versorgungsinteresse im Vordergrund hat, soll man das auch sehen. Und selbst Effi Briest würde zu ihrem Manne sagen: „O Gott , ich finde es furchtbar wie Sie recht haben“. Die hatten damals den Proll-Detektor ja noch nicht erfunden.

Der sichtbar begehbare Weinschrank und die neue selbstbrötelnde  Tepanjaki-Platte haben nicht von ungefähr Aufschwung. Das ergibt Image in der karmischen Rechnung. Und wenn der Rausch das Glück ersetzt, ist das nur in etwa das, was täglich geschieht. Ich nehme an, das wird heute auch an den Fachhhochschulen gelehrt: Form über den Inhalt, Diplome vor Bildung,  Profilierung ersetzt Persönlichkeit, Likes ersetzen Bezahlung, Kredite ersetzen Wohlstand, das Kuratieren ersetzt Kreativität, Influencen ersetzt Relevanz. (von M.Matuschek)

Gut, sie können jetzt immer noch sagen: „This land is my land“. Und dies Land ist auch mein Land, wie der Immo-Spekulant markant gerne immer wieder bemerkt, und auch gerne markiert. – Da haben wir auch so einen genialen Hund in Chur. Der reist von Turm zu Turm  und markiert dann das Gelände mit seinem Urin. Wohl ein  Rezept, das dank der Ordnung zur  kollektiven Stabilität führt, wie ein neoliberaler NZZ-Kommentar angesichts der brüchigen Gemütslage sicher feststellen würde.

Das  Problem gibts aber auch schon seit Aristoteles. Cut. – Um es mit Beckett zu sagen: „Die Sonne schien, da sie keine andere Wahl hatte, auf nichts Neues.“ Und ich, als Auch-Kaschmir-Träger sag’ dann auch mal „khaschmiar“…wir fahren dieses Jahr nicht nach Indien.

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Einladung zum Bündner Impotenz-Tag

Donat Caduff hat in der  Augustnummer von raetia publica (www.raetiapublica.ch) eine treffende Analyse verfasst: „Lang lebe das tote Dorf“– Das Bündner Bergdorf gibt es nicht mehr. – Und dazu die Replik der Frau Janom als amtsbedingte Wahrnehmungsverschiebung. Ja, auch erklärlich.– Und meinen schnodrigen Kommentar im sanft aktivierten Dramamodus gibts dort auch.

Ein Like, Donat Caduff

Da bin ich doch beruhigt: alles noch wie früher. (Ich hab schon in den 70er Jahren Entwicklungskonzepte für potenzialarme GR-Regionen verfasst.)

Das Steinbock-Lust-Ländli-Image ist doch gut. Die Gäste kommen aus fußläufiger Entfernung zu den authentischen Bergler-Lofts, wo Gian den lukrativen Wildhüter-Job per Home-Office erledigt, und Giachen mit sülzig-fröhlicher Radioweck-Stimme den Winner spielen darf. Ja, bei uns spielen Männer. Und die Touristen beneiden uns um unsere Superlandschaft, müssen aber bestenfalls eine Woche bleiben, das ist ihr Glück.

Momoll, die Unternehmen sind ganz toll in Graubünden. (Einige  leider etwas bettlägerig…) Die brain-drainigen Jung-Bündner fahren aber davon…Abgehen ist angesagt, wie eigentlich auf der ganzen Welt. Die billigen, jungen Portugiesen fehlen dafür daheim.

Eine Emotherapie mit dem Thema: „ „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende.“ –aber bitte nicht mit dem immergleichen GR-Pannenservice.

Klar, man muss nicht immer an den Rändern sparen, immer zuerst die Fransen abschneiden, als ob die das Problem wären, wenn der Teppich die (Kopf)-Motten hat. – Gut, vielleicht bekommen wir ja noch mehr von diesen eidgenössischen Wrack-Prämien sprich Mitleids-Finanzausgleich…

Inzwischen ist das alles rundgelutscht (ein Capuns-Rezept dazu gits nit) und schon gar nicht mit irgendwelchen Top-Down–Strategien zu lösen. Der Hebel mit den Amts-Brechstangen bringts nicht ganz: Etwas Gemeindefusionen. Etwas sanft-touristische Destinationswursteleien. Etwas Markengedaddel: büachliperfekt vermarktet (auch wenn bei den Gastgebern nicht mehr viel stimmt).

Mit Bergbahndirektor-Prosa oder Sport-Eventitis können wirs auch nicht auffangen. – „Negativen Mindset“ nennt mans. – Sie merkens nicht mehr…sie sehen kaum mehr den Puck. Nicht die Land-Bündner, eher die Leader. Hören sie mal dem Grossen Rat zu: Pannendienst-Rezepte und Klientelpolitik. Achtzig Prozent sind selber im potenzialarmen Aggregatszustand als seien sie schon in den Achtzigern in Rente geschickt worden…

Und ja, Musealisierung ist nicht schlecht, Kommerzialisierung auch nicht immer. Nur, das schlimmste ist, dass man dies für eine Provokation hält. Weil wir doch soooviele Berater haben, die immer wieder mit Steuergeldern  Rentnerbingo spielen dürfen…

Vielleicht müsste man mal so eine Art Denk-Firewall dagegen installieren: Mit Falsifizierungs-Software für unseren SO-Mediakonzern und seine verdooftes Publikum… und vorsichtige Upgrades für Politiker mit Loser-Grosshirnrinde.

Es geht nicht darum, wo der Puck ist, sondern wo er sein wird. – Lancieren wir doch einen kantonalen Impotenztag für die Kopfwäsche…eine Emotherapie mit dem Thema: „ „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende.“ –aber bitte nicht mit dem immergleichen GR-Pannenservice.

 

 

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Das ist max

Mal eine meiner Kurzgeschichten. – Felix Benesch rief mich dieses Jahr an: „ Hast du Zeit? Du hast mir doch mal diese Story von diesem…wie hiess er eigentlich…in Uganda erzählt. Wär’ eigentlich noch geil mal ein Storyboard daraus zu machen…“ –

Ich nenn’ ihn mal Max. Nur sein Name ist fiktiv. Er lebt, ist ein Mensch von ca. 35 Jahren, schwarz auf den ersten Blick, eben Neger. Lebt am Äquator, an einem Salzsee in Uganda. Hat eine schwarze Uganderin als Mutter, einen Schweizer Bauführer als Vater. Beim genauen Hinsehen merkt man was aus diesem wahrscheinlichen One-Nighter entstand. Aber das will niemand so recht wissen.

Wir fielen auf, weil sich natürlich kein ausländischer Tourist in diese Gegend verfährt. Max kam kurze Zeit später mit einem Töff an den Katwe Salzsee, hatte im Dorf erfahren, dass zwei Weisse hier seien. Etwas mit ROKO Construction. Das war die grösste Generalunternehmung in Ostafrika. Raini Köhler hat sie aufgebaut, einige Kriege überlebt. Schweizer Bau-Abenteurer seit den 70er Jahren in Afrika, war ein Bigshot in Afrika. Ich hab’ schon mal über ihn geschrieben. Für mich die Mumifizierung der 70er und 80er Jahre-Oekonomie in Afrika. Er war 2014 über Achtzig. Kollege und Autor, Felix Benesch, schrieb damals ein Memoirenbuch über ihn.

Und ja, das Buch handelt von Köhlers mysteriösen Geschäften, von seinen Kontakten bis in höchste Regierungskreise, die teilweise auf skurrile Art zustande gekommen sind. Gut, in ROKOS Memoiren möchte ich lieber lesen, was er weggelassen hat, als was er hat stehen lassen.

Eigentlich ist er nur ein Halbneger, doch er ist der Neger. Max ist Analfabet, konnte uns seinen Namen nicht aufschreiben, englisch schon gar nicht…der Mensch hat vielleicht einen Hau…aber einen von der guten Sorte. –

Mit einem Anflug von Enthusiasmus versucht er uns mit Hilfe des Broken -English eines Helfers der lokalen Umweltbehörde sein Schicksal klar zu machen. Er war fast nie in einer Schule, hat nie etwas von seinem Vater erfahren…weiss aber trotz der 35 Jahre dazwischen seinen Namen recht klar.

Flashback: Im Nachgang zum Buch fliegen wir im Sommer 2013 nach Uganda, mit einem Freund, der vor rund 35 Jahren hier 7 Jahre als Bauführer war, fahren wir im Jeep nach Katwe – einem bilderbuchschönen Salzsee im Westen Ugandas. Hier in dieser idyllischen Landschaft gewinnen die Einheimischen seit Generationen Salz in unzähligen Salt Gardens nach dem Verdunstungsprinzip. Hier trefffen wir Max. Auch heute noch wie vor 200 Jahren holen sich die Leute noch das Salz per Hand aus dem verseuchten Salzsee. Die schwarzen Ugander tauchen hier ohne Schutz – auch noch im 2015 – holen sie sich Salzbrocken raus und flössen sie zum Ufer. Wie eh und je.

Kurtz, die Figur aus Joseph Conrads „ Das Herz der Finsternis“…kommt mir hoch. „Das Grauen, das Grauen.“ flüsterte Kurtz, ein Weisser, der sich im Kongo verschanzt hatte. Raini Köhler grauts nicht. Er hockt heute im Tessin und auf Menorca. Während er die angebackene saltimbocca-Kruste von seinem Teller kratzt, versuche ich dem ehemaligen Boss von Max’Vater die Geschichte schmackhaft zu machen. Ich möchte, dass er sich einsetzt für Max, den Vater sucht, vielleicht etwas Geld mobilisiert, das Netzwerk ist ja da…

 

In Katwe entstand ja 1977 für 80 Millionen Mark eine Salzgewinnungsanlage entstand, nach damals modernster Technologie. Mit Millionen der African Development Bank, rund 80 % der Gelder gingen zurück nach Deutschland an Grosskonzerne wie Thyssen und Co. und auch ROKO. 1979 wurde Idi Amin vertrieben, Musseveni der heutige korrupte Staatschef wollte nichts mehr vom Flop wissen. Die Anlage war nie in Betrieb und schaut aus wie eine Gespensterruine aus einer anderen Welt.

 

Ich lege die Gabel nieder…und schaute erwartungsvoll. Interessiert Köhler eigentlich nicht, diese Geschichte die ich ihm gutgläubig erzählte, als ich von Uganda zurück kehrte…Für uns spannend, irgendwie surreal, für ihn wohl alltäglich. Da würde Arte mindestes zwei Filme daraus machen oder drei.

Er sagt nicht viel, mit ironisch verzogenen Mundwinkeln hört er zu.
sitzt meist breitbeinig da, schaut wohl selten über den Tellerrand seiner eigenen Befindlichkeit raus. Es entstand nicht mal ein ein ungelenker Diskurs über die Entwicklungshilfe-Selbstdarstellung von Kolonialisatoren…er brummte einfach etwas unverständliches.

Nicht mal eine eine blauäugige Übung in Verleugnung. Nein, das war so etwa eine Antwort wie: „nai, ich will kei Gelato, nachem risotto“. Später leuchten seine Augen doch noch auf, als er Anekdoten vom Ruedi, „ eine Riesenmaschine, guter Bauführer, und ein Pfundstyp…“ erzählt. Eine andere Art die Story zu sehen. Jetzt können wir natürlich kollektiv etwas Sarkasmus reinbringen, können auch aus dem Buch Hiob (40.16) zitieren: „Siehe, seine Kraft ist in seinen Lenden, und sein Vermögen in den Sehnen seines Bauches. Sein Schwanz streckt sich wie eine Zeder.“

 

Aber was wissen wir schon vom Sozialverhalten millionenschwerer Bau-Abenteurer in Afrika. Da brummt wohl einfach Unverständliches in unserer Mind-Blase. Mein Freund erklärte mir dann später wieder in Chur, dies sei so, einfach so ein Verhaltenskodex zum Überleben in Afrika: Sich nicht um alles kümmern. Das sei halt nicht wie bei uns. – Und ich wollte doch die Welt retten. grins. I’am not responsible for my dick, stupid.

Wir könnten auch mit den Augen rollen, eine elaborierte Diskussion über die gesellschaftlichen Unterschiede und Feinheiten des Sexualverkehrs führen…Oder so Locker-Talk führen…mit etwas Frivolität. Die modernen Frauen dieser Investoren regen sich doch bestimmt auf über Trumps Frauenbild?? Aber ich glaube einfach, ich habe nix verstanden, gar nix. Ich dachte, es wäre eine grossartige Geschichte, weil doch wahr ist , was drinsteht; wenn sich am Ende aber herausstellt, dass nicht, wäre es noch grossartiger…

Und jetzt fehlt noch diese obligatorische SF-Happy-Day-Szene mit Röbi Koller…Max trifft dank uns seinen gealterten Bauführer-Vater in der Schweiz, und mit dem männlichen Geräusche übertriebenen Rückenklopfens mit der flachen Hand wie auf afrikanischen Trommeln feiert man das Wiedersehen.

 

Nach dem Mittagessen im Tessin sank angesichts dieser Luftblasennummer mein zusammengekratzter Gutmenschen-Trieb wie ein angeschnittenes Soufflé zusammen. So eine Wohlfühl-Story ist wohl nicht das, was man nach 50 Jahren Afrika-Business den Schweizer-Expat-Schimpansen selbst unter höchstem Bananeneinsatz beibringen könnte. Oder frei nach Brecht brummeln: „ Was sind das für Zeiten, in denen ein Gespräch über einen unehlichen Neger schon fast ein Verbrechen ist.“

 

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IZI ODER BIZI?

Les’ ich doch heute in der NZZ über „…die Vergötterung des Fahrrads in den rot-grün regierten Städten der Schweiz.“ Die „Staatsreligion“ sei daran, wie im Beispiel Bern, den Veloanteil am Stadtverkehr bis zum Jahr 2030 auf 20 Prozent zu erhöhen. Gut, auch der unverdächtige Autor meint dann, das Thema könne man auch auch etwas easier angehen.

Man kann auch anders. Izi, wie sich heute Velostädte positionieren. In den letzten drei Jahren haben wir – immer mit dem Rad– viele dieser Städte besucht. Von Berlin, Baiona, Leipzig, Bayreuth, Weimar, Wittenberg, bis zu den nordischen Städten. Oslo, Stockholm, Lübeck und Rostock. Amsterdam (letzte Woche) ist izi und gleichzeitig bisi, hübscher als die meisten anderen Städte, szenischer und lieblicher.

Auf dem Sattel versteht man: Kopenhagen ist gut drauf, hat einfach gute Laune.

In Amsterdam ist vieles auch infrastrukturell gut geplant. Doch die Stadthektik drückt irgendwie durch. Die Uber-Food Roller (ja die Take-out Lieferer) sind auf dem gleichen Fahrstreifen und fahren halsbrecherisch wie etwa die Kampfgümmeler in der Toskana. Oder die Schweizer-Ferien-Stress-Renner an der Costa Brava.

Am wohlsten fühlt man sich schon in Kopenhagen. Da ist die Infrastruktur smart geplant, die Leute herzlich, leutselig sogar und all das geht auf, ist irgendwie natürlich. Wenn du grinsend jemand den Vortritt lässt, reden sie meist dänisch mit dir: kannnitverstan genügt dann. Und englisch gehts weiter. Auf dem Sattel versteht man: Kopenhagen ist gut drauf, hat einfach gute Laune.

Man vergleiche mal: Zürich hat einen Veloanteil von etwas 8 % am Gesamtverkehr…Kopenhagen erreicht bald 48 %. Also nichts von Velo-Diktatur, liebe angeblich Liberale, wir sind einfach etwa 15 Jahre zurück. Und mein Touristikerauge ahnt, wieviel Wertschöpfung da mitfährt…das wär’ dann busi…

Izi muss mans nehmen, halt auch beim Stau, an der Königin Louise-Brücke stehen da schon mal bis 80 Meter Bikes an der Ampel. Die hintersten schaffens dann manchmal zur Rush- Zeiten nur bis zum nächsten Ampelrot. Aber alles ist entspannt. Der Anteil Frauen ist höher, da bei denen das hohe subjektive Sicherheitsempfinden entscheidend sein soll…Der Stresslevel sinkt, die Menschen bewegen sich entspannt auf den Fahrstreifen (auch mal gefährlich mit einem fon in der Hand). Da sieht man Bike-Girls mit einem Croissant in der einen Hand und einem Fon in der anderen, alternierend freihändig.

Freeflow. In der dänischen Hauptstadt ist’s offensichtlich: man bewegt sich mit Freude, die Leute beobachten einander, plaudern miteinander, flirten. Wie bei Robert Walser, der doch mal sagte, heute habe er einen wohligen, kleinen Spaziergang gemacht,  leicht und angenehm…und erst noch ein allerliebstes Mädchen gesehen. Radfahren schult die Achtsamkeit, bei strömendem Regen mal anders als bei sonnenpralliger Langstrecken-Fahrt…

Beim langsamen und systematischem Bewegungsablauf einer längeren (oft auch etwas mühsamen) Velofahrt wird ein anderer Einsatz erfordert, eine andere geistige Haltung. Fast meditativ. Etwas innere Einkehr. In der Amsterdamer Metro merkte ich erst nach einigem Hinhören den Unterschied, da wurden gurrende Tauben und das Frühlingssingen der Vögel über die Lautsprecher miteingespielt…Natur ist, wenn der Zaunkönig krispelt, die Schwalben zinzelieren, der Reiher giert und der Kuckuck fistelt, der Grünfink knätscht bist du in einer anderen Welt. (Keine Angst diese neuen Verben hab’ ich nicht erfunden, sie sind aus dem Handwörterbuch-Sprachschatz der Ornithologen..)

Eben, Velofahren hat eine ideelle Dimension. Man wird stoisch, erwartet das Unerwartete und ist dann hoch zufrieden wenn alles läuft, kein Unfall am Randstein, kein Schlauchwechsel. – Auch ein Däne, Kierkegaard, glaubte, dass die Bereitstellung von Hindernissen ein Beitrag zum Wohle der Menschheit sei…Der führt dann zum Hochgenuss des Rad-Daseins. Und das lernt man beim Veloreisen: „Wer nur sein Dorf kennt, kennt die Welt nicht, und wer nur die Welt kennt, kennt sein Dorf nicht.“ Gilt auch für Verkehrs-Ideologen.

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Zwiebeln im Bauch

„Aber Herr Doktor, wenn einem die Natur kommt“, fragte schon der Woyzeck…Nix zu machen. Ich schreibe, also bin ich. Meine ich. Als ich heute aufwachte, fühlte ich mich wie der erste Satz in einer meiner Kurzgeschichten. Was steht heute an? Soll ich jetzt so einen Baulärm-Blog (die rattern ja schon wieder…) oder mal was Positives finden an der Personalpoltitik im Kanton GR – von Kunstmuseum bis ATW? Nein, denen muss ich gar nicht mehr an die Wäsche! Ist mir zu dreckig, zu dumpfsinnigstumpfsinnig…

Wieso schreibe ich? Aus Ego. Wie andere Golf spielen, oder Regierungsrat werden. Manchmal packt mich einfach auch die Wut…weil halt nicht alles so wie…

Ich schlage ein Bein über das andere, um den Druck zu erhöhen, auf meine nicht mehr vorhandene Prostata, alles gequetscht, und von oben drückte die Blase, und die war ja auch noch nicht entleert….also zuerst mal pissen, dann dissen.

“ Der Schiesser mit seinen Schiessübungen und Querschlägern..“ Auch gut.

Gut, alle schreiben Bücher, während die Bücher gleichzeitig verschwinden. Bevor die Bücher verschwinden, will jeder noch mal eins gemacht haben. Vielleicht häng ich da mit drin, in dem Schwarm. In meinem Alter ist das Schwarmrenitenz, oder Schwarmimpertinenz oder so. Man nennt’s auf jeden Fall eine Form von Tendenz…ein Journi schrieb kürzlich:“ Der Schiesser mit seinen Schiessübungen und Querschlägern..“ Auch gut. Wenn Tagebücher oder Blogs nur nicht so einen unangenehmen Inkontinenz-Geruch hätten (kenn’ ich, weil schon die Prostata krebste).“  Das ist doch was für Windelnässer.“,  sagt man da schnell: „die können nichts für sich behalten.“

Es sind nicht nur Blödgekiffte, Dummgesoffene und Kaputtgespritzte die schreiben. Beim Schreiben überflutet einem das Oxytocin regelrecht. Der Flow – wie beim biken oder joggen. So reflektorische Erektionen sind das. Da strickt man an seinen Gedanken bis zum synaptischen Feuerwerk, das echt als geil erlebt wird. Alles so in Spektralfarben. Die Aufputschung ist in allem. Da kommt man wie im Kino in diesen schwebenden, manchmal auch gerührten Zustand unmittelbar nach der Vorführung….“damit der Film frei wie in einem Resonanzkörper in mir nachschwingen kann“ (Von Delphine de Vigan. Sonst denken sie, wo hat der das nun wieder abgeschrieben…?)…wenn die Lichter gerade wieder angegangen sind und der Abspann läuft.

Ich gehöre zwar zum Schreibprekariat, aber ich weiss, wenn du es nicht schreibst, wird dein verborgenes Buch dich einholen. Du trägst es mit dir rum. Auch wenn es nur Gutenacht-Geschichten sind. Ich bin so ein winziger Macho à la lettre. Fühlt sich gross und stark mit schreiben…;-). Ein Stromstoss von Glück geht durch meinen angefressenen Bauchpneu, meinen Rettungsring, meine  sorgsam gepufferten Lebenslügen, meine Isolationsschicht. Oder vielleicht sind es doch nur die Zwiebeln, die in meinem Bauch rumoren. „Vergesst die Ewigkeit, schreib für den Tag.“, hab’ ich irgendwo gelesen. Mach’ ich heute. Ich schreib‘ dann später über das Kunstmuseum.

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Die Welt ist ein Thermomixer

Wir haben das Experiment mitgemacht. Mit fast 50 (unbekannten) Freiwilligen vom Invaliden-Friedhof in Berlin zum Hauptbahnhof,  von der Theatergruppe „Rimini Protokoll“ mit Kopfhörern dirigiert. Vor dem Hauptportal des HB Berlins dann, wie immer huschte eine grosse Menge von Passanten in alle Richtungen. Die Hauptbahnhof-Besucher stutzten, als wir uns plötzlich synchron ANDERS bewegten. Wir mussten uns 180 Grad umdrehen Richtung Bundestagsgebäude in der Ferne…Und dann die Aufforderung : „ entferne dich langsam rückwärts “…rückwärts Schritt um Schritt (offensichtlich von der Politik). Die Vorbeirauschenden  hielten inne, musterten uns schon als irgendwie gelenkte Zombies. Auffällige. Eben Wir. Das Wir-Gefühl wuchs. Und damit die Zuversicht etwas Gemeinsames zu tun. In Zeiten des poltischen Chaos’.

So fällt von der Scheisse immer etwas runter. Bis wirs glauben – den
Wahrheits-Bias…

Genauso das zweite Experiment in der Kirche. – Nach einer meditativen Sitzphase, wurden plötzlich einige – aber nicht alle (vielleicht per Zufallsgenerator) – aufgerufen sich beim anderen Ausgang zu sammeln. Dort erfuhren wir, dass wir die die Ausgewählten seien, die Auserkorenen. Wir sollten den anderen nicht winken oder uns verabschieden (meine Frau blieb bei der anderen Gruppe, und wie sie mir später erklärte, wurde dieser Gruppe auf dasselbe eingeschworen, mit dem Zusatz uns noch zu winken… so gönnerhaft.) Unglaublich diese Manipulationswirkung, wenn man sie so 1:1 erfährt…

Entspricht doch genau den aktuellen Tweeds und posts, die uns aufhorchen lassen. Die FBundTwitter-Blasenintensität lässt uns nur erschaudern. Wo die beginnt das eigene Urteil? Mit der Faktenlage? Der Blasenidentität ? Mit neuer Information? Meist gute Fragen. Meist hast Du multiple  Choice.

Seit ich angefangen habe, nicht nur meinem „WIR“ (u.a. den Trump-Hassern) zu folgen, sondern auch die Statements der Klimaleugner zu lesen (auch die NZZ macht da slightly mit und die „wissenschaftlichen“ Studien dazu häufen sich ja auch exponentiell), sitze ich wieder auf dieser Kirchenbank mitten in Berlin Mitte. Und es brummt…

Klassischer Kontextirrtum steigert sich. Früher musste ich doch daran glauben, dass ein FDPler definitiv das neoliberale Abendland rettet. Oder ein Gewerkschafter die Büezer. Das Erklärungsmuster krankt immer mehr – schau nach Frankreich. – Wir gehen davon aus, dass Politik und Lebenshaltung so bleiben wie sie waren…Die Zukunft ist wohl anders, unserer Soziologie ist ihre Mutation in unendliche Glaubensvarianten: ein gigantischer Betonmischer. Firmen Religionen (apple). Cyber Religionen (Russia Today und NSA). Diät Religionen. Patchwork-Politik…Die Welt ist ein Thermomixer.

Und bei den posts, merkt man’s: die Kritikalität ist meist gutorganisiert, Sandkorn auf Sandkorn bis zur „akkumulierten Veränderungsbereitschaft“ sagen die Sozialwissenschafter. Bis wirs glauben. Jedes zusätzliche Sandkorn erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass eine ganze Kaskade von Sandkörnern ins Rutschen gerät. Da kann man uns dann die weltanschauliche Überlegenheit um die ungewaschenen Ohren schlagen wie die SVP bei der letzten Volksabstimmung.

Die Theorie des Trickle Down haben wir ja mal gelernt: also die Pferdescheisse-Theorie; stopft man genug Hafer in ein Pferd, so falle hinten irgendwann auch etwas auf den Asphalt, an dem sich die Spatzen gütlich tun können. Also könnten Wirtschaftswachstum und allgemeiner Wohlstand der Reichen nach und nach durch deren Konsum und Investitionen auch den Unterschichten was bringen. Trickle Down funktioniert heutzutage bestens bei den Social Media.

So fällt von der Scheisse immer etwas runter. Bis wirs glauben, den
Wahrheits-Bias, dem man automatisch unterliegt, weil man Worte immer wieder hört und sie schliesslich unbesehen für wahr nimmt..

Also, je verpeilter man ist, desto glaubwürdiger wird man offenbar…die BAZ und die Weltwoche lassen grüssen mit der Headline „Trump hat recht“…Die NZZ auch immer mehr. Sie  verbürgen für das grosse Vertrauen in die Politik, das wird nicht mehr haben.

In der Schweiz macht man das nicht so vulgär wie in Sachsen-Anhalt beim AFD ; bei uns ist alles etwas geschniegelter, istagramfähiger, ohne Springerstiefel und Glatzen…(hab’ soeben eine Velotour dort hinter mir). Köppel beherrscht die Klaviatur des Vulgär-Akademischen meisterlich. Dem Vulgären gehts auch hier gut.

Ja, ist ja so: Wenn die Bürger alle vier Jahre einen Namen aufschreiben müssen,  oder eine Frage mit Ja oder Nein beantworten können, dann ist damit zu rechnen, dass in solche Ja und Neins viel Irrationales einfliesst, was mit der Abstimmungsvorlage oder der Wahl nur am Rande etwas zu tun hat..

…und am Schlusse ist es wie bei den Meerschweinchen, jedes will mal gestreichelt werden. Und wenn wir Schwein haben, merken wirs überhaupt noch.

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hier isch immer punktlich

Früher träufelten sich ja die Opernsängerinnen „Belladonna“ in die Augen. Die glänzten dann unendlich, liessen sie aber auch vorübergehend erblinden. Blind: doch die Zuschauer dachten, die hätten eine vollkommene und perfekte Sicht, die entsprechende totale Einsicht signalisierten.

So sollten wir uns auch gelegentlich sehen.  –Eva Roselt, die Doku-Regisseurin, hat mit Immigranten ein unspektakuläres Video gedreht. Einfach so ein anderer Blick auf die „Schschweiz..“ wie es einige aussprechen im Interview. Man kann das fast nicht nachtippen, wie sies aussprechen. Ja, die Schweiz. Was ist typisch? Gibt es Bilder, Fotos für Dich? Die ungewohnte, seltsame, unbekannte, ärgerliche, lustige Sveiz. Mit einer weltokay Haltung die beeindruckt…radebrechend und sprachsuchend und auch mit glänzenden Augen. Von Ping aus China bis Zahal aus Eritrea. Die Lucia: „so, jezt ich sage, was hab’ ich gefüllt:“– Man fühlt, das ist keine blauäugige Übung in Wahrheitsverleugnung. Sie fotografieren und bereden was sie bewegt.

Die Videofilmproduktion „Meine Schweiz“ ist online:

 

 

Joyce hatte schon gesagt: das Aussergewöhnliche solle man den Journalisten überlassen…er gestalte in seinen Büchern lieber das Durchschnitts- oder Alltagsleben. Hier sind es eben gewöhnliche und zugleich aussergewöhnliche Augenblicke in die Kamera gesprochen. Blicke auf uns.

Blicke, die amüsant und bewegend. „“Hier isch immer punktlich.“ meint Rahel aus Eritrea und Ilanz anerkennend…..Und das Pünktchen auf dem i ist: „ Zwöfli immer, alli am Essen.“ findet Tamara aus Bosnien. Anerkennend und vielleicht auch etwas irritierend – sagt aber nicht mehr dazu. „Ich fule mich sehr wohl in der Schssweiz…“ Das ist der Tenor.

Es ist einfach so eine Rekursionsschleife über verschiedene Spielzüge unserer menschlichen Gemeinschaft. Spontane Urteile über die Istagram-Schweiz. Sie validieren uns und unsere Wirklichkeit ohne SF-Filter oder Pricewinning-Storyboard-Prätention.

Einmal sind’s unsere offenbar langen Blickkontakte…“Schweizer halten lange Blicke aus. Brauchen sie einfach länger oder ist’s soziale Konvention?“ – darauf wär’ ich nie gekommen…Viel Geld für Abfall, bräuchten wir und die Bosnin meint, „Schweizer passen auf Land auf – schön“ Und Rezza aus Afghanistan, meint dass wir gerne mit dem Auto in Fitnesscenter fahren,“…. um danach freiwillig „auf die Stelle zu treten. Komisch oder? Vielleicht haben die Schweizer ihr Ziel schon erreicht?“ Das Ziel erreicht haben auf jeden Fall die Regisseurin und ihre Performer.  Sie möchten, „dass wir nur ein bisschen mehr Verständnis haben für die Leute aus anderen Ländern“ – Weil zum Beispiel Arijan sich dann doch getraut: „ So kolte Menschen hab’ ich noch nie gesehen.“ Und am Schlusse geht’s uns allen etwas besser, etwas aufgetauter. Der Schlusssatz des Films:„Zusammen wachsen dauert einfach. – Und jetzt seid ihr dran.“ Nichts beizufügen.

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Das Leben ist ein Steilhang.

Wir präsentieren so eine nichtganzneue Tourismus-Idee: so im Anfangsstadium damit alle mega-demokratisch mitkommen können. Ein Projekt für ein Hybrid- und Footprint-Hotel auf der Wiese oberhalb der Luziensteig. Die Präsentation ist im Stall auf der Luziensteig – genannt Suscht – dort fand früher der Pferdewechsel statt.  Abladen und Aufladen. Suscht eigentlich nicht so viel Neues. Eine Zeitraffer-Kamera hätte erfasst, dass sich dort oben in rund 2000 Jahren relativ wenig baulich veränderte. Und mit etwas Naturschutz-Sensorium, Marktsensibilität und Wertschöpfungserfahrung bekäme man da einiges hin…

In der Nähe viel Militärisches. Früher, seit der Römerzeit war das ein strategisch wichtiger Passübergang. Erinnert an die militärische Strategie-Entwicklung. Im Militär mal gelernt: Zuerst Raumverteidigung, dann dynamische Raumsicherung und später Militärkooperationen.

Und moderne Gäste wollen doch eh nicht in diesem Schaf- und Pferdemist…

Zuerst dann die Präsentation: ganz professionell durch Projektleitung und Stadtpräsident. Die Zuhörenden, Gemeindemitglieder und Neugierige,  wollen sich offensichtlich nicht zuviel Aufladen, vielleicht lieber zuerst mal Abladen. Bei der Fragerunde: Zuerst spricht der in die Jahre gekommene Herr Doktor, wahrscheinlich heimlich unterwühlt vom Gedanken, dass da Unbekanntes auf ihn zukomme. Der ist für Raumverteidigung. Korrekt justiert und auf seinen angelernten Habitus zählend, erklärte er der Welt, dass er das nicht so gut finde. Irgendwie. (Weil er wahrscheinlich nicht gefragt wurde als Experte.) Und überhaupt: was brauchen wir denn noch sowas. Man sieht’s den Gesichtern an: „ Das ist bestenfalls in den Wind geschissen…“ Und ein Windprojekt haben sie ja auch schon.

Die Nummer zwei – natürlich wieder Mann – findet, das sei ein Landwirtschafts- und Militärgebiet. Schon immer so. Der ist für dynamische Raumsicherung. Und moderne Gäste wollen doch eh nicht in diesem Schaf- und Pferdemist…. Deutlicher Stimmungsabfall mit Lustverlust. Da kenne er anderes. (War wahrscheinlich mal in einem Wellness Hotel im Tirol). Gilt ja auch für uns. Die Nase zuhalten um die üblen Gerüche der Rückständigkeit nicht wahrnehmen zu  müssen, ist ja auch eine Form um die landflüchtigen Kleinbauernköpfe zu saturieren.

Und dann noch der beleibte Herr mit sanfter Kratzbürstigkeit und einsichtigem Zukunftsblick. Fragt so aus röchelndem Gedächtnis, ob der Schiessplatz in Ragaz (der doch etwas weit entfernt scheint) nicht wegen der Fremdenindustrie dicht machen musste. Der ist nun definitiv nicht für militärische Kooperationen. Später nach Mann Nummer 5 eine Frau, die Vierzigjährige,  die sich erlaubt in Kürzestform zu sagen, dass das eigentlich ein schönes Projekt sehr zeitgemäss: „so möchte ich Ferien machen…“

Da kommt dann aber schon die Ü-60-Bäuerin, die sich fragt ob die Kuhschelllen für die neuen Gästen dann abgeschafft werden müssten? (Jetzt wo die Kuhhörner wieder in sein sollten, aber der Bundesrat dafür keine Subventionen geben will.) Das akustische Wohlbefinden der künftigen Gäste ist wohl der Haupt-Knackpunkt, kurz vor der Frage, ob so ein Naturort dann Geld bringe auf diesem leeren kreidebleichen Markt…

Damit sie nicht denken: der mischt sich auch überall ein…..Ich war dabei: bei workshops zum erweiterten Nationalpark im Engadin, im Aletsch-Gebiet, bei der Planung des Parc Ela. Ausgestiegen wurde ich dann, als ich Bemerkungen machte, wie: „ ihr könnt euch ja alles bezahlen lassen, aber macht ihr eigentlich auch mal was selbst?“

Das Leben ist zwar ein Steilhang, diese Naturwiese aber eigentlich nur leicht ansteigend. Heisst eben Steig. Der Ort hat zwar einige Feudalzeiten überstanden (der Fürst ist 2 Kilometer entfernt, und das Bankgeheimnis auch schon), die Feudalzeit der Hotel-Hochkonjunktur auch. Offenbar kann hier auch Markt-Wissen als Sabotage ausgelegt werden, denkt man sich, wenn man diese Reaktionen verdaut. – Da kommt die junge, peacestiftende Weinbäuerin, dies rettend zusammenfasst und meint, das sei doch eigentlich genau das was man sich so vorstelle unter modernen Erlebnis-Tourismus…und Geld bringen könne das ja auch allen. Schlussakkord. Eben, Leben ist manchmal eine Frage der Wortwahl.

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fertig Kolumnist

Presswürste entstehen wenn man eine Wurst unter Druck aus der Brät-Presse wurstelt. Obiger Herr kommt mir vor wie so eine Presswurst. Der Mann ist  CEO der SO-Medien, der ist ja so unter Druck. Eigentlich tut er einem leid, war ein guter Journi, wurde jetzt selber so zu einer Presswurst. (oder vielleicht eher einer beleidigten Leberwurst. Gut, ich bin ihm auch auf die Pelle…) Also, der stieg gottseidank im Bahnhof Zürich in der 1.Klasse ein. Nicht meine Klasse. Und das schreibe ich jetzt, damit er’s später mal gegen mich verwenden kann. Der wird  vielleicht eine einstweilige Verfügung erwirken, dass ich mich ihm mindestens geistig nicht weiter als 200 Meter nähern darf, nicht mal virtuell, und schon gar nicht in einem 1.Klass-Abteil der SBB.

Doch zum Anfang. So wie sich ja Madonna auch immer neu erfindet, meinte ich, müsste ich Kolumnen schreiben und Blogs und rummeinen. –  Aber oha, jetzt hat er’s mir abgestellt. Seit meiner SO-Kolumne für die Energiewende bin ich wahrscheinlich auf dem Index der Frau Martullo. Ein Tag nach dem Erscheinen der Kolumne „bitte wenden“ wurde mir nach 10 Jahren mitgeteilt, dass ich ab sofort nicht mehr Kolumnenschreiber bei der SO sei. Janudenn, an diesem Tag, am Freitag, also vor der Abstimmung wussten die ja noch nicht mal, dass sie verlieren. – Gut, die SVP-Bauern können wir jetzt ja immer noch trösten: „Ihr braucht ja auch keine Warmwasser-Heizung. Ihr kriegt sonst alles geregelt.“

Und es kann ja sehr wertvoll sein, wenn man, warum auch immer, die Fähigkeit hat, Kritik, egal wie laut sie auch vorgetragen wird, gar nicht wahrzunehmen.

Ich stieg dann also in der 2.Klasse ein. Die SBB hält in Lachen, also wieder so einen Regio erwischt…bin so ein Verschussel-Fahrplan-Leser. Ich schreib ein SMS home: „ SAU, t2 late. 45. DDR.„Übersetzt heisst das:“ Seid alle umarmt. Zu spät. 45 Minuten. Drück dich riesig.“ Schliesslich bin ich ja moderner Kommunikationsspezialist. Auf CASE habe ich dann verzichtet. Also: „coolen Abschiedswitz selbst einfügen.“ Liegt mir jetzt nicht, jetzt nicht so als Kolumnenabgänger noch zu witzeln.

Ein Kollege aus besseren Zeiten, kam in Wädenswil dazu, legte  dann in Ziegelbrücke sein PR-Witze Buch zur Seite, schaut mich an und meint:“ Ich habe den Eindruck, dass Du das oft nur bös-sarkastisch meinst…“ Stimmt, ich bin nicht immer mit dem Herzen dabei, oft nur noch mit der Gallenblase ( die ich auch nicht mehr habe…). Dafür liegen mir die Eier aus der Dachbodenhaltung nicht mehr so üppig auf. Meine Kolliken bekomme ich ja eher von diesen Mojitos, diesen zähen kubanischen Zuckerrübensirup den man so als Spätnachmittags-Wohlfühlformat vor der Tagessschau reinzieht…Das bewirkt dann dieses Dämmergefühl, das man auch bekommt wenn man Zug fährt, diese schlafsackgleiche Ahnungslosigkeit und faszinierende Schimmerlosigkeit, die uns Bündner doch immer wieder auszeichnet. Aber jetzt bin ich da ja fein raus, für die Volksaufklärung bin ich auf jeden Fall nicht mehr zuständig…

Das ist aber gar nicht so blöd, meinen vielleicht jetzt einige, dass die mich jetzt abstellen. So Kolumnen sind auch meist wertlos. Und es kann ja sehr wertvoll sein, wenn man, warum auch immer, die Fähigkeit hat, Kritik, egal wie laut sie auch vorgetragen wird, gar nicht wahrzunehmen. Damit kann man Türme, Sägereien und Skigebiete ausbauen, Olympiakandidaturen versauen oder man wird direkt Regierungsrat.

Der Zugbegleiter, ein netter Herr den ich vom Fitness-Club scheu kenne, kontrolliert mein Sparticket, netzt seine Dienstleistungs-Oberlippen und findet mich dann genug kontrolliert. So im Gegensatz zu besagtem CEO. Der findet, ich hätte jetzt gar nichts mehr zu meckern. Wenn die Leute nämlich nichts mehr zu meckern finden, fangen sie an nach dem tieferen Sinn zu fragen… und dann werden sie still wie eine potenzialarme Gemeindeversammlung bei der Wahl der Behörden.

Und dann bin ich in Chur. Und alle Vögel sind auch schon da. Und alle Vögel singen als wüssten sie von meinem Glück: endlich nicht mehr für die SO schreiben zu müssen. Und ich laufe blickwechselfreudig durch die Leute in der Bahnhof-Unterführung, nehme das Bike vor dem Maron, trete in die Pedalen. Home. Heute brauch ich nicht mal mehr eine Beiz. “Ich trinke nicht mehr, man ist ja auch in nüchternem Zustand besoffen genug….“ hat schon Brecht gesagt. Gut, man kann auch ohne Mojito, also total nüchtern, erkennen, dass man nicht unbedingt alle Wortexzesse gut finden muss. – So trösten sich dann Vertriebene. Zuerst war ja die Vertreibung und dann haben sie das Paradies erfunden.  Ging mir auch so: jetzt darf ich nur noch Blogs schreiben – paradiesisch…

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Bitte wenden

„Bitte wenden, bitte wenden…die neue Route wird berechnet“ nervt’s aus dem Navi. „Bin ich eigentlich der einzige Verrückte hier?“ – denke ich mir. Gut, ich bin grad am Theatertreffen in Berlin, da kommt immer die Hoffnung auf, dass die Welt ein bisschen weniger verrückt, korrupt, hysterisch und ungerecht werde. – Die Schweiz spielt auch etwas verrückt: Energiewenden? Ist schon lange notwendig. – Die etwas ranzigen Nein-Leserbriefe mit Brechstangenlogik bestärken mich. So wie die im Magen zerplatzenden Kohlesäurebläschen des Cola mir etwas aufstossen.

Auch bei der E-Wende geht’s um Kohle – also die im Portemonnaie. Die Meinungshupen der Strom-Garnierer versuchen jetzt das letzte Atom ihrer Kohle zu retten – um dann wie Karusselbremser elegant abzuspringen. Früher standen sie immer in der richtigen Kassen-Schlange, aber heute halt an der Kasse an der nie etwas weitergeht.

Guat, es geht nur noch bis Sonntag. Die neuronalen Erregungsleitungen brauchen bald Kühlung. Da ist’s eigentlich prima, dass wir danach kalt duschen können. „ Ihr wollt uns aber auch noch kalt rasieren“ sage ich mir. „Eure Angst vor dem Globalwirtschaftstotalitarismus habt’ ihr nun mit diesen selten bescheuerten Dusch-Angst-Pfusch-Plakaten abgedeckt.“ Aber da ist wenigstens Wasser auf dem Bild – also Wasserkraft, ist uns Bündnern heilig.

Windräder schauen eigentlich fast sexier aus als die Kühltürme der alten AKWs.

Die Energiewende ist für die Gegner wahrscheinlich so eine afro-lesbische, nordkoreanische, alleinerziehende, präoperativ transsexuelle Roma…oder sowas aus ihrem Feindbild. Also alles ausser Kontrolle. Ihre früheren Feinde sind nun die Freunde. Für 13 Milliarden importieren wir fossile Brennstoffe pro Jahr – von Arabern und Russen. Do-it yourself wär’ auch bei der Energieproduktion angesagt. Wahrscheinlich haben die im Spam-Mail von einer vermeintlich wissenschaftlichen Studie gehört, nach der Sicht-Kontakt mit Windrädern bei alten Männern zu Impotenz führen kann. Turnt euch wieder an…mit einem Energie-Porn. Windräder schauen eigentlich fast sexier aus als die Kühltürme der alten AKWs. Und Solarpanels könnten eure alten Lustenergien doch noch anwärmen.

Es geht darum den ganzen Mix zu verändern, einen Kompromiss  und die Klimafrage anzugehen. Sie verwenden aber immer noch copy-paste die Atomkraft-Argumente aus den 70ern. Die heizen wohl ihr Haus bald mit den Kohleresten des Viertelwissens eines halbzutodegefrorenen Warmduschers. Da wünscht man sich dann fast, dass es diesen Nein-ern geht wie der duschenden Dame in Hitchcocks „Psycho“.

Theatermässig ist die Energie-Schweiz jetzt halt so eine krachende Verwechslungskomödie mit totaler Verwirrung. Klar, das kennen wir von Ionesco: wir alle fürchten uns zu entdecken, dass wir in unserem Leben was „verpfuscht“ haben… geht wohl einigen Strommanagern und den SVP-ies auch so. Verpfuscht, vertuscht und dann abgeduscht?

„Noch so ein Leserbrief und dein Brett vor dem Kopf muss zur Holzauktion“, würde ich da am liebsten reinschreien. Aber jetzt fehlt  noch der  positive Verkaufs-Aufruf: Nein-Stimmer kaufen auch Elektroöfen.

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Theatertreffen in Berlin

„Sehnsuchtsort Theatertreffen“ nennt man’s. Neun Aufführungen haben wir gesehen am Theatertreffen in Berlin. Die Auswahl war in diesem Jahr ziemlich ambitiös, verworren und nervös wie die Welt. – Ja, man kann sich freuen, einige gehen vielleicht bald mal auf Tournee in die Schweiz.

Sieben KritikerInnen haben im Auftrag der Berliner Festspiele im deutschsprachigen Raum zehn Inszenierungen auf deutschsprachigen Bühnen gefunden, die ihrer Meinung nach die „bemerkenswerten“ dieser Saison sind. Viele junge Regisseure, und nicht nur aus Metropolen. Ein klarer Trend ist aber nicht zu erkennen. Alles ist vielschichtiger, offener und durchlässiger denn je geworden.

Aus Bündner Sicht gefehlt hat eigentlich nur Ursina Lardi, Top-Schauspielerin der Schaubühne in Berlin. Die Bündnerin ist fast jedes Jahr in einer Produktion dabei. Letzten  Mittwoch hat sie nun in Lugano den mit 100’000 Franken dotierten Grand Prix Theater 2017 / Hans-Reinhart-Ring gewonnen. Lardi sei eine Schauspielerin, die nicht nur „Leichtigkeit und Leidenschaft“, sondern auch „Schwerelosigkeit und Radikalität“ miteinander verbinde, so BR Berset.

…selbst bei einem alten Heuler wie Tschechows „Drei Schwestern“, die immer vom Aufbruch träumen, aber nie aufbrechen, gelingt das Stone.

Beim Theatertreff war dann eine auch bei uns bekannte Schauspielerin dabei, Annett Sawallisch, man kennt sie vom Theater Chur und der Klibühni, Partnerin des Bündner Regisseurs Felix Benesch. Sie spielt grossartig in der Inszenierung des Wenderomans „89/90“ aus Leipzig: Eine Schulklasse aus dem letzten DDR-Juni 1989, dem letzten Sommer des Sozialismus. Mit den neuen Freiheiten und Demütigungen der Wiedervereinigung, eine dickbäuchige Puppentruppe, ein klassischer Leipziger Chor machen daraus zeitgemässes Theater.

Mit dabei auch das Theater Basel mit „Drei Schwestern“, Regie Simon Stone. Der Schweiz-Australier ist  ein Supertalent. Keiner versetzt zur Zeit die gutbürgerlichen Dramen aus dem vorletzten Jahrhundert so konsequent in die Gegenwart – selbst bei einem alten Heuler wie Tschechows „Drei Schwestern“, die immer vom Aufbruch träumen, aber nie aufbrechen, gelingt ihm das. Und das fast ohne Originaltext…eine Show zum Staunen.

Vom Theater Chur kennt man Tom Luz und Milo Rau. Luz, ein schräger ab und zu leiser Musik-Zauberkünstler. Er brachte „Traurige Zauberer“, vom Staatstheater Mainz zum klingen. Sein Talent – ist die Sehnsucht nach anderen Tönen und ein anderes Tempo jenseits unseres Alltags. Diesmal zeigte der 35-Jährige „eine stumme Komödie mit Musik“. Er vermittelte dass in unseren Parallelwelten mehr Wunderbares steckt als in allen heutigen Verführungen. Naja, für mich auch etwas abgestanden: seine Nebelmaschinen treffen dann aber doch noch den Theater-Nerv.

Milo Rau zeigte heuer „Five Easy Pieces“. Er widmete sich dem Fall des belgischen Kinderentführers, -vergewaltigers und -mörders Dutroux – und stellt dafür Kinder auf die Bühne. Sein Stück ist nicht nur ein Stück über Dutroux, sondern auch eins über die Macht und den Machtmissbrauch von Erwachsenen Kindern gegenüber. Wie immer gekonnt umgesetzt.

Mit dabei aus der Schweiz: das Konzert Theater Bern „Die Vernichtung“, Ersan Mondtag, Regisseur und Shootingstar im letzen Jahr, hat den Text von Olga Bach über eine „Gemeinschaft unterbeschäftigter Gutmenschen“ in ein grünwucherndes vermeintliches Paradies versetzt. Das ist neues Theater: man weiss nicht immer wieso; es entstehen ganz sonderbare Bilder, neue Sehweisen und neue Gedanken…

Es ändert sich was. Die Volksbühnen-Veteranen Marthaler, Pollesch und auch Castorf fehlten. Dafür war Herbert Fritsch dabei, mit „Pfusch“, Volksbühne Berlin, diesmal nochmal ein echter Fritsch: hochartifizieller, hochmusikalischer Vollspeed-Slapstick. – Alles Stücke oder Regien , die man wahrscheinlich als Bündner Theater-Freak auch gelegentlich im Theater Chur, TaK Schaan oder im Schauspielhaus Zürich sehen wird – hoffentlich.

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e-mtb work-shop im Südtirol

Zur Abwechslung etwas Sport. Da war ich wiedermal unter Experten – e-Mountainbike Studientage im Südtirol. Mit der Bike-Industrie, Touristikern und Bike-Guides…und da fielen so prägnante Sätze wie „ Die Mountainbiker haben das Südtirol entdeckt bevor das Südtirol die Mountainbiker entdeckt hat.“ – Stimmt, wir waren vor 20 Jahren auch schon dort, vor dem Marketing. Letzte Woche gings’ darum die richtigen Leute zusammen zu bringen, zu sehen wer sich vernetzt noch verbessert – und das hat wirklich geklappt.

Natürlich hab’ ich ein eMTB, seit über 2 Jahren. Weil mir schon bewusst war,, dass eMTBs den Bike-Tourismus verändern werden. Bei den Touristikern sind’s natürlich erst die first movers (nur 4 Bündner waren dabei in diesem internationalen Seminar – die steigen meist eh erst aufs Thema auf wenn es in aller Munde ist.). Kenn’ ich von meinen Bike- und Spinning-Kollegen. Kennen wir: „ich werde nie ein E-Bike fahren“. (Die kennen vielleicht das Bild der übergewichtigen aufrechtfahrenden Flyer-Senioren mit diesem Monstrum vor vor sieben Jahren.) Oder auf Bike- Tour: dieser schräge Blick „puuh, der ist electrified.– Mag wahrscheinlich nicht mehr, braucht so ein Motocross-Vehikel, ist nicht so ein Hartgeschwitzender wie wir.“ Das ist die Zielgruppe, die ich gut verstehe, in- und auswendig kenne: die core-MTBers; sind noch ansprechbar auf aggressive Biker Werbung mit hartgepolsterten Hardcore-Abfahrern. Obwohl wir ja vorwiegend uphill nach Brambrüesch biken und uns kaum mehr auf die downhill tracks getrauen. Eben, in unserem Alter, die meisten mehr und lieber aufwärts fahren (und viele Gäste, die Geld bringen auch). Es gibt jetzt schon zu wenig einfache Trails.

Kennen wir: „ich werde nie ein E-Bike fahren“

Jeder der’s ausprobiert, merkt die Leichtigkeit dieser fast neuen Sportart. Ex-Mountain Biker, die plötzlich merken, dass es neu Orte geben wird, die er vorher nicht erreicht hat oder nicht mehr schafft. Ich fahre neu mit dem gleichen Trainingseffekt von Chur aus zur Calandahütte oder zur Maighelshütte. (Hab’ ich früher auch geschafft) mit dem eMTB schafft man so 1000 Höhenmeter und 50 Kilometer je nach Batteriebeanspruchung locker, kann sich aber trotzdem auskotzen). Im steady state, also mit einem 120er Puls. Mit einem E-Bike hast du pötzlich einen viel weiteren Erlebnis-Radius bis 70 km. Da kommst du plötzlich auf einen uphill-flow. Aufwärts ist das neue Flowerlebnis. Touristiker denkt daran bei euren Netzen: die Leute dürfen auf keine Fall schieben müssen. (Das Bike ist nun ja 20 Kilos statt 10 Kilos…) Auf jeden Fall bin ich nach 4 Std. Fahrt meist kaputter…und es ist eben ein Spassmobil. Die meisten Pros die beides fahren (also Mountain-Bike und e-MTB), fahren heute zu 80% auf den Elektros.

Der Boost kündigt sich an. Die eMTB Produzenten kommen nicht mehr nach mit liefern. Zur Zeit haben wir einen Verkäufermarkt. Heisst aber noch nicht, dass wir jetzt Massen von E-Bikern erwarten dürfen. Das ist wie bei den SUVs: die Städter kaufen sie lieber – in Frankfurt und Zürich ist das in. 4×4-Vehikel die selten dreckig werden. Goldgräber-Stimmung herrscht bei den Radshops.

Für den Tourismus heisst das: die motorisierten Städter werden in den nächsten Jahren auch unsere Mountainbike-Gebiete saisonal besuchen. Neue Leute, Genussbiker. Die Käufer-Masse wird breiter (auch die Ärsche sagt man,  die neuen sind Biker sind schwerer, bringen mehr Gewicht auf die Bikes…;-) Sie werden mit neuer Bildsprache umworben: man zeigt Natur, sanfter und langsamer. Grosse Landschaft: der Biker ist im Bild viel kleiner. Entspricht genau der neuen GR-Strategie… Eben: Die Städter mit dem SUV-Verhalten wollen kontrollierte Natur-Abenteuer.

Und was man doch bemerken muss: Graubünden is best. Marc Woodtli von Flims Laax Falera Tourismus hatte die besten Informationen für Praktiker. Im Gebiet der Arena gibts schon 7 Ladestationen. Nach 1000 Höhenmeter und 10 bis 12 km kann man aufladen. Und zwar ohne Ladekabel, für alle 5 markgängigen Batterie-Typen von Bosch bis Yamaha…eine Weltneuheit.

Ladestationen können auch Konflikte zwischen Wanderern und Bikern besser lösen. Die Lenkung der Bikerströme ist entscheidend. Weil E-Biker dort hinfahren wo die nächste Ladung möglich ist. Man kann sie also auf die richtigen Trails steuern. (E-Biker sind vielleicht etwas bequemer, man kann sie also auf bestehende Forststrassen lenken…die Naturschützer danken’s) Die Surselva ist zur Zeit an einem Projekt, dass ermöglichen wird von Chur über Ilanz bis nach Andermatt, Blenio oder ins Wallis zu kommen. Das ist Pionierarbeit.

Und für die Touristiker: zusammenhängende Mehrtagestouren – nicht diesen langweiligen, blauen Schweizer Mittellandsrouten entlang – können wahre Erfolgs-Wertschöpfungen auslösen. Ich war mit meiner Frau (eben: die kommt so auch mit – Frauen sind die neue Targetgroup) auf der Herzroute – vom Bodensee zum Genfersee. Jeden Tag 800 bis ca.1000 Höhenmeter (damit viel schönere Aussichtsrouten, das machts aus) und ca. 50 Kilometer. Auch die Hotels an der Route geniessen den neuen Flow….

Ach, und was ich meinen Bike-Kollegen und den Touristikern mitgebe: „ Ihr werdet euch daran gewöhnen“. Und wenn die Batterien in 5 Jahren ganz andere Leistungen erbringen können, werden vielleicht die Ladestationen schon out sein, das Gefühl einer neuen Zielgruppe für einen neuen Ferienspass wird bis dann aber destinationsspezifisch etabliert und positioniert sein. Die neuronale Erregungsleitung für diesen Spass muss man eben antrainieren.

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Wir Globetrottel

Jetzt sind wir alle wieder auf Reisen. Und ein Business hat horrende Zuwachsraten: die Kreuzfahrten. – Ja, die Männer wollen ihre Ruhe haben und die Frauen den Schmuck austragen. Da hocken dann exquisit gekleidete, ältere Menschen und versichern sich gegenseitig, wie schön sie es haben. Die Glatzen glänzen mit dem Gold. Die Männer schwitzen, die Ü-65-Frauen frieren wieder, die Defibrillatoren sind diskret versteckt. Man ist ja seit zig Jahren so Mitte Vierzig. Auf Deck entstehen neue Kontakte, meist nur solange bis jeder weiss, was man so alles wann, wo und wie „gemacht“ hat.

Weiss nicht, war noch nie auf Kreuzfahrt, viel auf Fahrt…

Man nennt sie Globetrottel. Edelferienmeilen-Sammler, eher Spiesserseelen. Sie legen missionarischen Eifer an den Tag andern zu erzählen, wo man war. Und halten die anderen für noch globetrotteliger. Auf Kreuzfahrt, da sprudeln die Städtenamen, Angebertipps schweben durch den Äther– Mustsees wie Schaum auf der Bug-Welle. „Kennst du die Churrasceria in Buzio, best in Brasil?“ Man zeigt sein total gutes Leben vor. „ Gell, Schatz, super…und erst dieses Resti in Vietnam.“ Meist die gleichen Adressen vom Marco-Polo-Reiseführer: Meist alles inklusive, man braucht keine Supercard und Cummulus ist ja auch im Wolkenbild inbegriffen. Der Blick des eigenen Sehnens geht mit.

Gut, das gibt’s auch auf SAC-Hütten– vielleicht etwas wortkarger. Auch wenn sie keinen Höhengrat auslassen, die Berggänger sind etwa zurückhaltender mit ihren Lebensweisheiten. Das Leben arbeitet ja nun mit Verlangsamung, Zeitdehnung, ab und zu Stillstand. Der Berggänger kennt seine eigenen Überhänge im Massiv der Zeit. – Mal faltentief wie die „Sardona“-Überschiebung: er weiss, dass sich viele Lebensgeschichten übereinander schieben. Mal differenzierend wie auf dem Biancograt: alles könnte anders sein, und fast nichts mehr kann ich ändern.

Wir Senioren sind dem Hamsterrad und dem Schwitzkasten-Kapitalismus erfolgreich entronnen. Tolstoi hat’s irgendwie mal so gesagt: „ Jeder Mann über 60 sollte sich ins Dickicht zurückziehen“ … Und nicht zum Captains-Dinner. – Natürlich ist Reisen Eskapismus: wer in die Wüste geht, wird nicht derselbe bleiben, glaubten wir mal… Bis wir dann merken, dass auch Sisyphus und sein Stein rundlicher geworden sind. Trotz Diätversuchen. Etwas dicker geworden, schieben wir jetzt eine ruhige Kugel.

Wenn’s dann mal zum endgültigen Penaltyschiessen bei Petrus kommt, ists’ egal ob du auf Berghütten oder Kreuzfahrtschiffen warst. Ob du feingeistiger Bergasket oder hummeressender Krawattenproll bist. Oder umgekehrt fettwurstessender Berg-Rambo oder kosmopolitischer Weltgeist? – Weiss nicht, ich geb’s zu, ich war ja noch nie auf einer Kreuzfahrt, öfters auf Fahrt. Weiss aber, die Welt ist ein ungerechter Ort. Während die eine Hälfte der Menschheit hungert (sagt man), baut die andere Hälfte schon wieder die Küche um. – Aber es bleibt: Nur Reisen ist Leben, wie umgekehrt Leben Reisen ist, meinte Jean Paul.

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Literaturwege

„Heidi“ als Schnitzeljagd. Jürg Jenatsch redet mit dir auf dem fon, wenn’s sein muss auch chinesisch untertitelt. Thomas Mann auf Schneeschuhen, Camenisch auf dem Sessellift…Literatur erlebbar gestalten, das ist die Grundidee der neuen App BUX (www.bux-app.ch). Die gibt’s schon in Zürich, nimmt ihre Nutzer mit auf insgesamt elf multimediale Spaziergänge, begleitet von den Autoren. Die geben Einblicke in verschiedene Schauplätze ihrer Literaturwerke. Fast wie auf Pokemon… Frisch bis Dada. Martin Suter bis Philipp Tingler. Laura de Weck bis Thomas Meyer, Urs Widmer bis Anne Cuneo.

Fast wie auf Pokemon… Frisch bis Dada. Martin Suter bis Philipp Tingler.

Wir durften dabei sein. Letztes Jahr bei Test-Rundgängen. Die App ist  wegweisend für einige neue Tourismuswege. – Kopfhörer in den Ohren, das Smartphone in den Händen. Da läufst du starr fixiert durch die Bahnhofstrasse Zürich. Mitten in einer Geschichte von Martin Suter – ein Bankenthriller. Beim Paradeplatz auf dem Bänkli sitzend, wird’s wieder ernüchternd, ein Info-Video vom Kantonspolizei-Sachverständigen über gefälschte Banknoten und wie man sie erkennt. Beim Stadthaus wird der Schwan virtuell zum goldfauchenden Geld-Drachen. Und dazwischen taucht Martin Suter auf, der Autor, der dir in aller Seelenruhe erklärt wie er so schreibt, wieso er schreibt, wo er schreibt…

Oder man spaziert etwa von der Universität Zürich Richtung Schauspielhaus, da erzählt einem die Autorin Laura de Weck von Erlebnissen aus ihrer Jugendzeit, stets in Anlehnung an ihr Theaterstück «Lieblingsmenschen». Die App ist nach dem Prinzip einer Schnitzeljagd aufgebaut: Eine GPS-basierte Karte weist einem den Weg von A nach B. Kaum erreicht der Nutzer sein Teilziel, erhält er von einem Protagonisten der jeweiligen Geschichte per SMS oder Sprachnachricht Hinweise zum nächsten Treffpunkt. Mit dem Unterschied, dass bei diesem Literatur-OL im wahrsten Sinne des Wortes die Reise das Ziel ist.

Der Kanton Graubünden als Plattform, um die Nutzer durch literarische Geschichten zu führen? Könnte man das nicht auch in Graubünden? Ja klar, Spyris Heidi (dazu gibt’s unzähliges Material),  der Jürg Jenatsch, der Schellenursli, der Zauberberg oder Stefan Zweig. Fred und Franz von Camenisch. Settembrini von Leo Tour, soeben dramatisiert fürs Theater…Leta Semadenis „Tamangur“ oder Romana Ganzonis Geschichten. Und viele andere sind mehr als geeignet.

Sprachwanderungen mit Kick. Und was natürlich in GR noch viel spannender wäre: die Landschaft ist virtuell tauglich. Die Berge, Viadukte, die Sprachmischungen, die Gesichter. Die Zauberberg-Wanderung ist mit dem MTB kombinierbar, Tamangur mit der Schneeschuhvermietung. Vielleicht sind’s nicht nur alte Schaufenster-Puppen und Holzställe wie in Maienfeld ? Vielleicht braucht’s  etwas mehr das Original-Heidi besser zu vermarkten? Vielleicht sinds auch die neuen Medien, die Realität und Fiktion verschmelzen lassen, das ergibt Ferienerlebnisse. Und zwar ganz verschiedene: Hochkultur, Kinderkultur, Sprachkultur.

Eine neue Form der Erzählung soll die Verbindung von analoger und digitaler Welt ermöglichen und so Literatur für eine breit abgestützte Leserschaft erlebbar gestalten. „Augmented Reality“ heisst der Fachbegriff dafür. In interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Zürich Tourismus, der Universität St. Gallen, der Zürcher Hochschule der Künste ist das entstanden, als KTI-Projekt. Ich wüsste noch mehr dazu…

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Havanna Kunstkult

Mal eine aufgewärmte tropische Kulturgeschichte. – Nach der Velotour: Wir spazierten recht touristisch beim Eindunkeln im November durch Havanna. Auffällig war da eine Schweizer-Vita-Parcours-Tafel an einem beleuchteten Haus. Emsig strömten neue Leute zu dieser Türe. Locker gekleidet, aber doch mit dem gewissen Etwas der Internationalität. Oder eher Kultis? Vorsichtig schaute ich mich um, ob da wohl wieder geheime Securitad dabei war. Nichts davon – die Türsteher musterten mich abschätzend: Shorts, Adilettes, T-Shirt… aber bei devisenbringenden Bikern ist man dort wohlwollend und zudem weiss man ja nie im Künstler-Umfeld… sie liessen uns rein. Und wir hatten ein gewaltiges Déja-vu: Vordergründig eine sehenswerte Ausstellung mit dem Titel “Despues del arte“. – After Art – mit namhaften Künstlern aus der ganzen Welt: Naumann bis Pistoletto – Lewis bis Rebecca Horn und dazu noch international bekannte Schweizer wie Roman Signer. Aber was hat das Vita Parcours Zeichen damit zu tun?

Wenn man’s kann ist’s keine Kunst, und wenn man’s nicht kann erst recht keine, hat doch Karl Valentin schon gesagt. Und über die schön ziselierten, hochnobiliterten Sätze, die uns vorgekaut werden, damit wir merken,  was Kunst ist, wundere ich mich schon längst nicht mehr. Aber diese wahre Geschichte hat alles geschlagen, was ich bisher unter Kunst kannte. Vielleicht sollte man auch mal den Kunstschaffenden zu erläutern versuchen, wo sich der auf der nach unten offenen Kulturförderungsskala der Grenzwert zur Nicht-Kunst befindet.

Du kannst jeden Scheiss aus dem Kontext verfrachten und klugscheisserisch untertexten heisst die Formel.

Für mich war Vita-Parcours der Churer Fürstenwald und Andreas Bärtsch.  Anfangs der 70er Jahre bauten wir mit seinen  Plänen den ersten Vita-Parcours in Chur.  Selber durfte ich auch schaufeln für das neu aufkommende Fitnesstreiben in den Wäldern.

Und jetzt waren diese blauen Tafeln mit schwarzen Nummern -– französisch beschriftet – als internationale Kunstinstallation nobilitiert. Nix anderes; einfach die Tafeln so aufgehängt. Und der Titel „Vita Parcours“. Internationale Kunst. Der internationale Schweizer Künstler Fabrice Gygi weise laut Katalog ironisch und subtil auf die schleichende Militarisierung unserer Körper in der Unterhaltungsindustrie hin und auch auf das Regime der Körper-Disziplin, dem wir uns heutzutage so gerne unterordnen würden.

Sprachlos war ich wohl nicht nur wegen meines rudimentären Spanischs; wohl eher wegen der neuen Kunsterfahrung. Du kannst jeden Scheiss aus dem Kontext verfrachten und klugscheisserisch untertexten heisst die Formel. Und schliesslich setzt der internationale Kunstmarkt ja inzwischen auch 56 Milliarden im Jahr um – ein Bankenbusiness. – Klar, Kunst liegt im Auge des Betrachters und wenn Du’s nicht checkst, hilft immer ein gut formulierter Katalog. Kulturverständnis ist eher von einem fehlgeleiteten elitären Gehabe geprägt. In Chur und Cuba ähnlich. Für die Erleuchteten oft eine geschützte Werkstatt, in der man selbstbezogen unter seinesgleichen rumhämmern kann. Wenn sich Andreas Bärtsch im Grabe auf dem Churer Friedhof noch freuen könnte: er würde schallend lachen. Genau das hatte er uns doch immer vermittelt. „Glaub doch nit jeda Saich.“

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verblöden undoder verblochern?

Der Herr CEO unseres Medienmonopols hört so gerne Opern. Gala. Wahrscheinlich geniesst der in seinem Ohrenbackensessel seine Allgemeinbildung, oder die Musik, die eine Struktur vorgibt, die nicht zu verändern ist, nicht destrukturiert werden kann wie sein Business und sein Kanton.

Und jetzt geht solches rum: „Unsere Zeitungen gehören eh bald alle dem Blocher. So nach Strich und Faden werden wir ja eh bald verblochert in Graubünden.“ Wer weiss?  Die SO und das Bündner Tagblatt müssten doch schon den Herrlibergern gehören. Anders kann ich mir nicht erklären, wieso so häufig Exklusiv-Interviews und Kolumnen von Frau Martullo erscheinen. Da staunt man, in was für unzähligen fake-medialen Info-Wichtigkeiten sie auftaucht. Gut, sie ist ja schon fotogen und hat mit ihrem Ich-bin-doch-schtargg-Auftritt auch eine gut gepolsterte Verständigung zu den Bündner Wählern aufgebaut. Solche die beim Schlafwandel nicht mithalten konnten, überschlagen sich jetzt im Gefolgschaftsverhalten, überschüssigem Vorwärtsdrang und tatendurstigem Händereiben.

Das sind wahrscheinlich so Emser Airbags, die sich von alleine aufblasen.

Geht das jetzt mit der SO – so wie bei Fidelio:  so Klopfen an der Tür’: „ Jetzt, Schätzchen, jetzt sind wir allein/ Wir können vertraulich nun plaudern.“? – Was bei uns in GR als  Zeitung daherkommt, entpuppt sich heutzutage als Sprachregelung einer untergehenden heiligen Allianz von Bau-Machtblock, Tourismus-Apparatschiks und Regionalpolitikern mit trauten Beziehungen.

Dazu kommt viel Lebensberatung. Sah ich doch vor kurzem eine SO-Facebook-Headline über einen Herrn aus GR: „Der Mann im Klinsch“ – Uiuiui, musste sofort posten: „Liebe SO, ihr meint wohl Clinch. – Klinsch ist ein unausgegorener Teig“ – Aber das merkt man gar nicht mehr im Teig, wenn man dauernd Fidelio reinzieht…

Im Clinch ist ziemlich alles. In einem Leitartikel des Tagblatts meint Hansmartin Schmid sogar die Oekonomie sei durch die Demokratie gefährdet.  Eine rüde Zurechtweisung durch die  Ems-Chemie? Nein, der meint das sicher so. Gut, das Bedürfnis etwas genau wissen zu wollen, erlischt wahrscheinlich einfach bei dieser Oldtimer-Prosa.

Einige meinen, dass sei so eine typische Verschwörungstheorie meinerseits. Die Ems-Chemie hätte ja keinen Grund so eine unterirdische Provinz-Zeitung zu besitzen. Andere meinen, die SO-Medien würden das freiwillig machen. – Das ist doch jetzt etwas voreilig: nach USR III und Olympia haben die eben gemerkt, dass die Minarette nicht mehr alle im Dorf blieben. In 3 Jahren sind schon wieder Wahlen. Und die Martullo kennt uns Pappenheimer inzwischen: wir haben’s gerne immer schlaff im Kreise, rechts herum, beim Voltigieren nur wenig Leine lassen…

Die Frau Nationalrätin plaudert doch aktuell gerne so allerweltsdümmliches Zeug über die Energiestrategie: vom Nicht- mehr-duschen und so. – Will sie vielleicht eher was vertuschen? Ist da die Altlast des familieneigenen Grössenwahns auch in die Hirntemperatur gestiegen (weil wir ja bald nur noch Zimmertemperaturen von 17 Grad hätten? ) Aber nein: das wird ihr natürlich wieder eine Tiefenperspektive bei den Bündnern eröffnen. Die leben ja so gerne so embedded in fabelhafte Aussichten vom Palü bis zur Signina Gruppe, von den Wirtschaftsredaktionen auch gut vertuscht.

Da sitz ich nun… ich armer, ja was wird denn da gespielt? Fidelio klopft zwar an die Tür, aber wir sind schon beim nächsten Bühnenstück: Bei Wallenstein. Das Pochen an der Tür: „ es geschehen Schläge an der Tür“ – leitet Wallensteins Niedergang ein. Bei uns auch irgendwie.

Wir alle sind nicht gefeit gegen den Affen auf unserer Schulter, der uns einflüstert, das sei alles richtig so…Gewohnt an einiges an Schönfärberei der Saftlosen punktet Frau Nationalrätin wohl als Saftwurzel. So als Vertönerin oder Wiedertönerin kann sie sich dann im eigenen Medium noch mit verhockter Boshaftigkeit vor allem mit Wiederholungsverheissungen profilieren. Das sind wahrscheinlich so Emser Airbags, die sich von alleine aufblasen.

Vielleicht werden die Bündner, nennen wir sie mal die politischen Endverbraucher, unsicher und teilen sich in drei Lager: die die noch SO-TV schauen, plus die graue Mitte, die Parolini für einen Wirtschaftsmann und Bruno Claus für einen Kulturmenschen halten, und die letzen, die müde von all der leeren Luft nur noch Koch-Bücher von Snowboard-Lehrerinnen lesen oder SO-Reisen nach Verona als Avantgard-Konzeptkunst feiern. Da alle drei Gruppen equal sind (und egal ist denen sowieso vieles) , ist auch nichts zu befürchten.

Dieser Gedanke führt zwar schnell zu Hintergedanken. Wir sollten jetzt schnellstmöglich so ein Vermeidungs-App entwickeln. Das immer warnt wenn ein Artikel, ein FB-Post oder Tweed aus der Ems–Chemie-Cloud auftaucht. Alert, delete sofort! Nicht mehr alles  lesen! – Oder man kann einfach schweigen, wie am Ende der Oper, wenn sowieso alles tot ist.  Bevor es anfängt weh zu tun…

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Martullo kann nicht mehr duschen…

Er ist kein Zweifelturm, auf dem Barhocker, rechter Ellbogen auf Tresen gestützt, linke Hand streicht durchs etwas geältelte Haar,  plaudert wie wir Bündner täglich die Welt verändern. Schnee sei die einzige Veränderung der Welt, die bekanntlich innerhalb weniger Minuten möglich sei , meint er, …“Darum haben wir ja Schneekanonen. Die sind schon das Gelbe vom High für unsere Zukunft. Das machen wir mit eigener Wasserkraft…“ die sei eh unser Erdöl. Nix Energie für Schnee (oder fast nix), und auch das Öl für die Pistenfahrzeuge könnten wir importieren, sei billig.  Das sei wie unsere Ernährungssouveränität, eben clever unsere Energiesouveränität . Etwas von weither ranfugen, aber dann vereinheimischen. Wie das Bündnerfleisch aus Argentinien.

Unser höchstes gemeinsames in dieser Gesellschaft sei ja eh der Ausstoss von Stickoxyden…

Er kann sich noch an die Zeiten erinnern, als Reagan sagte, Bäume verursachten Kohlestoff-Emissionen…Darum sei er jetzt zeitgemäss und trumpgemäss gegen die veraltete Energiestrategie. Auch die AKWs seien ja erneuerbar. Die Strombosse hätten ja wieder mal alles vorausgesehen, es gebe zu wenig Strom und der werde immer teurer. Unser höchstes gemeinsames in dieser Gesellschaft sei ja eh der Ausstoss von Stickoxyden…brauche man um abends ins Lichtenstein zu fahren.

Er wechselt die Beinstellung, bestellt noch einen Mojito, sieht klar: Es sei eh Zeit, dass sich die Anhänger der starken Land- und Lüüt-Unterschichtsbasis mit den Milliardären paaren, also die bäurische SVP mit den  Öl-Oligarchen und der Kohlestrom-Mafia. Da begreife er Martullo. Es heisse ja auch Energiewende. Aus Angst man könne nicht mehr duschen und tvgucken, müsse man sich für die Ost-Oligarchen einsetzen. (Es sei dann sonst nur noch 17 Grad in der Wohnung!) Auch die SVP-Bauern sind schliesslich für Erdöl-Importe. Und der Präsident Rösti sei ja auch der Präsident der Swissoil, der ausländischen Ölkonzerne. Alles mal kehren, wie beim Zetten.

Wir täten ja jetzt schon genug: unsere Häuser zu isolieren…A+++++++++-Kühlschränke kaufen undso. „Wir recyceln jetzt doch schon seit 20 Jahren, als noch niemand von Klimawandel gesprochen hat.“ Unser Energie bräuchten wir eben jetzt für Neues wie die alten AKWs. Mit einem „Nein“ werde uns allen etwas wärmer werden..und die holländischen und deutschen Gäste kämen auch wieder eher. Die müssten eh ihre Rembrandts rechtzeitig etwas höher lagern. – Das freche Abwandern unserer Gäste hätte eh nichts mit dem Wetter zu tun. „Schnee bekommt man nicht mehr gratis vom Himmel, weisst du… Im Dezember bekommt man billigen Kohlestrom aus Deutschland zum Schneeemachen.“ Und wegen der Speicherung? Könnte Parmelin ja Strom-Plichtlager einführen. Etwas müssten sie dann schon noch tun unsere Powermanager mit den Powerlöhnen.

Die Barmaid aus Minsk in gutgebrochenem Deutsch schiebt den Drink rüber: „Kännst du  AUTOTUNE , ain digitales Korrekturprogramm, das falsch gesungene Tönä wiedär gut machht? Sänger müssän niicht alläs immär wiedercholen bis gut ist, ainfach Compiuter korrigiert alläs…wär’ doch was für dich und die Schweitz?“

Und ich freue mich auf dem Barhocker: „Schön, da wird’s einem wärmer ums Herz – wie Frau Martullo – wie beim Klimawandel.“

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Innovations-Theater

Die Antwort ist Innovation. „Und was war noch mal die Frage?“, fragt man sich wenn man aktuelle Reports über den Tourismus liest. Ist doch schön – dieses Betulichkeits-Wort – und gut brauchbar für Tourismus-Generalversammlungen. Es brabbelt ja schon überall bald wie ein Stossgebet…

Gut, man kann dem Bündner-Credo zustimmen: „Kunst bringt nichts, wenn sie nicht dem Baumeisterverband nützt.“ – Noch effizienter ist’s aber, mal ins Theater zu gehen. Dort hat man immer die Möglichkeit beim Zuschauen und Zuhören zufällig auf eigene Erkenntnisse zu stolpern. Diese Mischung aus totaler Entspanntheit, fast Entrückung, dieses Eintauchen in kleine Zufälligkeiten, kann ganz brilliante Ideen hervorrufen. Serendipity heisst das, wenn man etwas ganz anderes gesucht, dann aber zufällig was innovativeres entdeckt. So wurde auch Amerika entdeckt, der Klettverschluss…oder Viagra. Mit der Innovations-Findung ist es eben meist so: such’ was anderes als du erwartest.
Kann man man auch im Theater. Letzte Woche wurde Leo Tuors Jagd-Roman „ Settembrini“ in der Churer Postremise gespielt. Ja, da merkt man, dass die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten meistens der Umweg ist – wie auf der Jagd. Das ausgezeichnete Ensemble hat ganz normale Brabbelsätze zu philosophischen Weisheit hochgejazzt: „Alles ist wie vor dem Schuss. Nichts ist wie vor dem Schuss.“ –  Und beiläufig meint der Onkel Gion Battesta zur Jagdprüfung: „Sie sollten aufhören, euch so Schwachsinn auswendig lernen zu lassen…“ Um gleich wieder praktisch zu werden: „ Die Böcke und die Leute werden immer älter.“ – „„Absurd. Die Schulen leeren sich und die Altersheime füllen sich.“

Einmal ins Theater – einfach mal anderes andenken, liebe Touristiker. Weil ja auch im Marketing gilt: Alle Wahrnehmung ist Differenzwahrnehmung. – Tourismus-Seminare waren für mich oft so eine Art muffige katholische Kirche der Innovationskastration. Ich kam mir vor, wie in dem Büro, dem die Formulare zum Nachbestellen der Formulare ausgegangen sind. Im Theater kann das Hirn endlos spazierenfahren. Und amüsant ist’s erst noch.

Wenn der Wildhüter „mit einem Gesicht wie der personifizierte Kanton Graubünden, der ja eine Einrichtung für die Ewigkeit sei“, meint,  dass nur Glanzvolles dem Untergang geweiht sein könne, nickt man mit. – Klar, Theater überfordert zwar oft mit einem Übermass an Bildern, mit der Simultanität von Aktionen oder Wiederholungen. Auch im aktuellen Tourismus ist man halt etwas überfordert. Genau dieses Nicht-Nachrennen ist ein Weg. Und „Settembrini“ strotz vor Marketing-Ratschlägen: „Auf der Jagd arbeitet man immer gegen den Wind…“

Durch so kulturelle Streifzüge wird man serendipisiert, wird neugierig und plötzlich kommt Neues auf. Alles Theater ist Innovation. Vieles ist nicht immer klar: doppeldeutig inszeniert, humorvoll, weltphilosophisch immer kippend. Da ist man spielend neugierig genau dort angelangt, wo eben heute auch der Markt ist – und nicht dort, wo das Hirn eine Einbahnstrasse ist.

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Kultur und Wirtschaft: 1 + 1 = 3

Ihr Sinn für Kultur durchfeuchtet selten einen Theater-Sitz. Sie hat ja auch andere Interessen. Eigentlich hat sie’s auch lieber, wenn der Verkehr störungsfrei abläuft und die Schneeräumung durch ein klares Regelwerke gelenkt ist. Wenn man sie fragt, was sie so an der Kultur liebt, sagt sie: „Wir waren doch grad in einem Musical in Hamburg.“ …und denkt : „Wer Kultur will, soll sie doch selber zahlen.“ Kultur geht an ihren sämtlichen Körperteilen vorbei…

Kultur in Graubünden, das ist wie Agrardebatten: nur mit weniger Geld und noch mehr Polit-Getöse.

 

Das sagt man aber nicht so. Auch nicht im Grossen Rat…und die vermeintlichen Kultur-Politiker, die man fast nie (oder höchstens zu PR-Zwecken) an einer Kultur-Veranstaltung sieht, sind auch noch eine Minderheit. – Und jetzt kommt da das neue Kulturförderungsgesetz: auch das geht an Einigen vorbei. Alle können zwar wieder mitreden, über ein Gesetzli schwadronieren oder einfach über Geld. – Kultur in Graubünden, das ist wie Agrardebatten: nur mit weniger Geld und noch mehr Polit-Getöse. Die Einen jammern, das Leitbild fehle (das Märchen für alles), die Andern jammern, dass das Geld fehlt (obwohl man zur Zeit argumentiert, wie wenig so 25 Millionen doch seien.) – Wunderbar , dass sich jetzt eine breite Kulturlobby breit macht. Und sie haben im Grossrats-Saal Chur mit einem Fest bewiesen wieviel Gemeinsames da brillieren kann. Laienchörli, Trachtentanz- und Theatergruppen und auch das Holzbläser Ferienlager brauchen Unterstützung, aber auch die Profi- Musiker, Schauspieler, Künstler.

Man will das wenige Geld durch ein klares Regelwerk geregelt haben – kulturell herrscht zwar eher eine gewisse Obdachlosigkeit. Ein Beobachter vom Mars dürfte folgern: „Der paranoide Ordnungsfimmel um Kulturordnung ist das Ergebnis einer auf Machtdominanz zielenden Politik bei den einen und einer subtil unterschwelligen Gleichgültigkeit beim Rest…“. Zum Mitklatschen ist das nicht. – Gut, ein Grossrat aus dem Avers hat leider einfach weniger davon.

Früher war Kulturschaffen ja eine Spielart der Klugen gegen die Dummen. Heute ist es für alle eher ein prostituierendes Anschaffen. Es fehlen jährlich ca. vier Mio. zusätzliche Kulturgelder in Graubünden. Einige unserer Kulturevents vom Aroser Humorfestival, St.Moritzer Festival da Jazz bis Origen (und viele andere) befruchten unsere Volkswirtschaft. Und die sollte man mehr unterstützen.

Ein Vorschlag für eine mittelmässige Zufriedenheit: Nicht das Budget für Kulturförderung erhöhen. Dafür zusätzlich Wirtschaftsförderung-Gelder bereitstellen, die nach Wertschöpfungskriterien verteilt werden. Ja, das Amt für Wirtschaft und Tourismus könnte feststellen, wieviel so ein Event einer Region zusätzlich bringt. Und das Geld aus diesem Extratopf verteilt dann eine neue Extra-Wirtschafts–Kulturkommission. Einfach zusammenspannen, zuviel verlangt – zu aifach? Da hab’ ich’s dann mit den Monti Pythons: „ Always look at the bright side of life“. Kultur-Wirtschaftsförderung würde doch einige zusätzliche feuchtwarme Theatersitze und warme Logiernächte bescheren.

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„Blut vom Dehli Himmel“

…so etwa würde der Titel heissen, wenn ich auch so einen achsobeliebtenleichtlesbaren Krimi schreiben würde. Selbst erlebt, in kaum einer Grossstadt der Welt ist die Luft so schlecht wie in Delhi, besonders im indischen Winter, wenn die Kälte die dreckige Luft am Aufsteigen hindert. An manchen Tagen  übersteigt die Feinstaub-Konzentration die Grenzwerte der WHO um das Dreissigfache und mehr. Um das hunderfache überstiegen hat sich bei unsere Velotour durch Delhi wohl meine (doch relativ robuste) Toleranz gegen Metzgerei Abfälle. Ich bin Metzgersohn, schon als 4jähriger hab’ ich Schafsköpfe kennen gelernt. Und später immer häufiger.  Und dann in Dehli kamen sie plötzlich vom Himmel.

…würde Alexis Zorbas sagen. Als der tanzen lernte, gab’s noch keine lebendigen Drohnen mit blutiger Treffsicherheit.

 

Mit dem indischen Bikeguide morgens sehr früh durch die verschmutzt-verwinkelten Dehligassen…ein Albtraum an Trash-Möbilierungen, perfekte Kulisse für ein gutes Erlebnis: die Utensilien der Abfallwelt. Und touristisch natürlich vielversprechend, da vermeintlich sonst niemand dort hinkommt. Eine ganze Gasse nur Metzger und Schlachter. – Beschäftigt mit dem Bike, mit einer irritierten Nase (es stank fürchterlich, und vielviel Leute) so konnte ich keine Fotos schiessen, das ging alles zu schnell.. – Nach Geruchs- und Wahrnehmungsüberschüssen wie man sie so in Indien kennen lernt, wird man etwas langsamer. Also nicht in dieser Art wie viele heute auf langsam machen. Eher so als Überlebensstrategie gegen alle Eindrücke. – Als die Tour fertig war, schlug ich vor, zu zweit nochmals zu Fuss diese Metzgergasse zu suchen. Es war ja ein ganzes Quartier. Die Gasse war für indische Verhältnisse aufgeräumt, das morgendliche Markt- und  Metzgerbild schon abgeflacht, Rinderhälften, Lebern, Nieren, Kuttel- und Bauchstücke grossteils weggeräumt. Aber immer noch sehr expressionistisch.

Da Himmelsgeschosse. Plötzlich, schlagartig flogen Kadaver-Teile von obenauf uns… getroffen hat’s nur mich, auf und über Auge, Nase und Kinn. Wie entfesselt. So im schreckhaften Augenblick hab’ ich natürlich bemerkt, dass auch tote Augen dabei waren, getraute mich mal aufwärts zu schauen, im blutvollen Blickfeld dann irgendwelche schwarze Vögel…(Nicht Hitchcock;  kenn’ die ja nicht so gut, so wie unsere Kraken aber noch grösser.) Meine Frau erfasste mal die Situation und schaute rum, hat schon bald mal ein leichtes Lächeln. Ich wollte mich mal abputzen, da kam schallendes Gelächter aus einige Marktnischen. Die indischen Gassenschlachter hatten erfasst, dass diese Vögel, die wahrscheinlich immer die Abfälle schniffen, beim Wegfliegen Teile verloren, es sah aber aus wie Drohnen, die mich  mit ihren Eingeweide-Gulasch attackierten. Ich suchte schon Auswege, Fluchtwege…halb so schlimm, ausser dass ich zuerst mal wieder sehen musste, Blut über meinen Kopf rinnen sah und gute Miene zum Spiel machen wollte – einer dieser uneleganten Aspekte des Touristen-Daseins. Die Dehli-Butchers klatschten schon fast… „wouwou“ mit internationalen Aufmunterungsrufen. Meine kühlere Hirnhälfte fand, dass die Situation irgendwie zu einem Tatort-Zwischenschnitt oder in eine Tarantino-Inszenierung gepasst hätte. Und meine satirische Hirnhälfte begriff, dass das hier nicht auf meine Schulbuch-Weisheit reduziert werden konnte. Das Zeug stank, die Masse war glibberig an mir runter gerutscht und die Tempo-Tüachli reichten eigentlich nicht so recht um sauber zu werden. Ziemlich surreal. Weil wir ja sonst gewohnt sind, dass im Falle eines Druckverlustes die Sauerstoff-Masken von den Kabinendecken fallen, der Milchschäumer summt und die Minergie-Lüftung surrt. „ Hast du schon mal so einen tollen Volltreffer gesehen,“ würde Alexis Zorbas sagen. Als der tanzen lernte, gab’s noch keine lebendigen Drohnen mit blutiger Treffsicherheit. Aber er wusste, dass solche „Unfälle“ das Leben lebenswert machen.

 

 

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berlin: für sprachsäufer

“Berlin ist keine Stadt, sondern eine Stimmung“ meint Sloterdijk. Ja, in Berlin ist die Aufputschung in allem. Ich war als 17 Jähriger schon dort. Vier mal in der Ostzone (einmal bei einem „konspirativen“ Treffen bei einem DDR-Hochschul-Professor zu Hause, weil der eigentlich nur mal mit Schweizern reden wollte). Inzwischen wohl etwa 15 mal. Wir sind jedes Jahr etwa 2 Wochen in Berlin am Theatertreff. Meist ein grosser Aufreger. Ich meine jetzt nicht dieses Musical-Reichtagsgebäude-Berlin mit Neukölln-Burka und Kreuzberger-Nächte.  Auch gut für bluffrezeptive Gruppen. Aber heute gehts um mehr. Da kommt dieses Buch APOLLOKALYPSE – diese Woche auch im Literaurclub SF besprochen: fiebrig, aufgeladen, übergeschnappt und durchgeknallt. Ein Sex-Stasi-Liebes-Städteroman…so Thomas Pychon ähnlich.

Es ist eine Knallhoden- und Testosteronprosa mit verrückten Sprachbildern, dezidiert überdeterminiert.

„Berlin: nach der Katastrophe des braunen Vulkans, ausgelöscht von der roten Glut, dann konserviert von der grauen Asche der DDR…und schliesslich bewacht von den Penaten des Denkmalschutzes auf der einen und des Geldmangels auf der anderen Seite“ …schreibt Gerhard Falkner (ein Lyriker) kritisch in seinem neuen Buch „Apollokalypse“ – ein Epochenroman über die 80er und 90er Jahre. Dem Vergeuden von Jugend, der Ausschweifung jeglicher Couleur und der Hypermobilität stellt er einen rauschhaften Rückverzauberungsversuch der Welt entgegen. (hab’ ich jetzt abgeschrieben weil so pointend..) Auch das ist kein Buch sondern eine Stimmung. Es gibt zwar gegenwärtig grössere Aufreger in der Literatur-Avantgarde, aber das ist Sprachzauber und zwar einer der grösseren. „Ein mythologischer Roman von unvergleichlicher Sprachmächtigkeit“ nennt es die Süddeutsche. Von Bulgakows Meister bis Oskar Matzerath kommt da alles vor, alle Kunstanlehnungen hab’ ich nicht mal verstanden. Macht nichts. Die Hauptrolle spielt die Stadt Berlin selbst, haufenweise gehen Künstlerexistenzen an ihrer magischen Gestalt in die Brüche. Es ist eine Knallhoden- und Testosteronprosa mit verrückten Sprachbildern, dezidiert überdeterminiert. Manchmal ist  der Icherzähler so aufgepumpt, dass er die Füsse kaum mehr auf den Boden kriegt.

Und wenn die RAF sich über den BND mit der Stasi berührt, gerät die Zeitgeschichte unter das Messer der Psychiatrie. Am Schluss nimmt der Teufel leibhaftig das Heft in die Hand. „Für geflügelte Worte ist der Veterinär zuständig.“ sagt zwar der Autor. Er hat nebst Wortwitz ein historisches Trüffelschwein-Näslein für diese „ Melange aus dem Erbe der Sechziger, dem Raushauen dieses Erbes in den Siebzigern und schliesslich Dem-allem-noch-mal-eins-Drausetzen in den Achtziger Jahren“. Das ist Sprachsäufer-Soziologie vom Feinsten.

Faszinierend zu lesen, nicht immer in einfacher Sprache, aber quirlig, irre unterhaltend. Die Hauptperson „ Georg Autenrieth ist eine zwielichtige Gestalt in zwiegesichtigen Zeiten, immer wieder taucht er auf in Berlin, der Mann aus Westdeutschland, hält Kontakt mit der Szene, durchsucht die Stadt und zelebriert Laster, Lebensgier und Liebeskunst. – „Man muss es mir angesehen haben, dass ich von einem anderen Stern stamme.“ sagt er so beiläufig. Am Schluss flacht’s etwas ab, Falkner zerquatscht auch einiges aberja, einfach lesen…

Nicht für jedermann. Deshalb hab’ ich ja einen Blog, dort muss ja nicht ständig everybodies-darling auftauchen…

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jaaah

„Jaaah, die Bündner Wasserkraft…“ , sagte sein Votum abschliessend der sendungsbewusste Grossrat, der eigentlich keine Ahnung vom Strommarkt hatte, und bisher auch alles glaubte, was die Stromlobby ihm einflüsterte, was ihm auserwählte Churer Anwaltshirni so jahrzehntelang vorschwafelten. „… darum ein Nein zur Atominitiative!“ – Ja, die DamenHerren Grossräte essen ja wahrscheinlich mit den Stromlobbyisten in gutbürgerlichen Restaurants, wo’s die alten Teller mit grossem Tellerrand gibt. Da kann man dann nicht mehr so gut darüber hinaussehen.

Und wenn ich die bemühten Bündner sehe, die im Komitee gegen die Atominitiative sich breit der Öffentlichkeit stellen, denke ich, das hat sowas von surrealem, postfaktischem Hintergrund. Das ist wie bei Trump.  Die die am wenigsten profitieren, unterstützten ihn am Lautesten. Dieses Verbalgeblubber aus 40 Jahren parteiideologisch nachgelabbertem Atomsprech, wo’s ja eigentlich nur um Status- und Macht geht. Die einen meinen zwar,  es gehe um mehr…aber GR hat keine Atommühlen, und braucht sie auch nicht unbedingt.  Das kommt mir so vor, wie wenn ich als Metzger gerne Vegi-Würschtli verkaufen würde. (Obwohl natürlich Gemüse-Essen bekömmlicher ist als verstrahlt zu werden.)

Gut, die hoffen halt, dass die Dummen nicht schlauer werden, wenn sie die Schlauen dümmer machen.

 

Und das mit der Stromlücke und mit dem Kohlestrom aus D ist auch so ein Rohrkrepierer, das haben wir jetzt ja in allen Leserbriefen aus allen Rohren mitgekriegt….damit verschone ich Sie. – Gell, ihr Bündner, an dem Strick an dem sie uns aufgehängt haben, sollen wir jetzt gemeinsam ziehen. Wir wollen ja alle die Wasserkraft retten. Wieso erst jetzt, nachdem Repower in Übermut-Projekten in Italien, Rumänien und Norddeutschland mit CO2-Schleudern den Cashflow verschleuderte; danach bei der Axpo noch für X Millionen viel zu hohem Kaufpreis eigene Aktien kauften? Dies nur zum Dank, dass die AxpoundCo den ahnungslosen Bündner Verwaltungsräten jahrelang einflüsterten, was zu tun sei. Der Aktien-Wert sank inzwischen um das sechsfache, das ist mehr als die Finanzkrise versaute…

Gut, diese nettlächelnden Regierungs- und Altregierungsräte verführen immer wieder zu glauben: die haben’s doch im Griff–  sogar die ächzenden Altlasten.„Die Bündner Regierung hat in den letzen 10 Jahren ein umsichtiges Strommanagement mit der REpower initiert…„ lesen wir da in deren PR-Text. Gut, die hoffen halt, dass die Dummen nicht schlauer werden, wenn sie die Schlauen dümmer machen. „ Wo ist all die Kohle hin, wo ist sie geblieben?“ sing ich da mit Marlene. – In die Kohle natürlich. Und die ist keineswegs natürlich oder gar landschaftsschonend wie’s die Naturmetropole Graubünden gerne hätte.

Es geht ja auch nicht um die Atomkraft, die alten Meiler sind eh am Ende. Und die Schweizer Atomloby auch. Interessant ist nur, wie sich die Bündner Gewerbler ( zum Glück nicht alle, viele innovative Bündner Clean Tech-Betriebe sind Befürworter der Atominitative) mit heiligem Eifer für etwa einsetzen, das ihnen eigentlich gar nichts nützt. Die Energiewende will eigentlich nur eines: mehr Schweizer Unabhängigkeit, weniger fossile, umweltschädigende Brennstoffe, mehr Sicherheit, mehr Umwelt…Verständlich, in der Zwischenzeit wollen die Energiekonzerne einfach ihre Altlasten noch etwas verzuckern. Wir aber möchten doch einfach vorwärts machen mit der E-wende, darum geht’s, weil die Zeit tickt. Je schneller wir Öl, Gas, Kohle durch Erneuerbare ersetzen, desto weniger brauchen wir  dieses Hochrisiko durch Radioaktive. – Klar, auch die Wasserkraft braucht die  600 Mio. Subventionen. Die hat man uns versprochen, wenn wir nichts gegen die Atomkraft haben. Haben wir aber.

“Der Mann ist blind und nicht bestochen.“

Im Ausland werden fossile Energieträger künstlich verbilligt, die Beteiligungen der Schweizer Stromkonzerne rentieren auch nicht mehr…die Abschreiber wollen sie jetzt auch noch uns aufhalsen. Die Stromer werden halt immer mehr zu Bauern, man schreit nach Souverän und kassiert vom Staat, der schrumpfen soll. Darum hockt die Bauernpartei auch zuvorderst in dieser Farce. – Sie merken’s nicht, die Strom-Profiteure wurden zu mächtig, die staatliche Planung auch und die Politiker-Verwaltungsräte wollen ja auch nicht auf ihre Pfründen verzichten. Das können wir jetzt korrigieren, mit einem Ja zur Atominitiative. Die ist nämlich ein Beschleuniger.

Joooh, die wollen auch nichts Schlechtes, sind nicht bösartig, das ist einfach oft nur Hohlraumversiegelung. Und wenn Regierungsrat Cavigelli uns weiszumachen versucht, dass die Wurstelei der letzten 10 Jahre  keine war, ja da möchte ich ein für allemal mit Brecht sagen.“Der Mann ist blind und nicht bestochen.“ Also halb so schlimm.

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Der Sepp und der Schnell-Lesekurs

Nachdem diese midlife-crisis-Kolumnen so beliebt sind in der Sonntagszeitung, kann ich ja auch mal einen oldlife-crisis Blog schreiben…Vor etwas mehr als 40 Jahren während des Studiums war ich oft zur Sommerzeit Fitnesslehrer in Mallorca. An einer Seminarwoche anfangs 7oer Jahre gab’s da einen Schnellese-Kurs für das Nestlé Kader. 5 Tage. Der Seminarleiter, mir doch sehr zugetan, wollte mich auch in die Höheren-Sphären-Kenntnisse der Topleute einführen und animierte mich mehrmals da mitzumachen – ich musste ja sonst nur mit denen fithoppeln, schwimmen oder irgendwas eventiges veranstalten.

Gut, ich ging dann mal „Schnelllesen“ aus Anstand und Kollegialität…er meinte ein HSG-Student könne das doch gut gebrauchen,  wusste damals noch nicht, dass Woody Allen das schon längst abgehandelt hatte: „ Ich habe einen Kurs im Schnelllesen mitgemacht und bin nun in der Lage, Krieg und Frieden in zwanzig Minuten durchzulesen. Es handelt von Russland.“ – So ähnlich hab’ ich das auch gesehen. Und nach rund 50 Minuten Schnell-Lese-Schnell-Bleiche suchte ich dann nach Ausreden, um am Nachmittag nicht mehr kommen zu müssen. Da die Hotel-Sekretärin auch gerne kam zur Zimmerstunde, ging ich dann zu ihr. Mein Gehirn ist ja nur mein zweitliebstes Organ.(Dies auch laut Woody)

Szenenwechsel : Ihr wisst ja, der Urin macht zwar nur 1% des Abwassers aus, das in unsere Kläranlagen fliesst. Er ist aber wegen seiner Nährstoffe für einen grossen Teil der Verschmutzung verantwortlich. 85% des Stickstoffs im Abwasser stammen aus dem Urin, und die Umwandlung und Entfernung macht einen grossen Teil des Energieaufwandes in einer modernen Abwassserreinigungsanlage aus. Jeder Saich kostet eben Energie. Der Mist der Investmentbanker auch. Die gab’s ja zu meinen Uni -Zeiten noch kaum. Viellleicht meinte der St. Galler Professor Hans Binswanger dies, als er «die moderne Ökonomie als Fortsetzung der Alchemie mit anderen Mitteln» brandmarkte. Diese Abwasserreinigungs-Oekonomie, die wir heute haben. Man blickt zurück und folgert daraus nach vorne. Und reinigt und reinigt– zum Beispiel auch die internationalen Geldmengen und die nationale Schuldenfortschreibung. Wenn aber alles in Veränderung ist und wenig konstant bleibt, dann ist die Zukunft so vollständig anders als die Vergangenheit, dass die Ökonomie orientierungslos wird.

Da die Hotel-Sekretärin auch gerne kam zur Zimmerstunde, ging ich dann zu ihr.

Und wenn ich vielleicht Investmentbanker geworden wäre, wär’s das ja aufgegangen: alles möglichst schnell unreflektiert und unkontrolliert aufhäufen… Damals war ich mit Sep Ackermann (jaja, der 25 % Rendite-Joe von der Deutschen Bank) befreundet, der ein guter Leichtathlet war und schon ziemlich was auf dem Kasten hatte. Der war dann so klug, sich sofort im Finanz- und Bankingbusiness zu etablieren, obwohl wir Neunmalklugen in den 70er Jahren doch damals nicht ums Verrecken in so ein „Bank-Bünzli-Verwalter-Spiesser-Business“ wolllten. –  Times change. Aber ich glaube, dass der Sepp auch nie einen Schnellesekurs besuchte – auch nicht an die „unsichtbare Hand“ glaubte („Wir alle handeln in der Verfolgung unserer eigenen Interessen stets zum Wohl des gesellschaftlichen Ganzen“). Haha, said the clown – bullshit, das glauben  höchstens noch der Schneider-Ammann oder der Pressedienst der FDP Graubünden.

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Alles durcheinander

Der neue Roman der Erfolgsautorin Juli Zeh handelt in „Unterleuten“, einem (fiktiven) Brandenburger Dorf in der Nähe Berlins. Eine ausserordentliche Typenparade erwartet uns: ehemalige DDRler, ein melancholischer Bürgermeister, zugezogene Aussteigerpaare, davon eine junge Pferdetrainerin mit Erfolgsmanager-Allüren, ein in Geld schwimmender Unternehmensberater aus dem Westen. Ein Spannungsfeld zwischen mittelmässigen Wichtigkeitsdarstellern und verunsicherten Zeitgenossen…

Der Plot: ein Beziehungswirrwarr mit vielen schwelenden Konflikten. Eine Investmentfirma will einen Windpark errichten. Die Windräder erzeugen saubere Energie und treiben Idylliker in den Wahnsinn. Sie bringen Interessenkriege hervor, die antiken Tragödien das Wasser reichen können: Vogelschützer gegen Atomkraftgegner, Betrüger werden zu Betrogenen, Intellektuelle zu Schlägern. Bis die Idylle auch zur Hölle wird.

Das alles ist Breitleinwandliteratur, ein Gesellschaftsroman aus dem 21. Jahrhundert – schauerlich wie Twin Peaks. Der Stoff gäbe eine perfekte TV-Serie. Am Schluss ist niemand davongekommen und keine Figur mehr an ihrer Ausgangsposition. Man ist „unter Leuten“, wie im richtigen Leben – jeder glaubt, dass er immer Recht hat und jeder glaubt sich immerzu allein im Raum.

Und ich lese und lese…und in der gleichen Woche sprechen mich empörte Waldschützer an: diese Geschichte mit den Bündner Bäumen, da müsse man doch endlich einen Leserbrief schreiben, die Bevölkerung richtig aufklären, dass die Verjüngung des Bündner Waldes sehr gefährdet sei, zeigen, wie sich die Bissschäden durch Schalenwild auswirken…man hat keinen Platz mehr für die jungen Bäume, die uns vor Naturkatastrophen schützen – sie werden von Hirsch und Reh abgebissen…man müsste also mehr Wild schiessen. Aber das Schalenwild mit Jagdmassnahmen von 16’000 auf 10’000 reduzieren, das könne man nicht einfach so…. Die Jäger haben ja das Sagen, die wollen auch nicht so, das sind Stimmen für unseren Regierungsrat.– Die Jagdinitiativen drohen (auch das ist etwas aus den Fugen).

Jetzt muss ich mich plötzlich mit den wahren Geschichten auseinandersetzen…macht man nicht so gern in GR. Im Buch sind’s die Kampfläufer, eine Vogelart, die ausstirbt, die man vor den Amok-Wirtschaftsläufern schützen will; Totschlag inbegriffen. Und die Sätze von Juli Zeh tönen nach, wenn ich über die Attentate in Deutschland nachdenke…: “Der Konsumbürger schaute den Journalisten zu, wie sie den Politikern dabei zuschauten, wie diese der Wirtschaft beim Wirtschaften und den Katastrofen beim Eintreten zuschauten.“

Die Beizerin (also die im Buch) meinte, dass es komisch sei wie sich immer alles ändere und irgendwie trotzdem genau wie früher bleibe. Da sagte der Windpark-Projektleiter: „…Das ist völlig normal. Menschen werden immer nervös, wenn sich etwas ändert…“ Auf diese Weise erspare man sich das anstrengende Nachdenken über komplizierte Sachverhalte und behalte trotzdem das Recht, sich über Die-da-oben zu beschweren. – Den Roman hab’ ich fiebernd fertig gelesen, den Leserbrief halbfertig weggelegt.

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